Die besten 10 im Dezember 2018

(c) Suhrkamp

1. Philipp Weiss (17 Punkte)

"Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen", Suhrkamp

"Man muss die Menschen wachrütteln.", heißt es an einer Stelle im Debütroman "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" des österreichischen Autors Philipp Weiss. Das Wachrütteln gelingt dem gebürtigen Wiener mit seinem Romanprojekt in jedem Fall: es ist fünf Bände und rund tausend Seiten stark. Die Beschäftigung mit Katastrophen, mit Wendepunkten prägt das literarische Tun des 36-jährigen Schriftstellers. So sagt Weiss im Interview: "Die Katastrophe ist die Reibung, die Unterbrechung des immer Gleichen - wäre das nicht, gäbe es auch Nichts zu erzählen."
Am Beginn des fünfbändigen Romanprojekts "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" steht die Atomkatastrophe in Fukushima. Wesentliche Teile des Buches, das im 19. wie im 21. Jahrhundert angesiedelt ist, spielen in Japan. Das Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Technik ist darin ein zentrales Thema.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Czernin-Verlag

2. Günter Wels (15 Punkte) NEU

"Edelweiß", Czernin

Heroismus, Widerstand, Verrat, Opportunismus und Feigheit - Schlagworte, die im Roman "Edelweiß" des österreichischen Autors Günter Wels eine gewichtige Rolle spielen. Im Buch stecken neun Jahre Schreibarbeit des Schriftstellers, akribische regionalhistorische Recherchen und ausführliche Gespräche mit Zeitzeugen und Historikern. Wels, der aufmerksamen Radiohörern als Günter Kaindlstorfer bekannt ist, hat als zentrale Figur einen Widerstandskämpfer gewählt, der für die US-Airforce in den Alpen gegen den Nationalsozialismus kämpft. Der Roman beeindruckt durch seine detailreichen Beschreibungen des Alltags in den letzten Kriegstagen. Mit "Edelweiß" wollte Wels "den Widerstandskämpfern des zweiten Weltkriegs ein literarisches Denkmal setzen." - wie er es formuliert.

(c) Kiepenheuer & Witsch

3. Adriana Altaras (14 Punkte) NEU

"Die jüdische Souffleuse", Kiepenheuer & Witsch

"Irgendwo habe ich mal gesagt, ich sei eine Chronistin unserer Zeit. Oder ich wäre gerne eine, oder etwas Ähnliches. Das hat sich herumgesprochen, jetzt bekomme ich Geschichten, ob ich will oder nicht." - so beginnt der neue Roman "Die jüdische Souffleuse" der 1960 in Zagreb geborenen Autorin Adriana Altaras. In einem Provinztheater geraten die Regisseurin namens Adriana und Sissele, die Souffleuse, bei den Proben zu einer Mozart-Oper heftig aneinander. Die Souffleuse ist auf der Suche nach ihrer Familie, die nach dem Zweiten Weltkrieg in alle Winde zerstreut wurde. Da sie Adriana Altaras Bücher kennt, ist sie überzeugt, dass nur diese ihr dabei helfen könne. Im Roman der Schauspielerin und Theaterregisseurin Adriana Altaras geht es darum, wie aus Erlebtem Literatur wird sowie um das Verhältnis von Fiktion und Wahrheit.

(c) Rowohlt

4. Stewart O'Nan (12 Punkte) NEU

"Stadt der Geheimnisse", Rowohlt
Übersetzung von Thomas Gunkel.

Die Stärke des 1961 aus Pittsburgh geborenen amerikanischen Erzählers Stewart O'Nan ist die genaue und liebevolle literarische Beschreibung des Alltags. Sein semi-dokumentarischer historischer Roman "Stadt der Geheimnisse" führt ins Jerusalem des Jahres 1947, in jene Zeit, in der die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs um eine Lösung des Palästina-Problems ringen. Palästina wird sowohl von Arabern als auch von Juden als Heimat betrachtet und beansprucht; Großbritannien, ausgestattet mit einem Mandat vom Völkerbund, regiert und verwaltet das Land, das in dieser Form allerdings kaum noch zu regieren ist. In Jerusalem formiert sich der jüdische Widerstand. Der Protagonist ist ein Jude aus Lettland, der seine ganze Familie im Holocaust verloren hat, ein psychisch beschädigter und entmutigter Mann. Im Gewand eines Thrillers erzählt Stewart O'Nan hier die bewegende Geschichte eines Traumas.

