Die besten 10 im Mai 2019

(c) Luchterhand

1. Saša Stanišić (35 Punkte)

"Herkunft", Luchterhand

Saša Stanišić gehört zu einer Generation weltläufiger, internationaler Schriftsteller. In "Herkunft" aber kehrt er zurück zu seiner Familie in Bosnien und erzählt vom Ankommen im Deutschland der Neunzigerjahre. Geboren wurde der Autor 1979 in Visegrád und kam auf der Flucht vor dem Krieg gemeinsam mit seiner Mutter im Alter von 17 Jahren nach Heidelberg, der Vater folgte zwei Jahre später. Um darüber schreiben zu können, "was zu einem gehört" – wie er es formuliert, reiste Stanišić zurück in das Quellgebiet seiner Familie, ein kleines Dorf in den bosnischen Bergen, auf dessen Friedhof jeder zweite Grabstein seinen Namen trägt. Eindrücklich schildert er im Buch von den Zufällen auf dem eigenen Lebensweg, die Geschichte seiner Eltern und seiner Großeltern, wie die vielen Facetten der Herkunft die Identität des Menschen prägen.

(c) Zsolnay

2. Slobodan Šnajder (25 Punkte)

"Die Reparatur der Welt", Zsolnay
Übersetzung: Mirjana und Klaus Wittmann

Der Roman gilt als einer der interessantesten der europäischen Gegenwartsliteratur. Jetzt liegt er, nachdem er 2015 im kroatischen Original erschienen ist, in einer kongenialen Übersetzung von Mirjana und Klaus Wittmann auf Deutsch vor. Der Autor, 1948 in Zagreb geboren, wurde mit seinem Stück "Der kroatische Faust" bekannt. Für seinen Roman erhielt er mehrere Auszeichnungen. "Die Reparatur der Welt" ist ein epochales europäisches Geschichten- und Geschichtsdrama. Der Text setzt im Schwabenland an, führt donauabwärts, und entfaltet seine dramatische Haupthandlung mitten im kriegsverwüsteten Polen, in Zagreb endet er. Der Autor spürt darin der Geschichte seiner Familie nach, die geprägt ist von Hoffnungen und Aufbrüchen, mehr noch aber von Ängsten, Leiden und Entbehrungen. Sein Vater, ein in Slawonien lebender "Volksdeutscher", der sich als "Zwangsfreiwilliger" zur Waffen-SS melden musste; seine Mutter eine junge Partisanenführerin, die ihre Lagerhaft dank eines Gefangenenaustausches überlebte. In der Figur des Ungeborenen kommentiert der Autor immer wieder das Geschehen. Es ist kein Roman, in dem jemand mit seiner Familie Frieden schließt, vielmehr einer, der vieles offen lässt und erfindet, wo nichts gefunden werden konnte: auf dass der Mensch mithilfe der Fiktion der Weltrettung doch ein Stück näher rückte.

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(c) Zsolnay

3. Karl-Markus Gauß (19 Punkte)

"Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer", Zsolnay

Der renommierte österreichische Autor Karl-Markus Gauß ist bekannt für seine Reisen in die entlegensten Ecken Europas. In seinem neuen Buch "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer" wendet er sich dem nächstliegenden zu: seinem Zimmer. "Die Wohnung hat zwei Etagen und ist ein umgekipptes Schiff." – so ein Satz aus dem faszinierenden Werk, in dem der Raum abgesteckt ist, aber die Grenzen auf keinen Fall gezogen werden. Der Leser folgt Gauß auf den literarischen Spuren seiner Alltagsgegenstände wie Servietten, Brieföffner, Aschenbecher und Kochbücher. Ideengeber für den gebürtigen Salzburger war der französische Schriftsteller Xavier de Maistre aus dem 18. Jahrhundert, der wegen eines Duells zu Hausarrest verurteilt worden war und in dieser Zeit den Bericht "Die Reise um mein Zimmer" schrieb.

