Die besten 10 im April 2019

(c) Zsolnay

1. Karl-Markus Gauß (38 Punkte) NEU

"Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer", Zsolnay

Der renommierte österreichische Autor Karl-Markus Gauß ist bekannt für seine Reisen in die entlegensten Ecken Europas. In seinem neuen Buch "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer" wendet er sich dem nächstliegenden zu: seinem Zimmer. "Die Wohnung hat zwei Etagen und ist ein umgekipptes Schiff." – so ein Satz aus dem faszinierenden Werk, in dem der Raum abgesteckt ist, aber die Grenzen auf keinen Fall gezogen werden. Der Leser folgt Gauß auf den literarischen Spuren seiner Alltagsgegenstände wie Servietten, Brieföffner, Aschenbecher und Kochbücher. Ideengeber für den gebürtigen Salzburger war der französische Schriftsteller Xavier de Maistre aus dem 18. Jahrhundert, der wegen eines Duells zu Hausarrest verurteilt worden war und in dieser Zeit den Bericht "Die Reise um mein Zimmer" schrieb.

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(c) Rowohlt

2. Siri Hustvedt (27 Punkte) NEU

"Damals", Rowohlt
Übersetzung: Uli Aumüller, Grete Osterwald

In ihrem neuen Roman "Damals" inszeniert Siri Hustvedt ein geschicktes Spiel mit einer scheinbar autobiographischen Geschichte. Die Icherzählerin ist eine Schriftstellerin, die neben dem Beruf auch die Herkunft aus Minnesota, die Initialen und das Alter mit Hustvedt teilt. "S.H." erinnert sich an das Jahr 1978, als sie nach New York zog, um Schriftstellerin zu werden. Dabei ist der Bericht gespickt mit Hinweisen auf die Trugschlüsse der Erinnerung und deren nicht weniger verklärender Umsetzung in Fiktion. In der Schlüsselszene des Romans entgeht die Protagonistin nur knapp einer Vergewaltigung. Diese Erfahrung lässt sie ihre anerzogene Scham und Zurückhaltung ablegen und konfrontativ gegen ihre Umwelt – vor allem Männer – aufbegehren. Hustvedt ist mit "Damals" ein brillanter, dezidiert feministischer Roman gelungen.

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(c) Zsolnay

3. Slobodan Šnajder (20 Punkte)

"Die Reparatur der Welt", Zsolnay
Übersetzung: Mirjana und Klaus Wittmann

Der Roman gilt als einer der interessantesten der europäischen Gegenwartsliteratur. Jetzt liegt er, nachdem er 2015 im kroatischen Original erschienen ist, in einer kongenialen Übersetzung von Mirjana und Klaus Wittmann auf Deutsch vor. Der Autor, 1948 in Zagreb geboren, wurde mit seinem Stück "Der kroatische Faust" bekannt. Für seinen Roman erhielt er mehrere Auszeichnungen. "Die Reparatur der Welt" ist ein epochales europäisches Geschichten- und Geschichtsdrama. Der Text setzt im Schwabenland an, führt donauabwärts, und entfaltet seine dramatische Haupthandlung mitten im kriegsverwüsteten Polen, in Zagreb endet er. Der Autor spürt darin der Geschichte seiner Familie nach, die geprägt ist von Hoffnungen und Aufbrüchen, mehr noch aber von Ängsten, Leiden und Entbehrungen. Sein Vater, ein in Slawonien lebender "Volksdeutscher", der sich als "Zwangsfreiwilliger" zur Waffen-SS melden musste; seine Mutter eine junge Partisanenführerin, die ihre Lagerhaft dank eines Gefangenenaustausches überlebte. In der Figur des Ungeborenen kommentiert der Autor immer wieder das Geschehen. Es ist kein Roman, in dem jemand mit seiner Familie Frieden schließt, vielmehr einer, der vieles offen lässt und erfindet, wo nichts gefunden werden konnte: auf dass der Mensch mithilfe der Fiktion der Weltrettung doch ein Stück näher rückte.