Buchausschnitt (c) Piper

5. ex aequo: Didi Drobna (10 Punkte) NEU

"Als die Kirche den Fluss überquerte", Piper

Die Eltern lassen sich scheiden, die Mutter erkrankt schwer an Demenz und die Hauptfigur namens Daniel verliebt sich in die eigene Schwester. In Didi Drobnas Roman "Als die Kirche den Fluss überquerte" zerbricht eine Familie. Auf unterhaltsame Weise berichtet Didi Drobna von dem jungen Mann, der die Trennung der Eltern nur schwer verkraftet und dessen Welt komplett aus den Fugen gerät. Didi Drobna wurde 1988 in Bratislava geboren, sie lebt seit 1991 in Wien. Neben ihrer Schriftstellertätigkeit arbeitet sie in der IT-Branche und leitet die Presseabteilung eines IT-Forschungszentrums. Mit "Als die Kirche den Fluss überquerte" hat die junge Schriftstellerin einen äußerst unterhaltsamen Entwicklungsroman vorgelegt, der von den großen Verlusten und ebenso großen Chancen erzählt.

(c) Folio

5. ex aequo: Goran Vojnović (10 Punkte)

"Unter dem Feigenbaum", Folio
Übersetzung von Klaus Detlef Olof

"Gott ist ein gewöhnlicher Trottel", lautet einer der Standardsprüche im Roman "Unter dem Feigenbaum" von Goran Vojnović. Nach dem Tod des Großvaters beginnt Jadran im Buch seine Familie zu erforschen. Die Suche nach der eigenen Identität führt den jungen Mann in die Wirren des Balkans und deckt die Leerstellen in der Familiengeschichte auf. Erzählt wird von einer weit verzweigten Familie in Ljubljana, in der sich die unterschiedlichsten ethnischen Herkünfte mischen. Der 1980 geborene Autor zählt zu den Enfant terrible Sloweniens und ist in seiner Heimat einer der talentiertesten Schriftstellern seiner Generation. In seinen bisher erschienenen Büchern umkreist Vojnović die Fragen "Woher denn dieser ererbte Hass der ehemaligen jugoslawischen Staaten kommt? Und wie sehr der Krieg, der bis heute das Leben der Menschen vergiftet, nachwirkt?"
Vojnović entfaltet im Roman die ganze komplizierte Geschichte dieser Familie und zugleich die Geschichte eines untergegangenen Landes. Immer wieder verlässt der Autor die Erzählerperspektive und steigt in Szenen aus den Vierziger-, Fünfziger- und Siebzigerjahren ein.

Buchcover-Ausschnitt (c) Hanser

5. ex aequo: Iwan Turgenjew (10 Punkte) NEU

"Aufzeichnungen eines Jägers", Hanser
Neuübersetzung von Vera Bischitzky

"Aufzeichnungen eines Jägers" ist ein 1852 erschienener Erzählband des russischen Schriftstellers Iwan Turgenjew, der von seinen Kollegen und Kritikern einhellig zum Besten, das Turgenjew je geschrieben habe, erklärt wurde. Auch der Autor selbst nannte die Aufzeichnungen sein "Bleibendstes". Nun liegt der Klassiker der russischen Literatur zum diesjährigen 200. Geburtstag in einer Neuübersetzung von Vera Bischitzky vor. Wie Literaturkritikerin Elke Schmitter schreibt, lässt Vera Bischitzky eine Welt auferstehen, die "besichtigt, gehört, ertastet, geschmeckt und gerochen werden" kann. Zusammengehalten werden die "Aufzeichnungen" durch die Person des Ich-Erzählers, eines Adligen, der als passionierter Jäger durch die Wälder streift, einmal in einem Bauernhof Zuflucht vor einem Gewitter sucht, ein anderes Mal im Heu übernachtet, dann wiederum als Gast in einem Gutshaus unterkommt und die Bekanntschaft verschiedenster Menschen macht.

