Die besten 10 im Dezember 2020

1. Clemens J. Setz (26 Punkte)

"Die Bienen und das Unsichtbare", Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Bis heute ist Esperanto die am weitesten verbreitete Kunstsprache weltweit. Für sein Buch "Die Bienen und das Unsichtbare" hat sich der prämierte Schriftsteller Clemens Setz ein Ziel gesetzt: er wollte so viele konstruierte Sprachen wie möglich lernen. Im Buch sprengt Setz jeglichen erzählerischen Rahmen. Er zerrt Absurditäten an die Oberfläche, erstellt Sprachanalysen und lässt dabei viel Autobiographisches einfließen, wie etwa den Sommer, in dem er die Kunstsprache "Volapük" gelernt hat. Angelegt als Weltsprache wurde sie von einem Pfarrer erfunden. Dass Sprache weit mehr ist als Zeichen in regelhafter Anwendung, macht Clemens Setz im Buch deutlich.

2. Karl-Markus Gauß (25 Punkte)

"Die unaufhörliche Wanderung", Zsolnay

(c) Zsolnay

In seinem letzten Buch "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer" hat Karl-Markus Gauß die Lesenden von seinem Zuhause aus durch die Welt geführt – an Hand der Geschichten von Gegenständen, die sich in seinem Zimmer befinden. Sein neues Buch "Die unaufhörliche Wanderung" liest sich beinahe wie ein Komplementärstück dazu. Hier führt der Weg aus dem Zimmer hinaus in die Welt: beim Lesen heftet man sich an die Fersen des ruhelosen Schriftstellers und reist mit ihm quer durch Europa. Etwa ins albanische Berat, wo er einen muslimischen Sommelier trifft und zu hören bekommt, wie die Stadtbevölkerung seinerzeit die jüdischen Bewohner vor der Wehrmacht gerettet hat: indem man sie zu sich nach Hause geholt und als Familie ausgegeben hat. Oder nach Odessa, wo sich Gauß über das rücksichtlose Fahrverhalten einiger Geländewagen wundert – um schließlich zu erfahren, dass eine 777 im Autokennzeichen auf wundersame Weise vor strafrechtlicher Verfolgung schützt.
Egal wohin es Karl-Markus Gauß verschlägt: er sieht genau hin, hört aufmerksam zu und denkt sorgfältig nach. Und wir mit ihm.

3. Richard Ford (17 Punkte) NEU

"Irische Passagiere", Hanser Berlin
Übersetzung: Frank Heibert

(c) Hanser Verlag

Richard Ford gehört zu den wichtigsten Gegenwartsautoren der USA. Für seinen Roman "Unabhängigkeitstag" wurde ihm 1996 der Pulitzerpreis verliehen, nun ist ein neuer Kurzgeschichtenband unter dem Titel "Irische Passagiere" erschienen. Irland zieht sich durch die Geschichten wie ein roter Faden, mal durch die Herkunft der Figuren, mal durch ihre Reiseziele – thematisch bleibt die Insel jedoch im Hintergrund. Vielmehr geht es in den insgesamt 9 Geschichten um Menschen, die in ihrem Leben einmal die falsche Abzweigung genommen haben, oder einfach Pech hatten. Ein Seitensprung, eine plötzliche Krankheit, der Verlust eines Familienmitglieds: alles kann so schnell gehen und danach bleibt man auf sich selbst geworfen zurück. Richard Ford stellt die menschlichen Schwächen ins Zentrum seines Schreibens, ohne seinen Figuren dabei ihre Würde zu nehmen.

