Die besten 10 im Juni 2018

(c) Luchterhand

1. George Saunders (21 Punkte) NEU

"Lincoln im Bardo", Luchterhand

Für seinen ersten Roman "Lincoln im Bardo" hat der Texaner George Saunders, bisher vor allem Autor von Erzählungen, den prestigeträchtigen Booker Prize des vergangenen Jahres erhalten. Ein Friedhof bei Washington ist der Aufenthaltsort für die vielen Untoten, die Saunders Geschichte bevölkern und im sogenannten Bardo ausharren müssen, der im tibetischen Buddhismus das Zwischenreich zwischen Leben und Tod darstellt. Unter ihnen befindet sich Willie, der drittgeborene Sohn des US-Präsidenten Abraham Lincoln, der 11jährig an Typhus verstarb, und den der Vater in seiner Trauer nicht loslassen will. Saunders verwebt fiktive Stimmen mit historischen Zitaten zu einem Zeitporträt eines Amerikas zur Zeit der Sezessionskriege. "Lincoln im Bardo" ist ein Geister-Roman, der, historisch präzise verankert in einem Krisenmoment der amerikanischen Geschichte, voll schwarzem Humor und bizarrer Komik die Themen Trauer und Tod verhandelt. (Kulturradio RBB)


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(c) Suhrkamp

2. Josef Winkler (19 Punkte)

"Laß dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe", Suhrkamp

Josef Winkler, preisgekrönter Kärntner Autor und vor kurzem 65 Jahre alt geworden, hat ein neues Buch geschrieben: "Lass dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe!" Darin widmet sich Winkler der NS-Zeit und seinem Heimatdorf Kamering im Drautal. Auf einem Gemeinschaftsacker, der sogenannten Sautratten nahe Kamering, wurde im Mai 1945 der SS-Mann und Massenmörder Odilo Globocnik verscharrt. Ihn gräbt der Schriftsteller Josef Winkler jetzt literarisch wieder aus, denn als er vor drei Jahren auf die Biografie des Wahl-Kärntners und Nazi-Verbrechers stieß, musste er den Themenkomplex Heimatdorf, Kindheit und Vater zu einem neuen Ende bringen. Entstanden ist dabei ein intensives Buch über die jüngste Vergangenheit und ihre Verdrängung.

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(c) Insel

3. Martin Prinz (17 Punkte) NEU

"Die unsichtbaren Seiten, Insel

Einschusslöcher aus dem 2. Weltkrieg in den Hausfassaden, der Eiserne Vorhang und ein Bürgermeister, der seit rund 30 Jahren im niederösterreichischen Lilienfeld im Amt ist: Das sind die Rahmenbedingungen des neuen Romans "Die unsichtbaren Seiten" von Martin Prinz.
Prinz, der zu den profiliertesten Autoren seiner Generation zählt und sich mit ausführlichen Zeitungsreportagen einen Namen gemacht hat, kehrt in diesem Buch zurück in seinen Heimatort. Der Schriftsteller erzählt davon, was es heißt, in der Atmosphäre der 1970er Jahre als Enkel des langjährigen Bürgermeisters in der österreichischen Provinz aufzuwachsen.
In "Die unsichtbaren Seiten" stellt er eindrücklich die Rollenzuschreibungen für Männer und Frauen und die daraus erwachsenden gesellschaftlichen Verhältnissen dar.