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(c) Jung und Jung

4. Florjan Lipus (18 Punkte)

"Schotter", Jung und Jung

Dass Florjan Lipus zu den relevantesten österreichischen Autoren der Gegenwart zählt, ist nicht erst seit der Verleihung des "Österreichischen Staatspreises" an ihn im Vorjahr bekannt. Im Zentrum seines Werks steht die Auseinandersetzung mit der leidvollen Geschichte der Kärntner Slowenen während des Nationalsozialismus und damit die literarische Beschäftigung mit den Opfern totalitärer Systeme und den gesellschaftlichen Machtdynamiken, die dafür sorgen, dass diese Leiderfahrung unerzählt und verdrängt bleibt. In "Schotter" lässt Lipus jene Bewohner eines Dorfes einen Gedächtnismarsch in ein deutsches Frauen-KZ antreten, deren Verwandte zur Zeit der Nazi-Diktatur deportiert und meist umgebracht wurden. "Schotter" ist ein intensives Klagelied darüber, dass die Stimmen der Opfer und derer, die diesen folgen, stets Gefahr laufen im Mehrheitsgesang zum Verstummen gebracht zu werden. Ein karger, dafür umso erschütternder Text.

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(c) Kiepenheuer & Witsch

5. Sybille Berg: (15 Punkte) NEU

"GRM. Brainfuck", Kiepenheuer & Witsch

"GRM. Brainfuck" ist ein dystopischer Entwurf, der auf die Primitivität der Gegenwart mit der Härte dieser Primitivität antwortet – und zwar in Form und Inhalt. Alles dreht sich in Sibylle Bergs neuem Roman um vier Kinder bzw. Jugendliche, die in massiv unterprivilegierte Verhältnisse geboren werden. Der Text ist in einem Großbritannien angesiedelt, das sowohl den Brexit als auch einen massiven Rechtsruck hinter sich hat: das beschriebene England hat es sich zwischen schrankenloser Digitalisierung und forciertem Neoliberalismus gemütlich-gruselig eingerichtet und zu einer seiner zentralen Aufgabe gemacht, all jene auszusortieren, die diesen Zustand nicht für den bestmöglichen halten. In dieser Szenerie versuchen die vier Hauptfiguren Widerstand zu leisten und die Idee eines würdevollen Lebens für die Zukunft der Menschheit zu retten.

(c) Septime

6. ex aequo: Alban Nikolai Herbst (12 Punkte) NEU

"Wanderer", Septime

Der deutsche Schriftsteller Alban Nikolai Herbst, ein Pseudonym, wird gern als "eine der Führungsfiguren der literarischen Postmoderne" gehandelt, beschrieben wird er immer wieder als ein vom Schreiben besessener Autor. Alban Nikolai Herbst hat ein gewaltiges Werk vorzuweisen, insgesamt hat er über 35 Titel publiziert, Prosa und Lyrik gehen dabei Hand in Hand. Der Wiener Septime Verlag hat sich nun zur Aufgabe gemacht, nach und nach seine gesammelten Erzählungen zu veröffentlichen. Soeben ist Band 1 unter dem Titel "Wanderer" erschienen. Es ist ein düster-klares, stets mit Momenten der Selbstreferenzialität versehenes, Changieren zwischen Traumhaftem und Wirklichem, das diese Texte auszeichnet. In einer der Erzählungen nimmt sich Alban Nikolai Herbst etwa einen jungen Mann vor, der verlustig geht. Folgender Satz wird diesem in den Mund gelegt: "Ich bin die Hürde mir selbst, die anwächst, je näher ich komme." Das gilt in gewisser Weise auch für die Texte selbst: der Satz lässt sich lesen als eine Art poetischer Nukleus der Erzählungen. Herbst "schreibt Geschichten", so formuliert es Peter Pisa, "die muss man aus der Hand legen, denn sobald man in eine Geschichte eingestiegen ist, will man allein sein mit einem Gedanken."

(c) Aufbau

6. ex aequo: Barbara Frischmuth (12 Punkte) NEU

"Verschüttete Milch", Aufbau

In ihrem aktuellen Roman unternimmt Barbara Frischmuth eine Meditation über die Verfertigung von Erinnerungen an die eigene Lebensgeschichte. Diese sind nie frei von Erzählungen anderer. Diese Problematik entfaltet die versierte Autorin anhand ihrer Hauptfigur Juliane, einer in den 1940er Jahren geborenen Autorin, die sich beim Ordnen ihrer alten Familienfotos an ihre Kindheit zu erinnern beginnt. Vor Julianes geistigem Auge tut sich so ein Portrait der Kriegs- und Nachkriegszeit des "Dorfes im Gebirge" auf, in dem die Leser deutlich Frischmuths Heimatort Altaussee erkennen können. Juliane hinterfragt ihre Kindheitserinnerungen dabei auf Schritt und Tritt und bemerkt, dass viele von ihnen ein Produkt der Erzählungen der Erwachsenen sind, die den Kindern eine zurechtgebogene Version ihrer Vergangenheit präsentieren. Bedarf an solchen geglätteten Geschichten gibt es genug, denn im Hotel der Mutter treffen amerikanische Besatzungssoldaten, Altnazis, Widerstandssympathisanten und Sommerfrischler aufeinander. "Verschüttete Milch" entwirft anhand eines Entwicklungsromans ein subtiles Bild der österreichischen Nachkriegsgesellschaft.

