Die besten 10 im Oktober 2018

(c) Hanser

1. Michael Köhlmeier (42 Punkte)

"Bruder und Schwester Lenobel", Hanser

Michael Köhlmeier geht in diesem Roman ein Wagnis ein: seine Liebe zu Märchen verbindet er in "Bruder und Schwester Lenobel" mit einem literarischen Großprojekt, in dessen Zentrum die Frage steht: was braucht es, um ein selbstbestimmtes, autarkes Leben führen zu können? Alles dreht sich darin um die titelgebenden Geschwister, die schwer an ihrer Familiengeschichte, in der sich die tragische Geschichte des 20.Jahrhunderts spiegelt, zu tragen haben: ihre Vorfahren sind in Auschwitz ermordet worden, die Mutter überlebte nur dank eines Kindertransports nach England. Es ist ein Familienepos, das zeigt: für das Individuum sind alle vorgefertigten Narrative, in die es geboren wird, Determinanten, die es, um so etwas wie Glück für sich möglich zu machen, radikal in Frage stellen muss. "Bruder und Schwester Lenobel" ist ein geschichtensatter und zugleich genau komponierter, feingliedriger Roman, an dessen Grund der Glaube an die Kraft der Liebe und des Erzählens leuchtet.

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(c) Suhrkamp

2. Philipp Weiss (21 Punkte) NEU

"Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen", Suhrkamp

"Man muss die Menschen wachrütteln.", heißt es an einer Stelle im Debütroman "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" des österreichischen Autors Philipp Weiss. Das Wachrütteln gelingt dem gebürtigen Wiener mit seinem Romanprojekt in jedem Fall: es ist fünf Bände und rund tausend Seiten stark. Die Beschäftigung mit Katastrophen, mit Wendepunkten prägt das literarische Tun des 36-jährigen Schriftstellers. So sagt Weiss im Interview: "Die Katastrophe ist die Reibung, die Unterbrechung des immer Gleichen - wäre das nicht, gäbe es auch Nichts zu erzählen."
Am Beginn des fünfbändigen Romanprojekts "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" steht die Atomkatastrophe in Fukushima. Wesentliche Teile des Buches, das im 19. wie im 21. Jahrhundert angesiedelt ist, spielen in Japan. Das Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Technik ist darin ein zentrales Thema.

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(c) Hoffmann & Campe

3. Wolf Haas (20 Punkte) NEU

"Junger Mann", Hoffmann & Campe

"Ich bin ja, wie man vom Brenner weiß, Spezialist für aussichtslose Fälle." - ein Satz von Wolf Haas, der auf jeden Fall auch auf sein jüngstes Buch zutrifft. In "Junger Mann" verliebt sich ein 13-jähriger blöderweise in eine erwachsene, verheiratete Frau. Er ist ein bisschen zu dick und ein bisschen zu jung für sie, doch das hindert den jungen Mann nicht daran, sich Hals über Kopf in die Angebetete namens Elsa zu verlieben. Mit einer strengen Diät sollen die Kilos purzeln und Liebesgefühle bei ihr aufkommen, so der Plan. Die Geschichte um die Leiden eines pubertierenden jungen Mannes weist autobiographische Züge des Schriftstellers auf.
Im Interview sagt Wolf Haas dazu: "Viele Elemente aus dem Buch sind aus meinem Leben übernommen. Ich habe zum Beispiel einmal wirklich so viel abgenommen und ich habe auch so ähnliche Eltern."
Es ist der souveräne Umgang mit Sprache, der die Bücher von Wolf Haas so unverkennbar macht. Er beschreibt seine Helden nicht, er lässt sie selbst sprechen. Erst durch den Dialog werden die Figuren und der Verlauf der Handlung für den Leser fassbar.

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(c) Jung und Jung

4. Daniel Wisser (19 Punkte) NEU

"Königin der Berge", Jung und Jung

Es ist schon schwer genug einen wirklich komischen Roman zu schreiben, aber wenn dieses Buch dann noch von einem unheilbar Kranken handelt, der sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich sein Leben beenden zu dürfen, dann klingt das doch eher schwierig. Sollte man glauben, aber dem österreichischen Schriftsteller Daniel Wisser ist genau dieses Kunststück gelungen: "Königin der Berge" heißt das Buch. Als Inspirationsquelle diente dem gebürtigen Kärntner seine Zeit bei der Caritas in Wien als Zivildiener. Im Zentrum steht Herr Turin, ein unheilbar an Multipler Sklerose erkrankter Mann. Er sitzt im Rollstuhl und kämpft für sein Recht auf Freitod. Ärztliche Ratschläge pflegt er zu ignorieren, und wer ihm mit Seelsorge oder psychologischer Betreuung kommen will, erntet Spott und Hohn.
Mit seinem experimentierfreudigen Umgang mit Sprache gilt Daniel Wisser als einer der eigenwilligsten österreichischen Künstler der Gegenwart.

