Die besten 10 im Februar 2021

1. David Schalko (22 Punkte) NEU

"Bad Regina", Kiepenheuer & Witsch

(c) Kiepenheuer & Witsch

David Schalko, Regisseur und Mastermind von Serien wie Braunschlag", "Altes Geld" oder zuletzt "M.", hat einen neuen Roman veröffentlicht: "Bad Regina" ist der Schauplatz einer so unterhaltsamen wie bitterbösen Groteske, die den Ausverkauf eines ganzes Ortes in den Alpen zum Inhalt hat. Die Anlehnung an den ehemals mondänen Kurort Bad Gastein im Salzburger Land ist nicht ganz zufällig - allerdings dienen die realen Begebenheiten nur als Kulisse für einen surrealen Showdown, der nichts Geringeres sein will, als der große Abgesang auf ein moribundes Europa.

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2. Gustave Flaubert (21 Punkte)

"Lehrjahre der Männlichkeit", Hanser
Übersetzung: Elisabeth Edl

(c) Hanser Verlag

Mit "Madame Bovary" war Gustave Flaubert schon zu Lebzeiten ein Klassiker gelungen, seine "Education Sentimentale" von 1869 fiel hingegen bei den Zeitgenossen durch. Zu mittelmäßig, zu durchschnittlich war ihnen Frédéric Moreau, der Held dieses Anti-Bildungsromans. Ziellos und zaudernd geht Flauberts Figur durch seine Jugendjahre im Paris rund um das Revolutionsjahr 1848, um am Ende nichts erreicht zu haben und niemand geworden zu sein. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man die Anziehungskraft der Figur des gesellschaftlichen Niemands, Kafka etwa nannte den Roman einen der wichtigsten seines Lebens. Der Titel kennt im deutschen vielerlei Versionen: "Lehrjahre des Gefühls" und "Erziehung des Herzens" zählen zu den bekanntesten. Elisabeth Edl hat für ihre Neuübersetzung, die sich stark am Original orientiert und Flauberts boshaften Witz meisterlich ins Deutsche überträgt, den Titel "Lehrjahre der Männlichkeit" gewählt.

3. Raphaela Edelbauer (19 Punkte) NEU

"DAVE", Klett-Cotta

(c) Klett-Cotta

Seit dem Erfolg ihres Romans "Das flüssige Land" ist ihr ein Etikett sicher: Shooting Star der österreichischen Literatur. Auch ihr neuer Roman "Dave" erfährt in der Literaturwelt beachtliche Aufmerksamkeit. Alles dreht sich darin um die Erschaffung einer künstlichen Superintelligenz, die die Probleme eines Planeten lösen soll, dessen Außenwelt unbewohnbar geworden ist. Insgesamt drei Mal hat Raphaela Edelbauer das Manuskript des Romans neu geschrieben, mehr als 10 Jahre hat sie sich mit dem Thema der künstlichen Intelligenz auseinandergesetzt. Das Ergebnis ist ein meisterlich durchkomponierter Text, der die großen philosophischen Fragen der Menschheit über eines der großen Themen unserer modernen Welt verhandelt.

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4. Monika Helfer (17 Punkte) NEU

"Vati", Hanser

(c) Hanser

Mit ihrem Roman "Die Bagage" ist Monika Helfer im letzten Jahr ein Riesenerfolg gelungen. Mit "Vati" schließt sie nun an das an, was sie im letzten Buch begonnen hat: das Erzählen ihrer eigenen Familiengeschichte. Während in der "Bagage" das Außenseiterdasein ihrer Großeltern in einem kleinen Bergdorf im Bregenzer Wald im Mittelpunkt steht, geht es nun um ihren Vater: Kriegsinvalide, früher Witwer und leidenschaftlicher Literaturliebhaber. Über die Rekonstruktion ihrer Erinnerungen gelingt Monika Helfer dabei ein berührender Roman über das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen.

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5. Julian Barnes (16 Punkte) NEU

"Der Mann im roten Rock", Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Gertraude Krueger

(c) Kiepenheuer & Witsch

Für sein neues Buch "Der Mann im roten Rock" hat sich der britische Essayist und Schriftsteller Julian Barnes einer ganzen historischen Epoche angenommen: der sogenannten "Belle Epoque", die etwa den Zeitraum zwischen den Jahren 1870 und 1914 umfasst. Ihren Namen verdankt sie einerseits dem Frieden, der während dieser Zeit in Europa herrscht, andererseits dem wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, den sie bedeutet. Ausgangspunkt für Barnes Schreiben ist der titelgebende "Mann im roten Rock", der der Nachwelt vor allem über ein Gemälde in Erinnerung geblieben ist: der französische Arzt Samuel-Jean Pozzi, seinerzeit eine schillernde Gestalt des Kulturlebens auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Über ihn eröffnet Barnes seinen Lesern den Blick auf eine Welt, die der heutigen in vielem ähnlicher ist, als man glauben würde.

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6. ex aequo: Gabriel Josipovici (15 Punkte)

"Wohin gehst du, mein Leben?", Jung und Jung
Übersetzung: Jochen Jung

(c) Jung und Jung

Die Handlung des neuen Romans des britischen Schriftstellers Gabriel Josipovici lässt sich denkbar kurz zusammenfassen: ein namenloser Erzähler berichtet aus seinem Leben und dessen verschiedenen Stationen: Nach dem Tod der ersten Frau zog es ihn von London nach Paris, mit der zweiten Frau schließlich von Paris weiter nach Wales. Er sei ein Gewohnheitsmensch, betont er immer wieder, alles was er tue – übersetzen, den hohen Künsten frönen – habe er immer schon so gemacht. Es ist die neurotische Wiederholung dieses Credos und die nicht chronologische Wiedergabe der Ereignisse, die das Erzählte brüchig werden lässt. Das Misstrauen gegenüber dem Erzähler wächst mit jeder Seite – was genau ist mit der ersten Frau eigentlich passiert? Gab es sie denn überhaupt wirklich? Auf genauso humorvolle wie rätselhafte Art verdeutlicht Gabriel Josipovici, dass hinter einer Lebenserzählung oft mehr steckt, als man eigentlich preisgeben möchte.

