Die besten 10 im Jänner 2019

(c) Suhrkamp

1. Judith Schalansky (47 Punkte) NEU

"Verzeichnis einiger Verluste", Suhrkamp

"Nichts kann im Schreiben zurückgeholt, aber alles erfahrbar werden." - heißt es in Judith Schalanskys Buch "Verzeichnis einiger Verluste". Sammeln, archivieren, verschwundene Dinge retten und wiederbeleben: Schalansky verwebt Fakten mit Fiktion. Die Welt ist voller Vergänglichkeit:
so wird etwa erfahrbar gemacht, wie sich ein Kaspischer Tiger im Colosseum in Rom fühlt, wie das Atoll "Tuanaki" versinkt und was der Abriss des Palastes der Republik - des einstigen Zentrums der DDR - bedeutet. Weiters schreibt Schalansky über die verlorenen Liebeslieder der Sappho, über die vergessene Religion des Manichäismus, über den verschollenen Film "Der Knabe in Blau" von Friedrich Wilhelm Murnau und über das verbrannte Bild vom Hafen von Greifswald von Caspar David Friedrich. "Am Leben zu sein bedeutet, Verluste zu erfahren", weiß Judith Schalansky.

"Wie alle Bücher", schreibt die vielfach ausgezeichnete Autorin im Vorwort, "ist auch das vorliegende von dem Begehren getrieben, Vergangenes zu vergegenwärtigen, Vergessenes zu beschwören, Verstummtes zu Wort kommen zu lassen und Versäumtes zu betrauern."

(c) Hanser

2. A.L. Kennedy (24 Punkte) NEU

"Süßer Ernst", Hanser

"Süßer Ernst" ist ein Politik-, Liebes- und London-Roman in einem. Zwei Menschen stellt die 1965 im schottischen Dundee geborene Autorin A.L. Kennedy in den Mittelpunkt: Meg ist eine ehemalige Alkoholikerin, die ihren Job als Wirtschaftsprüferin längst verloren hat. Jon ist 59 Jahre alt, ein hochrangiger Staatsbeamter der britischen Regierung, der von seiner Frau verlassen und gedemütigt wurde. A.L. Kennedy beschreibt einen Tag im Leben dieser beiden einsamen Personen auf der Suche nach Zuneigung und Respekt. Mit der tickenden Uhr im Blick durchlebt der Leser einen atemberaubenden Tag. Es wird gezetert und sehr viel geflucht, die beiden Protagonisten sind voller Wut. A.L. Kennedy entfaltet eine fast kitschige und doch schmerzhafte Romanze, sie erzählt berührend von menschlicher Zerrissenheit und Verletzbarkeit in einer harten Welt.

(c) Hanser

3. Iwan Turgenjew (19 Punkte)

"Aufzeichnungen eines Jägers", Hanser
Neuübersetzung von Vera Bischitzky

"Aufzeichnungen eines Jägers" ist ein 1852 erschienener Erzählband des russischen Schriftstellers Iwan Turgenjew, der von seinen Kollegen und Kritikern einhellig zum Besten, das Turgenjew je geschrieben habe, erklärt wurde. Auch der Autor selbst nannte die Aufzeichnungen sein "Bleibendstes". Nun liegt der Klassiker der russischen Literatur zum diesjährigen 200. Geburtstag in einer Neuübersetzung von Vera Bischitzky vor. Wie Literaturkritikerin Elke Schmitter schreibt, lässt Vera Bischitzky eine Welt auferstehen, die "besichtigt, gehört, ertastet, geschmeckt und gerochen werden" kann. Zusammengehalten werden die "Aufzeichnungen" durch die Person des Ich-Erzählers, eines Adligen, der als passionierter Jäger durch die Wälder streift, einmal in einem Bauernhof Zuflucht vor einem Gewitter sucht, ein anderes Mal im Heu übernachtet, dann wiederum als Gast in einem Gutshaus unterkommt und die Bekanntschaft verschiedenster Menschen macht.

(c) dtv

4. Michael Köhlmeier (17 Punkte) NEU

"Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle", dtv

"Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung." Das ist nur einer von vielen eindringlichen Sätzen aus Michael Köhlmeiers Rede, die der Vorarlberger Schriftsteller am 4. Mai in der Wiener Hofburg bei einer Veranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gehalten hat. Unerschrocken und vehement wendet Köhlmeier sich gegen antisemitische und rassistische Äußerungen sowie eine Politik der Ausgrenzung. Das neue Buch "Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle – Reden gegen das Vergessen" versammelt erstmals diese und drei weitere politische Reden Köhlmeiers. Ansprachen aus jüngster Zeit, in denen sich der streitbare Schriftsteller mit der Sprache der Ausgrenzung und Diskriminierung auseinandersetzt und dagegen klar Stellung bezieht.

