Der Beste im Dezember 2012: Christoph Ransmayr

In "Atlas eines ängstlichen Mannes" erzählt Christoph Ransmayr in Episoden von der Welt. Ein Atlas, in dem man sich selbst sieht.

Christoph Ransmayr (c) APA/HERBERT NEUBAUER

Der Ransmayr darf das. Bei ihm wird es zum Ereignis, wenn er 70 Mal hintereinander zu erzählen anhebt, ich sah, ich sah, ich sah – gebetsmühlenartig, und die Anfangssätze (die man bei einem anderen Schriftsteller gelangweilt abbeuteln würde) heißen dann:

"Ich sah ein offenes Grab im Schatten einer turmhohen Araukarie"

und

"Ich sah das dunkle, schweißnasse Gesicht des Fischers Ho Doeun in einer gewittrigen Novembernacht in Phnom Penh"

und

"Ich sah den weinenden Sohn des Gärtners auf der Freitreppe eines Herrenhauses in der irischen Grafschaft Cork ..."

Bei Christoph Ransmayr wächst daraus – wie aus einem dreidimensionalen Atlas – unsere Welt mitsamt ihrem Leben.

Zum Beispiel am Kunming See im Nordwesten von Peking:

Ein Chinese schreibt mit Wasser und einem Stock ein Gedicht aus der Tang-Zeit auf die Steine, gleich verblasst die Schrift, gleich ist sie verschwunden, und er schreibt schon das nächste.

Und unsere Welt mitsamt dem Sterben, vor allem mit dem Sterben.

Zum Beispiel auf der Osterinsel im Pazifik:

Die Rapa Nui haben sich so stark auf ihre Steinkolosse konzentriert (also auf Macht und Symbole), dass sie ihre Palmenwälder rodeten und den Fischbestand ausrotteten und sich nicht um ihre Gärten und Felder kümmerten – bis sie hungrig übereinander herfielen, einander töteten, einander aßen.

Scheinbar nebenbei entsteht aus den 70 Essenzen, aus diesen Riechfläschchen, die lange Erzählung eines Reisenden, der nach 400 Seiten angekommen ist.

In einer Höhle im Himalaja, mit singenden Mönchen Frierend. Summend.

Der Weitgereiste schläft ein, im Wissen, dass er Ohren hat zum Zuhören und eine Stimme zum Weitergeben. Das genügt ihm.

Das genügt, um sich nicht einsam und verlassen fühlen zu müssen.

Christoph Ransmayr ist ein ängstlicher Mensch. Aber noch stärker ist seine Neugier. Die trieb ihn immer hinaus in die Fremde, und die Fremde trieb ihn tiefer in sich selbst hinein.

Er ist ein Gehender (und durchs Gehen Denkender) wie Handke: "Zum Fußweg gehört schließlich auch der langsame, allmähliche Wechsel der Perspektive, das Innehalten und Betrachten, erst dadurch kann so etwas wie ein vielschichtiges Bild der Welt entstehen und sich Material ansammeln für Geschichten, Erzählungen."

Er ist ein Sehender.

Er wandert 1980 zum Stausee San Sebastián im bolivianischen Hochland. Diktator Meza ist blutig an die Macht gekommen.

Er sieht eine Militärmaschine im Tiefflug. Seine Begleiterin, eine italienische Ärztin, ballt wütend die Faust, sie schreit: No pasarán! (Sie werden nicht durchkommen!)

Da wird das Feuer aus dem Jagdflugzeug eröffnet. Ransmayr wirft sich ins Gras – und beobachtet einen smaragdgrünen Käfer, der sich erhebt, aufschwirrt ... gleichgültig gegen alles.

Oder 1997 in San Diego, als der Komet Hale-Bopp mit freiem Auge zu sehen war, was nächstes Mal erst im Jahr 4535 zu erleben sein wird:

Da hat er trotzdem Augen für den Kellner eines Straßencafés, der stürzt mit Wein, Kaffe, Fruchtsäften.

... und auf der verschneiten Chinesischen Mauer begegnet er einem Waliser, der Vogelstimmen auf Band aufzeichnet. Immerhin hat er heute eine Asiatische Kurzzehenlerche gehört.

Gemeinsam stellt man sich vor: Eine Mauer nur aus Reviergesängen, aus unüberwindlichen Melodien, an der jede Angreifer und Eindringling abprallt.

Ransmayrs "Atlas eines ängstlichen Mannes"erscheint am kommenden Donnerstag.

Das Buch ist einfacher zu lesen als "Die letzte Welt" und "Morbus Kitahara" und "Der fliegende Berg". Aber der Weg ist wieder sehr eigen.

Wahrscheinlich könnte der gebürtige Welser, 58 ist er heuer geworden, auch bloß ums Eck gehen, um etwas zu lernen, dann zu erkennen und dann um erzählend aus dem Kleinsten das große Ganze zu zeigen.

Dass er es an Schauplätzen tut, die oft an exotischen Orten am Meer, manchmal sogar im Sternenhimmel liegen, ist ein Bonus, den man dankend annimmt.

Text: Peter Pisa, Kurier

(c) S. Fischer Verlag

Christoph Ransmayr: "Atlas eines ängstlichen Mannes".
Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2012, 453 Seiten,