Die besten 10 im Mai 2021

1. Anna Baar (28 Punkte) NEU

"Nil", Wallstein

(c) Wallstein

Eine der Hauptfiguren im neuen Roman Anna Baars ist ein Krokodil. Eines, das sich nach seiner Herkunft, dem titelgebenden Nil sehnt. Am Beginn des Textes sei der Wunsch gestanden, sich ganz vom Biographischen im Schreiben zu lösen, sagt die Autorin. So ist Nil ein Buch geworden, das sich in seinem Kern damit beschäftigt, wen wir meinen, wenn wir "Ich" sagen und was wir meinen, wenn wir "Heimat" sagen - auch den zentralen Protagonisten treibt das um. Anna Baar legt mit Nil ein Buch vor, das nicht der Logik der Realität folgt und gerade deshalb sehr viel Erkenntnisreiches über diese aussagt.

2. Christoph Ransmayr (25 Punkte)

"Der Fallmeister", S. Fischer

(c) S. Fischer

Eine Welt, die sich für die Zerstörung der Natur durch den Menschen an eben diesem rächt: Darum geht es im neuen Roman des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr: "Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten". Ransmayr wird mit diesem Roman seinem Ruf als "Apokalyptiker mit dem hohen Ton" mehr als gerecht: Er siedelt die Geschichte in einer nahen Zukunft an, in der wir Menschen vieles von dem verspielt haben, was wir "zivilisatorische Errungenschaft" nennen. Die Folgen unserer Umweltverschmutzung zeigen sich mit aller Wucht, der Meeresspiegel ist dramatisch gestiegen, die Welt wieder ein Fleckerlteppich miteinander verfeindeter Nationalstaaten. Im Zentrum des Romans steht ein Ich-Erzähler, der herausfinden will, warum sein Vater zum Mörder geworden ist. Rund um diese Figur baut Ransmayr eine Welt, aus der man fliehen und die man zugleich nie wieder verlassen möchte: ein literarisches Glanzstück.

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3. Peter Handke (21 Punkte) NEU

"Mein Tag im anderen Land", Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Seit der Kontroverse um den Literaturnobelpreis 2019 ist es still geworden um Peter Handke, nun liegt ein neues Buch vor. "In meinem Leben gibt es eine Geschichte, die ich noch keinem Menschen erzählt habe" steht an dessen Anfang. Und was man dann liest, ist, worüber Peter Handke immer wieder schreibt: ein "Ich" bricht auf, um sich zu verwandeln, um ein Anderer zu werden. Der, der in "Mein Tag im anderen Land" aufbricht, ist diesmal ein dem Wahnsinn naher Dörfler, ein Außenseiter. Dieser Text: er ist auch einer über das Lesen und: das Schreiben. Ein Buch, das vom Innersten wie Äußersten erzählt wie es nur Peter Handke kann: das ist "Mein Tag im anderen Land".

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3. ex aequo: Teresa Präauer (20 Punkte)

"Das Glück ist eine Bohne", Wallstein

(c) Wallstein

"Eine Summe ihrer Leidenschaften" nennt Teresa Präauer ihr neues Buch "Das Glück ist eine Bohne". Knapp 80 Texte umfasst der Band, in dem sich die Schriftstellerin Gedanken über Literatur, Musik und Kunst macht, dazwischen auch vom Snowboarden, vom Ausgehen und sogar von einem Besuch in einem Nagelstudio erzählt. Popkulturellem Kitsch widmet sich Präauer dabei mit derselben Beobachtungsgabe wie Artefakten der Hochkultur – ein tiefgreifendes Bedürfnis, die Welt um sich herum schreibend zu verstehen, spricht aus jedem der Texte. Auch fiktive Erzählungen finden Einzug ins Buch: etwa eine absurd-komische Begegnung mit Britney Spears und eine Liebesgeschichte, die sich als Hommage an den Kunstfilm "Der Lauf der Dinge" des Schweizer Künstlerduos Fischli und Weiß lesen lässt.

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5. ex aequo: Gerhard Roth (17 Punkte)

"Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe", S. Fischer

(c) S. Fischer

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Gerhard Roth mit der Stadt Venedig. Dieses Jahr sind gleich zwei Bücher erschienen, die um die Faszination des Schriftstellers mit der italienischen Hafenmetropole kreisen: der Bildband "Venedig. Ein Spiegelbild der Menschheit", in dem Roth seine liebsten Fotografien der Stadt gesammelt hat, passend dazu ist mit "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe" die Venedig-Trilogie des Schriftstellers nun vollendet. Alles dreht sich darin um die Kunsthistorikerin Lilly Kuck, deren Mann unter ungeklärten Umständen in Venedig ums Leben gekommen ist. Sie reist in die Stadt, um die Wege ihres Mannes zu rekonstruieren, der ihr bei der Recherche mit jedem Schritt mehr zum Fremden wird. Wie seine Vorgänger lässt sich auch dieses Buch als "Verbrechensroman" einordnen, wie Gerhard Roth seine Form der Kriminalliteratur nennt, und wo weniger der Gewaltakt selbst als die menschlichen Abgründe dahinter im Mittelpunkt stehen.

