Die besten 10 im Oktober 2019

(c) Zsolnay

1. Drago Jančar (35 Punkte)

"Wenn die Liebe ruht", Zsolnay

Ende des 2. Weltkrieges, Schauplatz Maribor: der Roman "Wenn die Liebe ruht" des slowenischen Schriftstellers Drago Jančar setzt nach dem Überfall der Wehrmacht auf Jugoslawien 1941 ein. Neue deutsche Straßennamen ersetzen die slowenischen, so wird etwa aus dem "Hotel Orel" ein "Hotel Adler" und "Restavracija" wird zu "Restaurant", Menschen stolzieren in SS-Uniform durch die Stadt. In dieser Atmosphäre trifft eine junge Frau namens Sonja auf ihren alten Schulkollegen, der mittlerweile auf Seiten der Deutschen steht. Sonja bittet ihn, sich für ihren inhaftierten Freund einzusetzen, der im Gefängnis als mutmaßlicher Partisan gefoltert wird. Drago Jančar lotet im Roman aus, wie weit wir bereit sind zu gehen, in einer Situation ohne Gewissheit und stellt die Frage, wie der Krieg Beziehungen prägt und beeinflusst. Jančar hat einen historischen Roman geschrieben, der die Situation der Slowenen unter Herrschaft der Nazis genauso wie später unter den siegreichen Partisanen Titos plastisch darstellt.

(c) Luchterhand

2. Terézia Mora (24 Punkte)

"Auf dem Seil", Luchterhand

In dem Begründungsschreiben der Jury des Büchner-Preises, der Térezia Mora, der ihr 2018 zuerkannt worden ist, war zu lesen: "In ihren Romanen und Erzählungen widmet sich Terézia Mora Außenseitern und Heimatlosen, prekären Existenzen und Menschen auf der Suche und trifft damit schmerzlich den Nerv unserer Zeit." Das trifft auch auf ihre Triologie rund um den IT-Spezialisten Darius Kopp zu, deren letzter Teil der Roman "Auf dem Seil" ist. Drei Jahre sind darin vergangen, seit seine große Liebe, Flora, gestorben ist. Er hat mit ihrer Asche Europa bereist, ist schließlich in Sizilien gelandet, wo er eines Tages auf seine 17jährige Nichte trifft. Mit ihr kehrt er nach Berlin zurück. Die Frage danach, was ein geglücktes Leben sein könnte, umkreist Térezia Mora darin, wie in den ersten zwei Teilen, mit großer Leichtigkeit, zugleich mit schmerzvoller Genauigkeit.

(c) Klett-Cotta

3. Raphaela Edelbauer (21 Punkte) NEU

"Das flüssige Land", Klett-Cotta

Mit Spannung wurde der erste Roman der 1990 in Wien geborenen Schriftstellerin Raphaela Edelbauer erwartet. "Das flüssige Land" ist der Debütroman des Shootingstars der Literaturszene und landete auf Anhieb auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises wie auch auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises. In der biographischen Spurensuche begibt sich eine Physikerin auf Irrfahrt mit dem Auto durch Österreich, um schlussendlich den Heimatort ihrer Eltern zu besuchen, in dem sie selbst noch nie war. Raphaela Edelbauer beschreibt das von der Außenwelt abgeschiedene Groß-Einland, voll abgründigem Humor und Übertreibung, detailreich und mit großer Erzähllust. Heimlich betreibt die Ich-Erzählerin im Buch historische Nachforschungen, dabei stößt sie auf eine geheime Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen. Raphaela Edelbauer seziert die österreichische Gesellschaft und ihren Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die bis heute untrennbar mit der Gegenwart verbunden ist, wie die mehrfach ausgezeichneten Autorin sagt.

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(c) Hanser Berlin

4. Nicolas Mathieu (19 Punkte)

"Wie später ihre Kinder", Hanser Berlin

"Nicolas Mathieu erzählt von einem Frankreich, über das man nicht spricht." - lautet der lakonische Kommentar der französischen Autorin Virginie Despentes zum Roman "Wie später ihre Kinder". Nicolas Mathieu, der im vergangenen Jahr den renommiertesten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, gewann, widmet dem Glanz und Elend der Prekären einen breit angelegten, soziologisch unterfütterten, fesselnden Roman. Mathieu entwirft meisterhaft ein literarisches Panorama rund um Anthony und Hacine. Zwei junge Männer, der eine ist ein französisches Arbeiterkind, der andere Spross nordafrikanischer Einwanderer. Ort der Handlung ist eine Kleinstadt namens Heillange, die sich in einer abgehängten Industrieregion mit abgeschalteten Hochöfen im Norden Frankreichs befindet.
Es sind die Randzonen, die der 1978 geborene französische Schriftsteller in den Mittelpunkt stellt, mit einem ins Abseits gedrängten Personal, gefangen zwischen Nostalgie und Abstieg.

