Die besten 10 im März 2019

(c) Droschl

1. Laura Freudenthaler (23 Punkte) NEU

"Geistergeschichte", Droschl

Laura Freudenthaler gehört zu den feinsten österreichischen Autorinnen ihrer Generation – nicht zuletzt seit ihrem Roman "Die Königin schweigt". In ihrem neuen Text dreht sich alles um eine rund 50jährige Frau namens Anne, gebürtige Französin, von Beruf Klavierlehrerin, die sich für ein Jahr eine Auszeit nimmt. Ihres Mannes wegen, der beruflich ebenfalls der Kultur verpflichtet ist, ist sie nach Österreich gezogen. Das Paar führt ein mäßig bewegtes, stilles Leben. Dieses stille Leben gerät zunehmend ins Schwanken, der Boden, auf dem sich Anne bewegt, wird immer brüchiger. Einer der Gründe für die Verunsicherung: Anne vermutet, dass ihr Mann eine Affäre mit einer jüngeren Frau hat. Das Herausragende an diesem Roman besteht darin, wie Laura Freudenthaler von dieser zunehmenden Verunsicherung erzählt: bis ins letzte Detail präzise und sprachlich entschlackt auf das Notwendigste, mit unaufdringlicher dramaturgischer Raffinesse. Auf diese Weise gelingt es der Autorin, den Funken auf den Leser überspringen zu lassen, womit deutlich wird: diese Verunsicherung, von der hier eindringlich erzählt wird: sie lauert überall, mit ihr ist die die grundlegende Unsicherheit aller unserer Existenzen gemeint. Ein sanftes, tiefes, ein großes Buch.

(c) Suhrkamp

2. Clemens J. Setz (20 Punkte) NEU

"Der Trost runder Dinge", Suhrkamp

Der Schriftsteller Clemens Setz ist erst 26 Jahre alt gewesen, als er 2009 mit dem Roman "Die Frequenzen" einen internationalen Überraschungserfolg gelandet hat. Damals ist der Grazer als "Wunderkind der österreichischen Literatur" gefeiert worden. Inzwischen hat sich Clemens Setz als Autor etabliert und vielfach Preise gewonnen. Mit seinem neuen Buch "Der Trost runder Dinge" setzt er seine Erfolgsserie fort und bleibt seiner Liebe zum Bizarren, Skurrilen und Rätselhaften treu. So trifft etwa ein Autor in seiner Wohnung auf eine Ansammlung von Obdachlosen oder ein 16-jähriger hinterlässt in einem Erotiklokal seine Telefonnummer. Kunst habe die Fähigkeit, nach Meinung des Autors, festgefahrene Vorstellungen außer Kraft zu setzen. "Der Trost runder Dinge" bildet gewitzt - angereichert mit Zitaten wie "Rot sind alle blauen Blätter" - das Sprachuniversum des Autors mit poetischer Kraft und schrägen Bildern ab.

(c) Zsolnay

3. Slobodan Šnajder (19 Punkte) NEU

"Die Reparatur der Welt", Zsolnay
Übersetzung: Mirjana und Klaus Wittmann

Der Roman gilt als einer der interessantesten der europäischen Gegenwartsliteratur. Jetzt liegt er, nachdem er 2015 im kroatischen Original erschienen ist, in einer kongenialen Übersetzung von Mirjana und Klaus Wittmann auf Deutsch vor. Der Autor, 1948 in Zagreb geboren, wurde mit seinem Stück "Der kroatische Faust" bekannt. Für seinen Roman erhielt er mehrere Auszeichnungen. "Die Reparatur der Welt" ist ein epochales europäisches Geschichten- und Geschichtsdrama. Der Text setzt im Schwabenland an, führt donauabwärts, und entfaltet seine dramatische Haupthandlung mitten im kriegsverwüsteten Polen, in Zagreb endet er. Der Autor spürt darin der Geschichte seiner Familie nach, die geprägt ist von Hoffnungen und Aufbrüchen, mehr noch aber von Ängsten, Leiden und Entbehrungen. Sein Vater, ein in Slawonien lebender "Volksdeutscher", der sich als "Zwangsfreiwilliger" zur Waffen-SS melden musste; seine Mutter eine junge Partisanenführerin, die ihre Lagerhaft dank eines Gefangenenaustausches überlebte. In der Figur des Ungeborenen kommentiert der Autor immer wieder das Geschehen. Es ist kein Roman, in dem jemand mit seiner Familie Frieden schließt, vielmehr einer, der vieles offen lässt und erfindet, wo nichts gefunden werden konnte: auf dass der Mensch mithilfe der Fiktion der Weltrettung doch ein Stück näher rückte.

