Die besten 10 im Mai 2020

1. Birgit Birnbacher (31 Punkte)

"Ich an meiner Seite", Zsolnay

(c) Zsolnay Verlag

Seit Birgit Birnbacher im letzten Jahr den Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen hat, ist sie einem breiten Publikum bekannt. Doch schon für ihren Debutroman "Wir ohne Wal" (2016) bekam die Salzburgerin viel Zuspruch von Seiten der Kritik. In den Mittelpunkt ihres neuen Romans "Ich an meiner Seite" stellt sie einen Haftentlassenen: einen jungen Mann, der nach einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe versucht wieder Fuß zu fassen im Leben. Internetkriminalität war es, die ihn hinter Gitter brachte. Unverklärt, nüchtern, aber empathisch ist der Blick der Autorin auf ihre Hauptfigur, deren Herkunft wie Lebensverlauf auf keinen simplen Nenner zu bringen sind. Birgit Birnbacher ist mit ihrem Roman nicht nur ein Buch voller Witz und Wut über die Mühen der Resozialisierung gelungen. Es ist ein dramaturgisch wie sprachlich präzise gearbeiteter Text über eine Gesellschaft, deren Inhumanität sich darin zeigt, dass sie dem Menschen die Möglichkeit eines Neuanfangs erschwert.

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2. Xaver Bayer (26 Punkte) NEU

"Geschichten mit Marianne", Jung und Jung

(c) Jung und Jung

Xaver Bayer wird seit vielen Jahren zu den relevantesten österreichischen Autoren seiner Generation gezählt: mit Büchern wie "Die Alaskastraße", "Weiter" oder "Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen" hat er sich sowohl sein Publikum erschrieben als auch die Kritik begeistert. "Ein Schrifsteller müsse sich mit jedem Buch neu erfinden", meint er. Das versucht er auch mit seinem neuen Werk: "Geschichten mit Marianne" heißt es. Alles dreht sich darin um eine Welt, in der die Hoffnung darauf, es könnte doch besser, gerechter, menschlicher werden auf Erden, längst abgestreift hat. Erbauungsliteratur geht anders - dafür ist die Weltliteraturanschlussfähigkeit durchaus gegeben.

3. Hilary Mantel: Spiegel und Licht, DuMont (18 Punkte)

"Spiegel und Licht", DuMont
Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence

(c) DuMont

"Spiegel und Licht" ist der letzte Teil einer Trilogie, die Hilary Mantel dem Leben des englischen Juristen und Kirchenreformers Thomas Cromwell gewidmet hat. Acht Jahre lang diente Cromwell dem Tudor-König Henry VIII. als Berater, Minister und später sogar Vize-Regent, bis er 1540 in Ungnade fiel und hingerichtet wurde. Mit den Vorgängern "Wölfe" und "Falken" gelang Hilary Mantel das Kunststück, als erste Frau den renommierten (Man) Booker Prize gleich zweimal zu gewinnen. Während sich die ersten beiden Teile auf die Machtdynamiken im Dreieck zwischen Anne Boleyn, Henry VIII und Thomas Cromwell konzentrieren, liefert "Spiegel und Licht" einen tiefen Einblick in die Psyche des Protagonisten. Denn Cromwell ist hier gezwungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen: Er sitzt im Kerker und schreibt seinem Herrn einen letzten Brief. Ein unvergleichliches Psychogramm eines radikalen Machtmenschen.

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4. Monika Helfer (15 Punkte)

"Die Bagage", Hanser

(c) Hanser

Die Schriftstellerin Monika Helfer setzt sich in ihrem Werk häufig mit schwierigen Familienbeziehungen und Außenseiterfiguren auseinander. "Die Bagage" wird die Familie geschimpft, um die sich in ihrem neuen Roman alles dreht. Es ist die Geschichte ihrer eigenen Familie, der Großeltern, die mit ihren Kindern am gesellschaftlichen und geographischen Rand eines kleinen Bergdorfs leben. Mit karger, klarer Sprache erzählt Monika Helfer von der Missgunst und dem Neid, der ihrer schönen Großmutter von Seiten der Dorfgemeinschaft entgegenschlägt, als ihr Mann in den ersten Weltkrieg einrücken muss.

