Die besten 10 im April 2020

1. Monika Helfer (22 Punkte)

"Die Bagage", Hanser

(c) Hanser

Die Schriftstellerin Monika Helfer setzt sich in ihrem Werk häufig mit schwierigen Familienbeziehungen und Außenseiterfiguren auseinander. "Die Bagage" wird die Familie geschimpft, um die sich in ihrem neuen Roman alles dreht. Es ist die Geschichte ihrer eigenen Familie, der Großeltern, die mit ihren Kindern am gesellschaftlichen und geographischen Rand eines kleinen Bergdorfs leben. Mit karger, klarer Sprache erzählt Monika Helfer von der Missgunst und dem Neid, der ihrer schönen Großmutter von Seiten der Dorfgemeinschaft entgegenschlägt, als ihr Mann in den ersten Weltkrieg einrücken muss.

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2. Hilary Mantel (21 Punkte) NEU

"Spiegel und Licht", DuMont

(c) DuMont

"Spiegel und Licht" ist der letzte Teil einer Trilogie, die Hilary Mantel dem Leben des englischen Juristen und Kirchenreformers Thomas Cromwell gewidmet hat. Acht Jahre lang diente Cromwell dem Tudor-König Henry VIII. als Berater, Minister und später sogar Vize-Regent, bis er 1540 in Ungnade fiel und hingerichtet wurde. Mit den Vorgängern "Wölfe" und "Falken" gelang Hilary Mantel das Kunststück, als erste Frau den renommierten (Man) Booker Prize gleich zweimal zu gewinnen. Während sich die ersten beiden Teile auf die Machtdynamiken im Dreieck zwischen Anne Boleyn, Henry VIII und Thomas Cromwell konzentrieren, liefert "Spiegel und Licht" einen tiefen Einblick in die Psyche des Protagonisten. Denn Cromwell ist hier gezwungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen: Er sitzt im Kerker und schreibt seinem Herrn einen letzten Brief. Ein unvergleichliches Psychogramm eines radikalen Machtmenschen.

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3. ex aequo: Birgit Birnbacher (15 Punkte) NEU

"Ich an meiner Seite", Zsolnay

(c) Zsolnay

Seit Birgit Birnbacher im letzten Jahr den Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen hat, ist sie einem breiten Publikum bekannt. Doch schon für ihren Debutroman "Wir ohne Wal" (2016) bekam die Salzburgerin viel Zuspruch von Seiten der Kritik. In den Mittelpunkt ihres neuen Romans "Ich an meiner Seite" stellt sie einen Haftentlassenen: einen jungen Mann, der nach einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe versucht wieder Fuß zu fassen im Leben. Internetkriminalität war es, die ihn hinter Gitter brachte. Unverklärt, nüchtern, aber empathisch ist der Blick der Autorin auf ihre Hauptfigur, deren Herkunft wie Lebensverlauf auf keinen simplen Nenner zu bringen sind. Birgit Birnbacher ist mit ihrem Roman nicht nur ein Buch voller Witz und Wut über die Mühen der Resozialisierung gelungen. Es ist ein dramaturgisch wie sprachlich präzise gearbeiteter Text über eine Gesellschaft, deren Inhumanität sich darin zeigt, dass sie dem Menschen die Möglichkeit eines Neuanfangs erschwert.

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3. ex aequo: Karin Peschka (15 Punkte) NEU

"Putzt euch, tanzt, lacht", Otto Müller

(c) Otto Müller

Bereits mit ihrem Debütroman "Der Watschenmann" hat Karin Peschka für Furore gesorgt. Inzwischen zählt sie zu den markantesten Gegenwartsschriftstellerinnen Österreichs. Mit ihrem neuen Roman "Putzt euch, tanzt, lacht" - ein Zitat Arthur Rimbauds - führt sie ihr bisheriges literarisches Werk konsequent weiter: Formale Präzision und gesellschaftspolitische Brisanz gehen darin Hand in Hand. Peschka stellt ins Zentrum ihres neuen Textes Menschen, denen die herrschenden gesellschaftlichen Konventionen ihre Würde abspenstig zu machen versuchen. Ein leichtfüßiger, zugleich tiefgründiger Roman, der dazu anstiftet, auszubrechen aus Kontexten, die Verhärtung und Erstarrung befördern.