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(c) Suhrkamp

4. Judith Schalansky (18 Punkte)

"Verzeichnis einiger Verluste", Suhrkamp

"Nichts kann im Schreiben zurückgeholt, aber alles erfahrbar werden." - heißt es in Judith Schalanskys Buch "Verzeichnis einiger Verluste". Sammeln, archivieren, verschwundene Dinge retten und wiederbeleben: Schalansky verwebt Fakten mit Fiktion. Die Welt ist voller Vergänglichkeit:
so wird etwa erfahrbar gemacht, wie sich ein Kaspischer Tiger im Colosseum in Rom fühlt, wie das Atoll "Tuanaki" versinkt und was der Abriss des Palastes der Republik - des einstigen Zentrums der DDR - bedeutet. Weiters schreibt Schalansky über die verlorenen Liebeslieder der Sappho, über die vergessene Religion des Manichäismus, über den verschollenen Film "Der Knabe in Blau" von Friedrich Wilhelm Murnau und über das verbrannte Bild vom Hafen von Greifswald von Caspar David Friedrich. "Am Leben zu sein bedeutet, Verluste zu erfahren", weiß Judith Schalansky.

"Wie alle Bücher", schreibt die vielfach ausgezeichnete Autorin im Vorwort, "ist auch das vorliegende von dem Begehren getrieben, Vergangenes zu vergegenwärtigen, Vergessenes zu beschwören, Verstummtes zu Wort kommen zu lassen und Versäumtes zu betrauern."

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(c) Suhrkamp

4. ex aequo: Dževad Karahasan (18 Punkte)

"Ein Haus für die Müden", Suhrkamp
Übersetzung: Katharina Wolf-Grießhaber

Der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan wird, sollte sich das Literaturnobelpreiskomitee jemals wieder konsolidieren, diese höchste Literaturauszeichnung der Welt zuerkannt bekommen: darin sind sich seit vielen Jahren viele Kritiker einig. Ein weiterer Grund, ihn in den Rang der Literaturnobelpreiswürdigkeit zu heben, ist sein neues Buch. Im Zentrum stehen Karlo, Juzo und viele andere, die gezeichnet sind von dem Gefühl, dass sie aus der Zeit zu fallen drohen, in der sie leben. Karahasan zeigt einmal mehr, dass er, wie nur sehr wenige, Witz, Wissen und Würde auf leichtfüßig-melancholische Weise in Literatur zu verwandeln weiß, die den Blick schärft und ihn hebt aufs Offene zu. Und das heißt auch: dass dieses Buch die Gegenwart in Richtung Vergangenheit und Zukunft lüftet, auf dass die Interferenzen deutlich werden. Ein Buch, das eine entschiedene Parteinahme ist für die Müden, die Trotzigen, die Träumer, zugleich, wie nebenbei, ein Durchmessen eines ganzen Jahrhunderts bosnischer Geschichte.

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(c) haymon Verlag

4. ex aequo: Klaus Merz (18 Punkte) NEU

"firma", Haymon

Klaus Merz zählt zu den herausragenden europäischen Autoren der Gegenwart. Dass er ein Meister der Reduktion ist, beweist er auch mit seinem neuen Buch, in dem er Prosa und Lyrik miteinander verbindet. Er lässt in "firma" anhand der Geschichte eines kleinen Unternehmens, die Geschichte der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts Revue passieren, mit allen Abgründen und Höhenflügen. Eingewoben in diese Szenerie ist seine eigene Geschichte: er hält darin Rückschau auch auf die eigene Vergangenheit. Dass den Kern seiner Poetologie die Überzeugung markiert, dass die menschliche Stärke vor allem in seiner Schwäche, seiner Verletzlichkeit liegt, prägt wesentlich auch "firma": Klaus Merz legt damit abermals ein melancholisch-heiteres Buch von weltliterarischer Qualität vor, die sich nicht zuletzt darin zeigt, dass der Text auf etwas Offenes hin entworfen ist, auf etwas Offenes zusteuert, ohne dabei den Leser/die Leserin einsam im luftleeren Raum zu hinterlassen.

(c) Hoffmann und Campe

7. ex aequo: Barbara Zeman (16 Punkte) NEU

"Immerjahn", Hoffmann und Campe

"Immerjahn" - der Debütroman der 37-jährigen Burgenländerin Barbara Zeman ist eine kleine literarische Sensation. Mit einer bildersatten Sprache erzählt die Autorin von dem immens reichen Erben einer Industriellendynastie, Gotthold Immerjahn, der erwägt seine Mies-van-der-Rohe-Villa und seine darin befindliche Gemäldesammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Leider entlässt er seine Assistentin Polly und das Projekt droht ihm über den Kopf zu wachsen. Weiters muss er sich mit dem widerspenstigen Hausfreund Holm, seinem Jugendfreund Fritzwalter, der als Maler reüssiert und eine Affäre mit Immerjahns Frau Katka unterhält, sowie den Ambitionen seines Sohnes, der als Schwimmer an der Olympischen Spielen teilnimmt, auseinander setzen. Beim Erzählen kommt Zeman vom Hundertsten ins Tausendste und erschafft einen versponnenen literarischen Kosmos, der um Kunst, Melancholie, Erbe und Kapitalismus kreist.

