DIE BESTEN 10 IM JULI

1. Ilija Trojanow (33 Punkte) NEU

"Nomade auf vier Kontinenten", Eichborn

Sieben Jahre lang bereiste Ilija Trojanow die Welt – auf den Spuren des britischen Abenteurers Richard Francis Burton. Sein Burton-Roman „Der Weltensammler“ wurde zum Sensationserfolg. In der „Anderen Bibliothek“ schickt Trojanow nun einen Band über seine eigenen Recherche-Reisen nach – ein bibliophiles Kleinod.
Ilija Trojanow hat ein opulentes Buch vorgelegt, eine schillernde und kluge Collage, die Fernweh weckt und eindrucksvoll demonstriert, was das bedeutet: mit offenen Augen die Welt zu bereisen.

2. Cormac McCarthy (24 Punkte)

"Die Straße", Rowohlt

Leben nach der Apokalypse: Ein Mann zieht mit seinem Sohn durch ein zerstörtes Amerika. Ein quietschender Einkaufswagen birgt ihr gesamtes Hab und Gut.
Mit seinem Roman "Die Straße" hat Cormac McCarthy ein verstörendes Endzeitdrama vorgelegt, eine Mischung aus Jack London und Samuel Beckett. Nichts für sensible Gemüter.

3. Roberto Bolano (20 Punkte)

"Chilenisches Nachtstück", Hanser

Für Ijoma Mangold, einen der maßgeblichen Kritiker der "Süddeutschen Zeitung", ist der 2003 verstorbene Chilene Roberto Bolano "einer der größten Erzähler der Weltliteratur".
In seinem "Chilenischen Nachtstück" legt der 1953 geborene Autor Zeugnis von seiner Könnerschaft ab. In Bolanos Roman hält ein fiktiver Literaturkritiker in einer Fiebernacht Rückschau auf sein bewegtes Leben: Vom intimen Kenner griechischer Klassik zum Marxismus-Lehrer Augusto Pinochets - ein wahrhaft weiter Weg. Roberto Bolanos Roman ist eine beklemmende Studie über das Verhältnis von Literatur und Macht. Wie weit gehen die Verstrickungen des Intellektuellen, selbst wenn er sie auf den ersten Blick gar nicht wahrnimmt?

4. Ex aequo: Bogdan Bogdanovic (17 Punkte) NEU

"Die grüne Schachtel", Zsolnay

Der serbische Schriftsteller und Architekt Bogdan Bogdanovic, einst Bürgermeister von Belgrad, hat seine Träume und Gedanken jahrelang notiert und sie in einer Schachtel vor der Selbstzensur geschützt. Nun öffnet er „Die grüne Schachtel“ und lässt seine Leser darin stöbern.
Als Leser stellt man verwundert fest, daß der leidenschaftliche Milosevic-Kritiker einer von Gewalt und Verfolgung geprägten Zeit "lyrische Aufzeichnungen über Vögel, Katzen und streunende Hunde“ entgegengesetzt hat.

4. Ex aequo: Wojciech Kuczok (17 Punkte) NEU

"Dreckskerl", Suhrkamp

Polens gefeierter Jungautor Wojciech Kuczok hat mit seiner „Antibiografie“ einen frech-melancholischen Roman über eine schmerzvolle Kindheit in der schlesischen Industriestadt Chorzów vorgelegt. Der 1972 geborene Kuczok erweist sich als versierter Erzähler.
„Ein selten perfektes und gleichzeitig ein unmittelbar lebendiges Buch“, jubelt der Literaturkritiker Cornelius Hell, Juror der ORF-Bestenliste.

6. Jachym Topol (16 Punkte) NEU

"Zirkuszone", Suhrkamp

Vor 1989 war der Prager Jachym Topol einer der Stars des literarischen und musikalischen Underground. Heute ist der 45-Jährige der wohl bekannteste tschechische Autor seiner Generation. Ein literarischer Enkel des unsterblichen Bohumil Hrabal wurde er genannt.
In „Zirkuszone“ setzt sich Topol auf phantasievoll-groteske Weise mit dem „Prager Frühling“ auseinander. Es geht dem Autor nicht um historische Faktentreue. Topol hat die Geschichte umgeschrieben. In seinem Roman setzen sich die Tschechen militärisch zur Wehr. Tschechoslowakische Truppen stoßen nach Bayern vor, um die NATO zum Eingreifen gegen die Sowjets zu zwingen. Der Dritte Weltkrieg bricht aus. Das Drama des August 68 als absurdes Theater.