5. ex aequo: Helena Adler (14 Punkte) NEU

"Die Infantin trägt den Scheitel links", Jung und Jung

(c) Jung und Jung

"Die Infantin trägt den Scheitel links" ist das literarische Debut der Salzburgerin Helena Adler. Die Schriftstellerin nimmt sich in dem Roman dem Sujet der Kindheit am Lande an und vernachlässigt das gradlinige Erzählen gerne mal zu Gunsten surrealer, überzeichneter Sprachbilder. Damit schreibt sich Adler zweifellos in eine Traditionslinie der österreichischen Literatur ein, innerhalb derer man sie wohl näher bei Josef Winkler als bei Franz Innerhofer verorten müsste. Mit beiden teilt ihr Roman jedoch die Rundum-Schlagkraft der kindlichen Gewalterfahrung: denn die Autorin nimmt sich in ihren Schilderungen des Landlebens kein Blatt vor der Mund, übersteigert die Brutalität allenfalls zur Groteske. Auch ein Grund, warum Helena Adler nicht ihren Taufnamen auf den Buchrücken schreiben lässt. Denn die österreichischen Dorfgemeinschaften gehen mit autobiographisch gefärbten Erzählungen traditionsgemäß nicht gut um.

5. ex aequo: Paul Celan (14 Punkte)

"etwas ganz und gar Persönliches", Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Vom umfangreichen Briefwechsel Paul Celans ist bereits vieles editiert. Dennoch ist nun eine Auswahl von 691 Briefen publiziert worden, von denen immerhin 330 Stücke bislang unveröffentlicht sind. Wer sind die Adressaten? Es sind Mitglieder der Familie, geliebte Frauen, befreundete Autoren, sehr junge und begeisterte Leser, Übersetzerkollegen, französische Philosophen ebenso wie deutsche Germanisten und Mitarbeiter von Verlagen. Die bekannte Celan-Forscherin Barbara Wiedemann hat die Auswahl getroffen und die Texte akribisch kommentiert. Paul Celan, geboren in Czernowitz, zeichnet in seiner Korrespondenz ein detailliertes Bild des kulturellen Lebens in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre.
Das Buch "Etwas ganz und gar Persönliches" dokumentiert auf ergreifende Weise, wie ein Dichter, dessen Eltern im Holocaust umkamen, den Folgen der Barbarei selbst zum Opfer fiel und trotzdem noch einmal Verse hat schreiben können, die zum Besten des 20. Jahrhunderts zählen.

7. Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen, Luchterhand (12 Punkte)

"Für immer die Alpen", Luchterhand

(c) Luchterhand

In seinem Debutroman hat sich der aus Vorarlberg stammende Schriftsteller Benjamin Quaderer einen der kleinsten und gleichzeitig reichsten Staaten dieser Erde vorgeknöpft: Das Fürstentum Liechtenstein. Das Etikett "Paradies" wird dem winzigen Land zwischen der österreichischen und der Schweizer Grenze gleich in zweifacher Hinsicht gerne zugeschrieben: Landschaftlich gesehen ist Liechtenstein eine Alpenidylle, in gesellschaftlicher Hinsicht ist das Fürstentum eine üppige Steueroase, in der das Bankgeheimnis akribisch geschützt wird.
Johann Kaiser, der Protagonist in Quaderers Roman, hat dieses Geheimnis unerlaubter Weise gelüftet. Er hat die Kundendaten eines renommierten Bankhauses gestohlen und an den Bundesnachrichtendienst verkauft. Mit dem Ertrag dieses Coups könnte er problemlos untertauchen, sich in einem neuen Paradies niederlassen – doch dass er in seinem Heimatland als Verräter diskreditiert wird, lässt ihm keine Ruhe. Er beschließt, die Stimme zu erheben und seine Tat zu erklären.

