Die besten 10 im April 2018

(c) Suhrkamp

1. Esther Kinsky (36 Punkte)

"Hain. Geländeroman", Suhrkamp
"Hain. Geländeroman" heißt das neue Buch der Berliner Schriftstellerin Esther Kinsky. Gerade erst erschienen, wurde es schon zwei Mal ausgezeichnet: Der Roman ist eines der fünf nominierten Bücher in der Kategorie Belletristik beim Preis der Leipziger Buchmesse und Esther Kinsky hat damit den Düsseldorfer Literaturpreis gewonnen. Die Ich-Erzählerin unternimmt drei Reisen, die alle nach Italien führen. Doch nicht an die bekannten Orte, sondern in abseitige Landstriche und Gegenden. Zwischen Geländeerkundungen im Gebirge und in der Ebene führt die dritte Reise die Erzählerin zurück in die Kindheit: Wie bruchstückhafte Filmsequenzen tauchen die Erinnerungen an zahlreiche Fahrten durch das Italien der Siebzigerjahre auf, dominiert von der Figur des Vaters.

(c) Droschl

2. Thomas Stangl (33 Punkte)

"Fremde Verwandtschaften", Droschl
Der gebürtige Wiener Thomas Stangl hat bereits mit seinem Debütroman "Der einzige Ort" Anfang 2000 für Furore gesorgt. Seither zählt er zu den relevantesten deutschsprachigen Autoren seiner Generation. Vor kurzem ist sein neuer Roman erschienen: "Fremde Verwandtschaften". Darin dreht sich alles um einen Architekten - Ehemann und Familienvater - der zu einer Fachkonferenz nach Westafrika aufbricht. Auf seiner Reise erlebt er eine grundlegende Verunsicherung seine bisherige Denk- und Lebensweise betreffend. Er wird sich zunehmend fremd und verliert all seine Sicherheiten, in denen er es sich bequem gemacht hat. Wie häufig bei Stangl, dreht sich viel um die Frage, was vermeintliche Sicherheiten und tradierte Zwänge mit den Menschen anrichten.

(c) dtv

3. James Baldwin (21 Punkte) NEU

"Von dieser Welt", dtv
Mit seinem 1952 erschienenen Debütroman wurde der amerikanischen Schriftsteller James Baldwin schlagartig bekannt. Heute gilt das Buch als Klassiker und liegt nun in einer Neuübersetzung mit dem Titel "Von dieser Welt" vor. Darin schreibt Baldwin, autobiographisch grundiert, über das Aufwachsen eines jungen Afroamerikaner im Harlem der 1930er Jahre, einer Welt, die von Rassismus, Gewalt, Armut und religiösem Fanatismus geprägt ist. John, die Hauptfigur des Romans, steht zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Suche nach einem Weg aus dem vorgezeichneten Leben. "In klaren Bildern, mit verschwenderischer Achtsamkeit für jedes Detail erzählt Baldwin seine fieberhafte Story." (New York Times)

(c) Hanser

4. Norbert Gstrein (19 Punkte)

"Die kommenden Jahre", Hanser
Der Österreicher Norbert Gstrein gehört zu den hochpolitischen Gegenwartsautoren im deutschsprachigen Raum. Thema seines neuen Romans "Die kommenden Jahre" ist die Begeisterungswelle rund um die sogenannte Willkommenskultur im Zuge der Ankunft der Flüchtlinge im Jahre 2015. Gstrein stellt unter anderem die Frage, ob moralisches Handeln nicht sogar als Luxus einer westlichen Gesellschaft angesehen werden kann. Mittels ungewöhnlicher Erzählperspektive verarbeitet er in der Geschichte einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die im Haus eines deutschen Paares untergebracht wird, Aspekte wie Überforderung der Integrationsfähigkeit und Rassismus zu bedeutender Literatur.

(c) Luchterhand

5. Ferdinand von Schirach (15 Punkte) NEU

"Strafe", Luchterhand
2009 publizierte der deutsche Strafverteidiger Ferdinand von Schirach seine ersten Kurzgeschichten unter dem Titel "Verbrechen". Seither wurden viele seiner Bücher zu millionenfachen Bestsellern, in rund 40 Ländern publiziert und zum Teil verfilmt. Mit "Strafe" schließt er nun seine Gerichtstrilogie ab. "Vielleicht gibt es kein Verbrechen und keine Schuld, aber es gibt die Strafe", heißt es in einer der zwölf neuen Erzählungen, in denen er einmal mehr Fallstudien menschlicher Abgründe verhandelt, und fatale Auswirkungen des Rechtssystems aufzeigt. In knapper, präziser Sprache nimmt Ferdinand von Schirach Schicksale aus dem Juristenalltag in den Fokus, darunter jenes einer vermeintlichen Kindsmörderin, oder einer Schöffin, die sich in der Lebensgeschichte einer Zeugin wiederzufinden glaubt.

