Die besten 10 im Februar 2020

(c) Aufbau

1. Sigrid Nunez (22 Punkte) NEU

"Der Freund", Aufbau
Übersetzung: Anette Grube

Nach der Veröffentlichung in den USA vor zwei Jahren wurde der Roman "Der Freund" der US-amerikanischen Autorin Sigrid Nunez zum Beststeller. Nunez, die zahlreiche Auszeichnungen erhielt, schreibt seit den 1970er Jahren, "Der Freund" ist ihr siebter Roman.
Ausgangspunkt der Geschichte: eine in einem kleinen Appartement in New York lebende Frau erbt nach dem Suizid ihres Freundes, seine riesige Dogge namens "Apollo". Vor Jahrzehnten war der Freund ihr Lehrer an der Universität, eine nicht unkomplizierte und dennoch enge Freundschaft. Die Fortsetzung findet diese Freundschaft nun in diesem riesigen Hund, der schon dem Schriftsteller ungewollt zugelaufen ist. Der Hund und die Erzählerin helfen einander bei der Verarbeitung des Verlustes, Apollo wird ein neuer Freund.
Es ist ein Buch über Trauer, Freundschaft, Liebe, Erinnerungen und Vergessen. Ein Roman, der eindrucksvoll beweist, wie eng das Leben und die Literatur verbunden sind und dass Verlust und Tod unweigerlich zu Freundschaft und Liebe dazugehören.

(c) Suhrkamp

2. Paul Celan (21 Punkte) NEU

"etwas ganz und gar Persönliches", Suhrkamp

Vom umfangreichen Briefwechsel Paul Celans ist bereits vieles editiert. Dennoch ist nun eine Auswahl von 691 Briefen publiziert worden, von denen immerhin 330 Stücke bislang unveröffentlicht sind. Wer sind die Adressaten? Es sind Mitglieder der Familie, geliebte Frauen, befreundete Autoren, sehr junge und begeisterte Leser, Übersetzerkollegen, französische Philosophen ebenso wie deutsche Germanisten und Mitarbeiter von Verlagen. Die bekannte Celan-Forscherin Barbara Wiedemann hat die Auswahl getroffen und die Texte akribisch kommentiert. Paul Celan, geboren in Czernowitz, zeichnet in seiner Korrespondenz ein detailliertes Bild des kulturellen Lebens in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre.
Das Buch "Etwas ganz und gar Persönliches" dokumentiert auf ergreifende Weise, wie ein Dichter, dessen Eltern im Holocaust umkamen, den Folgen der Barbarei selbst zum Opfer fiel und trotzdem noch einmal Verse hat schreiben können, die zum Besten des 20. Jahrhunderts zählen.

(c) S. Fischer

3. Josef Haslinger (16 Punkte) NEU

"Mein Fall", S. Fischer

Josef Haslinger, der seit dem Roman "Opernball" zu den profiliertesten Autoren unseres Landes zählt, arbeitet in "Mein Fall" den Umstand auf, dass er als Schüler des Sängerknabenkonvikts von Stift Zwettl sexuell missbraucht worden ist. Literarisch hat Haslinger sich mit dieser Thematik bereits zu Anfang seiner schriftstellerischen Laufbahn auseinandergesetzt - "Der Konviktskaktus" zählt heute zu den bekanntesten Texten Haslingers. Sein neues Buch dokumentiert vielmehr als dass es literarisiert. Josef Haslinger, geboren in der niederösterreichischen Provinz, schildert darin auch seine Erfahrungen mit jenen Institutionen, die von der österreichischen Kirche zu Zwecken der Aufarbeitung sexueller Missbrauchsfälle in den eigenen Strukturen vor zehn Jahren ins Leben gerufen worden sind - Stichwort: Klasnic-Kommission, die eigentlich "Unabhängige Opferschutzkommission" heißt.

