Die besten 10 im Mai 2018

(c) Hanser

1. Norbert Gstrein (29 Punkte)

"Die kommenden Jahre", Hanser
Der Österreicher Norbert Gstrein gehört zu den hochpolitischen Gegenwartsautoren im deutschsprachigen Raum. Thema seines neuen Romans "Die kommenden Jahre" ist die Begeisterungswelle rund um die sogenannte Willkommenskultur im Zuge der Ankunft der Flüchtlinge im Jahre 2015. Gstrein stellt unter anderem die Frage, ob moralisches Handeln nicht sogar als Luxus einer westlichen Gesellschaft angesehen werden kann. Mittels ungewöhnlicher Erzählperspektive verarbeitet er in der Geschichte einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die im Haus eines deutschen Paares untergebracht wird, Aspekte wie Überforderung der Integrationsfähigkeit und Rassismus zu bedeutender Literatur.

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(c) Suhrkamp

2. Josef Winkler (20 Punkte) NEU

"Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe", Suhrkamp
Josef Winkler, preisgekrönter Kärntner Autor und vor kurzem 65 Jahre alt geworden, hat ein neues Buch geschrieben: "Lass dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe!" Darin widmet sich Winkler der NS-Zeit und seinem Heimatdorf Kamering im Drautal. Auf einem Gemeinschaftsacker, der sogenannten Sautratten nahe Kamering, wurde im Mai 1945 der SS-Mann und Massenmörder Odilo Globocnik verscharrt. Ihn gräbt der Schriftsteller Josef Winkler jetzt literarisch wieder aus, denn als er vor drei Jahren auf die Biografie des Wahl-Kärntners und Nazi-Verbrechers stieß, musste er den Themenkomplex Heimatdorf, Kindheit und Vater zu einem neuen Ende bringen. Entstanden ist dabei ein intensives Buch über die jüngste Vergangenheit und ihre Verdrängung.

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(c) Droschl

3. Thomas Stangl (18 Punkte)

"Fremde Verwandtschaften", Droschl
Der gebürtige Wiener Thomas Stangl hat bereits mit seinem Debütroman "Der einzige Ort" Anfang 2000 für Furore gesorgt. Seither zählt er zu den relevantesten deutschsprachigen Autoren seiner Generation. Vor kurzem ist sein neuer Roman erschienen: "Fremde Verwandtschaften". Darin dreht sich alles um einen Architekten - Ehemann und Familienvater - der zu einer Fachkonferenz nach Westafrika aufbricht. Auf seiner Reise erlebt er eine grundlegende Verunsicherung seine bisherige Denk- und Lebensweise betreffend. Er wird sich zunehmend fremd und verliert all seine Sicherheiten, in denen er es sich bequem gemacht hat. Wie häufig bei Stangl, dreht sich viel um die Frage, was vermeintliche Sicherheiten und tradierte Zwänge mit den Menschen anrichten.

(c) Suhrkamp

4. Esther Kinsky (14 Punkte)

"Hain. Geländeroman", Suhrkamp
"Hain. Geländeroman" heißt das neue Buch der Berliner Schriftstellerin Esther Kinsky. Gerade erst erschienen, wurde es schon zwei Mal ausgezeichnet: Der Roman ist eines der fünf nominierten Bücher in der Kategorie Belletristik beim Preis der Leipziger Buchmesse und Esther Kinsky hat damit den Düsseldorfer Literaturpreis gewonnen. Die Ich-Erzählerin unternimmt drei Reisen, die alle nach Italien führen. Doch nicht an die bekannten Orte, sondern in abseitige Landstriche und Gegenden. Zwischen Geländeerkundungen im Gebirge und in der Ebene führt die dritte Reise die Erzählerin zurück in die Kindheit: Wie bruchstückhafte Filmsequenzen tauchen die Erinnerungen an zahlreiche Fahrten durch das Italien der Siebzigerjahre auf, dominiert von der Figur des Vaters.

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(c) Suhrkamp

5. Serhij Zhadan (12 Punkte) NEU

"Internat", Suhrkamp
Für viele seiner Landsleute ist er der Inbegriff des mutigen, engagierten Poeten und mit Sicherheit zählt er zu den populärsten und produktivsten Schriftstellern der Ukraine: Serhij Zhadan. Mit seinem Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass" ist ihm vor einigen Jahren im deutschsprachigen Raum der Durchbruch gelungen. Jetzt erscheint sein neuer Roman Internat, der in der Kategorie Übersetzung mit dem Leipziger Buchpreis 2018 ausgezeichnet wurde. Zhadan kennt die Region des Donezbeckens. Vor allem aber gehört er zu den literarischen Kronzeugen der Zerstörung des zivilen Lebens durch Kämpfe, die schwer definierbar und deren Akteure schwer greifbar sind. Eindringlich beschreibt Zhadan in seinem Roman wie sich die vertraute Umgebung in ein unheimliches Territorium verwandelt. Seine Auseinandersetzung mit dem Krieg im Donbass findet mit Internat seinen vorläufigen Höhepunkt.

