Die besten 10 im Juni 2019

(c) Residenz

1. Undinė Radzevičiūtė (21 Punkte) NEU

"Das Blut ist blau", Residenz

Undiné Radzevičiūtė ist 1967 in Vilnius geboren, studierte Kunstgeschichte und arbeitete als "Art director" für Werbefirmen. Mit ihrem Roman "Fische und Drachen" gelangte ihr der Durchbruch, sie wurde international bekannt und mehrfach dafür ausgezeichnet. Vor kurzem ist ihr Roman "Das Blut ist blau" in der deutschen Übersetzung von Cornelius Hell erschienen. Im Zentrum steht eine der mächtigsten europäischen Familien, dem Adelsgeschlecht "Von der Borch", verwandt mit den italienischen "Borgia" in der Zeit zwischen Mittelalter und früher Neuzeit. Undiné Radzevičiūtė beweist auch mit diesem Roman ihre Leidenschaft für historische Themen, so berichtet sie eindrücklich vom Kampf der letzten Ordensritter um ihre Vormachtstellung.

(c) Luchterhand

2. Saša Stanišić (20 Punkte)

"Herkunft", Luchterhand

Saša Stanišić gehört zu einer Generation weltläufiger, internationaler Schriftsteller. In "Herkunft" aber kehrt er zurück zu seiner Familie in Bosnien und erzählt vom Ankommen im Deutschland der Neunzigerjahre. Geboren wurde der Autor 1979 in Visegrád und kam auf der Flucht vor dem Krieg gemeinsam mit seiner Mutter im Alter von 17 Jahren nach Heidelberg, der Vater folgte zwei Jahre später. Um darüber schreiben zu können, "was zu einem gehört" – wie er es formuliert, reiste Stanišić zurück in das Quellgebiet seiner Familie, ein kleines Dorf in den bosnischen Bergen, auf dessen Friedhof jeder zweite Grabstein seinen Namen trägt. Eindrücklich schildert er im Buch von den Zufällen auf dem eigenen Lebensweg, die Geschichte seiner Eltern und seiner Großeltern, wie die vielen Facetten der Herkunft die Identität des Menschen prägen.

(c) S. Fischer

3. Gerhard Roth (19 Punkte)

"Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier", S. Fischer

Gerhard Roth ist seit seinen groß angelegten Zyklen "Die Archive des Schweigens" und "Orkus" aus dem Pantheon der österreichischen Literatur nicht mehr wegzudenken. Mit "Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier" legt er den zweiten Teil seiner Venedigtrilogie vor. Alles dreht sich um den Übersetzer Emil Lanz, der seinem Leben ein Ende setzen will und unvermittelt Zeuge eines Mordes wird. Daraufhin entwickelt Lanz, der gerade noch sterben wollte, ungeahnte Überlebensenergien: er wird von den Verbrechen bedroht. Wobei in diesem raffiniert erzählten Buch unklar bleibt, ob die Bedrohung real ist oder ob es die Fantasie der Hauptfigur ist, die dieser einen Strich durch die Selbstmordrechnung macht. In jedem Fall ist dieser Roman, der voller weltliterarischer Bezüge und kunsthistorischer Exkurse ist, Ausdruck von Gerhard Roths Überzeugung, dass die Fiktion den Fakten an Relevanz für das Leben in Nichts nachsteht, ja geradezu lebensrettend sein kann.

(c) Jung und Jung

4. Florjan Lipuš (17 Punkte)

"Schotter", Jung und Jung

Dass Florjan Lipus zu den relevantesten österreichischen Autoren der Gegenwart zählt, ist nicht erst seit der Verleihung des "Österreichischen Staatspreises" an ihn im Vorjahr bekannt. Im Zentrum seines Werks steht die Auseinandersetzung mit der leidvollen Geschichte der Kärntner Slowenen während des Nationalsozialismus und damit die literarische Beschäftigung mit den Opfern totalitärer Systeme und den gesellschaftlichen Machtdynamiken, die dafür sorgen, dass diese Leiderfahrung unerzählt und verdrängt bleibt. In "Schotter" lässt Lipus jene Bewohner eines Dorfes einen Gedächtnismarsch in ein deutsches Frauen-KZ antreten, deren Verwandte zur Zeit der Nazi-Diktatur deportiert und meist umgebracht wurden. "Schotter" ist ein intensives Klagelied darüber, dass die Stimmen der Opfer und derer, die diesen folgen, stets Gefahr laufen im Mehrheitsgesang zum Verstummen gebracht zu werden. Ein karger, dafür umso erschütternder Text.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Rowohlt

