Die besten 10 im Jänner 2020

(c) Kampa

1. Olga Tokarczuk (26 Punkte)

"Die Jakobsbücher", Kampa
Übersetzung: Lisa Palmes

Sieben Jahre lang hat die frisch gekürte Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk an ihrem jüngsten Roman "Die Jakobsbücher" gearbeitet. Im Zentrum des knapp 1200 Seiten starken Wälzers steht die historische Figur Jakob Frank, ein Sektenführer, der sich im 18. Jahrhundert in der königlichen Republik Polen-Litauen als eine Art neuer Messias inszenierte. Bukarest, Istanbul, Saloniki, Warschau, Lemberg, Tschenstochau, Offenbach: Olga Tokarczuk versucht die verworrene Lebensgeschichte des Jakob Frank zu rekonstruieren, der sich als Prophet einer neuen mystisch-jüdischen Bewegung verstand und es auf Grund seines ausgeprägten Charismas schaffte, tausende Anhänger um sich zu scharen. Über die Geschichte dieser exzentrischen Figur macht Olga Tokarczuk auch mit der Idealisierung einer historischen Epoche Polens Schluss: Die Adelsrepublik Polen-Litauen wird bei Tokarczuk (im starken Gegensatz zum historischen Verständnis der PIS-Regierung) zu einem von Korruption geprägten Feudalstaat, der seine ethnischen Minderheiten brutal unterdrückte und die Leibeigenen zu Sklaven degradierte.

(c) dtv

2. ex aequo: George Eliot (17 Punkte)

"Middlemarch", dtv
Übersetzung: Rainer Zerbst

Mit vierzig Jahren beschloss die Schriftstellerin Mary Ann Evans ihre Bücher fortan unter dem männlichen Pseudonym "George Eliot" zu veröffentlichen, um mit ihren Erzählwerken in der von Männern dominierten Literaturwelt des 19. Jahrhunderts Anerkennung zu finden. Heute gilt George Eliot als eine der erfolgreichsten und versiertesten Literatinnen des viktorianischen Zeitalters. Im November jährte sich ihr Geburtstag zum 200. Mal – was der Literaturwelt gleich zwei Neuübersetzungen ihres berühmtesten Romans eingebracht hat. Im Zentrum von "Middlemarch" steht eine gleichnamige fiktive Kleinstadt im England der frühen 1830er Jahre, die gerade vor dem Sprung ins Zeitalter der Industrialisierung steht. In der Tradition des Realismus stehend erstellt Eliot darin eine Studie über das Leben in der englischen Provinz – nicht, ohne dabei über die Gestaltung ihrer Protagonisten Dorothea Brooke das weibliche Rollenbild und die Institution der bürgerlichen Ehe einer deutlichen Kritik zu unterziehen.

(c) Rowohlt

2. ex aequo: George Eliot (17 Punkte) NEU

"Middlemarch", Rowohlt
Übersetzung: Melanie Walz

Mit vierzig Jahren beschloss die Schriftstellerin Mary Ann Evans ihre Bücher fortan unter dem männlichen Pseudonym "George Eliot" zu veröffentlichen, um mit ihren Erzählwerken in der von Männern dominierten Literaturwelt des 19. Jahrhunderts Anerkennung zu finden. Heute gilt George Eliot als eine der erfolgreichsten und versiertesten Literatinnen des viktorianischen Zeitalters. Im November jährte sich ihr Geburtstag zum 200. Mal – was der Literaturwelt gleich zwei Neuübersetzungen ihres berühmtesten Romans eingebracht hat. Im Zentrum von "Middlemarch" steht eine gleichnamige fiktive Kleinstadt im England der frühen 1830er Jahre, die gerade vor dem Sprung ins Zeitalter der Industrialisierung steht. In der Tradition des Realismus stehend erstellt Eliot darin eine Studie über das Leben in der englischen Provinz – nicht, ohne dabei über die Gestaltung ihrer Protagonisten Dorothea Brooke das weibliche Rollenbild und die Institution der bürgerlichen Ehe einer deutlichen Kritik zu unterziehen.