6. ex aequo: Orlando Figes (15 Punkte) NEU

"Die Europäer", Hanser Berlin
Übersetzung: Bernd Rullkötter

(c) Hanser Berlin

Der britische Historiker Orlando Figes hat sich bisher mit Büchern über russische Geschichte, insbesondere über die Zeit des Stalinismus, einen Namen gemacht. Für sein neues Buch "Die Europäer" hat er, wie der Name es vermuten lässt, den Schauplatz gewechselt. Im Zentrum steht ein Dreigespann historischer Figuren, die für den Autor exemplarisch für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts waren: Die Sängerin Pauline Viardot, ihr Ehemann und Kunstkenner Louis Viardot und der russische Schriftsteller Ivan Turgenjew, der mit dem Paar mehr als eng befreundet war. Über diese historischen Persönlichkeiten schildert Figes eindrucksvoll das kulturelle Leben eines Kontinents, zu einer Zeit, in der die technischen Neuerungen wie die Eisenbahn den Kulturtransfer zwischen den Nationen mit einem Schlag stark potenziert haben.

8. ex aequo: Margaret Laurence (14 Punkte) NEU

"Der steinerne Engel", Eisele
Übersetzung: Monika Baark

(c) Eisele

Margaret Laurence ist im deutschsprachigen Raum den wenigsten ein Begriff. Unter den kanadischen Autorinnen sind es vor allem Margaret Atwood, und Alice Munro, die sich in unseren Breitengraden einen Namen gemacht haben. Mit der Neuübersetzung von Laurences Romans "Der steinerne Engel" der 1964 erstmals in Kanada erschienen ist, gelangt nun aber ein Klassiker der kanadischen Literatur in unser Blickfeld. "Eine ungewöhnliche intellektuelle Frauengeschichte" sei damit zu entdecken, so die Süddeutsche Zeitung über den Roman, der eine schroffe, lebensstarke 90jährige zu seiner Hauptfigur macht. Hagar Chipley, so ihr Name, droht die Abschiebung ins Altersheim. Das Leben unter einem Dach mit Sohn und Schwiegertochter in der kanadischen Provinz wird zunehmend unerträglich. Hagar, die sich bereits als junge Frau dem Willen des Vaters widersetzt hat, gibt sich auch im Alter kämpferisch. Am Sterbebett resümiert sie ihr Leben, und stellt Versuche später Selbsterkenntnis an. Laurence stattet ihre Erzählerin mit einer Sprache aus, voll Schärfe und Witz, die ihre Verachtung für die Welt bestens zum Ausdruck bringt.

8. ex aequo: Philippe Sands (14 Punkte)

"Die Rattenlinie", S. Fischer
Übersetzung: Thomas Bertram

(c) S. Fischer

Mit der titelgebenden "Rattenlinie" in Philippe Sands neuem Roman ist eine Fluchtroute gemeint, die es nach dem zweiten Weltkrieg zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hat: über Italien und Spanien gelang es einigen nationalsozialistischen Kriegsverbrechern nach Lateinamerika zu fliehen und sich der Strafverfolgung zu entziehen. Sands, Jurist und Völkerrechtsexperte, erzählt von einem, der es nicht geschafft hat: Otto Wächter. Zwar kann der SS-Mann und Hauptverantwortliche für die Ermordung hunderttausender Juden in Polen und Galizien nach dem Krieg einen Platz auf der Warteliste für die unrühmliche Route ergattern, doch soweit kommt es nicht mehr: Wächter stirbt 1949 in Rom – unter falschem Namen und rätselhaften Umständen. In seinem Buch versucht Sands die Geschichte hinter Wächter Schritt für Schritt zu rekonstruieren, stöbert in Akten und nimmt Kontakt zu Wächters Sohn Horst auf, der die Schuld seines Vaters nicht einsehen möchte.

10. Leonardo Sciascia (11 Punkte) NEU

"Ein Sizilianer von festen Prinzipien", Edition Converso
Übersetzung: Monika Lustig und Michael Kraus

(c) Edition Converso

Sozialkritik auf sizilianisch, so könnte man das Werk des 1989 verstorbenen italienischen Autor Leonardo Sciascia unter einem Schlagwort zusammenfassen. Zum 100. Geburtstag wurde ein Sammelband mit dem Titel "Ein Sizilianer von festen Prinzipien" veröffentlicht. Darin enthalten sind essayistische und historische Erzählungen, darunter zwei erstmals auf Deutsch erschienene Titel: "Tod des Inquisitors" und "Der Mann mit der Sturmmaske". Sciascia wurde als einer der ersten Autoren international bekannt, der die Mafia und ihre Strukturen zum literarischen Gegenstand machte. Die Macht des Staates, des Geldes und des Klerus sind wiederkehrende Themen seiner Prosa, auch der Ausbeutung der Arbeiter in den Schwefelminen nimmt er sich literarisch an. Bekannt wurde Sciascia mit Sizilien-Krimis, später sind es literarische Chroniken, mittels derer er die Kontinuität der Verhältnisse in Sizilien beschreibt. "Siziliens Pasolini" wählt eine "nüchtern klare, von historischem und politischem Wissen grundierte Sprache, deren Poesie in der Präzision und klug gesetzten Lakonik liegt". (Tagesspiegel)

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