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5. Reto Hänny (14 Punkte) NEU

"Sturz", Matthes & Seitz

(c) Matthes & Seitz

Mit "Zürich. Anfang September" wurde Reto Hänny 1980 schlagartig berühmt. Sein literarischer Bericht über die Jugendunruhen in der Schweiz, bei denen Hänny selbst inhaftiert wurde und schwere Verletzungen erlitt, polarisierte, der Boulevard warf ihm "Gewaltpornographie" vor und veranstaltete eine Schmutzkübelkampagne gegen ihn.
1985 veröffentlichte Hänny den Roman "Flug", den er 2007 mit "Blooms Schatten" literarisch übermalte und dessen Stoff er nun mit "Sturz. Das dritte Buch vom Flug" zum dritten Mal neu bearbeitet. Mit kunstvollen Sätzen, die sich oft über mehrere Seiten erstrecken, erzählt Reto Hänny die Geschichte seines Lebens. Das Heranwachsen in einem kleinen Alpendorf, die erste Begegnung mit Musik und Literatur in der Stadt – beim Check-In am Flughafen überkommt den Erzähler eine Flut der Erinnerung, die sich auf hunderten von Seiten nahezu sinfonisch entlädt. Ein Monumentalwerk, das nicht umsonst ein "Schweizer Ulysses" genannt wird.

6. ex aequo: Éric Vuillard (13 Punkte) NEU

"Der Krieg der Armen", Matthes & Seitz
Übersetzung: Nicola Denis

(c) Matthes & Seitz

Mit seinem neuen Roman "Krieg der Armen" reiht sich Eric Vuillard in eine Bewegung innerhalb der zeitgenössischen französischen Literatur, die in ihrem Schreiben das Augenmerk auf den unteren Rand der Gesellschaft legt. Anders als Schriftstellerkollegen wie Edouard Louis blickt Vuillard statt in die Gegenwart weit zurück in die Vergangenheit: "Krieg der Armen" erzählt die Geschichte von Thomas Müntzer, einem Theologen und Buchdrucker, der nach der vernichtenden Niederlage der Bauern während des deutschen Bauernkrieges als Revolutionär hingerichtet wurde. Im historischen Präsens erzählt, schafft es dieser Roman die historischen Ereignisse unmittelbar präsent zu machen und sie auf die Gegenwart zu beziehen – literarisch so präzise verdichtet, dass Eric Vuillard dafür nicht einmal 70 Seiten braucht.

6. ex aequo: Karin Peschka (13 Punkte)

"Putzt euch, tanzt, lacht", Otto Müller

(c) Otto Müller

Bereits mit ihrem Debütroman "Der Watschenmann" hat Karin Peschka für Furore gesorgt. Inzwischen zählt sie zu den markantesten Gegenwartsschriftstellerinnen Österreichs. Mit ihrem neuen Roman "Putzt euch, tanzt, lacht" - ein Zitat Arthur Rimbauds - führt sie ihr bisheriges literarisches Werk konsequent weiter: Formale Präzision und gesellschaftspolitische Brisanz gehen darin Hand in Hand. Peschka stellt ins Zentrum ihres neuen Textes Menschen, denen die herrschenden gesellschaftlichen Konventionen ihre Würde abspenstig zu machen versuchen. Ein leichtfüßiger, zugleich tiefgründiger Roman, der dazu anstiftet, auszubrechen aus Kontexten, die Verhärtung und Erstarrung befördern.

