Die besten 10 im Juni 2020

1. Xaver Bayer (19 Punkte)

"Geschichten mit Marianne", Jung und Jung

(c) Jung und Jung

Xaver Bayer wird seit vielen Jahren zu den relevantesten österreichischen Autoren seiner Generation gezählt: mit Büchern wie "Die Alaskastraße", "Weiter" oder "Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen" hat er sich sowohl sein Publikum erschrieben als auch die Kritiker begeistert. "Ein Schrifsteller müsse sich mit jedem Buch neu erfinden", meint er. Das versucht er auch mit seinem neuen Werk: "Geschichten mit Marianne" heißt es. Alles dreht sich darin um eine Welt, in der die Hoffnung darauf, es könnte doch besser, gerechter, menschlicher werden auf Erden, längst abgestreift hat. Erbauungsliteratur geht anders - dafür ist die Weltliteraturanschlussfähigkeit durchaus gegeben.

2. ex aequo: Graham Swift (14 Punkte)

"Da sind wir", dtv
Übersetzung: Susanne Höbel

(c) dtv

Graham Swift zählt zu den bedeutendsten Vertretern der britischen Gegenwartsliteratur, mit Romanen wie "Die letzte Runde" oder "Ein Festtag" hat er sich den Ruf eines literarischen Archivars des britischen Alltagslebens eingeholt. Die Handlung seines neuen Romans "Da sind wir" setzt Swift in der Zeit seiner Kindheit an, in dem berühmten englischen Badeort Brighton. Es ist der Sommer des Jahres 1959: In einem kleinen Varieté suchen die vielen Urlaubsgäste der Stadt Zerstreuung, die ihnen "der flinke Jack" mit seinen kunstvollen Stepptänzen, der Zauberer Pablo und dessen bezaubernde Assistentin Eve bieten. Pablo und Jack sind seit ihrer Zeit beim Militär enge Freunde, doch bald finden sie sich in einem Kampf um die betörend Eve wieder, dem sich der Zauberer schließlich auf magische Weise entzieht. Elegant und mindestens genauso zauberhaft wie sein Protagonist erzählt Swift in "Da sind wir" ein Kapitel der britischen Nachkriegszeit.

2. ex aequo: Melitta Breznik (14 Punkte) NEU

"Mutter. Chronik eines Abschieds", Luchterhand

(c) Luchterhand

In "Mutter. Chronik eines Abschieds" widmet sich Melitta Breznik einem Thema, das durch Texte wie etwa Simone de Beauvoirs "Ein sanfter Tod", Annie Ernauxs "Eine Frau" und zuletzt etwa Hélène Cixous‘ "Meine Homère stirbt" zu einem zentralen Topos weiblichen Schreibens geworden ist: Die Konfrontation der Tochter mit dem Ableben der Mutter. Breznik ist dem mehr als gewachsen: Als Ärztin und Psychiaterin hat sie Erfahrung im Umgang mit Todkranken und deren Angehörigen, literarisch zieht sich der Tod wie ein roter Faden durch all ihre Bücher. Und doch spürt man, dass dieser Text ein ganz besonderer, intimer ist. Akribisch dokumentiert die Erzählerin die zwei Monate, die zwischen der aussichtslosen Diagnose und dem Tod der Mutter liegen. Gute wie schlechte Erinnerungen drängen an die Oberfläche, ebenso wie die Überforderung, mit diesem Verlust umzugehen. Melitta Breznik ist ein berührendes Buch gelungen – fern von jeder Betroffenheitsprosa.

2. ex aequo: Jonathan Coe (14 Punkte) NEU

"Middle England", Folio
Übersetzung: Cathrine Hornung, Dieter Fuchs

(c) Folio Verlag

Das titelgebende "Middle England" mit seinen postindustriellen Städten ist der Schauplatz von Jonathan Coes jüngstem Romans. Hier haben besonders viele Menschen für den Brexit gestimmt. Im Buch spürt der Autor der Frage nach, wie es zum Brexit kommen konnte, und wie sich Großbritannien seither verändert hat. Als "Geschmacksverderber" wurde Jonathan Coes Roman bereits bezeichnet - denn nach der Lektüre des Buchs würde einem lange nichts anderes mehr schmecken. Und tatsächlich versteht es der Autor seine Leserschaft in den Bann zu ziehen. "Middle England" ist eine kritische und zugleich einfühlsame Reflexion über die jüngsten politischen Ereignisse des Inselstaats - mit humorvollem Unterton.

5. Karin Peschka (13 Punkte)

"Putzt euch, tanzt, lacht", Otto Müller

(c) Otto Müller Verlag

Bereits mit ihrem Debütroman "Der Watschenmann" hat Karin Peschka für Furore gesorgt. Inzwischen zählt sie zu den markantesten Gegenwartsschriftstellerinnen Österreichs. Mit ihrem neuen Roman "Putzt euch, tanzt, lacht" - ein Zitat Arthur Rimbauds - führt sie ihr bisheriges literarisches Werk konsequent weiter: Formale Präzision und gesellschaftspolitische Brisanz gehen darin Hand in Hand. Peschka stellt ins Zentrum ihres neuen Textes Menschen, denen die herrschenden gesellschaftlichen Konventionen ihre Würde abspenstig zu machen versuchen. Ein leichtfüßiger, zugleich tiefgründiger Roman, der dazu anstiftet, auszubrechen aus Kontexten, die Verhärtung und Erstarrung befördern.

