Die besten 10 im September 2020

1. Lydia Mischkulnig (27 Punkte)

"Die Richterin", Haymon

(c) Haymon Verlag

Eine Richterin ist die Heldin von Lydia Mischkulnigs gleichnamigen Roman. Durch ihre Arbeit am Bundesverwaltungsgericht sieht sich Gabrielle gezwungen insbesondere im Asylbereich Recht zu sprechen. Der Großteil der Fälle betrifft ein Land: Afghanistan. Seit Jahrzehnten kommt das Land am Hindukusch nicht zur Ruhe, mit dem Einmarsch der Russen im Jahr 1979 ist es zum Spielball internationaler politischer Interessen geworden. So wie der Großteil ihrer Kolleginnen hat auch Gabrielle dieses Land nie bereist – sie ist angewiesen auf sich nicht selten widersprechende Expertenmeinungen. Es ist ein brisantes Paradoxon, das Mischkulnig in dem hervorragend recherchierten Roman aufwirft: Die Geflüchteten erzählen von Grausamkeiten, die für unsereins unvorstellbar sind – die Richterin muss jedoch über die Glaubwürdigkeit des Unvorstellbaren urteilen. Diesen Drahtseilakt hat Lydia Mischkulnig virtuos in Literatur verwandelt.

2. Clemens Berger (19 Punkte)

"Der Präsident", Residenz

(c) Residenz Verlag

Es ist eine wahre Geschichte, die Clemens Berger zum Ausgangspunkt seines neuen Romans "Der Präsident" gemacht hat: Julius "Jay" Koch war drei Jahre alt, als sich seine Familie aus dem Burgenland auf in die USA zu machte, um dort ihr Glück zu verdienen. Es folgte eine durchschnittliche amerikanische Einwandererkarriere, bis Jay Koch den ersten Platz bei einem Ronald Reagan Doppelgänger-Contest gewann. Fortan vertrat er den amerikanischen Präsidenten bei allen Auftritten, an denen Reagan nicht teilnehmen konnte (oder wollte).
Clemens Berger spinnt dieses amerikanische Märchen weiter: sein Held Jay Immer genießt sein Dasein als Doppelgänger in vollen Zügen – bis er seine eigene Stimme entdeckt und sich traut, sie zu erheben.

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3. Zsófia Bán (16 Punkte)

"Weiter atmen", Suhrkamp
Übersetzung: Terézia Mora

(c) Suhrkamp

Die ungarische Schriftstellerin Zsófia Bán fühlt sich nicht nur in der Literatur zu Hause: Sie arbeitete als Ausstellungskuratorin, beim Film und auch mit dem Medium der Photographie ist sie bestens vertraut, was sich in ihren Texten durchaus bemerkbar macht: Immer wieder kreisen ihre Essays und Erzählungen um Themen der Visualität, ihr Stil hat etwas Filmisches – so auch die Geschichten in ihrem neuen Erzählband "Weiter atmen". Wie ein Kameraobjektiv richtet Zsófia Bán den erzählerischen Blick auf ihre Umwelt und schärft solange nach, bis auch scheinbar Gegenteiliges in einen poetischen Zusammenhang gesetzt ist. Die Erzählung "Hautatmung" etwa schlägt eine Brücke zwischen Menschen und Fröschen: die einen, heißt es, leben an Land und im Wasser, die anderen gleichzeitig in Gegenwart und Vergangenheit – eben darum seien beide Amphibien.

4. ex aequo: Iris Hanika (15 Punkte)

"Echos Kammern", Droschl

(c) Droschl

Es ist der Mythos des schönen Jünglings Narziss und der Nymphe Echo, den Iris Hanika in ihrem neuen Roman in das 21. Jahrhundert überträgt. Zwischen New York und Berlin verdreht der junge Doktorand Josh gleich zwei nicht mehr ganz so jungen Frauen den Kopf: Sophonisbe ist eine nomadische Lyrikerin, Roxane schreibt Ratgeberliteratur in Berlin. Beide sind fasziniert von den schönen Gesichtszügen und der zuvorkommenden Art des jungen Mannes – doch über seine innere Leere wird beides langfristig nicht hinwegtäuschen können, auch wenn diese blanke Oberfläche die ideale Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse ist. Iris Hanika ist mit "Echos Kammern" eine hinreißende Umwertung des alten Mythos gelungen, die leichtfüßig Themen wie Gentrifizierung, das Altern und Technikkritik in sich aufnimmt.

4. ex aequo: Leander Fischer (15 Punkte) NEU

"Die Forelle", Wallstein

(c) Wallstein

2019 hat der in Oberösterreich geborene Schriftsteller Leander Fischer beim Bachmannpreis gelesen, wo er mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet wurde. Nun ist sein erster Roman erschienen: "Die Forelle" heißt das Buch, das sich einem literarisch eher unterrepräsentierten Thema vornimmt – dem Fliegenfischen. Schauplatz ist die oberösterreichische Provinz der 80er Jahre: Der Musikschullehrer Siegi Heehrmann entdeckt im Umland von Gmunden seine Leidenschaft für diese entschleunigte Sportart – sehr zum Leidwesen des örtlichen Fliegenfischervereins, denen er und seine "zugereisten" Freunde ein Dorn im Auge sind. Bald kommt es zu Auseinandersetzungen, die über die richtigen Fischtechniken hinausgehen: Leander Fischer spinnt das Netz weiter, vom Waldsterben über die Waldheimaffäre bis hin zu einem Staukraftwerk, das die Auenlandschaft bedroht. Ein ebenso sprachgewaltiges wie wahnwitziges Debut.

