Die besten 10 im November 2019

(c) Zsolnay

1. Mircea Cărtărescu (27 Punkte)

"Solenoid", Zsolnay
Übersetzung: Ernest Wichner

Ein Name, der immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis genannt wird: Mircea Cărtărescu. Der jüngste Roman "Solenoid" des rumänischen Schriftstellers ist ein komplexes, vielschichtiges Werk mit enormer Sogwirkung für den Leser.
Jahrzehntelang hat Mircea Cărtărescu in Opposition zum Ceaușescu-Regime gelebt, ein Umstand, der sein literarisches Werk geprägt hat. Wie so oft bei dem 1956 in Bukarest geborenen Schriftsteller ist die rumänische Hauptstadt der Schauplatz, wobei in diesem monumentalen Werk eine dämonische Unterwelt existiert, angetrieben von sechs mächtigen magnetischen Spulen, den titelgebenden "Solenoiden". Diese Spulen bilden unter der Erde ein energetisches Netz, an den Knotenpunkten wird sogar die Schwerkraft außer Kraft gesetzt. Der Roman hat die Form eines privaten Journals, der Ich-Erzähler will sich darin über sein Inneres wie auch Äußeres klar werden, alles spielt sich im Kopf der Hauptfigur ab. "Solenoid" verbindet autobiographische Kindheitserinnerungen, Träume und Halluzinationen mit der realen Welt, entstanden ist ein fantastisch, surreales Monumentalwerk.

(c) Frankfurter Verlagsanstalt

2. Susanne Gregor (17 Punkte) NEU

"Das letzte rote Jahr", Frankfurter Verlagsanstalt

Der Reihe nach öffneten im Jahr 1989 die kommunistischen Länder des Ostens ihre Grenzen, Schritt für Schritt wurde der eiserne Vorhang zu einem Gespenst der Vergangenheit. Tausende Menschen gingen im Herbst auf die Straßen, um für einen Systemwechsel zu demonstrieren - für den großen Teil der Bevölkerung Ostereuropas kam dieser Wechsel jedoch letztendlich überraschend. Der neue Roman der in der Tschechoslowakei aufgewachsenen Schriftstellerin Susanne Gregor erzählt die Geschichte dreier Mädchen, die dieses "Letzte rote Jahr" in einem Plattenbau der slowakischen Industriestadt Žilina erleben. Es ist kein elendes Leben, das sie führen - doch wirkliche Freiheit können sie in einer Gesellschaft, in der alle gleich zu sein und das Gleiche zu wollen haben, nicht erfahren. Statt der politischen Ereignisse stellt Susanne Gregor das Lebensgefühl dieser Zeit in den Mittelpunkt: Eine Atmosphäre des Wartens, an die man sich gewöhnt hat und auf deren Ende man mit der Zeit verlernt hatte, zu hoffen. Ein Roman, der ohne Verteuflung oder Verherrlichung des Sozialismus ein Stimmungsbild eines für die europäische Geschichte so zentralen Jahres zeichnet.

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(c) Klett-Cotta

3. Raphaela Edelbauer (16 Punkte)

"Das flüssige Land", Klett-Cotta

Mit Spannung wurde der erste Roman der 1990 in Wien geborenen Schriftstellerin Raphaela Edelbauer erwartet. "Das flüssige Land" ist der Debütroman des Shootingstars der Literaturszene und landete auf Anhieb auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises wie auch auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises. In der biographischen Spurensuche begibt sich eine Physikerin auf Irrfahrt mit dem Auto durch Österreich, um schlussendlich den Heimatort ihrer Eltern zu besuchen, in dem sie selbst noch nie war. Raphaela Edelbauer beschreibt das von der Außenwelt abgeschiedene Groß-Einland, voll abgründigem Humor und Übertreibung, detailreich und mit großer Erzähllust. Heimlich betreibt die Ich-Erzählerin im Buch historische Nachforschungen, dabei stößt sie auf eine geheime Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen. Raphaela Edelbauer seziert die österreichische Gesellschaft und ihren Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die bis heute untrennbar mit der Gegenwart verbunden ist, wie die mehrfach ausgezeichneten Autorin sagt.

