Die besten 10 im August 2018

(c) Diogenes

1. Erich Hackl (35 Punkte) NEU

"Am Seil", Diogenes

Literatur, die den Namen verdient, begreift er als 'Schule der Empathie'. Erinnerung an Widerstand, an Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten wach zu halten: darum dreht sich Erich Hackls gesamtes Werk. Die Arbeit am historischen Bewusstsein ist seine Form des politischen Schreibens. Das gilt auch für seinen neuen Roman "Am Seil", in dem er einen Mann ins Zentrum rückt, der während der NS-Diktatur zwei Jüdinnen in seiner Wiener Werkstatt versteckt und ihnen damit das Leben gerettet hat. Der stille Held in "Am Seil" heißt Reinhold Duschka. Dass seine Geschichte erzählt und damit für die Gegenwart und Zukunft aufbewahrt werde: mit diesem Wunsch hat sich eine der Überlebenden, Lucia Heilman, heute 89 Jahre alt, an Erich Hackl gewandt. Hackl hat aus diesem Wunsch gültige Literatur gemacht, indem er in dem für ihn kennzeichnenden Verfahren, auf Fiktionalisierung der historischen Faktizität verzichtet, dafür auf literarische Verdichtung gesetzt hat.

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(c) Wagenbach

2. Francesca Melandri (17 Punkte)

"Alle, außer mir", Wagenbach

Francesca Melandri hat sich in Italien zunächst als Autorin von Drehbüchern wichtiger Kino- und Fernsehfilme einen Namen gemacht. Einem breiten deutschsprachigen Publikum wurde sie mit ihrem ersten Roman "Eva schläft" bekannt. "Alle, außer mir" heißt ihr neue Roman, der Familiengeschichte und schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft in einem ist. Zudem holt Melandri die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts in die Literatur. Die Verbindungen Italiens nach Äthiopien und Eritrea bis hin zu den gegenwärtigen politischen Konflikten verknüpft die römische Schriftstellerin mit dem Schicksal der heutigen Geflüchteten – und stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im "richtigen" Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

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(c) Hanser Berlin

3. Robert Seethaler (15 Punkte)

"Das Feld", Hanser Berlin

In Sachen Verkauf zählt er zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart: der gebürtige Wiener Robert Seethaler, der seit vielen Jahren in Berlin lebt. Allein sein letzter Roman "Ein ganzes Leben" wurde in 37 Sprachen übersetzt. In seinem neuen Roman "Das Feld" wird das Leben vom Ende, vom Abschied her betrachtet: aus der Sicht unterschiedlichster Menschen, die gestorben sind, geht Robert Seethaler der Frage auf den Grund, was letztlich, unterm Strich, von einem Leben bleibt.

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(c) Luchterhand

4. George Saunders (14 Punkte)

"Lincoln im Bardo", Luchterhand

Für seinen ersten Roman "Lincoln im Bardo" hat der Texaner George Saunders, bisher vor allem Autor von Erzählungen, den prestigeträchtigen Booker Prize des vergangenen Jahres erhalten. Ein Friedhof bei Washington ist der Aufenthaltsort für die vielen Untoten, die Saunders Geschichte bevölkern und im sogenannten Bardo ausharren müssen, der im tibetischen Buddhismus das Zwischenreich zwischen Leben und Tod darstellt. Unter ihnen befindet sich Willie, der drittgeborene Sohn des US-Präsidenten Abraham Lincoln, der 11jährig an Typhus verstarb, und den der Vater in seiner Trauer nicht loslassen will. Saunders verwebt fiktive Stimmen mit historischen Zitaten zu einem Zeitporträt eines Amerikas zur Zeit der Sezessionskriege. "Lincoln im Bardo" ist ein Geister-Roman, der, historisch präzise verankert in einem Krisenmoment der amerikanischen Geschichte, voll schwarzem Humor und bizarrer Komik die Themen Trauer und Tod verhandelt. (Kulturradio RBB)

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(c) Folio

5. Paolo Rumiz (11 Punkte) NEU

"Die Seele des Flusses", Folio

Bekannt ist der 1947 in Triest geborene italienische Autor seit langem für seine aufwändigen Reportagen, in denen Geschichte, Poesie und Gegenwärtiges Hand in Hand gehen. Er zieht es seit jeher vor, auf ungewöhnliche Arten zu reißen: zu Fuß, mit dem Ballon, auf dem Fahrrad oder mit einer Barke auf dem Fluss. Sein Buch "Die Seele des Flusses" ist eine Hommage an den "Po": Es ist das Ergebnis einer Flussfahrt mit etlichen Überraschungen und auch Hindernissen von den Gebirgen des Piemont bis zur Mündung ins Adriatische Meer. Wie man aus Reisen Literatur macht, die über das unmittelbar Bereiste weit hinaus reicht: nicht zuletzt dafür ist "Die Seele des Flusses" ein eindringliches Beispiel.

