Die besten 10 im November 2018

(c) Suhrkamp

1. Philipp Weiss (20 Punkte)

"Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen", Suhrkamp

"Man muss die Menschen wachrütteln.", heißt es an einer Stelle im Debütroman "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" des österreichischen Autors Philipp Weiss. Das Wachrütteln gelingt dem gebürtigen Wiener mit seinem Romanprojekt in jedem Fall: es ist fünf Bände und rund tausend Seiten stark. Die Beschäftigung mit Katastrophen, mit Wendepunkten prägt das literarische Tun des 36-jährigen Schriftstellers. So sagt Weiss im Interview: "Die Katastrophe ist die Reibung, die Unterbrechung des immer Gleichen - wäre das nicht, gäbe es auch Nichts zu erzählen."
Am Beginn des fünfbändigen Romanprojekts "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" steht die Atomkatastrophe in Fukushima. Wesentliche Teile des Buches, das im 19. wie im 21. Jahrhundert angesiedelt ist, spielen in Japan. Das Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Technik ist darin ein zentrales Thema.

Mehr in OE1.orf.at

(c) S. Fischer

2. Richard Powers (19 Punkte) NEU

"Die Wurzeln des Lebens", S. Fischer

Mit seinem neuesten Roman "Die Wurzeln des Lebens" war Richard Powers für den Booker Prize nominiert. Wie kaum ein anderer ist er schreibend der Gegenwart auf der Spur: das Wissen unserer Zeit will er in Geschichten erfahrbar, die Verwerfungen emotional erlebbar machen. In seinem aktuellen Roman schildert er den Widerstand gegen die Abholzung eines Waldes. Dabei beleuchtet er auch die enge Verbindung von Mensch und Natur und legt ein eindringliches Plädoyer gegen die Zerstörung unserer Umwelt vor.

(c) Hoffmann & Campe

3. Wolf Haas (15 Punkte)

"Junger Mann", Hoffmann & Campe

"Ich bin ja, wie man vom Brenner weiß, Spezialist für aussichtslose Fälle." - ein Satz von Wolf Haas, der auf jeden Fall auch auf sein jüngstes Buch zutrifft. In "Junger Mann" verliebt sich ein 13-jähriger blöderweise in eine erwachsene, verheiratete Frau. Er ist ein bisschen zu dick und ein bisschen zu jung für sie, doch das hindert den jungen Mann nicht daran, sich Hals über Kopf in die Angebetete namens Elsa zu verlieben. Mit einer strengen Diät sollen die Kilos purzeln und Liebesgefühle bei ihr aufkommen, so der Plan. Die Geschichte um die Leiden eines pubertierenden jungen Mannes weist autobiographische Züge des Schriftstellers auf.
Im Interview sagt Wolf Haas dazu: "Viele Elemente aus dem Buch sind aus meinem Leben übernommen. Ich habe zum Beispiel einmal wirklich so viel abgenommen und ich habe auch so ähnliche Eltern."
Es ist der souveräne Umgang mit Sprache, der die Bücher von Wolf Haas so unverkennbar macht. Er beschreibt seine Helden nicht, er lässt sie selbst sprechen. Erst durch den Dialog werden die Figuren und der Verlauf der Handlung für den Leser fassbar.

Mehr in orf.at

(c) Jung und Jung

4. Daniel Wisser (13 Punkte)

"Königin der Berge", Jung und Jung

Es ist schon schwer genug einen wirklich komischen Roman zu schreiben, aber wenn dieses Buch dann noch von einem unheilbar Kranken handelt, der sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich sein Leben beenden zu dürfen, dann klingt das doch eher schwierig. Sollte man glauben, aber dem österreichischen Schriftsteller Daniel Wisser ist genau dieses Kunststück gelungen: "Königin der Berge" heißt das Buch. Als Inspirationsquelle diente dem gebürtigen Kärntner seine Zeit bei der Caritas in Wien als Zivildiener. Im Zentrum steht Herr Turin, ein unheilbar an Multipler Sklerose erkrankter Mann. Er sitzt im Rollstuhl und kämpft für sein Recht auf Freitod. Ärztliche Ratschläge pflegt er zu ignorieren, und wer ihm mit Seelsorge oder psychologischer Betreuung kommen will, erntet Spott und Hohn.
Mit seinem experimentierfreudigen Umgang mit Sprache gilt Daniel Wisser als einer der eigenwilligsten österreichischen Künstler der Gegenwart.

(c) Suhrkamp

5. ex aequo: Annie Ernaux (12 Punkte) NEU

"Erinnerung eines Mädchens", Suhrkamp
Aus dem Französischen von Sonja Finck

Über 55 Jahre braucht die französische Schriftstellerin Annie Ernaux, um sich ihrer "Erinnerung der Scham", wie sie es nennt, stellen zu können. Anhand von Fotografien und Briefen schreibt sie in ihrem autobiografischen Roman "Mémoire de fille", der jetzt unter dem Titel "Erinnerung eines Mädchens" auf Deutsch erscheint, über ihre erste sexuelle Erfahrung. Mit schonungsloser Genauigkeit schreibt sie über Macht, Ohnmacht und eine Zeit, die ihr Verständnis von Moral und Sexualität ein Leben lang entscheidend geprägt hat.