(c) dtv

7. ex aequo: James Baldwin (16 Punkte) NEU

"Nach der Flut das Feuer", dtv
Übersetzung: Miriam Mandelkow

"Wer andere erniedrigt, erniedrigt sich selbst." In dieser simplen, aber zugleich tief schürfenden Einsicht kulminiert James Baldwins Denken, das sich mit Gewalt, Rassismus und Ausgrenzung auseinandersetzt. Als 1924 in Armut in Harlem geborener, homosexueller Schwarzer, stand Baldwin für einen großen Teil seines Lebens im gesellschaftlichen Abseits. Sein Essayband "The Fire Next Time", der gerade in einer Neuübersetzung als "Nach der Flut das Feuer" erschienen ist, hatte großen Einfluss auf die amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre. Darin reflektiert er den beengten Spielraum von Schwarzen im rassistischen Amerika. Er schreibt "dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen, um die Tatsache des Todes zu leugnen, die einzige Tatsache, die wir haben." Seine Erfahrungen und Themen sind dabei allgemein gültig, erhellen die psychologische Situation von Unterdrückten und Unterdrückern gleichermaßen.

(c) Kiepenheuer & Witsch

7. ex aequo: Julian Barnes (16 Punkte ) NEU

"Die einzige Geschichte", Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Gertraude Krueger

Julian Barnes, der große britische Romancier, seziert in seinem aktuellen Buch "Die einzige Geschichte" die Dynamik einer ungewöhnlichen Liebe. Der 19-jährige Paul verliebt sich in die fast 30 Jahre ältere Susan. Beide setzen ihre Liebe gegen gesellschaftliche Konventionen durch: Susan ist unglücklich verheiratet und Pauls Eltern sprechen sich klar gegen die Verbindung aus. Sie entfliehen ihrem Upper-Class-Milieu und leben in wilder Ehe miteinander. Technisch brillant erzählt Barnes, wie Paul die Beziehung und Susans fortschreitenden Alkoholismus erlebt. Mit dreimaligem Perspektivenwechsel wird von und über Paul erzählt. "Die einzige Geschichte" ist ein zugleich schonungsloses und komisches Psychogramm einer nicht alltäglichen Beziehung.

(c) Suhrkamp

10. ex aequo: Maria Stepanova (15 Punkte)

"Nach dem Gedächtnis", Suhrkamp
Übersetzung: Olga Radetzkaja

Bisher war die russische Autorin vor allem als Lyrikerin und Publizistin bekannt: vor allem als unerschrockene Chefredakteurin der Internetzeitschrift colta.ru. Nun legt sie mit "Nach dem Gedächtnis" ein beeindruckendes erstes Prosawerk vor. Darin werden Liebesgeschichten und Reiseberichte, Reflexionen über Fotografie, Erinnerung und Trauma zu einer spannungsvollen essayistischen Erzählung verwoben. Das Herz des Textes markiert eine (ihre) weitverzweigte jüdisch-russisch-europäische Familie von Ärzten, Architekten, Bibliothekaren, Buchhaltern und Ingenieuren, die in gewaltgeprägten Zeiten ein stilles, unspektakuläres Leben führen wollten. Ein Buch, das sowohl inhaltlich als auch formal dem Fragmentarischen verpflichtet ist und das aus familiären, autobiographisch grundierten Einzelheiten das Panorama einer ganzen Epoche entstehen lässt.

(c) Zsolnay

10. ex aequo: Marko Dinić (15 Punkte) NEU

"Die guten Tage", Zsolnay

Der in Belgrad aufgewachsene und in Wien wohnende Schriftsteller Marko Dinić machte schon beim Bachmannpreis vor drei Jahren auf sich aufmerksam und veröffentlich regelmäßig Gedichte und Prosa in renommierten Literaturzeitschriften. Sein Debütroman "Die guten Tagen" handelt von einem jungen, ideologisch zugerichteten Mann, der von Serbien nach Österreich migriert. Auf der Fahrt im Autobus nach Belgrad stellt sich der Erzähler im Buch seiner Vergangenheit, rechnet mit seiner Familie und Serbien ab. "Dinić gräbt im kollektiven Urschlamm der serbischen Geschichte", lautet ein Kommentar zum Buch. Marko Dinić legt ein eindrückliches Porträt der europäischen Gegenwart mit Vertreibung, Flucht, dem Erstarken nationalistischer Ideen und faschistischem Gedankengut vor.

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