Die besten 10 im September 2018

(c) Diogenes

1. Erich Hackl (33 Punkte)

"Am Seil", Diogenes

Literatur, die den Namen verdient, begreift er als 'Schule der Empathie'. Erinnerung an Widerstand, an Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten wach zu halten: darum dreht sich Erich Hackls gesamtes Werk. Die Arbeit am historischen Bewusstsein ist seine Form des politischen Schreibens. Das gilt auch für seinen neuen Roman "Am Seil", in dem er einen Mann ins Zentrum rückt, der während der NS-Diktatur zwei Jüdinnen in seiner Wiener Werkstatt versteckt und ihnen damit das Leben gerettet hat. Der stille Held in "Am Seil" heißt Reinhold Duschka. Dass seine Geschichte erzählt und damit für die Gegenwart und Zukunft aufbewahrt werde: mit diesem Wunsch hat sich eine der Überlebenden, Lucia Heilman, heute 89 Jahre alt, an Erich Hackl gewandt. Hackl hat aus diesem Wunsch gültige Literatur gemacht, indem er in dem für ihn kennzeichnenden Verfahren, auf Fiktionalisierung der historischen Faktizität verzichtet, dafür auf literarische Verdichtung gesetzt hat.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Hanser

2. Michael Köhlmeier (32 Punkte) NEU

"Bruder und Schwester Lenobel", Hanser

Michael Köhlmeier geht in diesem Roman ein Wagnis ein: seine Liebe zu Märchen verbindet er in "Bruder und Schwester Lenobel" mit einem literarischen Großprojekt, in dessen Zentrum die Frage steht: was braucht es, um ein selbstbestimmtes, autarkes Leben führen zu können? Alles dreht sich darin um die titelgebenden Geschwister, die schwer an ihrer Familiengeschichte, in der sich die tragische Geschichte des 20.Jahrhunderts spiegelt, zu tragen haben: ihre Vorfahren sind in Auschwitz ermordet worden, die Mutter überlebte nur dank eines Kindertransports nach England. Es ist ein Familienepos, das zeigt: für das Individuum sind alle vorgefertigten Narrative, in die es geboren wird, Determinanten, die es, um so etwas wie Glück für sich möglich zu machen, radikal in Frage stellen muss. "Bruder und Schwester Lenobel" ist ein geschichtensatter und zugleich genau komponierter, feingliedriger Roman, an dessen Grund der Glaube an die Kraft der Liebe und des Erzählens leuchtet.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Hanser

3. Michael Ondaatje (22 Punkte) NEU

"Kriegslicht", Hanser

Weltberühmt wurde Michael Ondaatje mit "Der englische Patient". 25 Jahre später legt er nun seinen neuen Roman vor: "Kriegslicht". Im Zentrum steht darin die Frage, wie viele Geheimnisse ein Leben braucht und verträgt. Alles dreht sich darin um Nathaniel, der als Erwachsener den Rätseln seiner frühen Jahre auf den Grund geht und damit nicht zuletzt seiner Mutter nachspürt, die als Spionin im Kalten Krieg gearbeitet hat. Ein Roman über die Unbill und das Glück des Erwachsenwerdens und zugleich eine packende Agentengeschichte.

(c) dtv

4. James Baldwin (21 Punkte) NEU

"Beale Street Blues", dtv

Er war einer der bedeutendsten afroamerikanischen Intellektuellen der Bürgerrechtsbewegung. Dass er zugleich ein leidenschaftlicher Romantiker war, dafür ist der Roman "Beale Street Blues", der jetzt in einer Neuübersetzung von Miriam Mandelkow vorliegt, ein guter Beleg. Es ist Baldwins vorletzter Roman, erschienen im Original erstmals 1974. Seine Lebensthemen bestimmen auch dieses Buch: Sein Leben als Schwarzer und als Homosexueller in Amerika und Harlem; die Spannungen zwischen Schwarzen und Juden; seine Ansichten über das Christentum als eine Form der Sklaverei, die den Schwarzen einen weißen Gott aufzwang. Und doch macht dieser Roman auch deutlich, dass Baldwin trotz allen Haderns und Zweifelns der Liebe und dem Leben zugewandt blieb, bis zuletzt.