(c) Czernin-Verlag

5. Günter Wels (16 Punkte)

"Edelweiß", Czernin

Heroismus, Widerstand, Verrat, Opportunismus und Feigheit - Schlagworte, die im Roman "Edelweiß" des österreichischen Autors Günter Wels eine gewichtige Rolle spielen. Im Buch stecken neun Jahre Schreibarbeit des Schriftstellers, akribische regionalhistorische Recherchen und ausführliche Gespräche mit Zeitzeugen und Historikern. Wels, der aufmerksamen Radiohörern als Günter Kaindlstorfer bekannt ist, hat als zentrale Figur einen Widerstandskämpfer gewählt, der für die US-Airforce in den Alpen gegen den Nationalsozialismus kämpft. Der Roman beeindruckt durch seine detailreichen Beschreibungen des Alltags in den letzten Kriegstagen. Mit "Edelweiß" wollte Wels "den Widerstandskämpfern des zweiten Weltkriegs ein literarisches Denkmal setzen." - wie er es formuliert.

(c) S. Fischer

6. ex aequo: László Krasznahorkai (14 Punkte) NEU

"Baron Wenckheims Rückkehr", S. Fischer

Der ungarische Schrifsteller László Krasznahorkai, geboren 1954, zählt zu den bedeutendsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Er lebt in der Nähe von Budapest und in Berlin, verbrachte viele Jahre in China, in Japan und den USA. Sein neuer Roman ist eine faszinierende zeitgeschichtliche Parabel und eine ergreifende Liebesgeschichte.
Ein betagter Baron kehrt nach viereinhalb Jahrzehnten in seine ungarische Heimat zurück. Der alte Mann – "so zwischen 80 und dem Tod" – wie er im Buch beschrieben wird, spricht kaum, sitzt im Abteil und starrt aus dem Fenster. Die Stadt, in die der Baron fahren will, steht Kopf. Das liegt an dem Reisenden selbst, denn niemand kennt ihn, trotzdem wird er erhoben und zum angeblichen Heilsbringer ernannt. Weniger die Geschichte ist bedeutend, sondern die Art des Erzählens. Für einige Literaturkritiker ist "Baron Wenckheims Rückkehr" ein großartiges Sprachkunstwerk mit einer philosophischen und existentiellen Tiefe: "Das Ganze hatte keinen Sinn", heißt es einmal. "Weder im Einzelnen, noch im Gesamten, besser gesagt: es hatte einen Sinn, nur war niemand imstande zu verstehen, was für einen."

(c) Ullstein

6. ex aequo: Wolf Wondratschek (14 Punkte) NEU

"Selbstbild mit russischem Klavier", Ullstein

Er gilt als einer der ganz großen deutschsprachigen Gegenwartsautoren: Wolf Wondratschek, dessen neues Buch "Selbstbild mit russischem Klavier" um die Kraft der Musik, Verfall und Schönheit sowie Rebellion und Freiheit oszilliert. Angesiedelt ist der Roman in Wien, wo ein Schriftsteller im Kaffeehaus auf einen alten, ehemals berühmten russischen Pianisten trifft. Nach und nach entsteht ein Dialog zwischen den beiden Männern, die der Glaube an die freie künstlerische Existenz verbindet. Entstanden ist daraus ein Alterswerk, das an den klassischen Künstlerroman erinnert und mit stilistischer Eleganz die Stimmen der Ich-Erzählung des Schriftstellers, des russischen Pianisten und eines später eingeführten Cellisten virtuos verbindet.

(c) Rowohlt

8. ex aequo: Jeffrey Eugenides (12 Punkte) NEU

"Das große Experiment", Rowohlt

Mit dem Roman "Middlesex", der Lebensgeschichte eines Hermaphroditen, wurde der Pulitzer-Preisträger Jeffrey Eugenides weltberühmt. "Das große Experiment" versammelt nun Erzählungen des 58-jährigen US-amerikanischen Schriftstellers. Zehn Kurzgeschichten, die in den Jahren 1988 bis 2017 entstanden sind, kreisen um unterschiedlichste Protagonisten, die doch eines verbindet: Sie alle stehen vor einem Umbruch in ihrem Leben und kämpfen damit. Das Besondere im Alltäglichen aufzuspüren, dafür ist Eugenides bekannt und genau dies gelingt ihm auch in literarischer Kurzform. Mit pathosfreier Sprache erzählt er von der Tragik des Lebens und lässt den Leser im Mikrokosmos der Figuren innehalten.