4. Kurt Drawert (14 Punkte) NEU

"Dresden. Die zweite Zeit", C.H. Beck

(c) C.H.Beck

Der in der DDR aufgewachsene Schriftsteller Kurt Drawert verfolgt in seinem Schreiben einen radikal autobiographischen Zugang. Im Zentrum seiner Auseinandersetzung steht die eigene Familiengeschichte und das Aufwachsen im Osten. In "Dresden. Die zweite Zeit" kehrt der Autor in die Stadt seiner Kindheit zurück. 1985 hatte er Dresden verlassen, nun verschlägt es ihn als Stadtschreiber zurück an einen Ort, der ihm fremd und vertraut zugleich ist. "Ich suche etwas, von dem ich nur weiß, dass es mir fehlt" lautet der erste Satz dieses Romans, der die Gattungsgrenzen zu Gunsten von essayistisch-analytischen Passagen gerne ausreizt. Kurt Drawert lässt die eigene Geschichte, die eng mit der Geschichte der Stadt verwoben ist, Revue passieren. Die schwierige Beziehung zum Vater, der in der DDR Kriminalbeamter war und dem Sohn auch Repräsentant dieses Staates ist, die ungelösten Fragen nach Tätern und Opfern, die politisch aufgeladene Stimmung in der Stadt heute: Drawert ist in dem Roman auf der Suche nach einer Sprache für diese Konflikte, an der er die Lesenden eindrucksvoll teilhaben lässt.

5. ex aequo: Ayad Akhtar (12 Punkte)

"Homeland Elegien", Claassen
Übersetzung: Dirk van Gunsteren

(c) Claasen

Mit seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Theaterstück "Geächtet" ist dem amerikanischen Schriftsteller Ayad Akhtar 2013 der internationale Durchbruch gelungen. Ebenso wie das Stück geht sein Roman "Homeland Elegien" der Frage nach, was es bedeutet, in den USA mit muslimischen Background zu leben – ausgehend von der eigenen Familiengeschichte. Akhtar wurde 1970 als Sohn pakistanischer Einwanderer in Long Island geboren, er bezeichnet sich als muslimisch geprägt und gehört gleichzeitig einer säkularen intellektuellen Elite an. Ambivalenzen wie diese ziehen sich durch die gesamte Familie: vom Vater, der Trump gewählt hat, bis hin zur Tante, die Rotwein liebt, aber Rushdies "Satanische Verse" für Blasphemie hält. Die Geschichten sind Teil eines anspruchsvollen Verwirrspiels zwischen Fakt und Fiktion, denn obgleich Erzähler und Autor denselben Namen tragen: deckungsgleich sind sie keineswegs. Ayad Akhtars "Homeland Elegien" sind keine Autobiographie: vielmehr geht es darum, den "Big American Dream" als das zu entlarven, was er für Einwanderer und Eingesessene gleichermaßen geworden ist: eine große Illusion.

5. ex aequo: Roberta Dapunt (12 Punkte) NEU

"die krankheit wunder | le beatitudini della malattia", Folio

(c) Folio

Auf einem Bauernhof in den Südtiroler Alpen lebt und schreibt die ladinisch-italienische Lyrikerin Roberta Dapunt. In ihrem letzten Gedichtband "Nauz" stellte sie das Leben auf dem Land in den Mittelpunkt, zwischen Heu und Schweineblut – und jenseits romantischer Naturvorstellungen. Die Gedichte in ihrem neuen Band "die krankheit wunder / la beatitudini della malattia" kreisen um das Thema Demenz. Das lyrische Ich befindet sich darin im Zwiegespräch mit Uma (was auf Ladinisch "Mutter" bedeutet), mit einem Du, von dem keine Antwort mehr kommt: Der Mensch wird durch die Krankheit zu einem Anderen, Schritt für Schritt wird der Austausch schwieriger, bis er unmöglich zu werden scheint. Übersetzt wurden die schlichten, ohne große Symbolik auskommenden Gedichte von dem Wiener Übersetzungskollektiv Versatorium.

7. Ali Smith (10 Punkte) NEU

"Winter", Luchterhand
Übersetzung: Silvia Morawetz

(c) Luchterhand

Nach "Herbst" liegt mit "Winter" nun der zweite Band von Ali Smiths Jahreszeitenzyklus auf Deutsch vor. Das Romanprojekt ist fest in der Gegenwart verankert: während "Herbst" die emotionalen Folgen des Brexits in den Mittelpunkt stellte, kreist "Winter" um die Folgen der Flüchtlingskrisen, die Präsidentschaft Trumps, die Klimakrise und die Gräben, die sich durch die britische Gesellschaft ziehen. Ali Smith verwebt diese Themenkomplexe gekonnt mit der Geschichte eine Familie, die sich – der Jahreszeit entsprechend – zum Weihnachtsessen zusammenfindet. Über die Streitgespräche ihres Figurenarsenals lässt Ali Smith unterschiedlichste Standpunkte zu den großen Themen unserer Zeit in einen Dialog treten und liefert damit ein leichtfüßiges Porträt unserer Gegenwart.