6. ex aequo: Colum McCann (12 Punkte) NEU

"Apeirogon", Rowohlt
Übersetzung: Volker Oldenburg

(c) Rowohlt

"Apeirogon" erzählt die wahre Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Rami Elhanan ist Israeli und Bassam Aramin Palästinenser. Beide haben ihre Töchter verloren - die eine starb bei einem palästinensischen Selbstmordattentat, die andere durch die Kugel eines israelischen Grenzpolizisten. Seit über 10 Jahren setzen sich die Männer für Frieden in der Nahostregion ein. Der in New York lebende Autor Colum McCann hat die Freundschaft der beiden Männer nun zu Literatur verarbeitet: "Apeirogon" ist ergreifend erzählt und poetisch zugleich. Der Roman verdeutlicht, dass die Wahrheit unendlich viele Seiten hat.

6. ex aequo: Ilija Trojanow (12 Punkte) NEU

"Doppelte Spur", S. Fischer

(c) S. Fischer

Was darf man glauben? Dieser Frage geht der Schriftsteller Ilija Trojanow in seinem neuen Roman "Doppelte Spur" nach. Mit seinen Reportagen, Dokumentationen und Romanen gehört Ilija Trojanow zu den wichtigsten Stimmen der aktuellen Gesellschaftskritik. Im Roman begeben sich zwei investigative Journalisten nach Hinweisen von Whistleblowern auf Spurensuche im Kampf gegen korrupte Machenschaften. Geheimdienste, Politik und Wirtschaft - Trojanow blickt hinter die Fassaden, sein Roman basiert auf akribisch recherchierte Fakten, dementsprechend ernüchternd sind die Zahlen: weniger als ein Prozent der Fälle von Geldwäsche würden geahndet. Welche Konsequenzen dieser Umstand hat, lässt sich im literarisch aufbereiteten Enthüllungsbuch nachlesen. "Was früher ein Tabubruch war, gehört heute zur Normalität", so der Autor.

6. ex aequo: Roberto Calasso (12 Punkte) NEU

"Der Himmlische Jäger", Suhrkamp
Übersetzung: Reimar Klein und Marianne Schneider

(c) Suhrkamp

Der italienische Schriftsteller Roberto Calasso zählt zu den wichtigsten Intellektuellen Europas. Als Verleger des Adelphi Verlags war er mitverantwortlich für die erste kritische Nietzsche-Ausgabe Italiens. Als Essayist und Kulturphilosoph verbindet er griechische Mythologie und europäische Literaturgeschichte, um über die großen Fragen der Menschheit nachzudenken. So auch in seinem jüngsten Text "Der Himmlische Jäger": diesmal ist es die Kluft zwischen Tier und Mensch, die Roberto Calasso interessiert. An deren Anfang, so Calasso, stehe die Beutejagd – der Moment, an dem der Mensch die ihm gefährlichsten Kreaturen nachzuahmen beginnt und so Schritt für Schritt zum "schrecklichsten aller Raubtiere wurde, insofern er als einziges Lebewesen sich auch die eigenen Artgenossen zur Beute macht und selbst ohne Not tötet, mit eigens dafür geschaffenen Mordwerkzeugen." Ein Buch, dass der Debatte um Fleischkonsum und Tierrechte eine neue Perspektive zwischen Anthropologie und Mythos verleiht.

9. Stefan Kutzenberger (11 Punkte) NEU

"Jokerman", Berlin

(c) Berlin Verlag

Dem Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Stefan Kutzenberger könnte man nahezu hellseherische Fähigkeiten nachsagen. Er hatte im Jahr 2016 begonnen, einen Roman zu schreiben, in dem Donald Trump Pärsident wird und Bob Dylan einen Nobelpreis gewinnt. Und noch bevor der Roman fertig ist, wird alles Realität. Jetzt ist auch der Roman fertig: In "Jokerman" schickt der Autor seinen Ich-Erzähler auf den Spuren des legendären Musikers quer über den Globus. Dieser gerät in das Netz einer Bob-Dylan-Geheimgesellschaft, die Donald Trumps Wahl zum Präsidenten verhindern will. Weltpolitik wird bei Kutzenberger zur Bühne für die Fiktion. Mit Jokerman gelingt ihm ein abenteuerlich komischer, rasant erzählter und unterhaltsamer Roman.

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10. John Dos Passos (10 Punkte) NEU

"USA-Trilogie", Rowohlt
Übersetzung: Dirk van Gunsteren, Nikolaus Stingl

(c) Rowohlt

Man könnte sich keinen besseren Moment für eine Neuübersetzung des amerikanischen Schriftstellers John Dos Passos vorstellen: Seine "USA-Trilogie" (sie umfasst die Romane "Der 42. Breitengrad", "1919" und "Das große Geld") hat wie kein zweites literarisches Werk die amerikanische Gesellschaft der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufs Detaillierteste durchleuchtet. Von Westen nach Osten, Süden nach Norden und retour finden die unterschiedlichen sozialen Schichten des Landes Einzug in das Romanprojekt – "Ich hatte das Gefühl, dass alles hineinsollte", hatte der 1970 verstorbene Dos Passos kurz vor seinem Tod gesagt. "USA-Trilogie" ist ein Hymnus auf eine Weltmacht im Werden – und wichtiges Dokument zum Verständnis dessen, was dieser Weltmacht heute wiederfährt.