Die besten 10 im Jänner 2021

1. Karl-Markus Gauß (28 Punkte)

"Die unaufhörliche Wanderung", Zsolnay

(c) Zsolnay

In seinem letzten Buch "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer" hat Karl-Markus Gauß die Lesenden von seinem Zuhause aus durch die Welt geführt – an Hand der Geschichten von Gegenständen, die sich in seinem Zimmer befinden. Sein neues Buch "Die unaufhörliche Wanderung" liest sich beinahe wie ein Komplementärstück dazu. Hier führt der Weg aus dem Zimmer hinaus in die Welt: beim Lesen heftet man sich an die Fersen des ruhelosen Schriftstellers und reist mit ihm quer durch Europa. Etwa ins albanische Berat, wo er einen muslimischen Sommelier trifft und zu hören bekommt, wie die Stadtbevölkerung seinerzeit die jüdischen Bewohner vor der Wehrmacht gerettet hat: indem man sie zu sich nach Hause geholt und als Familie ausgegeben hat. Oder nach Odessa, wo sich Gauß über das rücksichtlose Fahrverhalten einiger Geländewagen wundert – um schließlich zu erfahren, dass eine 777 im Autokennzeichen auf wundersame Weise vor strafrechtlicher Verfolgung schützt.
Egal wohin es Karl-Markus Gauß verschlägt: er sieht genau hin, hört aufmerksam zu und denkt sorgfältig nach. Und wir mit ihm.

2. Gabriel Josipovici (22 Punkte)

"Wohin gehst du, mein Leben?", Jung und Jung
Übersetzung: Jochen Jung

Jung und Jung

Die Handlung des neuen Romans des britischen Schriftstellers Gabriel Josipovici lässt sich denkbar kurz zusammenfassen: ein namenloser Erzähler berichtet aus seinem Leben und dessen verschiedenen Stationen: Nach dem Tod der ersten Frau zog es ihn von London nach Paris, mit der zweiten Frau schließlich von Paris weiter nach Wales. Er sei ein Gewohnheitsmensch, betont er immer wieder, alles was er tue – übersetzen, den hohen Künsten frönen – habe er immer schon so gemacht. Es ist die neurotische Wiederholung dieses Credos und die nicht chronologische Wiedergabe der Ereignisse, die das Erzählte brüchig werden lässt. Das Misstrauen gegenüber dem Erzähler wächst mit jeder Seite – was genau ist mit der ersten Frau eigentlich passiert? Gab es sie denn überhaupt wirklich? Auf genauso humorvolle wie rätselhafte Art verdeutlicht Gabriel Josipovici, dass hinter einer Lebenserzählung oft mehr steckt, als man eigentlich preisgeben möchte.

3. Ayad Akhtar (18 Punkte)

"Homeland Elegien", Claassen
Übersetzung: Dirk van Gunsteren

(c) Claassen

Mit seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Theaterstück "Geächtet" ist dem amerikanischen Schriftsteller Ayad Akhtar 2013 der internationale Durchbruch gelungen. Ebenso wie das Stück geht sein Roman "Homeland Elegien" der Frage nach, was es bedeutet, in den USA mit muslimischen Background zu leben – ausgehend von der eigenen Familiengeschichte. Akhtar wurde 1970 als Sohn pakistanischer Einwanderer in Long Island geboren, er bezeichnet sich als muslimisch geprägt und gehört gleichzeitig einer säkularen intellektuellen Elite an. Ambivalenzen wie diese ziehen sich durch die gesamte Familie: vom Vater, der Trump gewählt hat, bis hin zur Tante, die Rotwein liebt, aber Rushdies "Satanische Verse" für Blasphemie hält. Die Geschichten sind Teil eines anspruchsvollen Verwirrspiels zwischen Fakt und Fiktion, denn obgleich Erzähler und Autor denselben Namen tragen: deckungsgleich sind sie keineswegs. Ayad Akhtars "Homeland Elegien" sind keine Autobiographie: vielmehr geht es darum, den "Big American Dream" als das zu entlarven, was er für Einwanderer und Eingesessene gleichermaßen geworden ist: eine große Illusion.