8. Valerie Fritsch (11 Punkte)

"Herzklappen von Johnson & Johnson", Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Almas Kindheit ist geprägt von den Kriegserfahrungen ihrer Eltern und Großeltern. Sie nimmt sich als andersartig und fremd in der Welt wahr. Ein Gefühl das anhält, auch als sie - längst erwachsen geworden - mit ihrem Geliebten Friedrich ein Kind bekommt. Der Geburt folgt eine Depression. Erst spät erkennt Alma, dass ihr Sohn Emil unfähig ist, Schmerz zu empfinden. Das macht ihn zwar immun gegen das generationenübergreifende Trauma, das schwer auf Almas Familie lastet, aber gleichzeitig auch zu einem gefährdeten Kind, das die Mutter stets überwacht. Mit ihrer zarten und melancholischen Prosa spürt Valerie Fritsch der Frage nach, wie sehr die Familiengeschichte unsere Identität mitbestimmt.

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9. ex aequo: Antonio Scurati (10 Punkte) NEU

"M. Der Sohn des Jahrhunderts", Klett-Cotta

(c) Klett-Cotta

Als "M. Der Sohn des Jahrhunderts" 2018 in Italien erschien, sorgte der Roman des Mailänder Schriftstellers und Medienwissenschaftlers Antonio Scurati für Furore. Scurati erzählt in dem als Trilogie angelegten Opus (im Herbst erscheint der zweite Band in Italien) nicht weniger als den Aufstieg und Fall Benito Mussolinis – und das erstmals aus der Sicht der Faschisten. Dieses minutiös recherchierte Romanprojekt leistet damit nicht nur tiefe Einblicke in die Geschichte Italiens, der historische Perspektivenwechsel zwingt die italienische Gesellschaft auch ihrer faschistischen Vergangenheit ins Auge zu blicken. Der erste Band umfasst die Jahre 1919-1925 und liest sich zuweilen wie ein Polit-Thriller. Seine Stärke liegt insbesondere darin, dass er die politische Stimmung im Land detailgetreu nachzeichnet – und beschreibt, wie die Lage allmählich kippt.

9. ex aequo: Ernst Lothar (10 Punkte) NEU

"Das Wunder des Überlebens", Zsolnay

(c) Zsolnay

Ernst Lothar, geboren 1890 in Brünn, war Schriftsteller, Regisseur, ab 1935 Direktor des Theaters in der Josefstadt, bis er als Jude nach dem Anschluss in die USA fliehen musste. Nach dem zweiten Weltkrieg kehrte er nach Wien zurück, wo er eine prägende Gestalt der Nachkriegskulturlandschaft wurde. "Das Wunder des Überlebens" sind seine Memoiren.
Beim Lesen folgen wir dem Blick eines sympathischen, wenn auch zeitweilig naiven Habsburg-Nostalgikers, der sich nach dem Fall der Monarchie zu Sigmund Freud auf die Couch legt, um über diesen Verlust hinwegzukommen. Mit demselben schrulligen Patriotismus schwört Ernst Lothar bei seiner Rückkehr nach Wien, "nichts zu denken als: Ich fahre nach Hause!". Ernüchtert stellt er bald nach der Ankunft fest, dass es das Land seiner Heimat einmal weniger gibt. Die österreichische Nachkriegszeit wird für Ernst Lothar zur Zerreißprobe zwischen dem guten Willen, die Vergangenheit ruhen zu lassen und der Weigerung, Tatsachen zu beschönigen. In seinem Nachwort schreibt Daniel Kehlmann: "Diese Memoiren sollten Pflichtlektüre sein für jeden, der sich für die Kulturgeschichte Österreichs interessiert."