Die besten 10 im April 2021

1. Christoph Ransmayr (29 Punkte) NEU

"Der Fallmeister", S. Fischer

(c) S. Fischer

Eine Welt, die sich für die Zerstörung der Natur durch den Menschen an eben diesem rächt: Darum geht es im neuen Roman des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr: "Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten". Ransmayr wird mit diesem Roman seinem Ruf als "Apokalyptiker mit dem hohen Ton" mehr als gerecht: Er siedelt die Geschichte in einer nahen Zukunft an, in der wir Menschen vieles von dem verspielt haben, was wir "zivilisatorische Errungenschaft" nennen. Die Folgen unserer Umweltverschmutzung zeigen sich mit aller Wucht, der Meeresspiegel ist dramatisch gestiegen, die Welt wieder ein Fleckerlteppich miteinander verfeindeter Nationalstaaten. Im Zentrum des Romans steht ein Ich-Erzähler, der herausfinden will, warum sein Vater zum Mörder geworden ist. Rund um diese Figur baut Ransmayr eine Welt, aus der man fliehen und die man zugleich nie wieder verlassen möchte: ein literarisches Glanzstück.

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2. Gerhard Roth (22 Punkte)

"Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe", S. Fischer

(c) S. Fischer

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Gerhard Roth mit der Stadt Venedig. Dieses Jahr sind gleich zwei Bücher erschienen, die um die Faszination des Schriftstellers mit der italienischen Hafenmetropole kreisen: der Bildband "Venedig. Ein Spiegelbild der Menschheit", in dem Roth seine liebsten Fotografien der Stadt gesammelt hat, passend dazu ist mit "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe" die Venedig-Trilogie des Schriftstellers nun vollendet. Alles dreht sich darin um die Kunsthistorikerin Lilly Kuck, deren Mann unter ungeklärten Umständen in Venedig ums Leben gekommen ist. Sie reist in die Stadt, um die Wege ihres Mannes zu rekonstruieren, der ihr bei der Recherche mit jedem Schritt mehr zum Fremden wird. Wie seine Vorgänger lässt sich auch dieses Buch als "Verbrechensroman" einordnen, wie Gerhard Roth seine Form der Kriminalliteratur nennt, und wo weniger der Gewaltakt selbst als die menschlichen Abgründe dahinter im Mittelpunkt stehen.

3. Ljuba Arnautović (21 Punkte)

"Junischnee", Zsolnay

(c) Zsolnay

Die eigene Familiengeschichte: mit ihr beschäftigt sich die in Wien lebende Ljuba Arnautović, die 1954 in der UdSSR geboren wurde, seit langem: im Zentrum ihres neuen Romans stehen ihre Eltern, vor allem ihr Vater. Er war Sohn von Mitgliedern des Republikanischen Schutzbundes. Um ihn vor den Nationalsozialisten zu schützen, wurde er gemeinsam mit seinem Bruder nach Moskau geschickt, landete schließlich im Gulag, wo er seine zukünftige Frau kennen lernt. Die Beziehung zwischen Vater und Tochter sollte eine schwierige sein. Mit "Junischnee" realisiert Ljuba Arnautović, was in der Realität nicht möglich war: eine Versöhnung mit ihrem Vater, den die Geschichte schwer beschädigt hat und der dennoch nicht nur Opfer war.

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4. Monika Helfer (20 Punkte)

"Vati", Hanser

(c) Hanser

Mit ihrem Roman "Die Bagage" ist Monika Helfer im letzten Jahr ein Riesenerfolg gelungen. Mit "Vati" schließt sie nun an das an, was sie im letzten Buch begonnen hat: das Erzählen ihrer eigenen Familiengeschichte. Während in der "Bagage" das Außenseiterdasein ihrer Großeltern in einem kleinen Bergdorf im Bregenzer Wald im Mittelpunkt steht, geht es nun um ihren Vater: Kriegsinvalide, früher Witwer und leidenschaftlicher Literaturliebhaber. Über die Rekonstruktion ihrer Erinnerungen gelingt Monika Helfer dabei ein berührender Roman über das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen.