(c) S. Fischer

5. ex aequo: María Cecilia Barbetta (15 Punkte) NEU

"Nachtleuchten", S. Fischer

Argentinien kurz vor dem Militärputsch 1976: Die in Berlin lebende Argentinierin María Cecilia Barbetta erzählt in "Nachtleuchten" kunst- und humorvoll von unruhigen Zeiten. Es ist der zweite Roman der in Buenos Aires geborenen, seit 1996 in Berlin lebenden und auf Deutsch schreibenden Autorin.
Im Buch hat Teresa Gianelli eine Mission. Sie will die Kirche zu den Menschen bringen und den einfachen Menschen in ihrem Stadtteil ein Symbol der christlichen Liebe in ihre Häuser tragen. Die tonnenschwere Statue der Kirchenpatronin, die sie zunächst ins Auge gefasst hat, erweist sich dabei allerdings als wenig praktikabel. Da fällt Teresas Blick auf ein Erinnerungsstück, das ihr Großvater ihr mitgebracht hat, als er seinerzeit sein neues Auto hatte segnen lassen. Und so wird die Idee einer Wandermadonna geboren.
Barbetta bedient sich einer ornamental ausgeschmückten, von Windungen und Sprachspielen durchsetzten Sprache. Unter der burlesken Erzähloberfläche schimmern soziale Spannungen im Viertel und die sich anbahnenden politischen Umbrüche in Argentinien durch.

(c) Deuticke Verlag

5. ex aequo: Peter Henisch (15 Punkte)

"Siebeneinhalb Leben", Deuticke

Mit diesem Buch knüpft Peter Henisch an seinen Roman "Steins Paranoia" an, der 1988 erschienen ist – die Waldheimaffäre war damals gerade auf ihrem Höhepunkt. In dem Roman "Siebeneinhalb Leben" nun verlangt Max Stein vom Autor Paul Spielmann, dem bekannten Alter Ego von Peter Henisch, eine revidierte Neuauflage von "Steins Paranoia". "Siebeneinhalb Leben" ist ein leichtes, zugleich zutiefst ernstes Spiel mit Realität und Fiktion, mit Privatem und Öffentlichem, das anschaulich macht: Peter Henisch begreift Schreiben in jedem Fall als Widerspruch zur herrschenden Konvention im Denken wie im Fühlen.

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(c) Hanser

7. Michael Ondaatje (14 Punkte)

"Kriegslicht", Hanser

Weltberühmt wurde Michael Ondaatje mit "Der englische Patient". 25 Jahre später legt er nun seinen neuen Roman vor: "Kriegslicht". Im Zentrum steht darin die Frage, wie viele Geheimnisse ein Leben braucht und verträgt. Alles dreht sich darin um Nathaniel, der als Erwachsener den Rätseln seiner frühen Jahre auf den Grund geht und damit nicht zuletzt seiner Mutter nachspürt, die als Spionin im Kalten Krieg gearbeitet hat. Ein Roman über die Unbill und das Glück des Erwachsenwerdens und zugleich eine packende Agentengeschichte.

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(c) Picus

8. ex aequo: Gerhard Jäger (13 Punkte) NEU

"All die Nacht über uns", Picus

Mit dem Roman "All die Nacht über uns" hat der aus Vorarlberg stammende Autor Gerhard Jäger einer 1945 aus ihrer Heimat in Hinterpommern geflüchteten Frau, die seit Jahrzehnten als Künstlerin in Tirol lebt, ein literarisches Denkmal gesetzt. Dietlinde Bonnlander und Gerhard Jäger: ihre Geschichte prägt wesentlich den Roman, sie musste, als Deutsche, 1945 ihre Heimat in Hinterpommern verlassen und führte als Kind, das sie damals war, akribisch Tagebuch darüber. Teile aus diesem Tagebuch hat Gerhard Jäger in "All die Nacht über uns" eingewoben. Im Mittelpunkt steht ein Grenzsoldat, der unerwartet in die Situation gerät, über die Zukunft von Flüchtenden entscheiden zu müssen.
Dass Heimat kein Verdienst ist, dass Heimat vielmehr das Glück ist, zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren zu werden: das ist eine Kernaussage des Romans. Dazu bewogen hat Gerhard Jäger die Migrationskrise 2015 und die darauf folgenden Debatten über Flucht in Europa.

