Die besten 10 im Juli 2018

(c) Luchterhand

1. Georges Saunders (42 Punkte)

"Lincoln im Bardo", Luchterhand

Für seinen ersten Roman "Lincoln im Bardo" hat der Texaner George Saunders, bisher vor allem Autor von Erzählungen, den prestigeträchtigen Booker Prize des vergangenen Jahres erhalten. Ein Friedhof bei Washington ist der Aufenthaltsort für die vielen Untoten, die Saunders Geschichte bevölkern und im sogenannten Bardo ausharren müssen, der im tibetischen Buddhismus das Zwischenreich zwischen Leben und Tod darstellt. Unter ihnen befindet sich Willie, der drittgeborene Sohn des US-Präsidenten Abraham Lincoln, der 11jährig an Typhus verstarb, und den der Vater in seiner Trauer nicht loslassen will. Saunders verwebt fiktive Stimmen mit historischen Zitaten zu einem Zeitporträt eines Amerikas zur Zeit der Sezessionskriege. "Lincoln im Bardo" ist ein Geister-Roman, der, historisch präzise verankert in einem Krisenmoment der amerikanischen Geschichte, voll schwarzem Humor und bizarrer Komik die Themen Trauer und Tod verhandelt. (Kulturradio RBB)

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(c) Suhrkamp

2. Marina Zwetajewa (26 Punkte) NEU

"Ich schicke meinen Schatten voraus", Suhrkamp

Sie zählt neben Anna Achmatowa zu den bedeutendsten russischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts: Marina Zwetajewa. Geboren wurde sie 1892 als Tochter eines Kunsthistorikers und einer Pianistin in Moskau. Hier verbrachte sie auch die Jahre der Revolution, unter schwierigsten Bedingungen - eines ihrer Kinder starb in dieser Zeit an Unterernährung. Von den inneren und äußeren Abgründen dieser Zeit erzählen einige der Texte in diesem Band gesammelter Prosa. Es ist der erste Teil einer Werkausgabe, mit der der Suhrkamp-Verlag das widerborstige Werk dieser hochkarätigen Autorin einer breiteren Leserschaft in Erinnerung rufen möchte.

(c) Suhrkamp

3. Ralf Rothmann (22 Punkte) NEU

"Der Gott jenes Sommers", Suhrkamp

Ralf Rothmann ist einer der beliebtesten und renommiertesten Porträtisten von Deutschlands jüngster Vergangenheit. Hat sein großer, in fünfundzwanzig Sprachen übersetzter Roman "Im Frühling sterben" vom tragischen Fronteinsatz zweier siebzehnjähriger Jungen erzählt, so steht in seinem neuen Roman das zwölfjährige Mädchen Luisa im Zentrum des Geschehens. Geschildert werden abermals die letzten Kriegsmonate 1945 in Norddeutschland. Luisa ist mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aus dem brennenden Kiel auf einen Schleswiger Gutshof geflohen. Inmitten verwundeter Soldaten und verstörter Flüchtlinge aus dem Osten, erlebt Luisa ihre erste Liebe - und wird Zeugin des herrschenden Grauens. Sie sieht alles, versteht vieles nicht. Der Krieg verstört und beschädigt sie nachhaltig.

(c) Luchterhand

4. ex aequo: Linn Ullmann (20 Punkte) NEU

"Die Unruhigen", Luchterhand

"Die Idee, die ich hatte, war einfach die Geschichte von einem Vater, von einer Mutter, von einer Tochter aufzuschreiben – von einer Familie, über Erinnerungen, über Vergessen, über Aufwachsen und Altwerden. Ich wollte nicht über zwei oder drei Berühmtheiten schreiben. Das hat mich nicht interessiert. Ruhm interessiert mich nicht", so die norwegische Schriftstellerin Linn Ullmann über ihren neuen Roman "Die Unruhigen". Es ist ein sehr persönliches Buch über die innige Beziehung zwischen Tochter und Eltern. Ullmann schreibt über ihre Kindheit und das Aufwachsen als Tochter von Liv Ullmann und Ingmar Bergman. Eigentlich sollte es ein Buch mit Gesprächen werden. Ein gemeinsames Projekt des Vaters mit seiner Tochter. Als er spürte, wie er mehr und mehr vergaß, planten sie ein Buch über das Altwerden. Die Transkripte sind die Basis des Romans, dem Ullmann Erinnerungen, Briefe und Gedanken beifügt.

(c) Suhrkamp

4. ex aequo: Josef Winkler (20 Punkte)

"Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe", Suhrkamp

Josef Winkler, preisgekrönter Kärntner Autor und vor kurzem 65 Jahre alt geworden, hat ein neues Buch geschrieben: "Lass dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe!" Darin widmet sich Winkler der NS-Zeit und seinem Heimatdorf Kamering im Drautal. Auf einem Gemeinschaftsacker, der sogenannten Sautratten nahe Kamering, wurde im Mai 1945 der SS-Mann und Massenmörder Odilo Globocnik verscharrt. Ihn gräbt der Schriftsteller Josef Winkler jetzt literarisch wieder aus, denn als er vor drei Jahren auf die Biografie des Wahl-Kärntners und Nazi-Verbrechers stieß, musste er den Themenkomplex Heimatdorf, Kindheit und Vater zu einem neuen Ende bringen. Entstanden ist dabei ein intensives Buch über die jüngste Vergangenheit und ihre Verdrängung.

