DIE BESTEN 10 IM OKTOBER

(c) Suhrkamp

1. Ingeborg Bachmann/ Paul Celan (44 Punkte)

"Herzzeit", Suhrkamp

Im Mai 1948 lernten sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan in Wien kennen – und lieben. Der Briefwechsel zwischen den beiden Dichtern dokumentiert die Aufs und Abs einer Liebe, die über zwanzig Jahre hinweg von Mißverständnissen, Irritationen, Abgründigkeiten aller Art geprägt war: "Ich bin oft sehr bitter, wenn ich an Dich denke, und manchmal verzeihe ich mir nicht, daß ich dich nicht hasse", schreibt Ingeborg Bachmann im September 1961. Der Briefwechsel zweier Genies, die füreinander nicht geschaffen waren.
Mehr in OE1.orf.at ...

(c) Hanser

2. Orhan Pamuk (30 Punkte) NEU

"Das Museum der Unschuld", Hanser

Orhan Pamuk hat einen Roman über die Liebe und das Erinnern geschrieben.
Schauplatz des Geschehens: Istanbul in den 70er Jahren. Pamuks Protagonist Kemal verfällt der schönen Füsün. Acht Jahre lang wirbt er um die Geliebte, dann gibt sie seinem Werben endlich nach, um tags darauf mit dem Auto gegen einen Baum zu krachen. Pamuk brilliert in diesem Roman einmal mehr als zartfühlender und ironisch distanzierter Erzähler, der wie nebenbei auch ein Porträt der türkischen Upper-Class der späten 70er liefert.
Mehr in OE1.orf.at ...

(c) Deuticke

3. Michael Köhlmeier (27 Punkte) NEU

"Idylle mit ertrinkendem Hund", Deuticke

In dieser berührenden Erzählung arbeitet Michael Köhlmeier den Tod seiner Tochter Paula auf, die 2003 mit nur 21 Jahren während eines Spaziergangs tödlich verunglückt war. „Sie war nie richtig auf der Welt gewesen“, beklagt Köhlmeiers Frau, die Schriftstellerin Monika Helfer, im Buch: „Sie hat den Boden nur mit den Fußspitzen berührt.“ In prägnanten, glasklaren Sätzen berichtet Köhlmeier von den Schmerzen des Trauerns und des Abschiednehmens.

(c) DVA

4. Richard Yates (26 Punkte) NEU

"Eine besondere Vorsehung", DVA

Ein weiteres Meisterwerk des amerikanischen Realisten Richard Yates liegt endlich auf Deutsch vor: „Eine besondere Vorsehung“ beschreibt die Abgründe einer Mutter-Sohn-Beziehung während der Depression der 30er Jahre. Die erfolglose Bildhauerin Alice Prentice träumt von einer Karriere als Künstlerin, während sie mit ihrem Sohn Bobby von Stadt zu Stadt zieht, und Schulden auf Schulden häuft. Am Ende flieht Bobby als Kriegsfreiwilliger nach Europa, und Mutter Alice widmet sich in einer Absteige in New York ihrer letzten verbliebenen Freundschaft: der zum Whisky. Kaum einer verstand die Schattenseiten des amerikanischen Traums so treffsicher – und wie in diesem Fall auch tragikomisch – aufzudecken wie Richard Yates.

(c) Zsolnay

5. Ruth Klüger (25 Punkte)

"Unterwegs verloren", Zsolnay

Mit "Unterwegs verloren" legt Ruth Klüger den zweiten Band Ihrer Lebenserinnerungen vor. Schilderte sie in "Weiter leben" (1992) ihre Kindheits- und Jugendjahre in Wien und in den Todeslagern von Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau, so wendet sich die gebürtige Wienerin im zweiten Band ihrer Zeit in den USA zu: Sie berichtet von ihrer gescheiterten Ehe und der komplexen Beziehung zu ihren Söhnen, von ihrer ambivalenten Beziehung zu Österreich und und ihrer Karriere im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb.
Mehr in OE1.orf.at ...

(c) Suhrkamp

6. Gerbrand Bakker (17 Punkte) NEU

"Oben ist es still", Suhrkamp

Der 47jährige Niederländer Gerbrand Bakker hat einen anrührenden Erstlingsroman vorgelegt: In karger, absichtsvoll spröder Prosa berichtet Bakker von einem holländischen Bauernjungen, der in den 60er Jahren auf Anweisung des Vaters den Platz seines tödlich verunglückten Zwillingsbruder einnehmen und den Hof übernehmen muß. Erst als der greise Vater stirbt, kann der mittlerweile 56jährige sein eigenes Leben beginnen. Gerbrand Bakkers Roman zieht einen beim Lesen sofort in seinen Bann.