Mehr in orf.at

(c) Wagenbach

5. Francesca Melandri (19 Punkte)

"Alle, außer mir", Wagenbach

Francesca Melandri hat sich in Italien zunächst als Autorin von Drehbüchern wichtiger Kino- und Fernsehfilme einen Namen gemacht. Einem breiten deutschsprachigen Publikum wurde sie mit ihrem ersten Roman "Eva schläft" bekannt. "Alle, außer mir" heißt ihr neue Roman, der Familiengeschichte und schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft in einem ist. Zudem holt Melandri die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts in die Literatur. Die Verbindungen Italiens nach Äthiopien und Eritrea bis hin zu den gegenwärtigen politischen Konflikten verknüpft die römische Schriftstellerin mit dem Schicksal der heutigen Geflüchteten – und stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im "richtigen" Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

Mehr in orf.at

(c) Deuticke

6. Peter Henisch (17 Punkte) NEU

"Siebeneinhalb Leben", Deuticke

Mit diesem Buch knüpft Peter Henisch an seinen Roman "Steins Paranoia" an, der 1988 erschienen ist – die Waldheimaffäre war damals gerade auf ihrem Höhepunkt. In dem Roman "Siebeneinhalb Leben" nun verlangt Max Stein vom Autor Paul Spielmann, dem bekannten Alter Ego von Peter Henisch, eine revidierte Neuauflage von "Steins Paranoia". "Siebeneinhalb Leben" ist ein leichtes, zugleich zutiefst ernstes Spiel mit Realität und Fiktion, mit Privatem und Öffentlichem, das anschaulich macht: Peter Henisch begreift Schreiben in jedem Fall als Widerspruch zur herrschenden Konvention im Denken wie im Fühlen.

Mehr in OE1.orf.at

(c) Haymon

7. David Fuchs (12 Punkte) NEU

"Bevor wir verschwinden", Haymon

Ein vielversprechendes literarisches Debüt über Zärtlichkeit als Gegenspielerin des Todes: Erzählt wird in "Bevor wir verschwinden" von einem angehenden Arzt, der ein Praktikum auf einer Krebsstation absolviert und dort auf seine Jugendliebe trifft. Unsentimental, mit Witz und feinem Gespür für zwischenmenschliche Details gelingt David Fuchs mit diesem Buch ein berührendes Beschwören der Kraft des Augenblicks. Dass in kleinen Gesten oft die größten Gefühle zum Ausdruck kommen, dass das Leben in Anbetracht des Endes an Intensität gewinnt: von all dem erzählt dieses Debüt auf beeindruckend nüchterne Weise.

(c) Ink Press

8. Albertine Sarrazin (10 Punkte) NEU

"Der Ausbruch", Ink Press

Albertine Sarrazin hat das Leben einer Kleinkriminellen geführt, war ein Star der Pariser Bohème der späten 1960er-Jahre. Ihr Roman "Der Ausbruch" liegt jetzt in einer Neuübersetzung von Claudia Steinitz vor. Darin erzählt Albertine Sarrazin mit Verve und Ironie, mit Witz und großer Zerbrechlichkeit von der Monotonie eines Gefängnisaufenthaltes. "Ich bin bestens ausstaffiert, um heute Abend im Knast zu landen: Opossum und Hose", sagt die Erzählerin dieses Romans zu Beginn. Patti Smith, die amerikanische Rockmusikerin, erklärte diesen ersten Satz einst zu einem der besten Romananfänge der französischen Literatur.

(c) Rowohlt

9. ex aequo: Katharina Adler (8 Punkte) NEU

"Ida", Rowohlt

Ida Bauer ist als Sigmund Freuds "Fall Dora" in die Geschichte der Psychoanalyse eingegangen. Jetzt erzählt die Urenkelin, Katharina Adler, von dieser Frau, von der man bisher vor allem wusste, dass sie die Schwester Otto Bauers war. Katharina Adler gelingt es in diesem Buch auf unterhaltsame, dramaturgisch geschickte Art und Weise, Freud die Deutungshoheit über Ida Bauer abspenstig zu machen. Damit wird der Blick frei auf eine Frau voller Kraft, Widersprüche und Widerstandsgeist. In "Ida" wird Ida Bauer freigesprochen im wörtlichen Sinn: frei gesprochen von einem Narrativ, in dem ihre eigene Stimme keinen Platz hatte.

(c) Matthes & Seitz

9. ex aequo: Peter Waterhouse (8 Punkte) NEU

"Equus. Wie Kleist nicht heißt", Matthes & Seitz

"Gibt es das nicht-deutsche Deutsch? Und ist dieses etwas Falsches? Ist Heinrich von Kleists "Der Zerbrochene Krug" ein Titel, der sowohl deutsch ist als auch nicht-deutsch? Ist in diesen Worten, der und zerbrochen und Krug, etwas Nicht-Deutsches zu hören? Ist da etwas falsch oder fast falsch?" So beginnt der sprachkritische Essay über Heinrich von Kleist von Peter Waterhouse. Und zeigt sogleich den Modus an, in dem hier geschrieben und gedacht wird: im endlosen Kreisen wird eine Befreiung Kleists aus der Erstarrung als deutsches Nationalheiligtum ins Unbekannte vollzogen. Zum Vorschein kommt, sprachschrittweise, der anarchische, absurde Witz Kleists, dem jegliche Frontlinie, jegliche Denk-Begrenzung Aufforderung zum Unterlaufen ist.