6. ex aequo: Andrzej Stasiuk (12 Punkte) NEU

"Beskiden-Chronik", Suhrkamp
Übersetzung: Renate Schmidgall

(c) Suhrkamp

Andrzej Stasiuk zählt zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen polnischen Literatur, 2016 wurde ihm der österreichische Staatspreis für europäische Literatur verliehen. Sein literarisches Debut hatte Stasiuk 1992 mit "Die Mauern von Hebrun", ein Erzählband, in dem er über die Gewalterfahrungen während seiner Gefängniszeit schrieb – 1980 war er aus der Armee desertiert und musste seine Strafe hinter Gittern verbüßen.
Die "Beskiden-Chronik" liest sich wie eine Rückschau auf das jüngste Jahrzehnt der polnischen Geschichte: zwischen 2013 und 2018 veröffentlichte Andrzej Stasiuk eine Kolumne für die Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny, die er ausgehend von seinem Dorf in den Beskiden (einer Bergregion im Südosten des Landes) schrieb. In poetischen Miniaturen kommentiert Stasiuk das polnische Alltagsleben, die politische Landschaft, aber auch das große Weltgeschehen – und reflektiert darüber, welchen Veränderungen die Zeit diese Dinge unterworfen hat.

6. ex aequo: Nava Ebrahimi (12 Punkte)

"Das Paradies meines Nachbarn", btb

(c) btb

Die Schriftstellerin Nava Ebrahimi ist 1978 in Teheran geboren und lebt seit ein paar Jahren in Graz. Gleich mit ihrem Erstlingswerk "16 Wörter" wurde sie mit dem österreichischen Buchpreis in der Kategorie "Debüt" ausgezeichnet. Ihren neuen Roman "Das Paradies meines Nachbarn" widmet sie einem weitgehend unbekannten Thema: Kindersoldaten im 1.Golfkrieg. Der Iran-Irak Krieg, wie er auch genannt wird, fand von 1980-1988 statt, eine Generation verbrachte ihre ganze Jugend im Krieg. Als Kind - von Deutschland aus - verfolgte Nava Ebrahimi das Kriegsgeschehen in ihrer alten Heimat. Eindrücklich erzählt sie im Buch von dieser Tragödie, derer im Iran kaum mehr erinnert wird und geht der Frage nach, was dieses heikle Kapitel iranischer Zeitgeschichte mit uns hier im Westen zu tun hat. "Ich finde," sagt Nava Ebrahimi in einem Interview, "dass das Buch viel über den Iran erzählt, aber auch genauso viel über die westliche Gesellschaft."
Mit viel psychologischem Gespür und in einem großen Spannungsbogen stellt sie dar, dass die Fronten und die Rollenverteilung nicht so klar sind, wie es oft den Anschein hat. Ein kluges Gesellschaftsporträt zur Frage nach Schuld und moralischer wie auch zivilisatorischer Überlegenheit.

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8. Eshkol Nevo (11 Punkte) NEU

"Die Wahrheit ist", dtv
Übersetzung: Markus Lemke

(c) dtv

Eshkol Nevo zählt zu den erfolgreichsten israelischen Schriftstellern der Gegenwart. Sein neues Buch "Die Wahrheit ist", das in Israel rasch zum Bestseller avancierte, wird vom Verlag als Roman ausgewiesen – tatsächlich sprengt der Text jedoch etliche Gattungsgrenzen. Denn Eshkol Nevo treibt hier ein interessantes Spiel mit seinem Publikum: Er präsentiert sich darin als Schriftsteller, der an einer Schreibblockade leidet und sich, um diese zu bewältigen, den Fragen seiner Leserschaft stellt. Formal orientiert sich der Text am Format des Interviews, die Fragen reichen von Klassikern wie "Was ist Ihr Antrieb beim Schreiben?" bis hin zu delikateren Themen wie "Warum schreiben Sie nicht über den Holocaust?". Eshkol Nevo findet auf alles eine aufrichtige Antwort, offen bleibt jedoch, inwieweit diese im Bereich der Fiktion oder der sogenannten "Wahrheit" angesiedelt sind. Es ist genau diese gekonnte Gratwanderung, die letztlich die Faszination des Buches ausmacht.