(c) Suhrkamp

5. Nora Bossong (15 Punkte)

"Schutzzone", Suhrkamp

Nora Bossong hat sehr lange für ihren neuen Roman recherchier. Überhaupt zählen Recherche, Reisen zu den Grundlagen ihres literarischen Tuns. Sie ist, wie zu erwarten war, mit diesem Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreis gelandet und es ist davon auszugehen, dass "Schutzzone" einer der Titel der Shortlist sein wird. Worum geht es in dem Roman? Die Hauptfigur arbeitet bei den Vereinten Nationen in Genf, hat von der Welt schon viel gesehen. Lesend lernt man Nina kennen als Kind, das vorübergehend bei einer Freundin ihres Vaters lebt. Als erwachsene Frau arbeitet sie für die Vereinten Nationen in Burundi auf einer Friedensmission nach dem Völkermord, moderiert zwischen verfeindeten Staatsvertretern. Im Rahmen ihrer Arbeit trifft sie einen alten Bekannten wieder, Milan, der ihre Arbeit für die UN hinterfragt. Ihr Weltbild gerät langsam ins Wanken, sie denkt über die Wahrheit von Zeugenaussagen nach, über das Verhältnis von Schutz und Macht, Opfer und Täter. Und auch ihr Verhältnis zum acht Jahre älteren Milan ist neben politischen Kontroversen von privaten Auseinandersetzungen geprägt. Nora Bossong entwirft mit Nora eine literarische Figur, in der sich die brisanten Fragen unserer Gegenwart spiegeln und brechen und die trotz aller Widrigkeiten auf die Kraft des Dialogs und der Versöhnung hofft.

(c) Zsolnay

6. ex aequo: Mircea Cărtărescu (14 Punkte) NEU

"Solenoid", Zsolnay

Ein Name, der immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis genannt wird: Mircea Cărtărescu. Der jüngste Roman "Solenoid" des rumänischen Schriftstellers ist ein komplexes, vielschichtiges Werk mit enormer Sogwirkung für den Leser.
Jahrzehntelang hat Mircea Cărtărescu in Opposition zum Ceaușescu-Regime gelebt, ein Umstand, der sein literarisches Werk geprägt hat. Wie so oft bei dem 1956 in Bukarest geborenen Schriftsteller ist die rumänische Hauptstadt der Schauplatz, wobei in diesem monumentalen Werk eine dämonische Unterwelt existiert, angetrieben von sechs mächtigen magnetischen Spulen, den titelgebenden "Solenoiden". Diese Spulen bilden unter der Erde ein energetisches Netz, an den Knotenpunkten wird sogar die Schwerkraft außer Kraft gesetzt. Der Roman hat die Form eines privaten Journals, der Ich-Erzähler will sich darin über sein Inneres wie auch Äußeres klar werden, alles spielt sich im Kopf der Hauptfigur ab. "Solenoid" verbindet autobiographische Kindheitserinnerungen, Träume und Halluzinationen mit der realen Welt, entstanden ist ein fantastisch, surreales Monumentalwerk.

(c) Deuticke

6. ex aequo: Paulus Hochgatterer (14 Punkte) NEU

"Fliege fort, fliege fort", Deuticke

Paulus Hochgatterer schreibt in der dem Roman angefügten Danksagung, er habe immer über "den Sieg der Erzählung des Einzelnen über die behauptete Wahrheit der Mehrheit" geschrieben. Das trifft auch auf sein neues Buch zu. "Fliege fort, fliege fort" ist ein Kriminalroman, der an Hochgatterers bekannte Furth-Romane anschließt: alles dreht sich darin um Kinder, denen Grausamstes angetan wurde, und die sich, erwachsen geworden, an ihren ehemaligen Peinigern zu rächen versuchen. Österreich zeigt sich darin abermals als "die freundliche Variante der Bösartigkeit", wovon im "Matratzenhaus", ebenfalls einem in der fiktiven Stadt Furth angesiedelten Kriminalroman, die Rede war. "Ein packendes literarisches Psychogramm Österreichs", so Klaus Zeyringer über "Fliege fort, fliege fort".

