Die besten 10 im November 2020

1. Clemens J. Setz (38 Punkte) NEU

"Die Bienen und das Unsichtbare", Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Bis heute ist Esperanto die am weitesten verbreitete Kunstsprache weltweit. Für sein Buch "Die Bienen und das Unsichtbare" hat sich der prämierte Schriftsteller Clemens Setz ein Ziel gesetzt: er wollte so viele konstruierte Sprachen wie möglich lernen. Im Buch sprengt Setz jeglichen erzählerischen Rahmen. Er zerrt Absurditäten an die Oberfläche, erstellt Sprachanalysen und lässt dabei viel Autobiographisches einfließen, wie etwa den Sommer, in dem er die Kunstsprache "Volapük" gelernt hat. Angelegt als Weltsprache wurde sie von einem Pfarrer erfunden. Dass Sprache weit mehr ist als Zeichen in regelhafter Anwendung, macht Clemens Setz im Buch deutlich.

2. Georg Trakl (27 Punkte)

"Dichtungen und Briefe", Otto Müller

(c) Otto Müller Verlag

Drogensucht, Kriegstrauma, Selbstmord: in der kurzen Schaffensphase des früh verstorbenen Dichters Georg Trakl sind zahlreiche Gedichte von Weltrang entstanden. Vor einem halben Jahrhundert ist die erste und bis vor kurzem auch die letzte historisch-kritische Ausgabe mit Dichtungen und Briefen des weltberühmten Dichters erschienen. Nun hat der Leiter der Georg-Trakl-Forschungs-, und Gedenkstätte in Salzburg Hans Weichselbaum eine neue umfangreiche Ausgabe mit zeitgemäßen Ergänzungen und bisher unveröffentlichten Gedichten und Briefen herausgegeben. Darunter befinden sich 15 Gedichte der "Sammlung Richard Buhlig" oder etwa das Gedicht "Hölderlin", das vor wenigen Jahren von einem Wiener Antiquariat bei der Auflösung einer privaten Bibliothek entdeckt wurde.
Viele seiner Texte erzählen vom Entzweibrechen einer Welt als individuelle Erfahrung des Autors. Die Trakl-Preisträgerin Ilse Aichinger hat beschrieben, wie Trakl den Schmerz verwandeln konnte: "Von der Süße der traurigen Kindheit bis zu den zerfetzten Rändern seiner Existenz hat die Angst ihn nie verlassen."

3. ex aquo: David Grossman (12 Punkte)

"Was Nina wusste", Hanser

(c) Hanser Verlag

Der preisgekrönte israelische Schriftsteller David Grossmann zählt zu den großen Erzählern der Gegenwart. Sein neuer Roman "Was Nina wusste" wird vom Feuilleton gefeiert. Grossman greift die wahre Geschichte einer jugoslawischen Partisanin unter Tito auf. Ausgangspunkt ist die Gefängnis- Insel Goli Otok vor der kroatischen Küste. Hier wird die jüdische Partisanin Vera unter grausamsten Haftbedingungen gefangen gehalten. David Grossman erzählt von der Verkettung dreier Frauen. Er spannt einen weiten Bogen vom heutigen Israel nach Jugoslawien und tief in die Psyche seiner Protagonistinnen. wie unverarbeitete Traumata Beziehungen über Generationen vergiften können, davon zeugt der Roman.

3. ex aquo: Deniz Ohde (12 Punkte) NEU

"Streulicht", Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Mit "Streulicht" hat die bisher weitgehend unbekannte Schriftstellerin Deniz Ohde ein beachtliches Debut vorgelegt: Der Roman wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet, war auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wird von der Kritik einhellig gelobt. Das mag auch daran liegen, dass die Autorin darin ein Milieu zugänglich macht, in das die deutschsprachige Literatur bislang nur selten in dieser Qualität Einblicke gewährt hat: die sogenannten "bildungsfernen Schichten". Schauplatz der Handlung ist ein trister Industrievorort der Metropole Frankfurt am Main: Zwischen dysfunktionalen Familienstrukturen und einem nicht weniger dysfunktionalen Bildungssystem versucht die namenlose Ich-Erzählerin ihren Platz in einem Land zu finden, das sie trotz einer deutschen Mutter und eines deutschen Passes mit dem "K-Wort" abstempelt.