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5. ex aequo: Daniel Wisser (19 Punkte) NEU

"Wir bleiben noch", Luchterhand

(c) Luchterhand

Seit sein Roman "Die Königin der Berge" mit dem österreichischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, entwickelt sich Daniel Wisser immer mehr zum Star der heimischen Literaturszene. Mit seinem neuen Roman "Wir bleiben noch" ist ihm nun ein Besteller gelungen, der leichtfüßig die Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie Revue passieren lässt. Im Zentrum steht darin eine Figur, die nicht zufällig den Urvater der Arbeiterbewegung Victor Adler zum Namensvetter hat: Victor Jarno, 47, seines Zeichens der "letzte Sozialist" einer Familie mit weit zurückreichender sozialdemokratischer Tradition. Victor ist einer, der an die Kraft der Solidarität glaubt, mit seiner Haltung in der Familie jedoch zunehmend alleine dasteht. An einer Stelle im Roman ist zu lesen: "Die Menschen wollen nicht, dass es ihnen besser geht, sondern dass es anderen schlechter geht. Täglich einem Flüchtling eine Banane wegnehmen - dann ist man zufrieden." Mit ebenso viel Witz wie Klarsicht erzählt Wisser am Beispiel einer Familie, die sich nicht zuletzt in puncto Migrationspolitik uneins geworden ist, von Entsolidarisierung im Privaten wie im Politischen.

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5. ex aequo: Marica Bodrožić (19 Punkte) NEU

"Pantherzeit", Otto Müller

(c) Otto Müller

Es ist Rainer Maria Rilkes berühmtes Gedicht "Der Panther", das den Ausgangspunkt für Marica Bodrožićs neuen Essayband bildet. In "Pantherzeit" holt die Schriftstellerin das Gedicht aus seinem Schulbuchexil hervor und macht deutlich, dass diese verstaubten Zeilen nicht weniger sind als die Lektüre der Stunde: "Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt". Ja, mit der titelgebenden "Pantherzeit" ist diese inzwischen ein Jahr alte Realität gemeint, die die Menschheit mit "Shutdowns“ und "Lockdowns" quasi hinter Gitter zwingt. Marica Bodrožićs Covid-Essays sind jedoch kein selbstmitleidiges Geraune über den Status quo: Ihnen geht die Annahme voraus, dass für den von Gitterstäben verstellten Blick Dinge sichtbar werden, die dem freien Auge oft entgehen. In zum Teil tagebuchartigen Reflexionen versucht die Schriftstellerin mit dem neuen Alltag zurechtzukommen und wagt es dabei so etwas wie eine bessere Zukunft zu denken.

7. Christian Kracht (18 Punkte) NEU

"Eurotrash", Kiepenheuer & Witsch

(c) Kiepenheuer & Witsch

Christian Krachts literarischem Debut "Faserland" wird mitunter nachgesagt, die deutschsprachige Literatur in eine Zeit davor und danach geteilt zu haben: Der 1995 erschienene Roman über einen verschnöselten jungen Mann, der von einer Party zur nächsten quer durch Deutschland reist, sollte der Gründungstext der deutschen Popliteratur werden. Krachts neuer Roman "Eurotrash" ist als Fortsetzung jenes Kultbuchs gedacht: Darin reist ein Schriftsteller namens Christian Kracht zu seiner suchtkranken Mutter in die Schweiz, um mit ihr eine letzte Reise zu den Orten seiner Kindheit anzutreten. Unterwegs wird die schwierige Geschichte der Familie Kracht aufgerollt: Missbrauch, Nationalsozialismus, Nachkriegsopportunismus – was davon wahr ist, was erfunden, bleibt im Dunklen. In Krachts Poetik wird stattdessen die Frage laut, ob der Wahrheit vielleicht am besten mit den Mitteln der Fiktion nachgespürt werden kann.

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8. Julian Barnes (17 Punkte)

"Der Mann im roten Rock", Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Gertraude Krueger

(c) Kiepenheuer & Witsch

Für sein neues Buch "Der Mann im roten Rock" hat sich der britische Essayist und Schriftsteller Julian Barnes einer ganzen historischen Epoche angenommen: der sogenannten "Belle Epoque", die etwa den Zeitraum zwischen den Jahren 1870 und 1914 umfasst. Ihren Namen verdankt sie einerseits dem Frieden, der während dieser Zeit in Europa herrscht, andererseits dem wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, den sie bedeutet. Ausgangspunkt für Barnes Schreiben ist der titelgebende "Mann im roten Rock", der der Nachwelt vor allem über ein Gemälde in Erinnerung geblieben ist: der französische Arzt Samuel-Jean Pozzi, seinerzeit eine schillernde Gestalt des Kulturlebens auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Über ihn eröffnet Barnes seinen Lesern den Blick auf eine Welt, die der heutigen in vielem ähnlicher ist, als man glauben würde.