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(c) Deuticke

8. ex aequo: Bettina Balàka (10 Punkte) NEU

"Die Tauben von Brünn", Deuticke

Es ist die Geschichte des berüchtigten "Lotteriebarons" Johann Karl von Sothen in Zeiten des Frühkapitalismus. In Bettina Balàkas Roman "Die Tauben von Brünn" verhelfen Brieftauben dem findigen, historisch verbürgten Geschäftsmann aus Wien zum großen Geld. Mithilfe von Tauben, die "unter den Menschen wie Geister leben", wie es im Buch heißt, betrügt er die Lotterie der damaligen Zeit im ganz großen Stil. Der reiche Großhändler profitiert von der aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Taubenzüchterin namens Berta Hüttler, skrupellos wird sie von ihm ausgebeutet. Über Jahrzehnte des industriellen und gesellschaftlichen Wandels bleiben Leben und Schicksal der beiden im Wien des 19. Jahrhunderts verknüpft. In "Die Tauben von Brünn" beschreibt die 1966 in Salzburg geborene Schriftstellerin den Wandel in der Industrialisierung, der Gesellschaft und dem Wiener Stadtbild detail- und facettenreich.

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(c) Zsolnay

8. ex aequo: Martin Pollack (10 Punkte) NEU

"Die Frau ohne Grab", Zsolnay

Es ist die Geschichte der Pauline Bast, die im Zentrum von Martin Pollacks neuem Buch steht. Es ist Pollacks Großtante, die, im Gegensatz zum männlichen Rest der Familie, keine aktive, keine überzeugte Nationalsozialistin war. Und doch war es gerade sie, die in ihrem Heimatort Tüffer im heutigen Slowenien gelegen, im Sommer 1945 von jugoslawischen Partisanen deportiert und in ein provisorisches Internierungslager gebracht wurde: wenige Wochen später ist sie tot, ihr Grab wurde nie gefunden. Mit diesem akribisch recherchierten Buch setzt Martin Pollack den weiblichen Mitgliedern des väterlichen Familienzweigs Bast ein literarisches Denkmal und zeigt abermals, worin seine Stärke liegt: anhand der Schicksale Einzelner die großen historischen Verwerfungen anschaulich zu machen.

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(c) Hanser

8. ex aequo: Norbert Gstrein (10 Punkte)

"Als ich jung war", Hanser
Norbert Gstreins neuer Roman ist zum Teil in Tirol, zum Teil in den USA, in Jackson Wyoming, angesiedelt. Im Zentrum des Buches "Als ich jung war" steht ein Mann mittleren Alters, der nach rund 10 Jahren Leben und Arbeiten in Amerika wieder in seine Tiroler Heimat zurückkehrt. Und dieses Tirol: es wird vom Ich-Erzähler gezeichnet als zutiefst patriarchal geprägte Gesellschaft. Bei einer Hochzeit verliebt sich der Ich-Erzähler in eine blutjunge Geigerin, die er bei passender Gelegenheit gegen ihren Willen küsst, aber ohne weitere Avancen zu machen. Anhand dieser Geschichte geht Norbert Gstrein der Frage nach, ob das Unglück hätte verhindert werden können und welche Rolle dem Protagonisten dabei zufiel. Der junge Mann wird durch diese Geschichte in einen Zustand zwischen unerfüllter Sehnsucht und Schuldkomplex katapultiert. Norbert Gstrein erkundet die Brüchigkeit aller Gewissheiten, ihn interessiert die Fragwürdigkeit des scheinbar Faktischen in Rückblicken auf Vergangenes.

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(c) C. Bertelsmann

8. ex aequo: Salman Rushdie (10 Punkte) NEU

"Quichotte", C. Bertelsmann

1605 veröffentlichte Miguel de Cervantes den ersten Teil seines Romans "Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha". Der namensgebende Held dieses Buchs geistert seither durch die westliche Kulturgeschichte und steht sinnbildlich für die Unfähigkeit, Realität und Fiktion voneinander zu unterscheiden. Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie, der seit fast 20 Jahren in den USA lebt, hat sich für sein jüngstes Buch diesen weltberühmten Anti-Helden vorgenommen: Rushdies "Quichotte" ist ein amerikanischer Handelsreisender indischen Ursprungs, der sich – geistig umnachtet durch jahrelangen, krankhaften Fernseh- und Social Media-Konsum – auf eine Quest quer durch ein Land begibt, dessen Präsidenten nicht selten ein quijotesker Realitätsverlust vorgeworfen wird.