(c) Luchterhand

8. ex aequo: Paul Beatty (12 Punkte) NEU

"Der Verräter", Luchterhand

Es ist eine mutige, satirische Erzählung mit der der US-amerikanische Schriftsteller Paul Beatty für Aufsehen sorgt. "Der Verräter" handelt von einem vornamenlosen Ich-Erzähler, der gleich zu Beginn sagt: "Aus dem Mund eines Schwarzen klingt das sicher unglaublich, aber ich habe nie geklaut." Was folgt ist ein zynischer Rundumschlag gegen Missstände in den USA. Geheuchelte Gleichberechtigung und Pseudomoral werden an den Pranger gestellt und mit einer ungeheuerlich wirkenden Sprache des Ich-Erzählers auf die Spitze getrieben. Seine Forderung: Die Wiedereinführung der Rassentrennung und der Sklaverei als kleines Zeichen von Ehrlichkeit. "Der Verräter" ist eine tiefschwarze Abrechnung mit den Vereinigten Staaten von Amerika und einer Gesellschaft, die immer noch mit einer ethnischen Spaltung zu kämpfen hat. Für "Der Verräter" wurde Beatty mit dem National Book Critics Circle Award sowie – als erster Amerikaner – mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet.

Coverausschnitt (c) edition korrespondenzen

10. ex aequo: Anja Golob (10 Punkte) NEU

"Anweisungen zum Atmen", Edition Korrespondenzen

Die 1976 geborene Autorin Anja Golob war viele Jahre als Theaterkritikerin tätig und lebt heute als Publizistin, Lyrikerin und Herausgeberin des Graphic-Novel Verlags VigeVageKnjige in Ljubljana. Unter dem Titel "Anweisungen zum Atmen" ist ein mitreißender Gedichtband über das, was wir wirklich brauchen entstanden: nicht viel und doch alles. Golob, die eine der prägnantesten lyrischen Stimmen ihrer Heimat ist, spürt in ihren Gedichten menschliche Nähe, Wärme, Authentizität, Sensibilität und Beherztheit auf.
"Anweisungen zum Atmen" ist die Übersetzung ihres dritten Lyrikbandes, der in Slowenien den Preis für die beste Gedichtsammlung des Jahres bekam. In einer Rezension der Neuen Zürcher Zeitung wurde sie schon als Poetin mit einer "schwindelerregenden Begabung" bezeichnet.

So heißt es in ihrem Gedicht:
"Das Herz, das liebt, liebt."
"Gib mir die Hand, raunen wir,
gib mir die Hand, gib mir, gib mir,
komm, gib, wühl im zähen Blut,
der Körper ruft siedend nach dir,
komm hol es dir, komm, komm.
Komm, Traurigkeit.
Komm."

(c) Wallstein

10. ex aequo: Jan Skácel (10 Punkte) NEU

"Für alle die im Herzen barfuß sind", Wallstein

Zu Ehren Jan Skácels brachte der Wallstein Verlag einen Sammelband mit Lyrik und Prosa aus allen Schaffensphasen des berühmten tschechischen Autors heraus. Drei Texte über Jan Skácel komplettieren den Band, von Peter Handke, Philippe Jaccottet und Peter Hamm.
Skácel, der 1989 in Brünn gestorben ist, setzte sich intensiv mit dem Studium tschechischer Dialekte und Volksdichtung auseinander. So schreibt ein Literaturexperte: "Skácel ist ein großer Finder, nicht Erfinder, er holt etwas in seine Lyrik hinein, was in der Sprache schon seit Jahrhunderten oder vielleicht Jahrtausenden vorhanden war, etwas, was die Sprache selbst dichtete."
Der Schrifsteller genoss in seiner Heimat der damaligen Tschechoslowakei hohes Ansehen, litt jedoch an der strengen Zensur. "Für alle die im Herzen barfuß sind" macht deutlich, "dass Skácel​ nicht nur ein starker Lyriker war, sondern auch intensive Prosastücke schreiben konnte." - wie in der Süddeutschen Zeitung nachzulesen ist.

(c) Suhrkamp

10. ex aequo: Andrej Platonow (10 Punkte) NEU

"Tschewengur", Suhrkamp

Komische Käuze und Halbverrückte bevölkern "Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen", das zweite Hauptwerk des russischen Schriftstellers Andrej Platonow. Der Roman soll den Anfang der kommunistischen Gesellschaft darstellen, schrieb der 1951 in Moskau gestorbene Dramaturg und Schriftsteller. So heißt es an einer Stelle: "In die Tiefe der angebrochenen Nacht gingen ein paar Menschen aus dem Kommunismus ins Ungewisse." 529 Seiten stark ist der Text, der nun in der Übersetzung von Renate Reschke vorliegt. Mit poetischer Eindringlichkeit wird hier die Vielfalt des facettenreichen Romans zur Geltung gebracht. Sprachlich überraschend, rätselhaft und mit lyrischer Raffinesse überzeugt "Tschewengur" als Meisterwerk der russischen Literatur.