Die besten 10 im August 2020

1. Iris Hanika (26 Punkte) NEU

"Echos Kammern", Droschl

(c) Droschl

Es ist der Mythos des schönen Jünglings Narziss und der Nymphe Echo, den Iris Hanika in ihrem neuen Roman in das 21. Jahrhundert überträgt. Zwischen New York und Berlin verdreht der junge Doktorand Josh gleich zwei nicht mehr ganz so jungen Frauen den Kopf: Sophonisbe ist eine nomadische Lyrikerin, Roxane schreibt Ratgeberliteratur in Berlin. Beide sind fasziniert von den schönen Gesichtszügen und der zuvorkommenden Art des jungen Mannes – doch über seine innere Leere wird beides langfristig nicht hinwegtäuschen können, auch wenn diese blanke Oberfläche die ideale Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse ist. Iris Hanika ist mit "Echos Kammern" eine hinreißende Umwertung des alten Mythos gelungen, die leichtfüßig Themen wie Gentrifizierung, das Altern und Technikkritik in sich aufnimmt.

2. Zsófia Bán (21 Punkte)

"Weiter atmen", Suhrkamp
Übersetzung: Terézia Mora

(c) Suhrkamp

Die ungarische Schriftstellerin Zsofia Ban fühlt sich nicht nur in der Literatur zu Hause: Sie arbeitete als Ausstellungskuratorin, beim Film und auch mit dem Medium der Photographie ist sie bestens vertraut, was sich in ihren Texten durchaus bemerkbar macht: Immer wieder kreisen ihre Essays und Erzählungen um Themen der Visualität, ihr Stil hat etwas Filmisches – so auch die Geschichten in ihrem neuen Erzählband "Weiter atmen". Wie ein Kameraobjektiv richtet Zsofia Ban den erzählerischen Blick auf ihre Umwelt und schärft solange nach, bis auch scheinbar Gegenteiliges in einen poetischen Zusammenhang gesetzt ist. Die Erzählung "Hautatmung" etwa schlägt eine Brücke zwischen Menschen und Fröschen: die einen, heißt es, leben an Land und im Wasser, die anderen gleichzeitig in Gegenwart und Vergangenheit – eben darum seien beide Amphibien.

3. Georges-Arthur Goldschmidt (16 Punkte)

"Vom Nachexil", Wallstein

(c) Wallstein Verlag

Georges-Arthur Goldschmidt war 10 Jahre alt, als ihn seine Eltern aus Reinbek bei Hamburg ins Exil schickten, um ihn vor den Nazis zu retten: Über Italien floh er schließlich nach Frankreich, wo er seither lebt. Die Auseinandersetzung mit dem Abschied von seinen Eltern, seiner ursprünglichen Herkunftslandschaft markiert das Herz seines Werks - dieses steht in einer Reihe mit Texten von Autoren wie Primo Levi, Edgar Hilsenrath, Albert Drach, Ruth Klüger und vielen anderen mehr. Sein neues Buch "Vom Nachexil" wird sein letztes sein, ließ der inzwischen 92-Jährige verlautbaren. Es ist ein Essay, der um die Frage kreist, was die erzwungene Entwurzelung mit dem Menschen anrichtet – und ein Abgesang auf die Denkfigur der ‚Identität‘, die in der Geschichte schon so oft Verheerendes angerichtet hat.

4. Lydia Mischkulnig (15 Punkte) NEU

"Die Richterin", Haymon

(c) Haymon

Eine Richterin ist die Heldin von Lydia Mischkulnigs gleichnamigen Roman. Durch ihre Arbeit am Bundesverwaltungsgericht sieht sich Gabrielle gezwungen insbesondere im Asylbereich Recht zu sprechen. Der Großteil der Fälle betrifft ein Land: Afghanistan. Seit Jahrzehnten kommt das Land am Hindukusch nicht zur Ruhe, mit dem Einmarsch der Russen im Jahr 1979 ist es zum Spielball internationaler politischer Interessen geworden. So wie der Großteil ihrer Kolleginnen hat auch Gabrielle dieses Land nie bereist – sie ist angewiesen auf sich nicht selten widersprechende Expertenmeinungen. Es ist ein brisantes Paradoxon, das Mischkulnig in dem hervorragend recherchierten Roman aufwirft: Die Geflüchteten erzählen von Grausamkeiten, die für unsereins unvorstellbar sind – die Richterin muss jedoch über die Glaubwürdigkeit des Unvorstellbaren urteilen. Diesen Drahtseilakt hat Lydia Mischkulnig virtuos in Literatur verwandelt.