7. Peter Altenberg (15 Punkte) NEU

"Wie ich es sehe", Manesse

Der Manesse-Verlag setzt die engagierte Programmlinie der letzten Jahre fort: Jetzt liegt Peter Altenbergs brillante Prosasammlung „Wie ich es sehe“ erstmals nach Jahrzehnten wieder in ihrer ursprünglichen Komposition vor. Der liebevoll gestaltete Manesse-Band entspricht der Ausgabe letzter Hand von 1904.
Peter Altenberg, ein „Genie der Nichtigkeiten“ (Franz Kafka), beschreibt den Wiener Alltag des Fin de Siecle: das Leben in Kaffeehäusern und Ateliers, in Dienstbotenstuben und Salons, in Vergnügungsetablissements und Parks. Herausgeber Burkard Spinnen hat ein instruktives Nachwort zu dem schönen Band beigesteuert.

8. Ornella Vorpsi (13 Punkte) NEU

"Das ewige Leben der Albaner", Zsolnay

In ihrem Erzählband blickt die 39jährige Albanerin Ornella Vorpsi auf den bizarren Alltag im Reiche Enver Hodxas zurück. Die jugendliche Protagonistin und ihre Freundinnen fristen ein Leben zwischen militärischen Übungen und Angst vor der ersten Monatsblutung. Während die offizielle Propaganda die „umsichtige Politik“ des „Großen Steuermanns Enver Hodxa“ preist, träumen die jungen Albanerinnen von der nahenden westlichen Einnahme – „von der Landung der amerikanischen Imperialisten und der französischen Imperialisten.“
Ein eindrucksvolles Debüt, witzig und zugleich erschütternd.

9. Ex aequo: Dzevad Karahasan (12 Punkte)

"Berichte aus einer dunklen Welt", Insel

Das in seiner Geschichte immer wieder erniedrigte, versklavte, geschändete Bosnien als kleine, dunkle Welt, in der die große ihre Probe hält. Dzevad Karahasans Prosaband "Berichte aus der dunklen Welt" erkundet einmal mehr die Geschichte des von Kriegen, Bürgerkriegen und Kulturkämpfen aller Art
geprägten Landes zwischen Saveebene und Dinarischen Alpen: intensive Geschichten an der Grenze zwischen Essay und Erzählung.

9. Ex aequo: Agota Kristof (12 Punkte)

"Irgendwo", Piper

Die Ungarin Agota Kristof, Jahrgang 1935, zählt zu den radikalsten Autorinnen der Gegenwart. Der Band „Nirgendwo“, Ende der 50er Jahre kurz nach ihrer Flucht ins Schweizer Exil entstanden, bündelt kleine Prosageschichten und Parabeln.
Es handelt sich um die ersten Texte, die die junge Emigrantin in französischer Sprache geschrieben hat, kurze, makabere Geschichten, in denen die Themen späterer Agota-Kristof-Bücher bereits anklingen: Heimatverlust, Fremdheit und der Verlust familiärer Bindungen.

9. Ex aequo: Julian Schutting (12 Punkte) NEU

"Zu jeder Tageszeit", Jung und Jung

Julian Schutting schreibt über die Liebe. „,Zu jeder Tageszeit’ ist ein intimes Buch“, verriet der Autor im SN-Interview mit Anton Thuswaldner: „Es handelt vom Außer-sich-geraten-Sein vor frischer Liebe und wie sich die Welt darbietet in diesen Augenblicken. Aber wenn dieser Zustand auch ein Antrieb ist für jedes Wiedersehen, zwischendurch geht man ja doch wieder weg. Den Zustand der nahezu ekstasehaften Aktivität, wenn man nachts nicht schlafen kann, hielte man nicht durch.“

Pers├Ânlicher Tipp von Konstanze Fliedl, Uni Salzburg

Barbara Vine: Aus der Welt, Diogenes

Sucht man als Sommerkrimi das klassische britische Genre, findet man in Barbara Vines jüngstem Buch, "Aus der Welt", ein doppelt nostalgisches Exemplar: Es spielt im ruralen Essex der sechziger Jahre.

Eine junge schwedische Krankenpflegerin kommt ins düstere Herrenhaus. Was dort geschieht, schildert sie dreieinhalb Jahrzehnte später als alte Frau. Aus ihrem zuerst betulichen und leicht umständlichen Bericht schält sich eine Familientragödie um Ehebruch, Habgier und Eifersucht, am Ende stehen Tod und Brandstiftung.

Mit sanfter Selbstironie wird dieser "Altersroman" in ein längst verlorenes englisches Provinzidyll verlegt und zugleich aus den spektakulärsten mystery-Elementen gemischt. Im Labyrinth des Textes, der im Original 'Minotaurus' heißt, steckt aber die so exakte wie ergreifende Schilderung eines Asperger-Patienten, eines hochintelligenten, kommunikationsbehinderten Sonderlings, der, fehldiagnostiziert und -behandelt, die Familie reizt und stört …

Auf unnachahmliche Weise öffnet die gefeierte Traditionalistin Barbara Vine das uralte Krimiklischee unversehens für neue, wahre Schrecklichkeiten.