Die besten 10 im Juli 2019

(c) Droschl

1. Thomas Stangl (20 Punkte) NEU

"Die Geschichte des Körpers", Droschl

"Mit seinem ersten Erzählband verhilft Thomas Stangl der kleinen Form zu großer Dimension." so der Kommentar vom Literaturkritiker Werner Krause zu "Die Geschichte des Körpers".
Thomas Stangl schafft Ungewissheiten in seinen dreißig lose miteinander verbundenen Erzählungen, in denen der Körper zum Speicher und Bewahrer von Erinnerung und Sprache wird, auch Realitätsverschiebungen und Perspektivwechsel sind immer wieder tonangebend. So bestimmt in einem Text das Warten auf die Monster, die nicht kommen, die Szenerie, in einem anderen beschreibt ein Zivildiener mit großer Sensibilität demente Patienten in einem Heim. Eine Art literarische Studie zum Nachdenken über Tod und Fortleben, Körper und Körperlosigkeit, Erinnerung und Vergessen. Der 1966 in Wien geborene Thomas Stangl hat ein "in allen Farben der Existenz schillerndes Buch" geschrieben, wie Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung schreibt.

(c) Zsolnay

2. Hermynia Zur Mühlen (18 Punkte)

"Werke", Zsolnay

"Diese Autorin müsste berühmter sein und viel mehr gelesen werden." - ist in der Rezension der Süddeutschen Zeitung über die neue Werkausgabe der fast in Vergessenheit geratenen Schriftstellerin Hermynia zur Mühlen zu lesen. Aristokratin, Kommunistin, Katholikin, unbeugsame Nazigegnerin und Exilantin: zu den prominenten Lesern der Werke, der 1883 in Wien als Gräfin Folliot de Crenneville geborenen Schriftstellerin, zählten Karl Kraus und Joseph Roth. Nun wurde ihr gesamtes literarisches Schaffen von Romanen über Erzählungen bis hin zu Märchen vom Literaturwissenschaftler Ulrich Weinzierl in einer Gesamtausgabe von vier Bänden herausgegeben, ein Essay dazu stammt von der deutschen Schriftstellerin Felicitas Hoppe. Sie wurde durch folgendes Zitat auf Hermynia zur Mühlen aufmerksam: "Von allen Arten der Unduldsamkeit vermag man sich am allerschwersten von der ästhetischen, vielleicht der grausamsten von allen, zu befreien. Sie schafft Notwendigkeiten, ohne die man das Leben unmöglich findet, sie nährt die Feigheit, die einen die einzige unverzeihliche Sünde begehen läßt: der anerkannten Wahrheit widersteben." Hermynia zur Mühlen war eine Ausnahmeerscheinung der deutschsprachigen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts.

(c) S. Fischer

3. András Forgách (16 Punkte)

"Akte geschlossen", S. Fischer

Ein einziger Telefonanruf und für den ungarischen Autor, Filmemacher und Übersetzer András Forgách änderte sich die Welt von einem Moment auf den anderen radikal. Von einem Bekannten erfuhr er, dass seine Mutter Agentin für den ungarischen Geheimdient gewesen sei. Diese Nachricht stellte sich für András Forgách als ein "Ereignis kosmischen Ausmaßes" heraus, wie er schreibt.
In seinem Buch "Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin" thematisiert András Forgách dieses Dilemma. Er liest das Geheimdienstdossier seiner verstorbenen Mutter und muss erkennen, dass die Nachricht ihrer Agentenschaft alle bisher gültigen Wahrheiten außer Kraft setzt. Von Anfang an arbeitete sein Vater, ein Journalist, nebenher als ungarischer Spion, unter dem Decknamen "Pápai". Und als der Vater wegen Geisteskrankheit ausfiel, trat die Mutter, vom Glauben an den Sozialismus durchdrungen, an seine Stelle, unter dem Decknamen "Frau Pápai".
András Forgách, der Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre in Ungarns dissidentischen Künstlerkreisen unterwegs war, erfuhr von all dem erst zwei Jahrzehnte nach dem Fall des eisernen Vorhangs, als die Eltern längst tot waren. Die Mutter hatte nicht nur Freunde und Verwandte bespitzelt, sondern auch die eigenen Kinder.