5. Melitta Breznik (14 Punkte)

"Mutter. Chronik eines Abschieds", Luchterhand

(c) Luchterhand

In "Mutter. Chronik eines Abschieds" widmet sich Melitta Breznik einem Thema, das durch Texte wie etwa Simone de Beauvoirs "Ein sanfter Tod", Annie Ernauxs "Eine Frau" und zuletzt etwa Hélène Cixous‘ "Meine Homère stirbt" zu einem zentralen Topos weiblichen Schreibens geworden ist: Die Konfrontation der Tochter mit dem Ableben der Mutter. Breznik ist dem mehr als gewachsen: Als Ärztin und Psychiaterin hat sie Erfahrung im Umgang mit Todkranken und deren Angehörigen, literarisch zieht sich der Tod wie ein roter Faden durch all ihre Bücher. Und doch spürt man, dass dieser Text ein ganz besonderer, intimer ist. Akribisch dokumentiert die Erzählerin die zwei Monate, die zwischen der aussichtslosen Diagnose und dem Tod der Mutter liegen. Gute wie schlechte Erinnerungen drängen an die Oberfläche, ebenso wie die Überforderung, mit diesem Verlust umzugehen. Melitta Breznik ist ein berührendes Buch gelungen – fern von jeder Betroffenheitsprosa.

6. ex aequo: Anne Carson (12 Punkte) NEU

"Irdischer Durst", Matthes und Seitz
Übersetzung: Marie Luise Knott

(c) Matthes und Seitz

Die kanadische Schriftstellerin Anne Carson zählt zu den bedeutendsten Stimmen der englischsprachigen Gegenwartsliteratur, immer wieder wird sie als Anwärterin auf den Nobelpreis gehandelt. Wie so oft in Carsons Literatur kreist auch "Irdischer Durst" um ihre Arbeit als Altphilologin: Textfragmente des frühgriechischen Dichters Mimnermos stellt die Dichterin an den Anfang – was Übersetzung, was Kommentar, was Dichtung ist, bleibt in dem Buch stets offen – und das ist gut so. Als Klammer für diese in vier Teile gegliederten Prosastücke agiert das Verlorengehen der Worte, das Umherirren in der Sprache. Der Fehler, der Irrtum: Anne Carson weiß ihn so zu nutzen, dass er weiter trägt, als jede in Stein gemeißelte Wahrheit.

6. ex aequo: Clemens Berger (12 Punkte) NEU

"Der Präsident", Residenz

(c) Residenz

Es ist eine wahre Geschichte, die Clemens Berger zum Ausgangspunkt seines neuen Romans „Der Präsident“ gemacht hat: Julius "Jay" Koch war drei Jahre alt, als sich seine Familie aus dem Burgenland auf in die USA zu machte, um dort ihr Glück zu verdienen. Es folgte eine durchschnittliche amerikanische Einwandererkarriere, bis Jay Koch den ersten Platz bei einem Ronald Reagan Doppelgänger-Contest gewann. Fortan vertrat er den amerikanischen Präsidenten bei allen Auftritten, an denen Reagan nicht teilnehmen konnte (oder wollte).
Clemens Berger spinnt dieses amerikanische Märchen weiter: sein Held Jay Immer genießt sein Dasein als Doppelgänger in vollen Zügen – bis er seine eigene Stimme entdeckt und sich traut, sie zu erheben.

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8. Daniel Defoe (10 Punkte) NEU

"Die Pest in London", Jung und Jung
Übersetzung: Rudolf Schaller

(c) Jung und Jung

Der englische Schriftsteller Daniel Defoe ist den meisten wohl durch seinen Abenteuerroman "Robinson Crusoe" bekannt. Ein weltliterarisch nicht weniger bedeutendes Werk ist "Die Pest in London", das beim Jung und Jung-Verlag nun in einer Neuauflage erschienen ist. Es ist ein fiktiver Augenzeugenbericht der großen Pestwelle, die London 1665 heimgesucht hat und in dem Defoe den gesellschaftlichen Ausnahmezustand schildert, der in der Stadt mit mit der Epidemie ausbricht. Defoe selbst hat das Pestjahr nur als Kind miterlebt, erst 60 Jahre später veröffentlichte er den Bericht, den er akribisch recherchiert hatte und der den Lesern und Leserinnen das Gefühl gibt, das Geschehen in Echtzeit mitzuerleben.

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9. Andrzej Stasiuk (8 Punkte)

"Beskiden-Chronik", Suhrkamp
Übersetzung: Renate Schmidgall

(c) Suhrkamp

Andrzej Stasiuk zählt zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen polnischen Literatur, 2016 wurde ihm der österreichische Staatspreis für europäische Literatur verliehen. Sein literarisches Debut hatte Stasiuk 1992 mit "Die Mauern von Hebrun", ein Erzählband, in dem er über die Gewalterfahrungen während seiner Gefängniszeit schrieb – 1980 war er aus der Armee desertiert und musste seine Strafe hinter Gittern verbüßen.
Die "Beskiden-Chronik" liest sich wie eine Rückschau auf das jüngste Jahrzehnt der polnischen Geschichte: zwischen 2013 und 2018 veröffentlichte Andrzej Stasiuk eine Kolumne für die Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny, die er ausgehend von seinem Dorf in den Beskiden (einer Bergregion im Südosten des Landes) schrieb. In poetischen Miniaturen kommentiert Stasiuk das polnische Alltagsleben, die politische Landschaft, aber auch das große Weltgeschehen – und reflektiert darüber, welchen Veränderungen die Zeit diese Dinge unterworfen hat.