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9. Olga Flor (15 Punkte) NEU

"Morituri", Jung und Jung

(c) ORF

Mit ihrem Essay "Politik der Emotionen" sorgte sie 2018 für Debatten, mit Romanen wie "Die Königin ist tot" oder "Kollateralschaden" hat sie sich zuvor schon sehr viel Zuspruch von der Kritik erschrieben: Olga Flor zählt längst zu den zentralen intellektuellen Stimmen Österreichs. Ihre Literatur ist fest in den zeitgenössischen politischen Diskurse verankert, so auch der neue Roman "Morituri". Handlungsmotor ist darin die Gründung einer dubiosen Privatklinik in der österreichischen Provinz. Diese Klinik ist spezialisiert auf Verjüngungsexperimente: das junge Blut von asylsuchenden Männern soll das der sogenannten autochthonen, also angestammten, Bevölkerung verjüngen. Mit Morituri, was so viel heißt wie "die Totgeweihten", legt Olga Flor eine bitterböse Satire vor, die nicht zuletzt eine Abrechnung ist mit der Idee der Reinheit. Dabei klopft sie die Politik der Gegenwart auf ihre gefährlichsten Bruchstellen hin ab und zwar so, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

10. ex aequo: Norbert Gstrein (14 Punkte)

"Der zweite Jakob", Hanser

(c) Hanser

Wahrheitssuche und Weltfindung kennzeichnen die Literatur Norbert Gstreins, vom Erstlingswerk, bis zum aktuellen Roman "Der zweite Jakob". Ein mittelmäßiger Schauspieler, kurz vor seinem 60. Geburtstag, ist darin der Ich-Erzähler. Angestoßen von der Frage seiner Tochter "Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?" beginnt er über sein Leben zu reflektieren und erinnert sich an Dinge, die er nie jemandem erzählt hat. Ein Filmset an der amerikanisch-mexikanischen Grenze ist einer der Schauplätze. Mit der Serie an Frauenmorden in der Grenzstadt Juarez, die Mitte der 90er-Jahre ihren Anfang nahm, stellt Gstrein einen Bezug zur Wirklichkeit her. Der schmale Grat zwischen Fiktion und Realität, das ist eines der Themen, in diesem bemerkenswerten Roman.

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10. ex aequo: Ralf Rothmann (14 Punkte) NEU

"Hotel der Schlaflosen", Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Ralf Rothmann ist vor allem als herausragender Romancier bekannt, Prosawerke wie etwa seine "Ruhrgebietsromane" wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und gelten als moderne Klassiker. Einer neuer Erzählband beweist: Rothmann ist auch ein Meister der kurzen Form. Angst zieht sich als Motiv durch die insgesamt 11 Texte, die mal von einer sterbenskranken Violinistin erzählen, mal von einem Bestatter, der in einem alten Sarg den Leichnam seines Vaters entdeckt. Das Herz des Buches bildet die titelgebende Erzählung „Hotel der Schlaflosen“. Hier hat sich der Autor ein Schreckensgespenst des stalinistischen Terrors vorgenommen: den NKWD-Offizier Wassili Blochin, der in der Sowjet-Union mehrere Tausend Menschen exekutierte. In Rothmanns Erzählung trifft Blochin auf den zum Tode verurteilten Schriftsteller Isaak Babel. Geschildert wird diese Begegnung aus der Sicht des Henkers, der sich als begeisterter Leser Isaak Babels entpuppt – seine Arbeit letztendlich aber ungerührt vollzieht.

10. ex aequo: Teresa Präauer (14 Punkte) NEU

"Das Glück ist eine Bohne", Wallstein

(c) Wallstein

"Eine Summe ihrer Leidenschaften" nennt Teresa Präauer ihr neues Buch "Das Glück ist eine Bohne". Knapp 80 Texte umfasst der Band, in dem sich die Schriftstellerin Gedanken über Literatur, Musik und Kunst macht, dazwischen auch vom Snowboarden, vom Ausgehen und sogar von einem Besuch in einem Nagelstudio erzählt. Popkulturellem Kitsch widmet sich Präauer dabei mit derselben Beobachtungsgabe wie Artefakten der Hochkultur – ein tiefgreifendes Bedürfnis, die Welt um sich herum schreibend zu verstehen, spricht aus jedem der Texte. Auch fiktive Erzählungen finden Einzug ins Buch: etwa eine absurd-komische Begegnung mit Britney Spears und eine Liebesgeschichte, die sich als Hommage an den Kunstfilm "Der Lauf der Dinge" des Schweizer Künstlerduos Fischli und Weiß lesen lässt.

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