3. ex aquo: Lydia Davis (12 Punkte)

"Es ist, wie’s ist", Droschl
Übersetzung: Klaus Hoffer

(c) Droschl

Die amerikanische Autorin Lydia Davis gilt als die Großmeisterin der Kurz- und Kürzestgeschichte, das beweist auch eine ihrer frühen Erzählsammlungen von 1986, die nun erstmals auf Deutsch vorliegt. "Es ist, wie’s ist" versammelt 34 Kurzgeschichten auf nur 167 Seiten. Abgründig-komisch, melancholisch und rätselhaft muten ihre kurzen Alltagssequenzen an, in denen sich doch immer das große Welttheater abspielt. So etwa in der Erzählung "Mr. Burdoffs Besuch in Deutschland", indem der besagte Mr. Burdoff nach Köln reist, um einen Sprachkurs zu belegen, sich verliebt und wieder verlassen wird. Vom Schmerz, der sich einstellt, wenn man sich auf einen anderen Menschen einlässt, von schlaflosen Nächten, sprachtheoretischen Verirrungen, davon, unter anderem, handelt Lydia Davis Erzählen.

6. Karl-Markus Gauß (11 Punkte) NEU

"Die unaufhörliche Wanderung", Zsolnay

(c) Zsolnay

In seinem letzten Buch "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer" hat Karl-Markus Gauß die Lesenden von seinem Zuhause aus durch die Welt geführt – an Hand der Geschichten von Gegenständen, die sich in seinem Zimmer befinden. Sein neues Buch "Die unaufhörliche Wanderung" liest sich beinahe wie ein Komplementärstück dazu. Hier führt der Weg aus dem Zimmer hinaus in die Welt: beim Lesen heftet man sich an die Fersen des ruhelosen Schriftstellers und reist mit ihm quer durch Europa. Etwa ins albanische Berat, wo er einen muslimischen Sommelier trifft und zu hören bekommt, wie die Stadtbevölkerung seinerzeit die jüdischen Bewohner vor der Wehrmacht gerettet hat: indem man sie zu sich nach Hause geholt und als Familie ausgegeben hat. Oder nach Odessa, wo sich Gauß über das rücksichtlose Fahrverhalten einiger Geländewagen wundert – um schließlich zu erfahren, dass eine 777 im Autokennzeichen auf wundersame Weise vor strafrechtlicher Verfolgung schützt.
Egal wohin es Karl-Markus Gauß verschlägt: er sieht genau hin, hört aufmerksam zu und denkt sorgfältig nach. Und wir mit ihm.

7. ex aquo: Annie Ernaux (10 Punkte)

"Die Scham", Suhrkamp
Übersetzung: Sonja Finck

(c) Suhrkamp

In Frankreich gilt Annie Ernaux seit Jahrzehnten als Ikone. Von Schriftstellerkollegen wie Didier Eribon, Edouard Louis und Nicolas Mathieu wird sie verehrt: ihr radikal autobiographisches Schreiben war programmatisch für eine Traditionslinie innerhalb der französischen Literatur, die die soziale Ungleichheit im Land literarisch seziert. Vor ein paar Jahren hat der Suhrkamp-Verlag begonnen, Ernauxs Werk systematisch ins Deutsche zu übersetzen, diesen Herbst erschien "Die Scham" (im Original 1997 veröffentlicht). Annie Ernaux setzt hier ein traumatisches Ereignis ihrer Kindheit an den Beginn der Erzählung: In einem Wutanfall hatte der Vater versucht, die Mutter umzubringen. Ernaux reist gedanklich zurück zu dieser Episode, womit nicht nur die unverarbeitete Gewalterfahrung ans Tageslicht tritt, sondern das Spannungsfeld, indem die Familie lebte: Die hartarbeitenden Eltern, Getriebene der Angst vor dem sozialen Abstieg, und die junge Annie, deren Erfolg in der Schule ein anderes, "besseres" Leben ankündigt.