(c) Literaturedition Niederösterreich

6. ex aequo: Julian Schutting (10 Punkte) NEU

"Betrachtungen", Literaturedition Niederösterreich

Julian Schutting ist ein leidenschaftlicher Spaziergänger. Dass er dabei häufig photographiert, wissen nur wenige. Auch, dass er eine photographische Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien absolviert hat, ist nicht allgemein bekannt. Für das Buch "Betrachtungen" wurde nun erstmals aus seinem umfangreichen photographischen Archiv eine Auswahl an Bildern zusammengestellt, die wiederum Ausgangspunkt für die Texte des Buches bilden. Lesend wird man von Julian Schutting in diesem Buch mit auf einen Weg genommen, der einem scheinbare Nebensächlichkeiten, angeblich Randständiges in ganz anderem Licht erscheinen lässt. Es sind literarisch-philosophische Miniaturen von großer Strahlkraft und subversivem Glanz.

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(c) Luchterhand

6. ex aequo: Marie Gamillscheg (10 Punkte)

"Alles was glänzt", Luchterhand

Für ihren ersten Roman "Alles was glänzt" wurde die junge Grazerin Marie Gamillscheg, die Berlin zu ihrer Wahlheimat gemacht hat, bereits als "eine der aufregendsten jungen Stimmen der deutschsprachigen Literatur" bezeichnet. (Der Spiegel)
Gamillscheg bildet in ihrem Buch eine Dorfgemeinschaft ab, die im Schatten eines hohlen Berges ihr Dasein fristet, der durch jahrelangen Erzabbau einzustürzen droht. Aus auktorialer Perspektive erzählt sie von vier verschiedenen Figuren, darunter von der Wirtin der Dorfkneipe und einem früheren Bergwerksarbeiter, die sich mehr oder weniger freiwillig entschlossen haben in dieser gottverlassenen Gegend zu bleiben. Fragen der Zugehörigkeit und Identität, sowie Ängste vor einem gesellschaftlichen Umbruch werden im Roman thematisiert. In knapper Sprache und "fein aufgebauter Vielschichtigkeit" gelingt Gamillscheg ihr literarisches Debüt, "sehr nah am wirklichen Leben". (FM4)

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(c) Hollitzer

6. ex aequo: Maxim Ossipow (10 Punkte) NEU

"Nach der Ewigkeit", Hollitzer

In dieser Sammlung von Erzählungen nimmt der russische Arzt und Schriftsteller Maxim Ossipow seine postsowjetischen Zeitgenossen ins Visier: fliegende Händler, tadschikische Gastarbeiter, neureiche Emigranten, ehemalige Geheimdienstler und ihre tüchtigen, in der neuen Zeit angekommenen Kinder, aber auch passionierte Theaterleute und jüdische Musiker. Die meisten in diesem Band versammelten Erzählungen spielen in einer hundert Kilometer von Moskau entfernten Provinzstadt. Ossipow, der zu den renommiertesten russischen Autoren der Gegenwart zählt, erweist sich in dem Buch als Meister im Offenlegen von Selbsttäuschungsstrategien, vor allem aber als ein leidenschaftlicher Spracharbeiter: Lebendig und temporeich schraubt es einen von Seite zu Seite mehr in die (russische) Gegenwartsseele, die voller Widersprüche ist, voller Herzlichkeit und Eiseskälte. Kongenial übersetzt wurden die Texte von Birgit Veit ins Deutsche, was in der Fachkritik im Besonderen hervorgehoben worden ist.

(c) Insel

9. Martin Prinz (8 Punkte)

"Die unsichtbaren Seiten", Insel

Einschusslöcher aus dem 2. Weltkrieg in den Hausfassaden, der Eiserne Vorhang und ein Bürgermeister, der seit rund 30 Jahren im niederösterreichischen Lilienfeld im Amt ist: Das sind die Rahmenbedingungen des neuen Romans "Die unsichtbaren Seiten" von Martin Prinz.
Prinz, der zu den profiliertesten Autoren seiner Generation zählt und sich mit ausführlichen Zeitungsreportagen einen Namen gemacht hat, kehrt in diesem Buch zurück in seinen Heimatort. Der Schriftsteller erzählt davon, was es heißt, in der Atmosphäre der 1970er Jahre als Enkel des langjährigen Bürgermeisters in der österreichischen Provinz aufzuwachsen.
In "Die unsichtbaren Seiten" stellt er eindrücklich die Rollenzuschreibungen für Männer und Frauen und die daraus erwachsenden gesellschaftlichen Verhältnissen dar.