(c) Galiani

5. ex aequo: Michail Bulgakow (10 Punkte) NEU

"Die weiße Garde", Galiani Berlin
Neuübersetzung von Alexander Nitzberg

Immer wieder wird Michail Bulgakows frühes Epos "Die weiße Garde" von seinem literarischen Rang her mit Tolstois "Krieg und Frieden" oder Dostojewskis "Dämonen" verglichen.
"Ein gewaltiges Jahr, ein furchtbares Jahr war nach Christus das Jahr 1918, nach der Revolution das Jahr 2." - so beginnt Michail Bulgakows Debütroman, der erst in Teilen abgedruckt wurde und 1966 in der Sowjetunion vollständig erschienen ist. Nun liegt das Buch in einer Neuübersetzung von Alexander Nitzberg vor, der bereits mehrere Bücher Bulgakows ins Deutsche übersetzt hat.
"Die weiße Garde" ist in vielen Zügen und Details autobiographisch und spielt in der Ukraine, an einem Ort, der nur mit "Stadt" bezeichnet wird. Die Stadt ist von Deutschen besetzt und beherbergt auch zahlreiche Flüchtlinge aus Moskau und Petrograd. Die Geschichte, die erzählt wird, steht für eine Gesellschaft, die in Turbulenzen gerät und einen Epochenwandel mitmachen muss, der gewaltsam wie ein Sturm über sie hereinbricht. Menschen stellen fest, dass ihre alten Werte und Ideale keine Geltung mehr haben.

(c) Otto Müller Verlag

9. ex aequo: Christian Lorenz Müller (8 Punkte) NEU

"Ziegelbrennen", Otto Müller

Christian Lorenz Müllers Roman "Ziegelbrennen" spielt zwischen der Zeit der faschistischen Ustascha-Diktatur in Kroatien während des Zweiten Weltkriegs, den Spätfolgen des Zerfalls Jugoslawiens in den 1990er Jahren und der unmittelbaren Gegenwart, als im Herbst 2015 zehntausende von Syrern, Irakern, Afghanen durch den Osten Kroatiens zogen. In dieser Gegend, in der die Hauptfigur namens Rosmarinka aufgewachsen ist, beginnt und endet dieser eindrücklich erzählte Roman, der siebzig Jahre mitteleuropäischer Geschichte umspannt. Anhand des Frauenschicksals wird von Krieg und Vertreibung berichtet.
"Christian Lorenz Müller hat einen großartigen Familienroman geschrieben, in den Welt- und Regionalgeschichte unprätentiös und leicht hineinfließen." - so der Kommentar eines Literaturkritikers.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Hanser

9. ex aequo: Michael Ondaatje (8 Punkte)

"Kriegslicht", Hanser
Übersetzung von Anna Leube

Weltberühmt wurde Michael Ondaatje mit "Der englische Patient". 25 Jahre später legt er nun seinen neuen Roman vor: "Kriegslicht". Im Zentrum steht darin die Frage, wie viele Geheimnisse ein Leben braucht und verträgt. Alles dreht sich darin um Nathaniel, der als Erwachsener den Rätseln seiner frühen Jahre auf den Grund geht und damit nicht zuletzt seiner Mutter nachspürt, die als Spionin im Kalten Krieg gearbeitet hat. Ein Roman über die Unbill und das Glück des Erwachsenwerdens und zugleich eine packende Agentengeschichte.

Mehr in OE1.orf.at

(c) S. Fischer

9. ex aequo: Richard Powers (8 Punkte)

"Die Wurzeln des Lebens", S. Fischer

Mit seinem neuesten Roman "Die Wurzeln des Lebens" war Richard Powers für den Booker Prize nominiert. Wie kaum ein anderer ist er schreibend der Gegenwart auf der Spur: das Wissen unserer Zeit will er in Geschichten erfahrbar, die Verwerfungen emotional erlebbar machen. In seinem aktuellen Roman schildert er den Widerstand gegen die Abholzung eines Waldes. Dabei beleuchtet er auch die enge Verbindung von Mensch und Natur und legt ein eindringliches Plädoyer gegen die Zerstörung unserer Umwelt vor.