(c) Matthes & Seitz

4. Éric Vuillard (16 Punkte)

"Die Tagesordnung, Matthes & Seitz

Historische Ereignisse zugespitzt und pointiert zu erzählen, dafür ist Éric Vuillard bekannt. In seinem neuen Roman "Die Tagesordnung" gelingt es ihm auf knapp hundert Seiten ein eindringliches Bild der ersten Jahre der Nazi-Diktatur zu entwerfen und wurde dafür mit Frankreichs wichtigstem und meistbeachtetem Literaturpreis ausgezeichnet: dem Prix Goncourt. Gekonnt führt er den Leser in die Hinterzimmer der Macht, wo in erschreckender Beiläufigkeit Geschichte geschrieben wird. Dabei erzählt er eine andere, als die uns bekannte Geschichte: er schildert den Panzerstau an der deutschen Grenze zu Österreich, er entlarvt Schuschniggs kleinliches Festhalten an der Macht, Hitlers abgründige Unberechenbarkeit und Chamberlains gleichgültige Schwäche. Eindringlich seziert Vuillard die Mechanismen des Aufstiegs der Nationalsozialisten und macht deutlich, dass unser Verständnis von Geschichte Großteils auf Propagandabildern beruht.

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(c) Luchterhand

5. Marie Gamillscheg (15 Punkte) NEU

"Alles was glänzt", Luchterhand

Für ihren ersten Roman "Alles was glänzt" wurde die junge Grazerin Marie Gamillscheg, die Berlin zu ihrer Wahlheimat gemacht hat, bereits als "eine der aufregendsten jungen Stimmen der deutschsprachigen Literatur" bezeichnet. (Der Spiegel)
Gamillscheg bildet in ihrem Buch eine Dorfgemeinschaft ab, die im Schatten eines hohlen Berges ihr Dasein fristet, der durch jahrelangen Erzabbau einzustürzen droht. Aus auktorialer Perspektive erzählt sie von vier verschiedenen Figuren, darunter von der Wirtin der Dorfkneipe und einem früheren Bergwerksarbeiter, die sich mehr oder weniger freiwillig entschlossen haben in dieser gottverlassenen Gegend zu bleiben. Fragen der Zugehörigkeit und Identität, sowie Ängste vor einem gesellschaftlichen Umbruch werden im Roman thematisiert. In knapper Sprache und "fein aufgebauter Vielschichtigkeit" gelingt Gamillscheg ihr literarisches Debüt, "sehr nah am wirklichen Leben". (FM4)

(c) Edition Atelier

6. Hanno Millesi (13 Punkte)

"Die vier Weltteile", Edition Atelier

In seinem neuen Roman Die "vier Weltteile" lädt der österreichische Schriftsteller Hanno Millesi zu einem ungewöhnlichen Rundgang in die abendländische Kunstgeschichte ein und spannt dabei geschickt den Bogen in unsere brisante Gegenwart. Während eine Besuchergruppe Peter Paul Rubens "Die vier Weltteile" studiert, wird im Foyer des Kunsthistorischen Museums in Wien ein Attentäter überwältigt. Ohne die genauen Hintergründe zu kennen, werden die Museumsbesucher in der Gemäldegalerie festgehalten. Um Kinder und Jugendliche von der realen Gefahr abzulenken, beginnt man Diskussionen über Bilder und Künstler. Auslöser zu dem Roman war ein realer Überfall vor einigen Jahren im Pariser Louvre: Der Louvre wurde für mehrere Stunden zugesperrt, da kam mir die Idee, wie es wohl Leuten geht, die in einem Museum eingeschlossen sind, so Millesi. Sein literarischer Museumsbesuch ist ein sprachlich gewitzter und lehrreicher Roman über die Grenzen zwischen Fantasie, Realität und Kunst.

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(c) Rowohlt

7. Khaled Khalifa (12 Punkte) NEU

"Der Tod ist ein mühseliges Geschäft", Rowohlt

Khaled Khalifa gehört zu den wenigen Intellektuellen Syriens, die das Land bis heute nicht verlassen haben. Sein jüngster Roman "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft", 2016 im Original und jetzt auf Deutsch erschienen, erzählt von einer irrwitzigen Fahrt dreier Geschwister durch das kriegsgebeutelte Syrien, mit dem Ziel, den Leichnam ihres Vaters in seinem Heimatort im Norden des Landes zu bestatten. Immer wieder stellen sich Hindernisse in den Weg, sie treffen auf Rebellen, Islamisten, Regierungstruppen und werden einmal, samt Leiche, verhaftet. Khalifa, der auch zu den wichtigsten Kritikern des Assad-Regimes gehört, dessen Bücher zum Großteil nicht in seiner Heimat erscheinen dürfen, erzählt seine nachtschwarze Geschichte in einer unaufgeregten Alltagssprache und in teils ironischem Tonfall. Sein Roman "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft" wird als "nachgerade zwingende Lektüre" und "finstere Totenklage für Syriens Träume" bezeichnet. (NZZ)