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(c) Droschl

4. Laura Freudenthaler (18 Punkte)

"Geistergeschichte", Droschl

Laura Freudenthaler gehört zu den feinsten österreichischen Autorinnen ihrer Generation – nicht zuletzt seit ihrem Roman "Die Königin schweigt". In ihrem neuen Text dreht sich alles um eine rund 50jährige Frau namens Anne, gebürtige Französin, von Beruf Klavierlehrerin, die sich für ein Jahr eine Auszeit nimmt. Ihres Mannes wegen, der beruflich ebenfalls der Kultur verpflichtet ist, ist sie nach Österreich gezogen. Das Paar führt ein mäßig bewegtes, stilles Leben. Dieses stille Leben gerät zunehmend ins Schwanken, der Boden, auf dem sich Anne bewegt, wird immer brüchiger. Einer der Gründe für die Verunsicherung: Anne vermutet, dass ihr Mann eine Affäre mit einer jüngeren Frau hat. Das Herausragende an diesem Roman besteht darin, wie Laura Freudenthaler von dieser zunehmenden Verunsicherung erzählt: bis ins letzte Detail präzise und sprachlich entschlackt auf das Notwendigste, mit unaufdringlicher dramaturgischer Raffinesse. Auf diese Weise gelingt es der Autorin, den Funken auf den Leser überspringen zu lassen, womit deutlich wird: diese Verunsicherung, von der hier eindringlich erzählt wird: sie lauert überall, mit ihr ist die die grundlegende Unsicherheit aller unserer Existenzen gemeint. Ein sanftes, tiefes, ein großes Buch.

(c) Luchterhand

5. Saša Stanišić (17 Punkte) NEU

"Herkunft", Luchterhand

Saša Stanišić gehört zu einer Generation weltläufiger, internationaler Schriftsteller. In "Herkunft" aber kehrt er zurück zu seiner Familie in Bosnien und erzählt vom Ankommen im Deutschland der Neunzigerjahre. Geboren wurde der Autor 1979 in Visegrád und kam auf der Flucht vor dem Krieg gemeinsam mit seiner Mutter im Alter von 17 Jahren nach Heidelberg, der Vater folgte zwei Jahre später. Um darüber schreiben zu können, "was zu einem gehört" – wie er es formuliert, reiste Stanišić zurück in das Quellgebiet seiner Familie, ein kleines Dorf in den bosnischen Bergen, auf dessen Friedhof jeder zweite Grabstein seinen Namen trägt. Eindrücklich schildert er im Buch von den Zufällen auf dem eigenen Lebensweg, die Geschichte seiner Eltern und seiner Großeltern, wie die vielen Facetten der Herkunft die Identität des Menschen prägen.

(c) S. Fischer

6. Reinhard Kaiser-Mühlecker (16 Punkte) NEU

"Enteignung", S. Fischer

"Ein preiswürdiges Stück Prosa" lautet der euphorische Kommentar eines Literaturkritikers zum neuen Roman "Enteignung" des österreichischen Schriftstellers Reinhard Kaiser-Mühlecker. Der Protagonist ist ein Waisenkind, der einzig Überlebende eines Bootsunglücks. Nach Jahren auf Reisen kehrt er als Journalist in den Ort seiner Kindheit im Nirgendwo der österreichischen Provinz zurück, seine unlängst verstorbene Tante hat ihm dort ein Haus hinterlassen. Nach und nach lebt er sich wieder ein, nimmt eine Stelle bei einer Lokalzeitung an, beginnt eine Affäre und arbeitet auf dem Hof eines Mostbauerns. Kaiser-Mühlecker skizziert im Roman einen zwischen Melancholie und Überdruss schwankenden Mann ohne große emotionale Eigenschaften. Ein existentieller und aufwühlender Roman, der von einer Zeit tiefer Verunsicherung und Umbrüchen erzählt.

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(c) Suhrkamp

7. Annie Ernaux (15 Punkte) NEU

"Der Platz", Suhrkamp
Übersetzung: Sonja Finck

Annie Ernaux beschreibt in ihrem prägnanten Kurzroman "Der Platz" die Herkunft, den moderaten gesellschaftlichen Aufstieg und gleichzeitig geringen persönlichen Spielraum ihres Vaters. Ihm gelang es, seine bäuerliche Herkunft abzustreifen und "nicht mehr zu den am meisten Gedemütigten" zu gehören. Der titelgebende "Platz" meint eben den Ort, der dem Vater von Ernaux durch seine Klassenzugehörigkeit zugewiesen ist. Der Roman erschien bereits 1984 auf Französisch und markierte den Durchbruch der Schriftstellerin, die wie keine zweite in der Lage ist, die sozialen Bedingungen von einzelnen Schicksalen durchsichtig zu machen und zu zeigen, wie diese Bedingungen sich in Sprache und Denken manifestieren. "Der Platz" verwandelt ein mitfühlendes und reflektiertes Vater-Portrait in eine literarische Großleistung.