(c) Ritter

6. Walter Pilar (14 Punkte) NEU

"Lebenssee 4 - Wandelaltar", Ritter
Kurz nach dem überraschenden Tod des Autors und Künstlers Walter Pilar, einem lange unterschätzen "Solitär der österreichischen Gegenwartsliteratur" (Falter), ist nun der vierte Teil seines insgesamt 1500 Seiten umfassenden Langzeitprojekts erschienen: "Lebenssee 4 – Wandelaltar". Während die ersten Bände noch die chronologisch erzählten Kindheits- und Jugendjahre des gebürtigen Ebenseers zum Inhalt haben, gerät der vierte Band zur genresprengenden, mosaikartigen Textsammlung, die Pilar nach dem Bauplan eines Flügelaltars sortiert. Erzählungen, historische Dokumente, Leserbriefe, Lautgedichte, Dialekterkundungen und Gipfelbucheintragungen führen durch das Höllengebirge, vorbei an den Ufern des Traunsees und in die oberösterreichische Politlandschaft. "Sein 'Lebenssee' wirkt wie ein Entwicklerbad für historische Momentaufnahmen. Das ist und bleibt eine seltene Kunst." (FAZ)

(c) Droschl

7. ex aequo: Daniela Strigl (11 Punkte) NEU

"Alles muss man selber machen", Droschl
Daniela Strigl ist eine der wohl gefragtesten Literaturkritikerinnen des deutschen Sprachraums. "Kritik heißt Farbe bekennen. Das bin ich den herausragenden Büchern schuldig.", so die Germanistin. In ihrem aktuellen Buch spart Strigl nicht an zeitkritischen Befunden – in "Alles muss man selber machen" gewährt sie Einblick in ihre Werkstatt: vom biographischen Schreiben, über die Kritik bis hin zum Essay – Disziplinen, denen auch die Gesellschaftskritik inhärent ist. Ihrer Skepsis gegen eine Konjunktur des Nichtliterarischen, gegen autoritäre Sprachregelungen und eine Übermacht des lustlos Geschriebenen stellt sie ihr eigenes Arbeiten mit "detektivischer Hartnäckigkeit" entgegen.

(c) Schöffling & Co.

7. ex aequo: Margit Schreiner (11 Punkte)

"Kein Platz mehr", Schöffling & Co.
Margit Schreiner gehört zu den arriviertesten Autorinnen unseres Landes: Mit Büchern wie "Haus, Frauen, Sex", "Buch der Enttäuschungen" oder "Haus, Friedens, Bruch" hat sie sich in die Mitte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geschrieben: gesellschaftspolitisch, emanzipatorisch, humorvoll und widerspenstig gegen die Konventionen der Zeit. Soeben ist ihr neuer Roman erschienen mit dem Titel "Kein Platz mehr". Schreiner erzählt darin von einer Autorin, die aufräumt mit sich und der Welt: sie will sich von den Dingen, die sie angesammelt hat im Laufe des Lebens frei machen - auch, um wieder frei denken zu können. Das Buch wird zunehmend zu einer Abrechnung mit einer Welt, die den Menschen aufs Funktionieren und Effizient-Sein-Müssen reduziert.

(c) Braumüller

9. Peter Strasser (10 Punkte) NEU

"Spenglers Visionen – Hundert Jahre Untergang des Abendlandes", Braumüller
Peter Strasser, einer der derzeit produktivsten österreichischen Philosophen, widmet sich 100 Jahre nach Ersterscheinung in einer kritischen Auseinandersetzung Oswald Spenglers Morphologie der Weltgeschichte mit dem Titel "Untergang des Abendlandes". Spengler landete mit seinem kontrovers diskutierten geschichtsphilosophischen Werk nach Ende des Ersten Weltkriegs einen Bestseller. Seine Analyse vom Niedergang Europas machte der politisch rechts stehende Spengler an der Demokratie, der Herrschaft des Geldes und der Emanzipation der Frau fest. Strasser holt Spenglers Theorien, die er als stupiden "Mythos" entlarvt, in die Gegenwart, und schreibt: "Das Abendländische dient unseren Neonationalisten dazu, die eigene provinzielle, weltfeindliche Sicht der Welt zu rechtfertigen, während sie sich als Beschützer eines wahrhaft Großen aufspielen."

(c) Ritter

10. Tanja Paar (9 Punkte) NEU

"Die Unversehrten", Haymon
Mit ihrem Debütroman "Die Unversehrten" legt die arrivierte österreichische Journalistin Tanja Paar die literarische Großaufnahme einer Dreiecksgeschichte vor bürgerlicher Kulisse vor. Die Figurenkonstellation, die Paar entwirft, ist eine alltägliche: ein Mann, hin und hergerissen zwischen zwei Frauen und den gemeinsamen Kindern. Doch die Katastrophe nistet sich schleichend in das Leben der drei Protagonisten. Ein Kind stirbt, und am Ende ist nichts mehr, wie es war. In wechselnder Figurenperspektive erzählt Paar vom Leben, Lieben und Scheitern dreier Menschen über den Zeitraum von über zehn Jahren. "Es geht in diesem eindringlichen szenischen Roman um Rache und Vergebung, ums Lieben und Hassen, um die Macht der Erinnerung und darum, wie es sich anfühlt, über sich selbst zu erschrecken."<"i> (Der Standard)