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(c) Suhrkamp

4. Nora Bossong (15 Punkte)

"Schutzzone", Suhrkamp

Nora Bossong hat sehr lange für ihren neuen Roman recherchier. Überhaupt zählen Recherche, Reisen zu den Grundlagen ihres literarischen Tuns. Sie ist, wie zu erwarten war, mit diesem Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreis gelandet. Worum geht es in dem Roman? Die Hauptfigur arbeitet bei den Vereinten Nationen in Genf, hat von der Welt schon viel gesehen. Lesend lernt man Nina kennen als Kind, das vorübergehend bei einer Freundin ihres Vaters lebt. Als erwachsene Frau arbeitet sie für die Vereinten Nationen in Burundi auf einer Friedensmission nach dem Völkermord, moderiert zwischen verfeindeten Staatsvertretern. Im Rahmen ihrer Arbeit trifft sie einen alten Bekannten wieder, Milan, der ihre Arbeit für die UN hinterfragt. Ihr Weltbild gerät langsam ins Wanken, sie denkt über die Wahrheit von Zeugenaussagen nach, über das Verhältnis von Schutz und Macht, Opfer und Täter. Und auch ihr Verhältnis zum acht Jahre älteren Milan ist neben politischen Kontroversen von privaten Auseinandersetzungen geprägt. Nora Bossong entwirft mit Nora eine literarische Figur, in der sich die brisanten Fragen unserer Gegenwart spiegeln und brechen und die trotz aller Widrigkeiten auf die Kraft des Dialogs und der Versöhnung hofft.

(c) Deuticke

5. ex aequo: Paulus Hochgatterer (12 Punkte)

"Fliege fort, fliege fort", Deuticke

Paulus Hochgatterer schreibt in der dem Roman angefügten Danksagung, er habe immer über "den Sieg der Erzählung des Einzelnen über die behauptete Wahrheit der Mehrheit" geschrieben. Das trifft auch auf sein neues Buch zu. "Fliege fort, fliege fort" ist ein Kriminalroman, der an Hochgatterers bekannte Furth-Romane anschließt: alles dreht sich darin um Kinder, denen Grausamstes angetan wurde, und die sich, erwachsen geworden, an ihren ehemaligen Peinigern zu rächen versuchen. Österreich zeigt sich darin abermals als "die freundliche Variante der Bösartigkeit", wovon im "Matratzenhaus", ebenfalls einem in der fiktiven Stadt Furth angesiedelten Kriminalroman, die Rede war. "Ein packendes literarisches Psychogramm Österreichs", so Klaus Zeyringer über "Fliege fort, fliege fort".

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(c) Kunstmann

5. ex aequo: Valeria Luiselli (12 Punkte) NEU

"Archiv der verlorenen Kinder", Kunstmann
Übersetzung: Brigitte Jakobeit

Als die Regierung Trump im Frühjahr 2018 ein Gesetz erlassen hat, das es der US-Border-Patrol erlaubt, asylsuchende Eltern von ihren Kindern zu trennen, kamen der amerikanischen Journalistin Rachel Maddow beim Verlesen der Meldung vor laufender Kamera die Tränen. Die Bilder von Kindern, die in Käfigen an der mexikanischen Grenze interniert wurden, lösten eine globale Schockwelle aus und werden als Tiefpunkt der amerikanischen Migrationspolitik angesehen. Medial weniger präsent ist die Tatsache, dass jährlich unzählige Kinder den Weg über die Grenze völlig auf sich allein gestellt aufnehmen. Mit einer Telefonnummer unter den Kragen gestickt werden sie losgeschickt, in der letzten Hoffnung, dass sie irgendwie unbeschadet an ihrem Ziel ankommen. Viele gehen auf diesem Weg verloren – ihnen hat die aus Mexiko stammende Schriftstellerin Valeria Luiselli mit ihrem neuen Buch ein Mahnmal geschaffen: genauer gesagt, ein Archiv. Luiselli schickt ihre Ich-Erzählerin auf einen Roadtrip von New York Richtung Süden, im Kofferraum Schachteln voller Recherche-Material zu verschwundenen Flüchtlingskindern, über das akribisch Inventar geführt wird. "Archiv der verlorenen Kinder" ist nicht einfach ein weiterer literarischer Beitrag zur Migrationsdebatte. Luisellis Poetik geht den Möglichkeiten des Schreibens über die Schicksale der Schutzlosesten der Gesellschaft auf den Grund und schafft dabei ein Textgeflecht, das weit über Betroffenheitsprosa hinausgeht und bis ins Mark erschüttert.

(c) Rowohlt

7. ex aequo: Jon Fosse (10 Punkte) NEU

"Der andere Name", Rowohlt
Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel

Das Schweigen: es ist der Kitt, der Jon Fosses Figuren, seine literarische Welt, zusammenhält. Es sind die existenziellen Grundfragen, die im Zentrum seiner Literatur stehen: die Liebe und der Tod, die Einsamkeit, die Verzweiflung, der Glaube.
Ein Maler namens Asle steht in "Der andere Name" im Mittelpunkt. Er lebt nach dem Tod seiner Frau im Südwesten Norwegens in einer kleinen Stadt. Sein dringender Wunsch ist es, in seiner Malerei hinter das Gegenständliche vorzudringen. Dieser Asle: er hat einen Doppelgänger, ebenfalls Maler, aber dem Alkohol verfallen, ist sehr einsam.
Zwei Spielarten eines Menschen, zwei Versionen des Lebens. Vergangenheit und Gegenwart fließen in Fosses langsamer, tastender, auf der Kunst der Wiederholung fußender Prosa ineinander.