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(c) Hanser Berlin

6. Robert Seethaler (18 Punkte) NEU

"Das Feld", Hanser Berlin

In Sachen Verkauf zählt er zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart: der gebürtige Wiener Robert Seethaler, der seit vielen Jahren in Berlin lebt. Allein sein letzter Roman "Ein ganzes Leben" wurde in 37 Sprachen übersetzt. In seinem neuen Roman "Das Feld" wird das Leben vom Ende, vom Abschied her betrachtet: aus der Sicht unterschiedlichster Menschen, die gestorben sind, geht Robert Seethaler der Frage auf den Grund, was letztlich, unterm Strich, von einem Leben bleibt.

(c) S. Fischer

7. Joyce Carol Oates (14 Punkte) NEU

"Der Mann ohne Schatten", S. Fischer

Joyce Carol Oates ist bekannt für die Wahl ungewöhnlicher Stoffe. Dieser Vorliebe ist sie auch in ihrem neuen Roman treu geblieben. Pünktlich zu ihrem 80. Geburtstag legt die amerikanische Autorin "Der Mann ohne Schatten" vor. Es ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe, die im Gedächtnislabor eines neurologischen Instituts spielt. 1965 lernt die junge Neurowissenschaftlerin Margot an der Universität von Darven Park den charismatischen Patienten Eli kennen. Für ihn ist immer alles Gegenwart, denn er leidet an Gedächtnisverlust und kann sich nur an Dinge erinnern, die nicht länger als siebzig Sekunden zurückliegen. Margot beginnt, Elis Erinnerungsvermögen mit einer Reihe von Tests zu untersuchen, und kommt dem ungewöhnlichen Patienten im Laufe der Zeit erstaunlich nahe. Eine unmögliche Beziehung, denn er vergisst immer wieder, wer sie ist.

(c) Insel

8. Martin Prinz (13 Punkte)

"Die unsichtbaren Seiten", Insel

Einschusslöcher aus dem 2. Weltkrieg in den Hausfassaden, der Eiserne Vorhang und ein Bürgermeister, der seit rund 30 Jahren im niederösterreichischen Lilienfeld im Amt ist: Das sind die Rahmenbedingungen des neuen Romans "Die unsichtbaren Seiten" von Martin Prinz.
Prinz, der zu den profiliertesten Autoren seiner Generation zählt und sich mit ausführlichen Zeitungsreportagen einen Namen gemacht hat, kehrt in diesem Buch zurück in seinen Heimatort. Der Schriftsteller erzählt davon, was es heißt, in der Atmosphäre der 1970er Jahre als Enkel des langjährigen Bürgermeisters in der österreichischen Provinz aufzuwachsen.
In "Die unsichtbaren Seiten" stellt er eindrücklich die Rollenzuschreibungen für Männer und Frauen und die daraus erwachsenden gesellschaftlichen Verhältnissen dar.

(c) Wagenbach

9. ex aequo: Francesca Melandri (10 Punkte) NEU

"Alle, außer mir", Wagenbach

Francesca Melandri hat sich in Italien zunächst als Autorin von Drehbüchern wichtiger Kino- und Fernsehfilme einen Namen gemacht. Einem breiten deutschsprachigen Publikum wurde sie mit ihrem ersten Roman "Eva schläft" bekannt. "Alle, außer mir" heißt ihr neue Roman, der Familiengeschichte und schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft in einem ist. Zudem holt Melandri die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts in die Literatur. Die Verbindungen Italiens nach Äthiopien und Eritrea bis hin zu den gegenwärtigen politischen Konflikten verknüpft die römische Schriftstellerin mit dem Schicksal der heutigen Geflüchteten – und stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im "richtigen" Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

(c) Luchterhand

9. ex aequo: Marie Gamillscheg (10 Punkte)

"Alles was glänzt", Luchterhand

Für ihren ersten Roman "Alles was glänzt" wurde die junge Grazerin Marie Gamillscheg, die Berlin zu ihrer Wahlheimat gemacht hat, bereits als "eine der aufregendsten jungen Stimmen der deutschsprachigen Literatur" bezeichnet. (Der Spiegel)
Gamillscheg bildet in ihrem Buch eine Dorfgemeinschaft ab, die im Schatten eines hohlen Berges ihr Dasein fristet, der durch jahrelangen Erzabbau einzustürzen droht. Aus auktorialer Perspektive erzählt sie von vier verschiedenen Figuren, darunter von der Wirtin der Dorfkneipe und einem früheren Bergwerksarbeiter, die sich mehr oder weniger freiwillig entschlossen haben in dieser gottverlassenen Gegend zu bleiben. Fragen der Zugehörigkeit und Identität, sowie Ängste vor einem gesellschaftlichen Umbruch werden im Roman thematisiert. In knapper Sprache und "fein aufgebauter Vielschichtigkeit" gelingt Gamillscheg ihr literarisches Debüt, "sehr nah am wirklichen Leben". (FM4)

(c) Suhrkamp

9. ex aequo: Friederike Mayröcker (10 Punkte)

"Pathos und Schwalbe", Bibliothek Suhrkamp

Friederike Mayröcker zählt zu den eigenwilligsten und konsequentesten Autorinnen unserer Zeit.
93 Jahre ist die unermüdliche Spracharbeiterin inzwischen alt, ihr neues Buch zeugt davon, dass sie kein bisschen kompromissbereiter, vielmehr kompromissloser geworden ist im Alter. 'Pathos und Schwalbe' ist der Titel ihres neuen Buches und es ist radikal demokratische Prosa in dem Sinne, als darin Mensch, Tier und Ding, Schönes und Hässliches, große wie kleine Geschichte gleichwertig nebeneinander vorkommen. Mayröcker beweist mit diesem Buch erneut, dass sie eine der größten Avantgardistinnen der Gegenwart ist.