4. Jana Volkmann (17 Punkte)

"Auwald", Verbrecher

(c) Verbrecher Verlag

Von der Schriftstellerin Jana Volkmann wird man in den nächsten Jahren noch viel hören: darin sind sich Insider einig: die 1983 in Kassel geborene und in Wien lebende Autorin hat mit ihrem kürzlich erschienenen ersten Roman mit dem Titel "Auwald" viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wurde dafür mit dem begehrten Förderpreis zum Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Es ist eine junge Tischlerin, die Jana Volkmann ins Zentrum ihres Debütromans stellt: eine, die unverhofft, ohne große Not, aufbricht ins Ungewisse aus ihrem mehr oder minder intakten, privilegierten Leben in Wien. Sie besteigt ein Schiff nach Bratislava, gerät unversehens in die Natur. "Auwald" ist ein Roman über Möglichkeiten der Selbstermächtigung in feindseligen Zeiten - ein genaues Buch, das einem Halt gibt, gerade indem es von einer sehr grundlegenden Haltlosigkeit erzählt.

5. Gustave Flaubert (14 Punkte) NEU

"Lehrjahre der Männlichkeit", Hanser
Übersetzung: Elisabeth Edl

(c) Hanser Verlag

Mit "Madame Bovary" war Gustave Flaubert schon zu Lebzeiten ein Klassiker gelungen, seine "Education Sentimentale" von 1869 fiel hingegen bei den Zeitgenossen durch. Zu mittelmäßig, zu durchschnittlich war ihnen Frédéric Moreau, der Held dieses Anti-Bildungsromans. Ziellos und zaudernd geht Flauberts Figur durch seine Jugendjahre im Paris rund um das Revolutionsjahr 1848, um am Ende nichts erreicht zu haben und niemand geworden zu sein. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man die Anziehungskraft der Figur des gesellschaftlichen Niemands, Kafka etwa nannte den Roman einen der wichtigsten seines Lebens. Der Titel kennt im deutschen vielerlei Versionen: "Lehrjahre des Gefühls" und "Erziehung des Herzens" zählen zu den bekanntesten. Elisabeth Edl hat für ihre Neuübersetzung, die sich stark am Original orientiert und Flauberts boshaften Witz meisterlich ins Deutsche überträgt, den Titel "Lehrjahre der Männlichkeit" gewählt.

6. Richard Ford (13 Punkte)

"Irische Passagiere", Hanser Berlin
Übersetzung: Frank Heibert

(c) Hanser Berlin

Richard Ford gehört zu den wichtigsten Gegenwartsautoren der USA. Für seinen Roman "Unabhängigkeitstag" wurde ihm 1996 der Pulitzerpreis verliehen, nun ist ein neuer Kurzgeschichtenband unter dem Titel "Irische Passagiere" erschienen. Irland zieht sich durch die Geschichten wie ein roter Faden, mal durch die Herkunft der Figuren, mal durch ihre Reiseziele – thematisch bleibt die Insel jedoch im Hintergrund. Vielmehr geht es in den insgesamt 9 Geschichten um Menschen, die in ihrem Leben einmal die falsche Abzweigung genommen haben, oder einfach Pech hatten. Ein Seitensprung, eine plötzliche Krankheit, der Verlust eines Familienmitglieds: alles kann so schnell gehen und danach bleibt man auf sich selbst geworfen zurück. Richard Ford stellt die menschlichen Schwächen ins Zentrum seines Schreibens, ohne seinen Figuren dabei ihre Würde zu nehmen.