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(c) Edition Atelier

6. ex aequo: Hanno Millesi (11 Punkte) NEU

"Die vier Weltteile", Edition Atelier
In seinem neuen Roman Die "vier Weltteile" lädt der österreichische Schriftsteller Hanno Millesi zu einem ungewöhnlichen Rundgang in die abendländische Kunstgeschichte ein und spannt dabei geschickt den Bogen in unsere brisante Gegenwart. Während eine Besuchergruppe Peter Paul Rubens "Die vier Weltteile" studiert, wird im Foyer des Kunsthistorischen Museums in Wien ein Attentäter überwältigt. Ohne die genauen Hintergründe zu kennen, werden die Museumsbesucher in der Gemäldegalerie festgehalten. Um Kinder und Jugendliche von der realen Gefahr abzulenken, beginnt man Diskussionen über Bilder und Künstler. Auslöser zu dem Roman war ein realer Überfall vor einigen Jahren im Pariser Louvre: Der Louvre wurde für mehrere Stunden zugesperrt, da kam mir die Idee, wie es wohl Leuten geht, die in einem Museum eingeschlossen sind, so Millesi. Sein literarischer Museumsbesuch ist ein sprachlich gewitzter und lehrreicher Roman über die Grenzen zwischen Fantasie, Realität und Kunst.

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(c) Matthes & Seitz

6. ex aequo: Éric Vuillard (11 Punkte) NEU

"Die Tagesordnung", Matthes & Seitz

Historische Ereignisse zugespitzt und pointiert zu erzählen, dafür ist Éric Vuillard bekannt. In seinem neuen Roman "Die Tagesordnung" gelingt es ihm auf knapp hundert Seiten ein eindringliches Bild der ersten Jahre der Nazi-Diktatur zu entwerfen und wurde dafür mit Frankreichs wichtigstem und meistbeachtetem Literaturpreis ausgezeichnet: dem Prix Goncourt. Gekonnt führt er den Leser in die Hinterzimmer der Macht, wo in erschreckender Beiläufigkeit Geschichte geschrieben wird. Dabei erzählt er eine andere, als die uns bekannte Geschichte: er schildert den Panzerstau an der deutschen Grenze zu Österreich, er entlarvt Schuschniggs kleinliches Festhalten an der Macht, Hitlers abgründige Unberechenbarkeit und Chamberlains gleichgültige Schwäche. Eindringlich seziert Vuillard die Mechanismen des Aufstiegs der Nationalsozialisten und macht deutlich, dass unser Verständnis von Geschichte Großteils auf Propagandabildern beruht.

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(c) Ritter

8. ex aequo: Walter Pilar (10 Punkte)

"Lebenssee 4 - Wandelaltar", Ritter
Kurz nach dem überraschenden Tod des Autors und Künstlers Walter Pilar, einem lange unterschätzen "Solitär der österreichischen Gegenwartsliteratur" (Falter), ist nun der vierte Teil seines insgesamt 1500 Seiten umfassenden Langzeitprojekts erschienen: "Lebenssee 4 – Wandelaltar". Während die ersten Bände noch die chronologisch erzählten Kindheits- und Jugendjahre des gebürtigen Ebenseers zum Inhalt haben, gerät der vierte Band zur genresprengenden, mosaikartigen Textsammlung, die Pilar nach dem Bauplan eines Flügelaltars sortiert. Erzählungen, historische Dokumente, Leserbriefe, Lautgedichte, Dialekterkundungen und Gipfelbucheintragungen führen durch das Höllengebirge, vorbei an den Ufern des Traunsees und in die oberösterreichische Politlandschaft. "Sein 'Lebenssee' wirkt wie ein Entwicklerbad für historische Momentaufnahmen. Das ist und bleibt eine seltene Kunst." (FAZ)

(c) Schöffling

8. ex aequo: Margit Schreiner (10 Punkte)

"Kein Platz mehr", Schöffling & Co.
Margit Schreiner gehört zu den arriviertesten Autorinnen unseres Landes: Mit Büchern wie "Haus, Frauen, Sex", "Buch der Enttäuschungen" oder "Haus, Friedens, Bruch" hat sie sich in die Mitte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geschrieben: gesellschaftspolitisch, emanzipatorisch, humorvoll und widerspenstig gegen die Konventionen der Zeit. Soeben ist ihr neuer Roman erschienen mit dem Titel "Kein Platz mehr". Schreiner erzählt darin von einer Autorin, die aufräumt mit sich und der Welt: sie will sich von den Dingen, die sie angesammelt hat im Laufe des Lebens frei machen - auch, um wieder frei denken zu können. Das Buch wird zunehmend zu einer Abrechnung mit einer Welt, die den Menschen aufs Funktionieren und Effizient-Sein-Müssen reduziert.

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(c) Haymon

10. Tanja Paar (8 Punkte)

"Die Unversehrten", Haymon
Mit ihrem Debütroman "Die Unversehrten" legt die arrivierte österreichische Journalistin Tanja Paar die literarische Großaufnahme einer Dreiecksgeschichte vor bürgerlicher Kulisse vor. Die Figurenkonstellation, die Paar entwirft, ist eine alltägliche: ein Mann, hin und hergerissen zwischen zwei Frauen und den gemeinsamen Kindern. Doch die Katastrophe nistet sich schleichend in das Leben der drei Protagonisten. Ein Kind stirbt, und am Ende ist nichts mehr, wie es war. In wechselnder Figurenperspektive erzählt Paar vom Leben, Lieben und Scheitern dreier Menschen über den Zeitraum von über zehn Jahren. "Es geht in diesem eindringlichen szenischen Roman um Rache und Vergebung, ums Lieben und Hassen, um die Macht der Erinnerung und darum, wie es sich anfühlt, über sich selbst zu erschrecken." (Der Standard)

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