(c) S. Fischer

7. Ex aequo: André Heller (15 Punkte)

"Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein", S. Fischer

Revue-Impresario und Spektakel-Zampano, gefeierter Chansonnier und weltweit erfolgreicher Kulturmanager: Der Wiener André Heller hat zahlreiche Talente. In seiner Erzählung "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein" brilliert der 61jährige auch als Autor. Heller erzählt von den Versehrungen der frühen Jahre, von der schwierigen Beziehung zu seinem Vater – einem exzentrischen Bonbon-Fabrikanten mit sadistischen Neigungen -, von den trostlosen, ungetrösteten Jahren im katholischen Internat, von der Befreiung, die der Tod des Vaters schließlich mit sich brachte. Erstaunlich, wie einfühlsam André Heller von den Verwandlungen und Metamorphosen seiner Kinderzeit zu erzählen versteht. Mehr in OE1.orf.at ...

(c) S. Fischer

7. Ex aequo: Marlene Streeruwitz (15 Punkte) NEU

"Kreuzungen", S. Fischer

Marlene Streeruwitz stößt ins Herz des Neoliberalismus vor: In ihrem neuen Roman zeichnet die österreichische Autorin das eiskalte Porträt eines narzisstisch gestörten Kapitalisten. Der millionenschwere Financier Max verlässt Frau und Kinder in Wien, um sich neu zu erfinden. Er will sich uneingeschränkt seinem Begehren nach Geld und Macht hingeben. Eine Schönheitsoperation und eine noble Heiratsvermittlungsagentur in Zürich sollen ihm dabei helfen. Marlene Streeruwitz entstellt das Personal des mittlerweile spektakulär zu Ende gegangenen Börsenbooms zur Kenntlichkeit.
Mehr in OE1.orf.at ...

(c) DVA

9. Anne Enright (14 Punkte) NEU

"Das Familientreffen", DVA

Anne Enrights ebenso spannender wie verstörender Familienroman wurde 2007 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet. Die irische Autorin erzählt von den Geschwistern Liam und Veronica, die sich als Kinder stets alle ihre Geheimnisse anvertraut haben. Nachdem Liam Selbstmord begangen hat – er stürzt sich mit Steinen in der Hosentasche ins Meer -, bereitet die Schwester in ihrem Dubliner Elternhaus die Beerdigung vor. Dabei beginnt sie sich allerlei Fragen über ihre und Liams gemeinsame Geschichte zu stellen...
Ein starker Roman über die Macht des Vergangenen.

(c) Eichborn

10. Sven Regener (13 Punkte) NEU

"Der kleine Bruder", Eichborn

Sven Regener schließt seine „Herr-Lehmann“-Trilogie mit dem chronologisch in der Mitte gelegenen zweiten Teil ab. Frank Lehmann verlässt Bremen und geht nach Berlin, um seinen großen Bruder Mannie zu suchen. Mannie lebt in einer WG und soll eine große Nummer in der Berliner Kunst-Szene sein. Man schreibt das Jahr 1980: Der kleine Bruder Frank taucht ein in das politbewegte Pandämonium jener Jahre, er lernt Hausbesetzer, Punks und selbsternannte Künstler kennen und macht sich so seine Gedanken über alles, was ihm so begegnet. Vielleicht nicht der stärkste der Herr-Lehmann-Romane, aber allemal ein köstlicher Lesespaß, der eine längst versunkene Epoche lebendig werden lässt.
Mehr in OE1.orf.at ...

(c) Berenberg Verlag

Die persönliche Empfehlung von Sigrid Loeffler, Literaturen

Francine du Plessix Gray: Majakowskis letzte Liebe.
Aus dem Englischen von Matthias Wolf und mit Gedichten von Wladimir Majakowski. Übersetzt von Alexander Nitzberg
(Berenberg Verlag, Berlin)


Dieses Buch ist eine kleine Wundertüte, die alles enthält, was gut und teuer ist: verschollene Liebesbriefe, russische Emigrantenszene in Paris, alteuropäischen Adel, New Yorker Medien-Aristokratie und Haute Couture, eine dominante Gesellschaftsdame mit einem versehrenden Geheimnis. Im Fokus all dessen steht der russische Revolutionsdichter Wladimir Majakowski (1893–1930) inmitten seiner rivalisierenden Musen. Der Titel ist ein bisschen gemogelt: Tatjana Jakowlewa, verwitwete du Plessix, verheiratete Liberman, war, streng genommen, Majakowskis vorletzte Liebe. Allerdings hat er ihr zwei seiner glühendsten Liebesgedichte gewidmet, eher er sich erschoss. Tatjanas Tochter Francine fügt aus Spuren, Dokumenten, Erinnerungen und großer Poesie eine betörend schlüssige Erzählung aus den Wirrsalen des 20. Jahrhunderts.