8. ex aequo: Graham Swift (12 Punkte) NEU

"Da sind wir", dtv
Übersetzung: Susanne Höbel

(c) dtv

Graham Swift zählt zu den bedeutendsten Vertretern der britischen Gegenwartsliteratur, mit Romanen wie "Die letzte Runde" oder "Ein Festtag" hat er sich den Ruf eines literarischen Archivars des britischen Alltagslebens eingeholt. Die Handlung seines neuen Romans "Da sind wir" setzt Swift in der Zeit seiner Kindheit an, in dem berühmten englischen Badeort Brighton. Es ist der Sommer des Jahres 1959: In einem kleinen Varieté suchen die vielen Urlaubsgäste der Stadt Zerstreuung, die ihnen "der flinke Jack" mit seinen kunstvollen Stepptänzen, der Zauberer Pablo und dessen bezaubernde Assistentin Eve bieten. Pablo und Jack sind seit ihrer Zeit beim Militär enge Freunde, doch bald finden sie sich in einem Kampf um die betörend Eve wieder, dem sich der Zauberer schließlich auf magische Weise entzieht. Elegant und mindestens genauso zauberhaft wie sein Protagonist erzählt Swift in "Da sind wir" ein Kapitel der britischen Nachkriegszeit.

8. ex aequo: Rebecca Makkai (12 Punkte) NEU

"Die Optimisten", Eisele
Übersetzung: Bettina Abarbanell

(c) Eisele

1983 entdeckten die französischen Wissenschaftler Francoise Barré-Sinoussi und ihr Kollege Luc Montagnier ein Virus, das das Sexualverhalten der Menschheit für immer verändern würde: das "Human Immunodeficiency Virus", kurz HIV. In ihrem Roman "Die Optimisten" schildert die US-amerikanische Schriftstellerin Rebecca Makkai was das Virus ab Mitte der 80er mit dem Chicagoer Schwulenviertel "Boystown" anrichtet. Makkai konfrontiert die Lesenden mit einem bunten Figurenarsenal, dessen Kampf mit AIDS von Anfang an aussichtslos ist, denn bis mit der antiretroviralen HAART-Therapie eine Behandlung der sonst tödlich verlaufenden Krankheit gefunden wird, müssen noch 11 Jahre vergehen. "Die Optimisten" ist ein emotionales Buch, das seinen Protagonisten mit viel Empathie, doch ohne Pathos begegnet.

10. Nava Ebrahimi (10 Punkte) NEU

"Das Paradies meines Nachbarn", btb

(c) btb

Die Schriftstellerin Nava Ebrahimi ist 1978 in Teheran geboren und lebt seit ein paar Jahren in Graz. Gleich mit ihrem Erstlingswerk "16 Wörter" wurde sie mit dem österreichischen Buchpreis in der Kategorie "Debüt" ausgezeichnet. Ihren neuen Roman "Das Paradies meines Nachbarn" widmet sie einem weitgehend unbekannten Thema: Kindersoldaten im 1.Golfkrieg. Der Iran-Irak Krieg, wie er auch genannt wird, fand von 1980-1988 statt, eine Generation verbrachte ihre ganze Jugend im Krieg. Als Kind - von Deutschland aus - verfolgte Nava Ebrahimi das Kriegsgeschehen in ihrer alten Heimat. Eindrücklich erzählt sie im Buch von dieser Tragödie, derer im Iran kaum mehr erinnert wird und geht der Frage nach, was dieses heikle Kapitel iranischer Zeitgeschichte mit uns hier im Westen zu tun hat. "Ich finde," sagt Nava Ebrahimi in einem Interview, "dass das Buch viel über den Iran erzählt, aber auch genauso viel über die westliche Gesellschaft."
Mit viel psychologischem Gespür und in einem großen Spannungsbogen stellt sie dar, dass die Fronten und die Rollenverteilung nicht so klar sind, wie es oft den Anschein hat. Ein kluges Gesellschaftsporträt zur Frage nach Schuld und moralischer wie auch zivilisatorischer Überlegenheit.