(c) S. Fischer

4. Marlene Streeruwitz (15 Punkte) NEU

"Flammenwand", S. Fischer

Marlene Streeruwitz nennt ihr neues Buch "Flammenwand" einen Roman mit Anmerkungen. Das heißt: Es gibt eine Rahmenhandlung, die die Geschichte einer etwa 50-jährigen Frau erzählt, die Opfer eines Liebesbetrugs wird. Gleichzeitig hat die Autorin ihren Arbeitsprozess minutiös dokumentiert. Die Entstehung der einzelnen Abschnitte der Romanhandlung ist genau datiert, Fußnoten verweisen außerdem auf die innenpolitischen Ereignisse, die an dem jeweiligen Tag aktuell waren. Das macht das Buch einerseits zu einer Chronik der Kernzeit der türkis-blauen Regierung, die nur wenige Tage vor der Veröffentlichung des Romans gescheitert ist. Andererseits entwickelt Marlene Streeruwitz im Zusammenspiel der beiden Textebenen eine gesellschaftskritische Theorie, die das Verschwimmen von Politischem und Privatem auf fast schon hellseherische Weise problematisiert.

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(c) Diogenes

5. ex aequo: Ian McEwan (14 Punkte)

"Maschinen wie ich", Diogenes

Ian McEwan stellt ins Zentrum seines neuen Romans einen künstlichen Menschen und damit die große Frage nach dem Verhältnis zwischen Maschine und Mensch. Adam, so heißt der Androide, wird von einem 30jährigen, orientierungslosen Mann, der sein ökonomisches Überleben diversen Erbschaften zu verdanken hat, angeschafft. In der Hoffnung, mithilfe des Roboters endlich Fuß zu fassen in der Welt. Ob der künstliche Mensch das Zeug zum bessern Menschen hat: um diese brisante Frage kreist dieser geschichtsträchtige und geschichtenreiche Roman, der in der Vergangenheit spielt - in den 1980er Jahren - und von einer in vielerlei Hinsicht prekären Zukunft erzählt.

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(c) Suhrkamp

5. ex aequo: Raymond Queneau (14 Punkte) NEU

"Zazie in der Metro", Suhrkamp

Spätestens mit der Verfilmung durch Regisseur Louis Malle erlangte der 1958 veröffentlichte Roman "Zazie in der Metro" von Raymond Queneau internationale Berühmtheit. Nun liegt eine Neuübersetzung des französischen Klassikers von Frank Heibert vor. Während die Mutter ungestörte Zeit mit ihrem Liebhaber verbringen will, übergibt sie die Tochter Zazie ihrem in einem Nachtclub arbeitenden Bruder. Über den Onkel lernt Zazie diese andere Seite der französischen Metropole kennen. "Zazie in der Metro" ist eine wilde, gewitzte Geschichte über Paris aus der Sicht einer abenteuerlustigen, neunmalklugen und selbstbewussten 13-jährigen.
Raymond Queneaus Sprache ist voller umgangssprachlicher Wendungen und Wortneuschöpfungen, eine Herausforderung für einen Übersetzer, die Frank Heibert jedoch erfolgreich bewältigt hat.

(c) Sonderzahl

5. ex aequo: Claudia Dürr, Johann Sonnleitner, Wolfgang Straub (Hg.) (14 Punkte) NEU

"Kommentierte Werkausgabe Werner Kofler, Sonderzahl

Werner Kofler, 1947 in Villach geboren und 2011 in Wien gestorben, lässt sich vereinfacht gesprochen als ein Schriftsteller bezeichnen, der im österreichischen Literaturbetrieb immer wieder für Unbehagen sorgte. Eine "hinterfotzige Intertextualitätsmaschine" nannte ihn der Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler einmal, denn Kofler teilte in seinen Texten gerne gegen alles aus, was in der Literaturszene Rang und Namen hatte. Immer wieder wurde er mit Thomas Bernhard verglichen, zu dem er thematische Ähnlichkeiten aufweist – hinsichtlich seiner literarischen Mittel ging Kofler jedoch weiter. Seine Texte weisen nicht nur eine ungeheure Sensibilität für Sprache auf, sie sprengen auch jegliche Gattungs- und Genrebezeichnungen. Einige Titel waren schon lange vergriffen und nur mehr antiquarisch zu ergattern. In einer dreibändigen kommentierten Werkausgabe haben Johann Sonnleitner, Claudia Dürr und Wolfgang Straub nun erstmals Werner Koflers Gesamtwerk zugänglich gemacht - und damit auch ein Stück österreichische Kulturgeschichte.