(c) dtv

8. James Baldwin (14 Punkte)

"Nach der Flut das Feuer", dtv
Übersetzung: Miriam Mandelkow

"Wer andere erniedrigt, erniedrigt sich selbst." In dieser simplen, aber zugleich tief schürfenden Einsicht kulminiert James Baldwins Denken, das sich mit Gewalt, Rassismus und Ausgrenzung auseinandersetzt. Als 1924 in Armut in Harlem geborener, homosexueller Schwarzer, stand Baldwin für einen großen Teil seines Lebens im gesellschaftlichen Abseits. Sein Essayband "The Fire Next Time", der gerade in einer Neuübersetzung als "Nach der Flut das Feuer" erschienen ist, hatte großen Einfluss auf die amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre. Darin reflektiert er den beengten Spielraum von Schwarzen im rassistischen Amerika. Er schreibt "dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen, um die Tatsache des Todes zu leugnen, die einzige Tatsache, die wir haben." Seine Erfahrungen und Themen sind dabei allgemein gültig, erhellen die psychologische Situation von Unterdrückten und Unterdrückern gleichermaßen.

(c) Residenz

9. Gerhard Fritsch (13 Punkte) NEU

"Man darf nicht leben, wie man will", Residenz

Mit Romanen wie "Moos auf den Steinen" oder "Fasching" hat Gerhard Fritsch Literaturgeschichte geschrieben. Er war nach 1945 einer der wichtigsten Kulturarbeiter Österreichs, fungierte als Herausgeber und Förderer. Die jetzt erstmals erschienenen Tagebücher gewähren Einblicke in die Tiefenschichten der Person Gerhard Fritsch: Sie zeigen ihn als einen hochbegabten zugleich zutiefst zerrissenen Menschen. Dass sein Hang zu Frauenkleidern, seine Lust am Transvestitismus, eine zutiefst existenzielle Dimension für ihn hatten, wird mit diesem Buch erstmals unmissverständlich deutlich. Gleichzeitig sind diese Tagebücher eine Art fragmentarischer Mentalitätsgeschichte Österreichs der 50er und 60er Jahre. Bezeichnend etwa, dass darin die unmittelbare Vergangenheit, die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs nämlich, keine zentrale Rolle spielt: vielmehr steht die Bewältigung des Alltags im Mittelpunkt, die Frage, wie man ökonomisch und persönlich über die Runde kommen kann - diverse politische Verwerfungen inklusive.

(c) Jung und Jung

10. ex aequo: Florjan Lipuš (12 Punkte) NEU

"Schotter", Jung und Jung

Dass Florjan Lipus zu den relevantesten österreichischen Autoren der Gegenwart zählt, ist nicht erst seit der Verleihung des "Österreichischen Staatspreises" an ihn im Vorjahr bekannt. Im Zentrum seines Werks steht die Auseinandersetzung mit der leidvollen Geschichte der Kärntner Slowenen während des Nationalsozialismus und damit die literarische Beschäftigung mit den Opfern totalitärer Systeme und den gesellschaftlichen Machtdynamiken, die dafür sorgen, dass diese Leiderfahrung unerzählt und verdrängt bleibt. In "Schotter" lässt Lipus jene Bewohner eines Dorfes einen Gedächtnismarsch in ein deutsches Frauen-KZ antreten, deren Verwandte zur Zeit der Nazi-Diktatur deportiert und meist umgebracht wurden. "Schotter" ist ein intensives Klagelied darüber, dass die Stimmen der Opfer und derer, die diesen folgen, stets Gefahr laufen im Mehrheitsgesang zum Verstummen gebracht zu werden. Ein karger, dafür umso erschütternder Text.

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(c) suhrkamp

10. ex aequo: Dževad Karahasan (12 Punkte)

"Ein Haus für die Müden", Suhrkamp
Übersetzung: Katharina Wolf-Grießhaber

Der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan wird, sollte sich das Literaturnobelpreiskomitee jemals wieder konsolidieren, diese höchste Literaturauszeichnung der Welt zuerkannt bekommen: darin sind sich seit vielen Jahren viele Kritiker einig. Ein weiterer Grund, ihn in den Rang der Literaturnobelpreiswürdigkeit zu heben, ist sein neues Buch. Im Zentrum stehen Karlo, Juzo und viele andere, die gezeichnet sind von dem Gefühl, dass sie aus der Zeit zu fallen drohen, in der sie leben. Karahasan zeigt einmal mehr, dass er, wie nur sehr wenige, Witz, Wissen und Würde auf leichtfüßig-melancholische Weise in Literatur zu verwandeln weiß, die den Blick schärft und ihn hebt aufs Offene zu. Und das heißt auch: dass dieses Buch die Gegenwart in Richtung Vergangenheit und Zukunft lüftet, auf dass die Interferenzen deutlich werden. Ein Buch, das eine entschiedene Parteinahme ist für die Müden, die Trotzigen, die Träumer, zugleich, wie nebenbei, ein Durchmessen eines ganzen Jahrhunderts bosnischer Geschichte.

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