5. ex aequo: Franz Schuh (17 Punkte) NEU

"Lachen und Sterben", Zsolnay

(c) Zsolnay

Franz Schuh ist einer der scharfsinnigsten Denker unserer Zeit – aus dem intellektuellen Leben Österreichs ist er seit den 70er Jahren nicht wegzudenken. Sein neues Buch "Lachen und Sterben" ist in seinem Kern eine Auseinandersetzung mit dem Leben in all seiner Widersprüchlichkeit. "Die Lächerlichkeit ist halt unser Ernst, einen anderen haben wir nicht", heißt es darin. Franz Schuh untersucht in seinem neuen Buch auf äußerst gewitzte Weise sowohl hochkulturelle wie massenkulturelle Phänomene, Intimes wie Politisches und geht damit auch seinem eigenen Schicksal lachend an den Kragen.

7. ex aequo: Ali Smith (14 Punkte) NEU

"Frühling", Luchterhand

(c) Luchterhand

Mit "Frühling" ist nun der dritte Teil von Ali Smiths hochgelobter Jahreszeiten-Tetralogie auf Deutsch erschienen. Vier Bücher in vier Jahren – das Projekt der schottischen Schriftstellerin ist nicht weniger als der Versuch, der Gegenwart im Schreiben habhaft zu werden. Genauer gesagt: die politisch prekäre Entwicklung Großbritanniens seit dem Brexit-Referendum literarisch greifbar zu machen. Dieses Kunststück gelingt Smith durch die enge Verstrickung gesellschaftlicher Diskurse mit dem Figurenarsenal der Romane. Während in "Herbst" und "Winter" die Nachwehen des Referendums im Zentrum standen, rückt Ali Smith in "Frühling" die britische Flüchtlingspolitik in den Fokus.

7. ex aequo: Eva Schmidt (14 Punkte) NEU

"Die Welt gegenüber", Jung und Jung

(c) Jung und Jung

Nach 20 Jahren der Abwesenheit im Literaturbetrieb ist Eva Schmidt 2016 mit dem Roman "Ein langes Jahr" ein beeindruckendes Comeback gelungen. Seither zählt die in Bregenz lebende Schriftstellerin zu den interessantesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mit ihrem neuen Buch beweist Schmidt nun, dass ihr auch die kurze Form liegt. "Die Welt gegenüber" versammelt Erzählungen, deren Figuren zu passiven Beobachtern, zu Voyeurinnen werden, weil ihnen ein menschliches Gegenüber fehlt. Es ist eine Gratwanderung zwischen Empathie und Unheimlichkeit, die Eva Schmidt insbesondere durch ihre glasklare Sprache gelingt: in den insgesamt 12 Texten steht kein Adjektiv zu viel, kein Satz zu wenig.

7. ex aequo: Norbert Gstrein (14 Punkte)

"Der zweite Jakob", Hanser

(c) Hanser

Wahrheitssuche und Weltfindung kennzeichnen die Literatur Norbert Gstreins, vom Erstlingswerk, bis zum aktuellen Roman "Der zweite Jakob". Ein mittelmäßiger Schauspieler, kurz vor seinem 60. Geburtstag, ist darin der Ich-Erzähler. Angestoßen von der Frage seiner Tochter "Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?" beginnt er über sein Leben zu reflektieren und erinnert sich an Dinge, die er nie jemandem erzählt hat. Ein Filmset an der amerikanisch-mexikanischen Grenze ist einer der Schauplätze. Mit der Serie an Frauenmorden in der Grenzstadt Juarez, die Mitte der 90er-Jahre ihren Anfang nahm, stellt Gstrein einen Bezug zur Wirklichkeit her. Der schmale Grat zwischen Fiktion und Realität, das ist eines der Themen, in diesem bemerkenswerten Roman.

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10. Helga Schubert (11 Punkte) NEU

"Aufstehen", dtv

(c) dtv

Helga Schubert ist die bisher älteste Teilnehmerin in der Geschichte des Bachmann-Wettbewerbs. Letztes Jahr hat sie den Hauptpreis in Klagenfurt gewonnen - eine echte Wiederentdeckung, denn viele Jahre hat die in Berlin als Kriegskind geborene und in der DDR bekannt gewordene Autorin nichts mehr veröffentlicht. Die Würdigung war für sie die Initialzündung für ihr neues Buch "Vom Aufstehen", in dem sie ihr eigenes Leben zu Literatur verarbeitet hat. Das Buch versammelt Geschichten über ihre Kindheit, die lebenslang schwierige Beziehung zu ihrer Mutter, und den Alltag in einem repressiven System. Das Schreiben hat Schubert stets anderen beruflichen und familiären Aufgaben untergeordnet. Dass es nun wieder zur Hauptsache wird, dafür ist es höchste Zeit.