(c) Hanser

4. ex aequo: Danilo Kiš (14 Punkte) NEU

"Psalm 44", Hanser
Übersetzung: Katharina Wolf-Grießhaber

Der jugoslawische Schriftsteller Danilo Kiš galt als Anwärter auf den Literaturnobelpreis, doch sein früher Tod im Alter von nur 54 Jahren machte diese Auszeichnung letztendlich unmöglich. "Psalm 44", sein zweiter Roman, liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Bereits hier ist das Thema, das sein späteres Werk bestimmten sollte, angelegt: Der Holocaust am Balkan. Kiš erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die gemeinsam mit ihrem sieben Wochen alten Sohn aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau flieht. Die Handlung umfasst die wenigen Stunden vor der riskanten Flucht – ein Zeitraum, der sich in der äußersten Anspannung zwischen Todesangst und Hoffnung in die Unendlichkeit zu dehnen scheint.
Kiš, der 1935 als Sohn einer Montenegrinerin und eines ungarischen Juden in der Vojvodina geboren wurde, verarbeitet in dem Roman wesentliche Eckpfeiler seiner eigenen Biographie. Er leiht seiner Heldin Maria Erinnerungen aus dem Leben seines Vaters, der in Ausschwitz "verschwand" und das Massaker an der jüdischen und serbischen Bevölkerung von Novi Sad nur um Haaresbreite überlebt hatte.

(c) Rowohlt

4. ex aequo: Jon Fosse (14 Punkte)

"Der andere Name", Rowohlt
Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel

Das Schweigen: es ist der Kitt, der Jon Fosses Figuren, seine literarische Welt, zusammenhält. Es sind die existenziellen Grundfragen, die im Zentrum seiner Literatur stehen: die Liebe und der Tod, die Einsamkeit, die Verzweiflung, der Glaube.
Ein Maler namens Asle steht in "Der andere Name" im Mittelpunkt. Er lebt nach dem Tod seiner Frau im Südwesten Norwegens in einer kleinen Stadt. Sein dringender Wunsch ist es, in seiner Malerei hinter das Gegenständliche vorzudringen. Dieser Asle: er hat einen Doppelgänger, ebenfalls Maler, aber dem Alkohol verfallen, ist sehr einsam.
Zwei Spielarten eines Menschen, zwei Versionen des Lebens. Vergangenheit und Gegenwart fließen in Fosses langsamer, tastender, auf der Kunst der Wiederholung fußender Prosa ineinander.

(c) Frankfurter Verlagsanstalt

6. Susanne Gregor (13 Punkte)

"Das letzte rote Jahr", Frankfurter Verlagsanstalt

Der Reihe nach öffneten im Jahr 1989 die kommunistischen Länder des Ostens ihre Grenzen, Schritt für Schritt wurde der eiserne Vorhang zu einem Gespenst der Vergangenheit. Tausende Menschen gingen im Herbst auf die Straßen, um für einen Systemwechsel zu demonstrieren - für den großen Teil der Bevölkerung Ostereuropas kam dieser Wechsel jedoch letztendlich überraschend. Der neue Roman der in der Tschechoslowakei aufgewachsenen Schriftstellerin Susanne Gregor erzählt die Geschichte dreier Mädchen, die dieses "Letzte rote Jahr" in einem Plattenbau der slowakischen Industriestadt Žilina erleben. Es ist kein elendes Leben, das sie führen - doch wirkliche Freiheit können sie in einer Gesellschaft, in der alle gleich zu sein und das Gleiche zu wollen haben, nicht erfahren. Statt der politischen Ereignisse stellt Susanne Gregor das Lebensgefühl dieser Zeit in den Mittelpunkt: Eine Atmosphäre des Wartens, an die man sich gewöhnt hat und auf deren Ende man mit der Zeit verlernt hatte, zu hoffen. Ein Roman, der ohne Verteuflung oder Verherrlichung des Sozialismus ein Stimmungsbild eines für die europäische Geschichte so zentralen Jahres zeichnet.

Mehr in orf.at

(c) Suhrkamp

7. Hans Magnus Enzensberger (12 Punkte) NEU

"Fallobst. Nur ein Notizbuch", Suhrkamp

Seit über 60 Jahren begleitet Hans Magnus Enzensberger nun schon die Entwicklungen der deutschen Bundesrepublik mit kritischen Essays und spitzzüngigen Gedichten. Die Polemik hat der Schriftsteller, der in diesem Jahr seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert hat, nie gescheut.
"Fallobst. Nur ein Notizbuch" nennt sich sein jüngstes Buch bescheiden. In drei "Körben" versammelt es Erinnerungen, Notate, Kurzessays und andere Geistesfrüchte, die sich wie feinsinnige Annexe zum Gesamtwerk des Altmeisters lesen. Würdigungen von Lieblingsautoren wie Pascal, Diderot und Montaigne finden sich darin ebenso wie bissige Absagen an die Smartphonekultur, und mit kurzen etymologischen Ausflügen gibt Enzensberger so manches Trendwort der Lächerlichkeit preis. "Fallobst", so heißt es in einem einleitenden Gedicht, "kann man nicht ernten". Aber "manche sammeln es auf, wenn sie sonst nichts zu tun haben, solange es nicht verfault ist".