(c) Schöffling

4. Jami Attenberg (15 Punkte) NEU

"Nicht mein Ding", Schöffling
Übersetzung: Barbara Christ

Jami Attenberg zählt gegenwärtig zu den originellsten Autorinnen der USA. Die Romane der 1971 in Illinois geborenen Schriftstellerin landen regelmäßig auf der New York Times-Bestsellerliste und wurden schon vielfach ausgezeichnet. Ihr jüngstes Buch "Nicht mein Ding" wurde in der Washington Post als "kluger, süchtig machender, urkomischer ungeheuer relevanter Roman" bezeichnet.
Die Hauptfigur namens Andrea ist 39 Jahre alt, Single, ohne Kinder. Ihre Wohnung hat Sicht auf das Empire State Buildung, das sie täglich in allen Varianten abzeichnet, skizziert, malt.
Was wird aus ihrem Leben mit Ende 30? Warum muss sie sich dauernd rechtfertigen? Vor ihrer Mutter, vor ihrem Bruder mit seiner todkranken Tochter? Was ist so besonders daran, allein zu leben, keine feste Beziehung zu haben? Jami Attenbergs literarisches Porträt dieser Frau ist beeindruckend und voll tiefgründigem Humor.
"Eine Heldin, die keine sein will" - wie die Protagonistin schon genannt wurde.

(c) Kampa

5. ex aequo: Olga Tokarczuk (14 Punkte)

"Die Jakobsbücher", Kampa
Übersetzung: Lisa Palmes

Sieben Jahre lang hat die frisch gekürte Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk an ihrem jüngsten Roman "Die Jakobsbücher" gearbeitet. Im Zentrum des knapp 1200 Seiten starken Wälzers steht die historische Figur Jakob Frank, ein Sektenführer, der sich im 18. Jahrhundert in der königlichen Republik Polen-Litauen als eine Art neuer Messias inszenierte. Bukarest, Istanbul, Saloniki, Warschau, Lemberg, Tschenstochau, Offenbach: Olga Tokarczuk versucht die verworrene Lebensgeschichte des Jakob Frank zu rekonstruieren, der sich als Prophet einer neuen mystisch-jüdischen Bewegung verstand und es auf Grund seines ausgeprägten Charismas schaffte, tausende Anhänger um sich zu scharen. Über die Geschichte dieser exzentrischen Figur macht Olga Tokarczuk auch mit der Idealisierung einer historischen Epoche Polens Schluss: Die Adelsrepublik Polen-Litauen wird bei Tokarczuk (im starken Gegensatz zum historischen Verständnis der PIS-Regierung) zu einem von Korruption geprägten Feudalstaat, der seine ethnischen Minderheiten brutal unterdrückte und die Leibeigenen zu Sklaven degradierte.

(c) Suhrkamp

5. ex aequo: Valerie Fritsch (14 Punkte) NEU

"Herzklappen von Johnson & Johnson", Suhrkamp

Almas Kindheit ist geprägt von den Kriegserfahrungen ihrer Eltern und Großeltern. Sie nimmt sich als andersartig und fremd in der Welt wahr. Ein Gefühl das anhält, auch als sie - längst erwachsen geworden - mit ihrem Geliebten Friedrich ein Kind bekommt. Der Geburt folgt eine Depression. Erst spät erkennt Alma, dass ihr Sohn Emil unfähig ist, Schmerz zu empfinden. Das macht ihn zwar immun gegen das generationenübergreifende Trauma, das schwer auf Almas Familie lastet, aber gleichzeitig auch zu einem gefährdeten Kind, das die Mutter stets überwacht. Mit ihrer zarten und melancholischen Prosa spürt Valerie Fritsch der Frage nach, wie sehr die Familiengeschichte unsere Identität mitbestimmt.

(c) Rowohlt

7. George Eliot: Middlemarch, Rowohlt (12 Punkte)

"Middlemarch", Rowohlt
Übersetzung: Melanie Walz

Mit vierzig Jahren beschloss die Schriftstellerin Mary Ann Evans ihre Bücher fortan unter dem männlichen Pseudonym "George Eliot" zu veröffentlichen, um mit ihren Erzählwerken in der von Männern dominierten Literaturwelt des 19. Jahrhunderts Anerkennung zu finden. Heute gilt George Eliot als eine der erfolgreichsten und versiertesten Literatinnen des viktorianischen Zeitalters. Im November jährte sich ihr Geburtstag zum 200. Mal – was der Literaturwelt gleich zwei Neuübersetzungen ihres berühmtesten Romans eingebracht hat. Im Zentrum von "Middlemarch" steht eine gleichnamige fiktive Kleinstadt im England der frühen 1830er Jahre, die gerade vor dem Sprung ins Zeitalter der Industrialisierung steht. In der Tradition des Realismus stehend erstellt Eliot darin eine Studie über das Leben in der englischen Provinz – nicht, ohne dabei über die Gestaltung ihrer Protagonisten Dorothea Brooke das weibliche Rollenbild und die Institution der bürgerlichen Ehe einer deutlichen Kritik zu unterziehen.

