Die besten 10 im Oktober 2017

(c) Suhrkamp

1. Robert Menasse (57 Punkte)

"Die Hauptstadt", Suhrkamp

Als scharfsinniger Romancier und streitbarer Essayist ist Robert Menasse bekannt. Mit seinem neuen Roman "Die Hauptstadt" ist er auf der Longlist des Deutschen Buchpreises vertreten. Darin beschreibt er, wie in Brüssel – einer Stadt, die aus EU-Institutionen besteht – "die Epoche der Scham zu Ende geht". Ausgerechnet ein Schwein, das durch die Brüsseler Innenstadt rennt, sorgt für allgemeine Verunsicherung und verbindet die Lebensläufe ganz unterschiedlicher Charaktere miteinander. Große Gefühle treffen auf kleinkarierte Bürokratie und Robert Menasse präsentiert sich abermals als grandioser Erzähler, der mit knappen Skizzierungen konturenscharfe Bilder entwirft.

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(c) Otto Müller Verlag

2. Karin Peschka (36 Punkte) NEU

"Autolyse Wien", Otto Müller

Wie lebt man weiter, nach der großen Katastrophe? Dieser Frage geht Karin Peschka in ihrem neuen Buch "Autolyse Wien. Erzählungen vom Ende" nach. Für einen Auszug aus dem postapokalyptischen Stadtportrait wurde die Oberösterreicherin heuer mit dem Publikumspreis beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt prämiert. "Jedes Schreiben", so die Autorin, "ist ein Heranwagen an eine neue Grenze. Wenn ich mutig genug bin, dass ich mich darüber hinaustraue, dann ist das gut." In ihrem dritten Buch geht es um die ultimative Grenzüberschreitung: dem Kampf gegen den Tod. In 41 Kurzgeschichten erzählt Peschka aus unterschiedlichen Figurenperspektiven vom Überleben in einer völlig zerstörten Großstadt. In reduzierter, durchkomponierter Sprache entwirft Peschka ein bildgewaltiges Endzeitszenario. Mehr in OE1.orf.at

(c) S. Fischer Verlag

3. Gerhard Roth (32 Punkte)

"Die Irrfahrt des Michael Aldrian", S. Fischer

Die Frage, wozu der Mensch fähig ist, das beschäftigt Gerhard Roth seit jeher - so auch in seinem neuen Roman "Die Irrfahrten des Michael Aldrian". Schauplatz ist Venedig, eine Stadt, die für Roth seit vielen Jahren Rückzugsort, aber auch Inspiration ist. Michael Aldrian, der Held seines neuen Romans, reist in die Lagunenstadt, um seinen dort lebenden Bruder zu besuchen. Der aber scheint mitsamt seiner Frau spurlos verschwunden zu sein. Auf der Suche nach ihm gerät er zusehends in immer dubiosere Verstrickungen, wird mit Morddrohungen konfrontiert und ist sich nicht mehr sicher, ob er oder die Welt um ihn herum wahnsinnig geworden ist. "Man hat Venedig oft genug als eine Märchenstadt bezeichnet. Das stimmt nur insofern, als es nicht nur verklärende, sondern auch grausame Märchen gibt", so Gerhard Roth über den ersten Teil seiner Trilogie, der Venedig und dem Verbrechen verschrieben ist.

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(c) Deuticke Verlag

4. Paulus Hochgatterer (23 Punkte)

"Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war", Deuticke

"Sie sagen, ich heiße Nelli. Manchmal glaube ich es, manchmal nicht.", so die Ich-Erzählerin im neuen Buch des österreichischen Autors und Kinder- und Jugendpsychiaters Paulus Hochgatterer mit dem Titel „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“. Die 13jährige Nelli kommt im Kriegsjahr 1944 auf einen niederösterreichischen Bauernhof, ohne Erinnerung und ohne Geschichte. Aus ihrer Perspektive erzählt Hochgatterer von einer Begegnung mit einem russischen Kriegsgefangenen, der eine rätselhafte Leinwandrolle mit sich führt. Von der Bedeutung von Kunst im Dritten Reich, von den traumatischen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs, die Generationen prägen, und von der Unmöglichkeit einer objektiven Wahrheitssuche handelt die Erzählung, die ihren Blick, wie so oft bei Hochgatterer, auf die Kinder, die Randständigen und Grenzgänger lenkt.