5. Nell Zink (15 Punkte) NEU

"Virginia", Rowohlt

"Sie ist der US-Stern am deutschen Literaturhimmel." - so wurde die in der Nähe von Berlin lebende US-amerikanische Schriftstellerin Nell Zink schon genannt. Die Autorin ist 1964 in Kalifornien geboren und in Virginia aufgewachsen, genau dort ist auch ihr jüngster Roman angesiedelt. "Virginia" ist ein hochpolitisches Werk, es geht um viel, um Klassen,- und Rassenunterschiede, um Geschlechter, -Gender und Identitätspolitik, um Eltern und Kinder, um Bildung, Sexualität und Feminismus.
Zinks lesbische Heldin verfällt im Roman einem schwulen Dichter und Professor an einem College, zeugt mit ihm zwei Kinder und flieht nach einer längeren Leidensphase aus ihrem konservativen Dasein als Professorengattin. Erst langsam entwickelt sie sich wieder zu der Person, die die Leserin zu Beginn kennengelernt hat: einer mutigen, wilden und egozentrischen Frau, die es schafft, ihrer blonden Tochter die Identität einer Schwarzen zu verpassen.
In "Virginia" bringt Nell Zink Wahrnehmungsmuster ins Taumeln, sie zeigt, wie fragwürdig die gängigen Kategorisierungen von Geschlecht, Hautfarbe und ethnischer Zugehörigkeit sind.

(c) Zsolnay

6. ex aequo: Hermynia Zur Mühlen (14 Punkte) NEU

"Werke", Zsolnay

"Diese Autorin müsste berühmter sein und viel mehr gelesen werden." - ist in der Rezension der Süddeutschen Zeitung über die neue Werkausgabe der fast in Vergessenheit geratenen Schriftstellerin Hermynia zur Mühlen zu lesen. Aristokratin, Kommunistin, Katholikin, unbeugsame Nazigegnerin und Exilantin: zu den prominenten Lesern der Werke, der 1883 in Wien als Gräfin Folliot de Crenneville geborenen Schriftstellerin, zählten Karl Kraus und Joseph Roth. Nun wurde ihr gesamtes literarisches Schaffen von Romanen über Erzählungen bis hin zu Märchen vom Literaturwissenschaftler Ulrich Weinzierl in einer Gesamtausgabe von vier Bänden herausgegeben, ein Essay dazu stammt von der deutschen Schriftstellerin Felicitas Hoppe. Sie wurde durch folgendes Zitat auf Hermynia zur Mühlen aufmerksam: "Von allen Arten der Unduldsamkeit vermag man sich am allerschwersten von der ästhetischen, vielleicht der grausamsten von allen, zu befreien. Sie schafft Notwendigkeiten, ohne die man das Leben unmöglich findet, sie nährt die Feigheit, die einen die einzige unverzeihliche Sünde begehen läßt: der anerkannten Wahrheit widersteben."
Hermynia zur Mühlen war eine Ausnahmeerscheinung der deutschsprachigen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts.

(c) Sonderzahl

6. ex aequo: Claudia Dürr, Johann Sonnleitner, Wolfgang Straub (Hg.) (14 Punkte) NEU

"Kommentierte Werkausgabe Werner Kofler, Sonderzahl

Werner Kofler, 1947 in Villach geboren und 2011 in Wien gestorben, lässt sich vereinfacht gesprochen als ein Schriftsteller bezeichnen, der im österreichischen Literaturbetrieb immer wieder für Unbehagen sorgte. Eine "hinterfotzige Intertextualitätsmaschine" nannte ihn der Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler einmal, denn Kofler teilte in seinen Texten gerne gegen alles aus, was in der Literaturszene Rang und Namen hatte. Immer wieder wurde er mit Thomas Bernhard verglichen, zu dem er thematische Ähnlichkeiten aufweist – hinsichtlich seiner literarischen Mittel ging Kofler jedoch weiter. Seine Texte weisen nicht nur eine ungeheure Sensibilität für Sprache auf, sie sprengen auch jegliche Gattungs- und Genrebezeichnungen. Einige Titel waren schon lange vergriffen und nur mehr antiquarisch zu ergattern. In einer dreibändigen kommentierten Werkausgabe haben Johann Sonnleitner, Claudia Dürr und Wolfgang Straub nun erstmals Werner Koflers Gesamtwerk zugänglich gemacht - und damit auch ein Stück österreichische Kulturgeschichte.