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(c) Hanser

8. ex aequo: Colson Whitehead (13 Punkte) NEU

"Die Nickel Boys", Hanser

Florida, Anfang der 1960er Jahre. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt der US-amerikanische Schriftsteller Colson Whitehead die Geschichte von jungen Schwarzen, die in Zeiten der Rassentrennung in einer Strafanstalt der Folter ausgesetzt waren. Aufgrund unglücklicher Verstrickungen landet die Hauptfigur, ein 16-jähriger namens Elwood, in der Besserungsanstalt "Nickel Academy", ein Ort des Schreckens und der Grausamkeit. Die erschütternden Vorgänge, die Colson Whitehead schildert, beruhen auf Tatsachen, die 2014 im Zuge von Bauarbeiten an einer mittlerweile geschlossenen Strafanstalt zutage kamen. Bei Erdarbeiten fand man die Leichen von 43 teils zu Tode gefolterten Menschen. Colson Whitehead hat daraus einen berührenden, eindrücklichen Roman über die Abgründe der amerikanischen Gesellschaft und den tief verwurzelten Rassismus geschrieben.

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(c) S. Fischer

8. ex aequo: Gerhard Roth (13 Punkte)

"Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier", S. Fischer

Gerhard Roth ist seit seinen groß angelegten Zyklen "Die Archive des Schweigens" und "Orkus" aus dem Pantheon der österreichischen Literatur nicht mehr wegzudenken. Mit "Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier" legt er den zweiten Teil seiner Venedigtrilogie vor. Alles dreht sich um den Übersetzer Emil Lanz, der seinem Leben ein Ende setzen will und unvermittelt Zeuge eines Mordes wird. Daraufhin entwickelt Lanz, der gerade noch sterben wollte, ungeahnte Überlebensenergien: er wird von den Verbrechen bedroht. Wobei in diesem raffiniert erzählten Buch unklar bleibt, ob die Bedrohung real ist oder ob es die Fantasie der Hauptfigur ist, die dieser einen Strich durch die Selbstmordrechnung macht. In jedem Fall ist dieser Roman, der voller weltliterarischer Bezüge und kunsthistorischer Exkurse ist, Ausdruck von Gerhard Roths Überzeugung, dass die Fiktion den Fakten an Relevanz für das Leben in Nichts nachsteht, ja geradezu lebensrettend sein kann.

(c) Septime

10. Alban Nikolai Herbst (11 Punkte)

"Wanderer", Septime

Der deutsche Schriftsteller Alban Nikolai Herbst, ein Pseudonym, wird gern als "eine der Führungsfiguren der literarischen Postmoderne" gehandelt, beschrieben wird er immer wieder als ein vom Schreiben besessener Autor. Alban Nikolai Herbst hat ein gewaltiges Werk vorzuweisen, insgesamt hat er über 35 Titel publiziert, Prosa und Lyrik gehen dabei Hand in Hand. Der Wiener Septime Verlag hat sich nun zur Aufgabe gemacht, nach und nach seine gesammelten Erzählungen zu veröffentlichen. Soeben ist Band 1 unter dem Titel "Wanderer" erschienen. Es ist ein düster-klares, stets mit Momenten der Selbstreferenzialität versehenes, Changieren zwischen Traumhaftem und Wirklichem, das diese Texte auszeichnet. In einer der Erzählungen nimmt sich Alban Nikolai Herbst etwa einen jungen Mann vor, der verlustig geht. Folgender Satz wird diesem in den Mund gelegt: "Ich bin die Hürde mir selbst, die anwächst, je näher ich komme." Das gilt in gewisser Weise auch für die Texte selbst: der Satz lässt sich lesen als eine Art poetischer Nukleus der Erzählungen. Herbst "schreibt Geschichten", so formuliert es Peter Pisa, "die muss man aus der Hand legen, denn sobald man in eine Geschichte eingestiegen ist, will man allein sein mit einem Gedanken."