Der Beste im Mai 2013: Péter Esterházy

Esti, das sei früher einmal sein Spitzname gewesen, hat Péter Esterházy mehrfach erzählt. So haben ihn seine Freunde gerufen, wahrscheinlich ohne wissen, wie sehr sie ihn damit adelten: Esti heißt nämlich auch die Hauptfigur mehrerer Novellen und eines Romans aus der Feder Dezsö Kosztolánys.

Peter Esterhazy  (c) APA/HERBERT PFARRHOFER

Welche Ehre für Esterházy, nach ihm, dem Bohemien und Bürgerschreck, benannt zu werden. Und da Kosztolány schon seit vielen Jahren zu seinen Fixsternen am literarischen Firmament zählt, macht ihm Esterházy nun ein ganz besonderes Geschenk: ein Buch mit dem Titel "Esti", eine Verneigung vor seinem großen Vorbild.

Schrill und exzentrisch

Das Präsent kann sich sehen lassen. Der Band wird zu einem virtuosen Versuch, das Thema Identität auf neue Spitzen zu treiben. Denn wer ist er, dieser Esti, wer könnte oder auch: wer will er sein? Der Band beginnt mit 77 ersten Geschichten, die mitten hineinführen in eine schrille und exzentrische Biografie.

Man sieht Esti auf den Knien seines Vaters reiten und zwischen den Schenkeln einer, seiner Baroness, man erlebt ihn auf Reisen und bei der Suche nach dem Göttlichen, das da existiert oder eben auch nicht. Und zu guter Letzt steht auch noch sein Sterben im Raum, woran auch immer das sein sein mag: an Knochenkrebs oder einer entzündeten Zehe, am Heldentot oder am übermäßigen Genuss russischer Cremetorten. Bei Esterházy ist immer alles denkbar, das Entweder-Oder ist ein Bogen, der immer neu gespannt wird und den Leser hin- und herreißt zwischen diesem und jenem und den Möglichkeiten ohne Zahl.

Kunstvoll Verwirrung stiften

Nur nichts festschreiben, das ist eine der poetologischen Direktiven dieses Bandes. Peter Esterházy setzt ein augenzwinkerndes Vexierspiel in Gang: Da ist einerseits dieses schreibende Ich, in dem man Herrn Esterházy und seine Familie und Entourage zu erkennen glaubt, und da ist Esti und mit ihm eine Vielzahl verschiedenster Rollen und Mystifikationen, von denen etliche ebenfalls verdächtig an den Autor des Buches erinnern. Kunstvoll Verwirrung zu stiften, gehört zum Charme des Bandes.

Esti jedenfalls tritt in verschiedensten Gestalten und Kostümen auf: Er kann ein Backfisch sein, mit kessem Röckchen und Tanga, er kann zur Jungfrau Maria werden und zum Karpfen, der im Pester Hochwasser des Jahres 1838 durch die Stadt jagt und der Menschen verzweifeltes Treiben lächelnd beobachtet. Er ist aber auch jenes Huhn, das sich in John Waters Film "Pink Flamingos" vergewaltigen lassen muss.

Alles scheint möglich. Und auch im Mittelteil des Buches, schlicht "Kornél Esti" genannt, dem dann noch die "Abenteuer des Kórnel Esti" folgen, tun sich ganze Serien von Episoden auf: Esti als Hund, dem sein Enkelkind zum Verhängnis wird und umgekehrt. Esti als Bild, das man in einen Rahmen gespannt hat, oder als Tourist auf den Spuren der europäischen Geschichte.

Vielfältige Vorhaben

Fast 150 Einzelteile sind es schließlich, die Esterházy zu einem Band zusammenschraubt. Entsprechend vielfältig der Ton und die Vorhaben, die er vor uns ausbreitet: Da ist das Thema Kunst und Leben und deren wechselseitige Allianzen, da ist die Frage nach Wirklichkeit, Fiktion und Selbstwahrnehmung oder auch das Wunder Metaphysik.

So wie schon der Titel "Esti" einen weiten philosophischen Exerzierplatz vorgibt: esti, das heißt auf Ungarisch abendlich, und mit diesem Wort lässt sich einiges evozieren: die abendliche Selbstreflexion angesichts des Endes dieser und aller Tage, dazu das Abendland mit seinen Tugenden und Verdiensten, mit seinem Scheitern. Kleiner oder gar billiger will's Esterházy nicht geben. Und was fährt er in seinem Buch nicht alles auf: König Matthias Corvinus und Gregor Samsa, die Herren Cervantes, Flaubert oder Pessoa, dazu Tizian, Caravaggio oder Cézanne und ihre legendären Ideengebäude, die Via Appia und mit ihnen Könige, Kaiser und Religionsführer.

Mit leichter Hand und beschwingter Geste

Das alles könnte ziemlich gewichtig daher kommen, wird bei Esterházy aber leichter Hand und mit beschwingter Geste präsentiert. Der Autor weiß, wie das geht: Er setzt Esti und diese Vielzahl an Episoden und Geschichten auf die Schiene und rast ganz einfach los. Das Räderwerk schnurrt munter dahin, die Landschaften ziehen vorbei. Kann schon sein, dass ihm unterwegs ein paar Passagierinnen und Passagiere verloren gehen, weil sie ihren eigenen Gedanken nachhängen, seinem Tempo nicht folgen können oder eine Pause brauchen.

Das immer weiter wuchernde Gesamtkunstwerk mit den oft grell gesetzten Pointen verlangt einem doch einiges an Geduld ab. Aber es dauert meist nicht lange, bis alle wieder an Bord sind und die Fahrt fortsetzen. Der Zug führt hinein in einen barock wuchernden Kosmos - mit Anspielungen ohne Ende, mit Persiflagen und Versteckspielen, mit falschen Fährten und einem ehrgeizig konstruierten System an Hinweisschildern und Querverweisen, die leitmotivisch wiederkehren.

So wie auch das Thema Schreiben, Schaffen und Schöpfen zum roten Faden wird, dem das Buch folgt: Welchen Sinn macht Literatur, und wo steht der Autor mit seinem Bemühungen, sich in der Welt zu verankern? Selbstironische Betrachtungen über die Mühen des Schöpfens, über den Künstler als Baumeister, Polier und Maurer, über die Wollust beim Berühren und Lesen von Büchern.

Ein echter Esti

Diesem Esti jedenfalls, Schriftsteller auch er, scheint es schließlich so zu gehen wie dem berühmten chinesischen Maler, der in sein Bild steigt und schließlich in der Landschaft, die er eben erst entworfen hat, aufgeht und nie mehr gesehen ward. Auch Esti verschwindet zwischen den Seiten und Buchdeckeln, ein papierener und doch ganz schrecklich vitaler Held, der einem überall begegnen kann: im Garten zwischen den Äpfel- und Birnbäumen, in Buda oder auch Pest, in den Wellen eines breiten Flusses, als Gespenst der Dämmerung. Wie das gehen kann? Ganz einfach: Esti ist eben ein echter Esti, oder besser: ein echter Péter Esterházy.

Text: Susanne Schaber, Ö1

(c) Carl Hanser Verlag

Buchinfo:

Péter Esterházy: "Esti"
Carl Hanser Verlag
Roman– übersetzt von Heike Flemming
Erscheinungsdatum: 25.02.2013
Fester Einband, 368 Seiten