(c) S. Fischer Verlag

5. Lize Spit (21 Punkte)

"Und es schmilzt", S. Fischer

In den Niederlanden wurde der Debütroman der jungen belgischen Autorin Lize Spit schnell zum Erfolg. Rezensenten verglichen sie mit internationalen Schriftstellergrößen wie Ian McEwan, das Buch verkaufte sich schon nach wenigen Wochen über 20 000 Mal, und Spit wurde zum Medienliebling. "Ich hoffe aber, dass das Buch besser ist als der Hype", so die Autorin über ihren 480-Seiten-Erstling, den sie in nur einem Jahr geschrieben hat. Im Fokus der Geschichte steht Eva, die in einem kleinen flämischen Dorf aufwächst, und mit zwei gleichaltrigen Buben ihre Tage verlebt. In die Pubertät gekommen, entwickeln sich die drei jedoch auseinander und Eva wird zur Zielscheibe grausamer Spiele. Als Erwachsene kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit zurück, um mit ihrer Vergangenheit abzurechnen. Lize Spit versteht es, bewegend über Einsamkeit und Trostlosigkeit im dörflichen Umfeld zu erzählen, eine atmosphärische Dichte zu kreieren, und den Spannungsbogen bis zum Ende zu halten.

(c) Droschl

6. Lydia Davis (17 Punkte) NEU

"Samuel Johnson ist ungehalten", Droschl)

16 Jahre nach Erscheinen des englischsprachigen Originals ist der Erzählband "Samuel Johnson ist ungehalten" von Lydia Davis jetzt auch auf Deutsch erschienen. Davis, "Einer der originellsten Köpfe der amerikanischen Literatur heute" (The New Yorker), und eine Meisterin der Kurz- und Kürzestprosa, versammelt darin kleine Dramen aus dem Ehe-Alltag, eine Familienzusammenführungsgeschichte, verstörende Reflexionen über die Ungleichbehandlung von Kindern und Wörterbüchern und andere Zumutungen des Lebens. Einige der 55 Prosastücke sind nur wenige Zeilen lang, und ermöglichen dennoch sehr präzise, humorvoll und pointiert einen Blick in die menschlichen Abgründe. Lydia Davis "steht zwar quer zum Mainstream – aber sie verfasst ideale Lesekost für’s 21. Jahrhundert." (NZZ)

(c) Suhrkamp

7. Doron Rabinovici (16 Punkte)

"Die Außerirdischen", Suhrkamp

Was viele befürchten und manche ersehnen, in Doron Rabinovicis neuem Roman scheint es wahr zu werden: "Die Außerirdischen" statten der Erde einen Besuch ab. Zunächst breitet sich Panik aus, das öffentliche Leben versinkt im Chaos, brave Bürger mutieren zu Barbaren. Doch bald stellt sich eine seltsame Euphorie ein: die Aliens würden mithilfe bisher völlig unbekannter Technologien den Planeten von Hunger und Krankheit zu erlösen, ewiger Friede und Wohlstand würden einkehren. Die Sache hat nur einen Haken: die Gäste aus dem All benötigten freiwillige Menschenopfer. Die allgemeine moralische Empörung ob dieser inhumanen Forderung weicht schon bald praktischen Überlegungen: eine weltumspannende Casting Show wird initiiert, deren Sieger als "Champs" gefeiert - und deren Verlierer als "Märtyrer" geopfert - werden.
Der israelisch-österreichische Schriftsteller benützt das Science Fiction-Genre, um die Möglichkeiten eines (gar nicht so) neuen Faschismus literarisch auszuloten.
Sol, der Ich-Erzähler, der vom Profiteur zum Opfer des totalitären Systems wird, zieht gegen Ende des Buches das zeitlose Fazit: "Dass so wenige gegen das Schlachten aufbegehrten, liegt nicht daran, dass nicht genug von den Ungerechtigkeiten zu hören war. Die Fakten hätten zu jedem Zeitpunkt ausreichen müssen. Es fehlte an Mut, an Solidarität und an Empathie."