(c) S. Fischer

6. ex aequo: Gerhard Roth (12 Punkte) NEU

"Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier", S. Fischer

Gerhard Roth ist seit seinen groß angelegten Zyklen "Die Archive des Schweigens" und "Orkus" aus dem Pantheon der österreichischen Literatur nicht mehr wegzudenken. Mit "Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier" legt er den zweiten Teil seiner Venedigtrilogie vor. Alles dreht sich um den Übersetzer Emil Lanz, der seinem Leben ein Ende setzen will und unvermittelt Zeuge eines Mordes wird. Daraufhin entwickelt Lanz, der gerade noch sterben wollte, ungeahnte Überlebensenergien: er wird von den Verbrechen bedroht. Wobei in diesem raffiniert erzählten Buch unklar bleibt, ob die Bedrohung real ist oder ob es die Fantasie der Hauptfigur ist, die dieser einen Strich durch die Selbstmordrechnung macht. In jedem Fall ist dieser Roman, der voller weltliterarischer Bezüge und kunsthistorischer Exkurse ist, Ausdruck von Gerhard Roths Überzeugung, dass die Fiktion den Fakten an Relevanz für das Leben in Nichts nachsteht, ja geradezu lebensrettend sein kann.

Buchausschnitt - Mendelssohn auf dem Dach (c) Wagenbach

6. ex aequo: Jiří Weil (12 Punkte) NEU

"Mendelssohn auf dem Dach", Wagenbach

In diesem Klassiker der tschechischen Literatur wird ein erschütterndes Bild Prags und seiner Bewohner unter der deutschen Besatzung entworfen. Jirzi Weil erzählt von der Verfolgung und Deportation der Juden, dem Wüten von SS, Gestapo und Wehrmacht, von Kollaboration und Bereicherung, aber eben auch von Widerstand. Eben darin liegt die große Stärke dieses unter die Haut gehenden, bilderreichen Romans: dass er einerseits eine Typologie der Niedertracht entwirft, zugleich aber auch das Gegenteil von Niedertracht in den Blick nimmt, diverse Spielarten von Menschlichkeit unter widrigsten Umständen: etwa ein Ehepaar, das zwei jüdische Mädchen versteckt hält. Ein Buch, das unmissverständlich deutlich macht, dass die Sympathien des Autors bei jenen liegen, die sich von einem zerstörerischen System in ihrem Innersten nicht zerstören lassen.

(c) S. Fischer

6. ex aequo: Ruth Schweikert (12 Punkte) NEU

"Tage wie Hunde", S. Fischer

"Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften. Eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken" schrieb die Philosophin Susan Sontag in ihrem berühmten Essay Krankheit und Metapher. Was es heißt, seine Staatbürgerschaft im Reich der Gesunden zu verlieren, davon handelt Ruth Schweikerts Buch "Tage wie Hunde". 2016 wird der mehrfach ausgezeichneten Schweizer Autorin ein triple negative breast cancer diagnostiziert, Brustkrebs von der bösartigsten Sorte, wie ihre Ärztin erklärt. Nahezu zeitgleich mit der Diagnose verspürt die Autorin das Bedürfnis, über ihre Erkrankung zu schreiben – sie möchte für das, was ihr passiert, zumindest Worte finden können. Aus diesem Impuls heraus ist ein Buch entstanden, dass sich dem gängigen Ton der Kampfansagen gegen den Krebs bewusst verwehrt, ebenso wie jeglicher Art der Mitleids- oder Betroffenheitspoetik. In Form eines fiktiven Tagebuchs liefert Schweikert stattdessen eine fast schon phänomenologische Analyse der prekären Alltäglichkeit, der man sich nach einer solchen Diagnose ausgesetzt sieht.