8. ex aequo: Georg Trakl (8 Punkte)

"Dichtungen und Briefe", Otto Müller

(c) Otto Müller

Drogensucht, Kriegstrauma, Selbstmord: in der kurzen Schaffensphase des früh verstorbenen Dichters Georg Trakl sind zahlreiche Gedichte von Weltrang entstanden. Vor einem halben Jahrhundert ist die erste und bis vor kurzem auch die letzte historisch-kritische Ausgabe mit Dichtungen und Briefen des weltberühmten Dichters erschienen. Nun hat der Leiter der Georg-Trakl-Forschungs-, und Gedenkstätte in Salzburg Hans Weichselbaum eine neue umfangreiche Ausgabe mit zeitgemäßen Ergänzungen und bisher unveröffentlichten Gedichten und Briefen herausgegeben. Darunter befinden sich 15 Gedichte der "Sammlung Richard Buhlig" oder etwa das Gedicht "Hölderlin", das vor wenigen Jahren von einem Wiener Antiquariat bei der Auflösung einer privaten Bibliothek entdeckt wurde.
Viele seiner Texte erzählen vom Entzweibrechen einer Welt als individuelle Erfahrung des Autors. Die Trakl-Preisträgerin Ilse Aichinger hat beschrieben, wie Trakl den Schmerz verwandeln konnte: "Von der Süße der traurigen Kindheit bis zu den zerfetzten Rändern seiner Existenz hat die Angst ihn nie verlassen."

8. ex aequo: Jana Volkmann (8 Punkte) NEU

"Auwald", Verbrecher

(c) Verbrecher

Von der Schriftstellerin Jana Volkmann wird man in den nächsten Jahren noch viel hören: darin sind sich Insider einig: die 1983 in Kassel geborene und in Wien lebende Autorin hat mit ihrem kürzlich erschienenen ersten Roman mit dem Titel "Auwald" viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wurde dafür mit dem begehrten Förderpreis zum Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Es ist eine junge Tischlerin, die Jana Volkmann ins Zentrum ihres Debütromans stellt: eine, die unverhofft, ohne große Not, aufbricht ins Ungewisse aus ihrem mehr oder minder intakten, privilegierten Leben in Wien. Sie besteigt ein Schiff nach Bratislava, gerät unversehens in die Natur. "Auwald" ist ein Roman über Möglichkeiten der Selbstermächtigung in feindseligen Zeiten - ein genaues Buch, das einem Halt gibt, gerade indem es von einer sehr grundlegenden Haltlosigkeit erzählt.

8. ex aequo: Stefanie Sargnagel (8 Punkte) NEU

"Dicht", Rowohlt Hundert Augen

(c) Rowohlt Hundert Augen

Seit sie 15 ist, veröffentlicht Stefanie Sargnagel im Internet. Mit Status-Updates auf den verschiedenen Social Media-Kanälen hat sie sich eine Fangemeinde im gesamten deutschsprachigen Raum erschrieben, und auch den einen oder anderen Skandal beim Boulevard losgetreten. Jetzt hat sich Sargnagel erstmals im literarischen Langformat versucht und einen Roman veröffentlicht. In "Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin" erzählt sie von ihren anarchischen Jugendjahren zwischen 15 und 20. Sargnagels Gespür für Milieus und Idiome, ihr unvoreingenommener Blick für abweichende Lebensentwürfe, und ihre Vorliebe für alltägliche Skurrilitäten - all das zeichnet nicht nur ihre Kurztexte, sondern auch ihren Debütroman aus. "Dicht" ist literarische Großstadtanthropologie, ein Plädoyer für Zeitverschwendung und eine Liebeserklärung an die Freundschaft.