(c) Kiepenheuer & Witsch

8. David Schalko (11 Punkte) NEU

"Schwere Knochen", Kiepenheuer & Witsch

Der jüngste Roman des Regisseurs, Drehbuchautors und Schriftstellers David Schalko mit dem Titel "Schwere Knochen", ist mit 500 Seiten sein bisher umfangreichstes Buch, ein Verbrecherepos, an dem er zehn Jahre lang gearbeitet hat. Der 15. März 1938 ist jener Tag, der alles im Leben von Hauptfigur Ferdinand Krutzler verändert. Während die Massen am Heldenplatz Hitler zujubeln, nutzen er und seine Kumpanen die leergefegten Straßen für einen Einbruch. Die Gaunerclique wird jedoch gefasst und Krutzler ins Konzentrationslager Mauthausen gebracht. Innerhalb kürzester Zeit arrangiert er sich dort als Kapo mit den Nazis. Nach dem Krieg beherrscht er über viele Jahre die Wiener Unterwelt.
Eindringlich, aber auch mit viel Empathie, lässt Schalko eine ungewöhnliche Erzählstimme über Diebe, Zuhälter, Mörder berichten. David Schalkos Roman ist das Sittenbild einer vom Krieg beschädigten Gesellschaft.

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(c) Jung und Jung

9. Susanne Röckel (10 Punkte) NEU

"Der Vogelgott", Jung und Jung

Der neue Roman der deutschen Autorin Susanne Röckel "Der Vogelgott" liest sich wie ein dunkles, symbolbeladenes Märchen. Röckel entwirft eine Familiengeschichte, verwoben mit fantastischen Motiven, in vier Teilen und aus vier verschiedenen Figurenperspektiven. Zu Beginn stehen die Tagebuchbeschreibungen eines Ornithologen, der in ein verwildertes Dorf kommt, gefolgt von drei weiteren Kapiteln, die jeweils aus der Sicht seiner drei erwachsenen Kinder Thedor, Dora und Lorenz erzählt werden. Im Brennpunkt des Erzählten steht der geheimnisvolle Mythos eines Vogelgottes, auf den die Familienmitglieder zufällig stoßen. Röckel schildert innere menschliche Abgründe, kriegsähnliche Szenerien und einen außerzivilisatorischen Alltag, in dem gängige Wahrnehmungen und scheinbare Sicherheiten erschüttert werden. "Der Vogelgott" ist das Werk einer "Sprachmeisterin von höchsten Graden". (Ex Libris, Ö1)

(c) Suhrkamp

10. Friederike Mayröcker (8 Punkte) NEU

"Pathos und Schwalbe", Bibliothek Suhrkamp

Friederike Mayröcker zählt zu den eigenwilligsten und konsequentesten Autorinnen unserer Zeit.
93 Jahre ist die unermüdliche Spracharbeiterin inzwischen alt, ihr neues Buch zeugt davon, dass sie kein bisschen kompromissbereiter, vielmehr kompromissloser geworden ist im Alter. 'Pathos und Schwalbe' ist der Titel ihres neuen Buches und es ist radikal demokratische Prosa in dem Sinne, als darin Mensch, Tier und Ding, Schönes und Hässliches, große wie kleine Geschichte gleichwertig nebeneinander vorkommen. Mayröcker beweist mit diesem Buch erneut, dass sie eine der größten Avantgardistinnen der Gegenwart ist.