(c) Zsolnay

8. Dominik Barta (11 Punkte) NEU

"Vom Land", Zsolnay

Dominik Barta ist 1982 in der oberösterreichischen Provinz geboren. Nach längeren Aufenthalten in Warschau, Bonn und Florenz hat ihn sein Debütroman wieder aufs Land verschlagen. Dominik Barta schildert in seinem schmalen Band eine rohe und hermetische Dorfwelt, in der jede Andersartigkeit geahndet wird. Scheidung, Homosexualität, Affären, "wie in allen Dörfern," heißt es an einer Stelle im Buch, "regiert in erster Linie die Angst vor den Nachbarn." Der sozialen Kontrolle durch die Enge der Dorfgemeinschaft entzieht sich die Hauptfigur, die sechzigjährige Bäuerin namens Theresa, indem sie krank wird und schweigt. In Rückblicken erfährt die Leserin vom Aufwachsen in der Provinz, von Wahllosigkeit und Perspektivlosigkeit. Durch das Verstummen der Bäuerin gerät das dörfliche Gefüge ins Wanken, die ländliche Gesellschaft bekommt Risse. Das Buch spielt im Jahr 2015, Flüchtlinge aus dem mittleren und nahen Osten treibt es über Umwege in die hintersten Ecken Österreichs. Im politisch konservativ geprägten Dorf werden Flüchtlinge ins Dorfgasthaus einquartiert. Die Situation verschärft sich.

(c) Hanser

9. ex aequo: Markus Orths (10 Punkte) NEU

"Picknick im Dunkeln", Hanser

Es ist ein skurriles Zusammentreffen, welches das Thema von Markus Orths' neuem Roman "Picknick im Dunkeln" bildet. Der Komiker Stanley Laurel (Stan & Ollie) findet sich in einem stockdunklen Tunnel wieder. Zum Glück bleibt er nicht lange allein. Der andere Mann, der sich in der lichtleeren Umgebung zu orientieren versucht, ist kein geringerer als Thomas von Aquin, der berühmte Kirchengelehrte des 13. Jahrhunderts. In langen Gesprächen versuchen sie sich einen Überblick über die 700 Jahre, die sie trennen zu verschaffen und die beunruhigende Frage zu klären, ob sie beide gestorben sind. Ein philosophisches Kammerspiel, das existentiellen Ernst mit anarchischem Humor verbindet.

(c) Wieser

9. ex aequo: Wilhelm Pevny (10 Punkte) NEU

"Schwarze Gischt", Wieser

"Seit meiner Kindheit will ich wissen, in welcher Welt lebe ich. Man soll mir nicht irgendetwas vormachen oder mir Werturteile vorbereiten, sondern ich möchte mir selbst ein Urteil bilden, und zwar ununterbrochen." - sagte der Schriftsteller Wilhelm Pevny einmal. Die Welt von den Rändern her zu betrachten, ist ihm ein großes Anliegen. Der in Retz lebende Autor hat in der österreichischen Literatur der Gegenwart einen festen Platz. Sein neu herausgegebenes Gesamtwerk reicht von Theaterstücken über Romane bis hin zu Drehbüchern, wie etwa für die gemeinsam mit Peter Turrini entstandene TV-Kultserie "Alpensaga" aus den 1970er Jahren. Teil der neuen Gesamtausgabe ist auch sein zweiter Roman "Schwarze Gischt" aus dem Jahre 1983.

Darin befindet sich ein 34 Jahre alter Künstler, der noch vor kurzem die lokale Kunstszene aufgemischt hat, in einer veritablen Schaffenskrise. Die Kurve in die Ernsthaftigkeit hat er nicht geschafft, Geld und Ansehen schwinden zusehends. Ein Einbruch und besondere Umstände an einem Wochenende werden dabei zum Hoffnungsschimmer.

Zitat aus "Schwarze Gischt": "Warum sie wohl gerade bei mir eingebrochen haben? Die Wohnungstür aussen sieht kein bisschen nach Luxus aus. Innen noch weniger. Vielleicht waren es Freunde. - Freunde...!"