7. ex aquo: Christine Wunnicke (10 Punkte) NEU

"Die Dame mit der bemalten Hand", Berenberg

(c) Berenberg

In ihrer Literatur stellt die deutsche Schriftstellerin Christine Wunnicke immer wieder eine Vorliebe für exzentrische Figuren der Weltgeschichte unter Beweis. Der neue Roman "Die Dame mit der bemalten Hand" folgt den Spuren des deutschen Mathematikers und Kartografen Carsten Niebuhr: Im Jahre 1761 wurde dieser auf eine Forschungsexpedition Richtung Orient geschickt, um die Schauplätze der Bibel (wie zum Beispiel den Ort der Teilung des roten Meeres) kartografisch zu erfassen. Statt in Arabien landet Niebuhr jedoch auf Elephanta, einer struppigen Insel nahe Mumbai. Dort lässt ihn Christine Wunnicke auf einen persischen Gelehrten treffen, der den Deutschen vor dem Dahinraffen an Malaria rettet. Es entspinnt sich ein kurzweiliger Dialog, der weniger auf das Bauen von interkulturellen Brücken setzt, als auf den Witz, der zwischen zwei Menschen entsteht, die sich mehr schlecht als recht verständigen können.

9. ex aquo: Ayad Akhtar (8 Punkte) NEU

"Homeland Elegien", Claassen
Übersetzung: Dirk van Gunsteren

(c) Claassen

Mit seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Theaterstück "Geächtet" ist dem amerikanischen Schriftsteller Ayad Akhtar 2013 der internationale Durchbruch gelungen. Ebenso wie das Stück geht sein Roman "Homeland Elegien" der Frage nach, was es bedeutet, in den USA mit muslimischen Background zu leben – ausgehend von der eigenen Familiengeschichte. Akhtar wurde 1970 als Sohn pakistanischer Einwanderer in Long Island geboren, er bezeichnet sich als muslimisch geprägt und gehört gleichzeitig einer säkularen intellektuellen Elite an. Ambivalenzen wie diese ziehen sich durch die gesamte Familie: vom Vater, der Trump gewählt hat, bis hin zur Tante, die Rotwein liebt, aber Rushdies "Satanische Verse" für Blasphemie hält. Die Geschichten sind Teil eines anspruchsvollen Verwirrspiels zwischen Fakt und Fiktion, denn obgleich Erzähler und Autor denselben Namen tragen: deckungsgleich sind sie keineswegs. Ayad Akhtars "Homeland Elegien" sind keine Autobiographie: vielmehr geht es darum, den "Big American Dream" als das zu entlarven, was er für Einwanderer und Eingesessene gleichermaßen geworden ist: eine große Illusion.

9. ex aquo: Gabriel Josipovici (8 Punkte) NEU

"Wohin gehst du, mein Leben?", Jung und Jung
Übersetzung: Jochen Jung

(c) Jung und Jung

Die Handlung des neuen Romans des britischen Schriftstellers Gabriel Josipovici lässt sich denkbar kurz zusammenfassen: ein namenloser Erzähler berichtet aus seinem Leben und dessen verschiedenen Stationen: Nach dem Tod der ersten Frau zog es ihn von London nach Paris, mit der zweiten Frau schließlich von Paris weiter nach Wales. Er sei ein Gewohnheitsmensch, betont er immer wieder, alles was er tue – übersetzen, den hohen Künsten frönen – habe er immer schon so gemacht. Es ist die neurotische Wiederholung dieses Credos und die nicht chronologische Wiedergabe der Ereignisse, die das Erzählte brüchig werden lässt. Das Misstrauen gegenüber dem Erzähler wächst mit jeder Seite – was genau ist mit der ersten Frau eigentlich passiert? Gab es sie denn überhaupt wirklich? Auf genauso humorvolle wie rätselhafte Art verdeutlicht Gabriel Josipovici, dass hinter einer Lebenserzählung oft mehr steckt, als man eigentlich preisgeben möchte.

9. ex aquo: Iris Hanika (8 Punkte)

"Echos Kammern", Droschl

(c) Droschl

Es ist der Mythos des schönen Jünglings Narziss und der Nymphe Echo, den Iris Hanika in ihrem neuen Roman in das 21. Jahrhundert überträgt. Zwischen New York und Berlin verdreht der junge Doktorand Josh gleich zwei nicht mehr ganz so jungen Frauen den Kopf: Sophonisbe ist eine nomadische Lyrikerin, Roxane schreibt Ratgeberliteratur in Berlin. Beide sind fasziniert von den schönen Gesichtszügen und der zuvorkommenden Art des jungen Mannes – doch über seine innere Leere wird beides langfristig nicht hinwegtäuschen können, auch wenn diese blanke Oberfläche die ideale Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse ist. Iris Hanika ist mit "Echos Kammern" eine hinreißende Umwertung des alten Mythos gelungen, die leichtfüßig Themen wie Gentrifizierung, das Altern und Technikkritik in sich aufnimmt.