(c) Jung und Jung

7. ex aequo: Nadine Schneider (10 Punkte) NEU

"Drei Kilometer", Jung und Jung

Drei Kilometer – das ist die Distanz zu einer Grenze, um die sich in Nadine Schneiders neuem Roman alles dreht. Ohne genaue zeitliche oder räumliche Verortung lässt sich zwischen den Zeilen allmählich erahnen, um welche Grenze es sich handelt: es ist die, hinter der das Grauen des Ceauşescu-Regimes aufhört. Die Unmittelbarkeit dieser Nähe beschäftigt alle Figuren des Romans, denn sie zwingt sie dazu, sich täglich mit einer Frage zu konfrontieren: Gehen oder Bleiben? Das Dilemma dieser Frage beschreibt Nadine Schneider an Hand der Dreiecks-Beziehung zwischen, Misch, Hans und Anna. Während die Fluchtpläne der beiden jungen Männer immer konkretere Formen annehmen, kann sich Anna nicht vorstellen, ihr Dorf zu verlassen – allen Widrigkeiten zum Trotz. Sie klammert sich an ein Idyll aus Maisfeldern, quietschenden Eisentoren und Heugeruch und blendet die mangelnden Perspektiven, die ihr diese Welt bietet, hartnäckig aus. Ohne sich in detailreiche historisch-politische Beschreibungen zu verirren, hat Nadine Schneider ein bewegendes Sittenbild der späten Ceauşescu-Ära geschrieben.

(c) Suhrkamp

9. ex aequo: Marieke Lucas Rijneveld (8 Punkte) NEU

"Was man sät", Suhrkamp
Übersetzung: Helga van Beuningen

Mit "Was man sät" ist der niederländischen Schriftstellerin Marieke Lucas Rijneveld ein beeindruckendes Debut gelungen. Im Zentrum des Romans steht ein Mädchen, das von allen nur "Jacke" genannt wird, denn sie weigert sich mit neurotischer Beharrlichkeit, ihre Jacke auszuziehen. Hinter dem Verhalten steckt ein Trauma, mit dem das Mädchen alleingelassen wird: Ihr Bruder Matthies ist beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen und tödlich verunglückt. Die Jacke wird dem Mädchen zu einem Panzer, mit dem sie sich vor der Außenwelt zu schützen versucht – eine Außenwelt, in der seit dem Tod des Bruders einzig und allein die obsessive Trauer der Eltern herrscht. Die streng gläubige reformierte Bauernfamilie hat die Freude aus dem Haus verbannt: Das Weihnachtfest wurde abgesagt, das Festessen den Nachbarn geschenkt. In einer bedrückend klaren Sprache schildert Marieke Lucas Rijneveld eine Welt, in der es zwischen Kuhstall und Bibel keinen Platz für individuelles Leid gibt.

(c) Zsolnay

9. ex aequo: Martin Pollack (8 Punkte)

"Die Frau ohne Grab", Zsolnay

Es ist die Geschichte der Pauline Bast, die im Zentrum von Martin Pollacks neuem Buch steht. Es ist Pollacks Großtante, die, im Gegensatz zum männlichen Rest der Familie, keine aktive, keine überzeugte Nationalsozialistin war. Und doch war es gerade sie, die in ihrem Heimatort Tüffer im heutigen Slowenien gelegen, im Sommer 1945 von jugoslawischen Partisanen deportiert und in ein provisorisches Internierungslager gebracht wurde: wenige Wochen später ist sie tot, ihr Grab wurde nie gefunden. Mit diesem akribisch recherchierten Buch setzt Martin Pollack den weiblichen Mitgliedern des väterlichen Familienzweigs Bast ein literarisches Denkmal und zeigt abermals, worin seine Stärke liegt: anhand der Schicksale Einzelner die großen historischen Verwerfungen anschaulich zu machen.

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(c) Luchterhand

9. ex aequo: Terézia Mora (8 Punkte)

"Auf dem Seil", Luchterhand

In dem Begründungsschreiben der Jury des Büchner-Preises, der Térezia Mora 2018 zuerkannt worden ist, war zu lesen: "In ihren Romanen und Erzählungen widmet sich Terézia Mora Außenseitern und Heimatlosen, prekären Existenzen und Menschen auf der Suche und trifft damit schmerzlich den Nerv unserer Zeit." Das trifft auch auf ihre Triologie rund um den IT-Spezialisten Darius Kopp zu, deren letzter Teil der Roman "Auf dem Seil" ist. Drei Jahre sind darin vergangen, seit seine große Liebe, Flora, gestorben ist. Er hat mit ihrer Asche Europa bereist, ist schließlich in Sizilien gelandet, wo er eines Tages auf seine 17jährige Nichte trifft. Mit ihr kehrt er nach Berlin zurück. Die Frage danach, was ein geglücktes Leben sein könnte, umkreist Térezia Mora darin, wie in den ersten zwei Teilen, mit großer Leichtigkeit, zugleich mit schmerzvoller Genauigkeit.