9. ex aequo: Hans Joachim Schädlich (10 Punkte) NEU

"Die Villa", Rowohlt

(c) Rowohlt

Die "Villa", von der Hans Joachim Schädlich in seinem neuen Roman erzählt, stand einmal im sächsischen Vogt-Landkreis, an dem Ort, an dem auch der Autor aufgewachsen ist. Die Geschichte der Familie zu rekonstruieren, die in dem Haus gewohnt hatte, ist die Aufgabe, der sich Schädlich in dem Roman stellt – nicht zuletzt, weil sie exemplarisch für ein Kapitel der deutschen Geschichte steht. In tagebuchartigen Einträgen wird erzählt, wie sich Familie Kramer Anfang der 30er Jahre in der Villa ansiedelt. Vater Karl Kramer handelt mit Wolle, seine NSDAP-Mitgliedschaft hat dabei geholfen, dass er es zu beachtlichem Wohlstand gebracht hat. Der Krieg bricht aus und bald beginnt es auch im Gemäuer der bürgerlichen Idylle zu rieseln. In klaren, schmucklosen Sätzen beschreibt Schädlich den Aufstieg und Fall eines Nationalsozialisten, dessen Gesinnung sich mit dem deckt, was Hannah Arendt als "Banalität des Bösen" beschrieben hat.

9. ex aequo: Jens Malte Fischer (10 Punkte) NEU

"Karl Kraus", Zsolnay

(c) Zsolnay

Zehn Jahre lang hat Jens Malte Fischer an seiner Biographie über den Tausendsassa Karl Kraus geschrieben – Kraus, der ursprünglich einmal Jus studiert hatte und eigentlich gerne Schauspieler geworden wäre, stieg ab Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem der einflussreichsten Intellektuellen des deutschen Sprachraums auf. Sein Werk umfasst Essays, unzählige Aphorismen, Gedichte, Dramen (bzw. "Marsdramen", wie er seine alle Rahmen sprengenden "Letzten Tage der Menschheit" untertitelte). Seine wohl wichtigste Arbeit war jedoch die als Herausgeber der Zeitschrift "Die Fackel", in der er rigorose Polemiken veröffentlichte gegen all jene, die das "verhunzten", was ihm gleichsam Heiligtum und Geliebte war: Die Sprache. Jens Malte Fischer fasst die vielen verschiedenen Facetten von Kraus’ Leben und Schaffen eindrücklich zusammen und macht die Widersprüchlichkeit greifbar, die das Faszinosum Kraus' letztlich ausmacht: Zeit seines Lebens saß Karl Kraus beharrlich zwischen allen Stühlen, sodass es weder für progressive noch konservative Kreise möglich ist, ihn letztgültig für sich zu vereinnahmen.

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9. ex aequo: Rebecca Makkai (10 Punkte)

"Die Optimisten", Eisele
Übersetzung: Bettina Abarbanell

(c) Eisele

1983 entdeckten die französischen Wissenschaftler Francoise Barré-Sinoussi und ihr Kollege Luc Montagnier ein Virus, das das Sexualverhalten der Menschheit für immer verändern würde: das "Human Immunodeficiency Virus", kurz HIV. In ihrem Roman "Die Optimisten" schildert die US-amerikanische Schriftstellerin Rebecca Makkai was das Virus ab Mitte der 80er mit dem Chicagoer Schwulenviertel "Boystown" anrichtet. Makkai konfrontiert die Lesenden mit einem bunten Figurenarsenal, dessen Kampf mit AIDS von Anfang an aussichtslos ist, denn bis mit der antiretroviralen HAART-Therapie eine Behandlung der sonst tödlich verlaufenden Krankheit gefunden wird, müssen noch 11 Jahre vergehen. "Die Optimisten" ist ein emotionales Buch, das seinen Protagonisten mit viel Empathie, doch ohne Pathos begegnet.

9. ex aequo: Richard Russo (10 Punkte) NEU

"Jenseits der Erwartungen", DuMont
Übersetzung: Monika Köpfer

(c) DuMont

Am 1. Dezember 1969 wurde im amerikanischen Fernsehen eine Lottoziehung der ganz besonders makabren Art ausgetragen: 366 Kugeln, eine für jeden möglichen Tag eines Jahres, befanden sich in der Trommel, und damit also die Geburtsdaten aller wehrfähigen jungen Männer des Landes. Zu gewinnen gab es nicht weniger als das eigene Leben – denn je früher das eigene Geburtsdatum gezogen wurde, desto früher wurde man in den aussichtslosen Krieg geschickt, den sich die USA mit Vietnam lieferte. Ein Trauma, an dem eine ganze Generation von Männern bis heute leidet.
Die Protagonisten von Richard Russos neuem Roman "Jenseits der Erwartungen" sind allesamt Veteranen dieser Ziehung. 2015 treffen sich Mick, Lincoln und Teddy in einem Ferienhaus in Martha’s Vinyard wieder. Jahrzehnte zuvor waren die drei dort schon mal mit einer bezaubernden Frau namens Jacy gewesen, die am Ende dieses Trips jedoch spurlos verschwunden war. Über diese Krimi-Intrige liefert Richard Russo ein Bild der USA unmittelbar vor Trumps Präsidentschaft – und erstellt meisterhafte Portraits dreier alter, weißer Männer.