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7. Philippe Sands (12 Punkte) NEU

"Die Rattenlinie", S. Fischer
Übersetzung: Thomas Bertram

(c) S. Fischer

Mit der titelgebenden "Rattenlinie" in Philippe Sands neuem Roman ist eine Fluchtroute gemeint, die es nach dem zweiten Weltkrieg zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hat: über Italien und Spanien gelang es einigen nationalsozialistischen Kriegsverbrechern nach Lateinamerika zu fliehen und sich der Strafverfolgung zu entziehen. Sands, Jurist und Völkerrechtsexperte, erzählt von einem, der es nicht geschafft hat: Otto Wächter. Zwar kann der SS-Mann und Hauptverantwortliche für die Ermordung hunderttausender Juden in Polen und Galizien nach dem Krieg einen Platz auf der Warteliste für die unrühmliche Route ergattern, doch soweit kommt es nicht mehr: Wächter stirbt 1949 in Rom – unter falschem Namen und rätselhaften Umständen. In seinem Buch versucht Sands die Geschichte hinter Wächter Schritt für Schritt zu rekonstruieren, stöbert in Akten und nimmt Kontakt zu Wächters Sohn Horst auf, der die Schuld seines Vaters nicht einsehen möchte.

8. Ali Smith (11 Punkte)

"Winter", Luchterhand
Übersetzung: Silvia Morawetz

(c) Luchterhand

Nach "Herbst" liegt mit "Winter" nun der zweite Band von Ali Smiths Jahreszeitenzyklus auf Deutsch vor. Das Romanprojekt ist fest in der Gegenwart verankert: während "Herbst" die emotionalen Folgen des Brexits in den Mittelpunkt stellte, kreist "Winter" um die Folgen der Flüchtlingskrisen, die Präsidentschaft Trumps, die Klimakrise und die Gräben, die sich durch die britische Gesellschaft ziehen. Ali Smith verwebt diese Themenkomplexe gekonnt mit der Geschichte eine Familie, die sich – der Jahreszeit entsprechend – zum Weihnachtsessen zusammenfindet. Über die Streitgespräche ihres Figurenarsenals lässt Ali Smith unterschiedlichste Standpunkte zu den großen Themen unserer Zeit in einen Dialog treten und liefert damit ein leichtfüßiges Porträt unserer Gegenwart.

9. David Bröderbauer (10 Punkte) NEU

"Waltauchen", Milena

(c) Milena

Eigentlich arbeitet David Bröderbauer als Botaniker. Die Welt der Tiere prägt allerdings seine Literatur. In "Waltauchen" lässt er seine Hauptfigur, einen Mitt-Dreißiger, über sein Leben als Mann nachdenken und über die Frage, ob er Vater werden könnte. Die Unterwasserwelt ist für den Protagonisten dabei immer wieder ein Zufluchtsort. Für seinen Roman hat der Autor sogar Freitauchen gelernt. "Waltauchen" liest sich wie ein meditativer Tauchgang, eine kluge, poetische Reflexion über das Mann- und Mensch-Sein überhaupt.

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10. Ivo Andrić (8 Punkte) NEU

"Insomnia", Zsolnay
Übersetzung: Michael Martens

(c) Zsolnay

Mit "Im Brand der Welten" hat der Journalist und Übersetzer Michael Martens letztes Jahr die erste deutschsprachige Biographie des jugoslawischen Nobelpreisträgers Ivo Andrić geschrieben. Mit "Insomnia" legt Martens nun eine Erstübersetzung der wohl intimsten autobiographischen Dokumente des Schriftstellers nach: die sogenannten "Nachtgedanken". Sein ganzes Leben lang litt Andrić unter Schlaflosigkeit: die Gedanken, die ihn nachts wachhielten, notierte er sich und verwandelte sie in literarische Miniaturen, die von einer tiefen Melancholie geprägt sind und ums Altern, die Krankheit und die tiefen Selbstzweifel des Autors kreisen. "Wenn man in solchen Nächten wenigstens allein sein könnte“, schreibt Andrić an eine Stelle. "Kein Rummelplatz, keine Kirche, kein Theater ist so lebendig und bevölkert wie diese dunklen Stunden, in denen man schlafen sollte."

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