(c) picus

5. ex aequo: Gerhard Jäger (12 Punkte)

"All die Nacht über uns", Picus

Mit dem Roman "All die Nacht über uns" hat der aus Vorarlberg stammende Autor Gerhard Jäger einer 1945 aus ihrer Heimat in Hinterpommern geflüchteten Frau, die seit Jahrzehnten als Künstlerin in Tirol lebt, ein literarisches Denkmal gesetzt. Dietlinde Bonnlander und Gerhard Jäger: ihre Geschichte prägt wesentlich den Roman, sie musste, als Deutsche, 1945 ihre Heimat in Hinterpommern verlassen und führte als Kind, das sie damals war, akribisch Tagebuch darüber. Teile aus diesem Tagebuch hat Gerhard Jäger in "All die Nacht über uns" eingewoben. Im Mittelpunkt steht ein Grenzsoldat, der unerwartet in die Situation gerät, über die Zukunft von Flüchtenden entscheiden zu müssen.
Dass Heimat kein Verdienst ist, dass Heimat vielmehr das Glück ist, zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren zu werden: das ist eine Kernaussage des Romans. Dazu bewogen hat Gerhard Jäger die Migrationskrise 2015 und die darauf folgenden Debatten über Flucht in Europa.

(c) dtv

5. ex aequo: Tom Rachman (12 Punkte)

"Die Gesichter", dtv

Mit "Die Unperfekten" und "Aufstieg und Fall großer Mächte" wurde Tom Rachmann einem breiten Publikum bekannt. Jetzt legt der 1974 geborene Schriftsteller mit seinem neuen Roman "Die Gesichter" sein Opus Magnum vor. Rachmann erzählt darin die Geschichte eines erfolgreichen Malers, der künstlerisch zwar ein Genie ist, aber menschlich versagt. Und er erzählt von seinem Lieblingssohn, der ebenfalls sehr talentiert ist, von seinem Vater jedoch kleingehalten wird. Mit "Die Gesichter" ist Rachman eine packende Vater-Sohn-Geschichte gelungen, in der auch mit dem Kunstmarkt abgerechnet wird.

(c) Folio

8. Goran Vojnović (11 Punkte)

"Unter dem Feigenbaum", Folio

"Gott ist ein gewöhnlicher Trottel", lautet einer der Standardsprüche im Roman "Unter dem Feigenbaum" von Goran Vojnović. Nach dem Tod des Großvaters beginnt Jadran im Buch seine Familie zu erforschen. Die Suche nach der eigenen Identität führt den jungen Mann in die Wirren des Balkans und deckt die Leerstellen in der Familiengeschichte auf. Erzählt wird von einer weit verzweigten Familie in Ljubljana, in der sich die unterschiedlichsten ethnischen Herkünfte mischen. Der 1980 geborene Autor zählt zu den Enfant terrible Sloweniens und ist in seiner Heimat einer der talentiertesten Schriftstellern seiner Generation. In seinen bisher erschienenen Büchern umkreist Vojnović die Fragen "Woher denn dieser ererbte Hass der ehemaligen jugoslawischen Staaten kommt? Und wie sehr der Krieg, der bis heute das Leben der Menschen vergiftet, nachwirkt?"
Vojnović entfaltet im Roman die ganze komplizierte Geschichte dieser Familie und zugleich die Geschichte eines untergegangenen Landes. Immer wieder verlässt der Autor die Erzählerperspektive und steigt in Szenen aus den Vierziger-, Fünfziger- und Siebzigerjahren ein.

(c) sonderzahl

9. ex aequo: Gabriele Petricek (8 Punkte) NEU

"Die Unerreichbarkeit von Innsbruck", Sonderzahl

Gabriele Petriceks neues Buch "Die Unerreichbarkeit von Innsbruck, Verfolgungsrituale" entzieht sich jeder Genrebezeichnung, die Grenze zwischen Suche und Verfolgung ist hauchdünn. Eine Autorin sucht ihr Ich. Oder andere Ichs. Oder ist da ein Ich auf der Suche nach einer Autorin? Sind beide ein und dieselbe, derselbe? Das Auserzählen ist Petriceks Sache nicht, viel lieber sind ihr subtile Andeutungen, Leerstellen und Lücken, die es zu füllen gilt. Nur eines scheint gewiss: Innsbruck bleibt unerreichbar.

(c) Otto Müller Verlag

9. ex aequo: Hanna Sukare (8 Punkte)

"Schwedenreiter", Otto Müller

Im Roman "Schwedenreiter" schafft die 1957 in Freiburg im Breisgau geborene Autorin Hanna Sukare mühelos den Sprung zwischen Historie und Roman. Erzählt wird von der in Wien lebenden Schriftstellerin die auf historischen Fakten beruhende Geschichte um eine Jagd auf Deserteure in Goldegg 1944.
Paul Schwedenreiter stammt aus dem Innergebirge. Mit 18 Jahren übersiedelt er nach Wien. In seine Heimatgemeinde fährt er nur noch auf Besuch. Als dort jedoch in der Ortschronik ein SS-Mann als Retter des Ortes gefeiert wird, beginnt Schwedenreiter, dessen Großvater ein Deserteur war und dessen Urgroßmutter deshalb ins KZ kam, zu recherchieren. Die titelgebende Hauptfigur des Romans ist fiktiv, die historische Hintergrundgeschichte ist alles andere als fiktiv.
Im Juli 1944 starben durch den "Sturm" eines SS-Todesschwadrons auf die Goldegger Deserteure insgesamt 14 Menschen. Aufgearbeitet ist das Ereignis bis heute nicht. Seit langem ist die 2009 geschriebene Ortschronik von Goldegg, die der Deserteure des Ortes als "gefährliche Landplage" gedenkt und in der auch sonst einiges eher nach NS-Jargon klingt, ein Streitpunkt. Hanna Sukare "lässt die Leser spüren, wie nahe uns dieser Krieg noch immer ist." - wie eine Literaturkritikerin schreibt.