(c) Luchterhand

8. ex aequo: Ali Smith (10 Punkte) NEU

"Herbst", Luchterhand
Übersetzung: Silvia Morawetz

Im englischsprachigen Raum ist Ali Smith schon längst eine literarische Ikone, am deutschen Buchmarkt wird die Schottin hingegen noch als Geheimtipp gehandelt. "Herbst" ist der erste Teil von einem Vier-Jahreszeiten-Projekt, in dem sich die Schriftstellerin mit der Verunsicherung des postmodernen Lebens auseinandersetzt. "Herbst" gilt ferner als einer der ersten "Brexit-Romane", denn der Titel meint den Herbst des Jahres 2016 und damit eine Zeit, in der die Konsequenzen des Referendums in Smiths britischer Heimat gesellschaftlich spürbar wurden. In lose verknüpften Episoden wird die Geschichte von Elisabeth und Daniel Gluck erzählt: Sie, eine prekär beschäftigte Kunsthistorikerin, er, ein im Altersheim vegetierender 100-Jähriger. Die beiden verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft, mit Daniels Tod droht auch Elisabeths wichtigste Bezugsperson zu verschwinden. Zwischen Erinnerungen reihen sich Beobachtungen des Lebens mit dem Brexit: Grundstücke werden mit Stacheldraht umzäunt, spanische Touristen wüst beschimpft und am Passamt hat Elisabeth plötzlich Probleme, den Beamten von ihrer britischen Staatsbürgerschaft zu überzeugen. Der "Herbst" wird bei Ali Smith nicht nur als Jahreszeit, sondern auch als Herbst eines einstmals großen Königreichs erfahrbar.

(c) dtv

8. ex aequo: Fran Ross (10 Punkte) NEU

"Oreo", dtv
Übersetzung: Pieke Biermann

1935 wurde die afroamerikanische Schriftstellerin Fran Ross in Philadelphia geboren, mit nur 50 Jahren starb sie an Krebs. Ihr einziger Roman "Oreo" erschien 1974, am Höhepunkt der Black Power Bewegung, er fiel bei der Kritik jedoch durch. Jahrzehnte lang sollte der Text, wie auch seine Autorin, in völlige Vergessenheit geraten, bis ihn eine amerikanische Literaturwissenschaftlerin wiederentdeckte und zu spätem Ruhm verhalf.
"Oreo" ist der Spitzname von Fran Ross' Romanheldin, die, ähnlich wie der hinlänglich bekannte Keks, eine "schwarze" Hülle und einen "weißen" Kern besitzt: Sie ist die Tochter einer Afroamerikanerin und eines Juden. Mit absurdem Witz fordert Fran Ross Rassenklischees und Identitätskonstrukte heraus und schickt ihre Heldin auf eine sich am Theseus-Mythos anlehnende Quest durch Philadelphia und New York. Es ist die Bereitschaft, Rassismus und Frauenfeindlichkeit mit schwarzem Humor zu entlarven, die den Roman so außergewöhnlich und letztendlich auch so modern macht: bis heute zählt er zu den wenigen satirischen Texten afroamerikanischer Literatur.

(c) Hanser

10. Botho Strauß (9 Punkte)

"zu oft umsonst gelächelt", Hanser

"zu oft umsonst gelächelt" ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich der altehrwürdigen Gesellschaftsinstitution "Paar" widmen. Der romantischen Idee trauter Zweisamkeit erteilt Botho Strauß darin jedoch eine eindeutige Absage und lässt seine Leser und Leserinnen stattdessen "Ehetrümmergrundstücke" aufsuchen. Denn zum Streiten, so wissen wir alle, gehören immer zwei. Für die meist genauso sadistischen wie masochistischen Dynamiken, die sich zwischen Liebenden allzu oft einstellen, hat Botho Strauß ganz offensichtlich ein gutes Gespür. Weit faszinierender sind jedoch die geradezu schmerzhaft zutreffenden Sprachbilder, die er findet: wenn er etwa von "Umarmungen ohne Niveau spricht, findet man sich sogleich in der Erinnerung an eine eben solche Umarmung unweigerlich wieder.