(c) Septime

8. ex aequo: Alban Nikolai Herbst (13 Punkte)

"Wanderer", Septime

Der deutsche Schriftsteller Alban Nikolai Herbst, ein Pseudonym, wird gern als "eine der Führungsfiguren der literarischen Postmoderne" gehandelt, beschrieben wird er immer wieder als ein vom Schreiben besessener Autor. Alban Nikolai Herbst hat ein gewaltiges Werk vorzuweisen, insgesamt hat er über 35 Titel publiziert, Prosa und Lyrik gehen dabei Hand in Hand. Der Wiener Septime Verlag hat sich nun zur Aufgabe gemacht, nach und nach seine gesammelten Erzählungen zu veröffentlichen. Soeben ist Band 1 unter dem Titel "Wanderer" erschienen. Es ist ein düster-klares, stets mit Momenten der Selbstreferenzialität versehenes, Changieren zwischen Traumhaftem und Wirklichem, das diese Texte auszeichnet. In einer der Erzählungen nimmt sich Alban Nikolai Herbst etwa einen jungen Mann vor, der verlustig geht. Folgender Satz wird diesem in den Mund gelegt: "Ich bin die Hürde mir selbst, die anwächst, je näher ich komme." Das gilt in gewisser Weise auch für die Texte selbst: der Satz lässt sich lesen als eine Art poetischer Nukleus der Erzählungen. Herbst "schreibt Geschichten", so formuliert es Peter Pisa, "die muss man aus der Hand legen, denn sobald man in eine Geschichte eingestiegen ist, will man allein sein mit einem Gedanken."

(c) S. Fischer

8. ex aequo: András Forgách (13 Punkte) NEU

"Akte geschlossen", S. Fischer

Ein einziger Telefonanruf und für den ungarischen Autor, Filmemacher und Übersetzer András Forgách änderte sich die Welt von einem Moment auf den anderen radikal. Von einem Bekannten erfuhr er, dass seine Mutter Agentin für den ungarischen Geheimdient gewesen sei. Diese Nachricht stellte sich für András Forgách als ein "Ereignis kosmischen Ausmaßes" heraus, wie er schreibt.
In seinem Buch "Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin" thematisiert András Forgách dieses Dilemma. Er liest das Geheimdienstdossier seiner verstorbenen Mutter und muss erkennen, dass die Nachricht ihrer Agentenschaft alle bisher gültigen Wahrheiten außer Kraft setzt. Von Anfang an arbeitete sein Vater, ein Journalist, nebenher als ungarischer Spion, unter dem Decknamen "Pápai". Und als der Vater wegen Geisteskrankheit ausfiel, trat die Mutter, vom Glauben an den Sozialismus durchdrungen, an seine Stelle, unter dem Decknamen "Frau Pápai".
András Forgách, der Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre in Ungarns dissidentischen Künstlerkreisen unterwegs war, erfuhr von all dem erst zwei Jahrzehnte nach dem Fall des eisernen Vorhangs, als die Eltern längst tot waren. Die Mutter hatte nicht nur Freunde und Verwandte bespitzelt, sondern auch die eigenen Kinder.

(c) Diogenes

10. Ian McEwan (12 Punkte) NEU

"Maschinen wie ich", Diogenes

Ian McEwan stellt ins Zentrum seines neuen Romans einen künstlichen Menschen und damit die große Frage nach dem Verhältnis zwischen Maschine und Mensch. Adam, so heißt der Androide, wird von einem 30jährigen, orientierungslosen Mann, der sein ökonomisches Überleben diversen Erbschaften zu verdanken hat, angeschafft. In der Hoffnung, mithilfe des Roboters endlich Fuß zu fassen in der Welt. Ob der künstliche Mensch das Zeug zum bessern Menschen hat: um diese brisante Frage kreist dieser geschichtsträchtige und geschichtenreiche Roman, der in der Vergangenheit spielt - in den 1980er Jahren - und von einer in vielerlei Hinsicht prekären Zukunft erzählt.