(c) Otto Müller

8. ex aequo: Hanna Sukare (13 Punkte) NEU

"Schwedenreiter", Otto Müller

Im Roman "Schwedenreiter" schafft die 1957 in Freiburg im Breisgau geborene Autorin Hanna Sukare mühelos den Sprung zwischen Historie und Roman. Erzählt wird von der in Wien lebenden Schriftstellerin die auf historischen Fakten beruhende Geschichte um eine Jagd auf Deserteure in Goldegg 1944.
Paul Schwedenreiter stammt aus dem Innergebirge. Mit 18 Jahren übersiedelt er nach Wien. In seine Heimatgemeinde fährt er nur noch auf Besuch. Als dort jedoch in der Ortschronik ein SS-Mann als Retter des Ortes gefeiert wird, beginnt Schwedenreiter, dessen Großvater ein Deserteur war und dessen Urgroßmutter deshalb ins KZ kam, zu recherchieren. Die titelgebende Hauptfigur des Romans ist fiktiv, die historische Hintergrundgeschichte ist alles andere als fiktiv.
Im Juli 1944 starben durch den "Sturm" eines SS-Todesschwadrons auf die Goldegger Deserteure insgesamt 14 Menschen. Aufgearbeitet ist das Ereignis bis heute nicht. Seit langem ist die 2009 geschriebene Ortschronik von Goldegg, die der Deserteure des Ortes als "gefährliche Landplage" gedenkt und in der auch sonst einiges eher nach NS-Jargon klingt, ein Streitpunkt. Hanna Sukare "lässt die Leser spüren, wie nahe uns dieser Krieg noch immer ist." - wie eine Literaturkritikerin schreibt.

(c) Droschl

10. ex aequo: Ally Klein (10 Punkte) NEU

"Carter", Droschl

In Ally Kleins Romandebüt "Carter" wandert die Hauptfigur in dem Bewusstsein durch die Stadt, gerade ihren Körper zu Hause vergessen zu haben.
In einer Bar am Flussufer trifft sie auf die geheimnisvolle Titelfigur. Von Anfang an deutet sich daher zwischen den beiden eine verhängnisvolle Beziehung an. Zwischen Anziehung und Abstoßung, verbunden mit Exzessen und wahnhaften Episoden, steuern die beiden erwartbarerweise auf ein zerstörerisches Ende zu. Die Erzählerin landet zuletzt in der Psychiatrie, Carter, eine so geisterhafte wie androgyne Erscheinung, verschwindet genauso rasch, wie sie aus dem Nichts kam.
Mithilfe von einer bloß angedeuteten Motivation für das Geschehen und den Gemütszustand der Erzählerin sowie einer Vielzahl an sprachlichen Bildern wird die im Text enthaltene Spannung erzeugt. Der Debütantin Ally Klein bescheinigt eine Kritikerin einen "unnachgiebigen poetischen Stolz."

(c) Folio

10. ex aequo: Goran Vojnović (10 Punkte) NEU

"Unter dem Feigenbaum", Folio

"Gott ist ein gewöhnlicher Trottel", lautet einer der Standardsprüche im Roman "Unter dem Feigenbaum" von Goran Vojnović. Nach dem Tod des Großvaters beginnt Jadran im Buch seine Familie zu erforschen. Die Suche nach der eigenen Identität führt den jungen Mann in die Wirren des Balkans und deckt die Leerstellen in der Familiengeschichte auf. Erzählt wird von einer weit verzweigten Familie in Ljubljana, in der sich die unterschiedlichsten ethnischen Herkünfte mischen. Der 1980 geborene Autor zählt zu den Enfant terrible Sloweniens und ist in seiner Heimat einer der talentiertesten Schriftstellern seiner Generation. In seinen bisher erschienenen Büchern umkreist Vojnović die Fragen "Woher denn dieser ererbte Hass der ehemaligen jugoslawischen Staaten kommt? Und wie sehr der Krieg, der bis heute das Leben der Menschen vergiftet, nachwirkt?"
Vojnović entfaltet im Roman die ganze komplizierte Geschichte dieser Familie und zugleich die Geschichte eines untergegangenen Landes. Immer wieder verlässt der Autor die Erzählerperspektive und steigt in Szenen aus den Vierziger-, Fünfziger- und Siebzigerjahren ein.