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(c) Droschl

8. Elfriede Gerstl (15 Punkte)

"Das vorläufig Bleibende", Droschl

Zum 85. Geburtstag der 2009 verstorbenen Wiener Autorin Elfriede Gerstl erscheint nun der fünfte und letzte Band ihrer Werkausgabe. "Das vorläufig Bleibende" versammelt Prosaminiaturen, Gedichte, Interviews und Traumnotizen aus rund fünf Jahrzehnten, darunter viele bisher unveröffentlichte Texte. Die NS-Zeit hat Gerstl als Tochter jüdischer Eltern in Wohnungs-Verstecken überlebt, eine Erfahrung, die ihr Werk grundiert.
Mit "undogmatischer Skepsis" (Franz Schuh), Selbstironie und einer spitzen Feder hat sich die Dichterin, die zeitlebens als Außenseiterin des Literaturbetriebs galt, einen Namen gemacht. Bekannt war die "Meisterin der Untertreibung" und "Verkleinerungsspezialistin", wie Gerstl immer wieder genannt wurde, vor allem für ihre "Denkkrümel", poetische Aphorismen, ebenfalls in "Das vorläufig Bleibende" zu finden, die auch als sogenannte Textansichtskarten erhältlich sind.

(c) Droschl

9. Laura Freudenthaler (13 Punkte)

"Die Königin schweigt", Droschl

Es ist diese Sprache, dieser präzise Stil, der distanzierte Ton - die Laura Freudenthalers Texte unverkennbar machen. Schon mit ihrem Debüt "Der Schädel von Madeleine" bewies die Salzburgerin Laura Freudenthaler ein feines Gespür für Stimmungen und Emotionen. In ihrem neuen Roman "Die Königin schweigt" zeichnet die junge Autorin das differenzierte Bild einer alternden Frau, die anhand von Erinnerungen ihr Leben Revue passieren lässt. Feinsinnig verwebt Freudenthaler Vergangenheit und Gegenwart, gekonnt spielt der Text auf ganz unterschiedlichen sprachlichen Ebenen. Vieles wird nur angedeutet, manches bleibt offen. Statt auszuformulieren, setzt Freudenthaler auf Leerstellen - auf Bestandsaufnahmen eines Lebens.

(c) Wunderhorn

10. ex aquo: Dany Laferrière (8 Punkte) NEU

"Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden", Wunderhorn

Dany Laferrières erster Roman mit dem provokanten Titel "Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden" erschien vor mehr als 30 Jahren und machte den auf Haiti geborenen und im kanadischen Exil lebenden Autor schlagartig berühmt. 1976 sah sich der junge Journalist angesichts der politischen Repression seines Heimatlandes gezwungen zu fliehen, und ließ sich in Montreal nieder. Heute gilt er als eine wichtige Stimme der frankofonen Weltliteratur. In seinem Debüt beschreibt er das Leben zweier mittelloser schwarzer Migranten im Montreal der 1980er-Jahre, ihre Liebe zum Jazz, ihre erotischen Abenteuer mit weißen, privilegierten Studentinnen der umliegenden Eliteuniversitäten und ihren Lektüremix zwischen Koran und Sigmund Freud. "Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden ist der denkbar sexieste Einspruch gegen die Programmatik der Critical Whiteness und damit das Buch der Stunde schlechthin." (TAZ)

(c) S. Fischer Verlag

10. ex aquo: Léon Werth (8 Punkte) NEU

"Als die Zeit stillstand", S. Fischer

Léon Werths Tagebuch "Als die Zeit stillstand" gilt als das literarische Vermächtnis des französischen Autors und Kunstkritikers, der mit pazifistischer Literatur in der Zwischenkriegszeit für Aufsehen sorgte, und in sich den Linken, Stalin-Kritiker und Antikolonialisten vereinte. In seinen Aufzeichnungen, die erst 1992 zugänglich gemacht, und nun auf Deutsch übertragen wurden, schildert Werth, auf Grund seiner jüdischen Herkunft im besetzen Frankreich zur Zeit des Vichy-Regimes zum Flüchtling geworden, die gespaltene Stimmung im Land in den Jahren zwischen 1940 und 1944. Von seinem Versteck aus, einem Dorf im Jura, beschreibt er eine Welt zwischen Angst und Hoffnung und hält Gedanken über die menschliche Existenz fest, die bis heute Gültigkeit haben.

(c) Ullstein

10. ex aquo: Robert Prosser (8 Punkte) NEU

"Phantome", Ullstein

Mit seinem zweiten Roman "Phantome" ist der gebürtige Tiroler Autor Robert Prosser auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis gelandet. Der Jugoslawienkrieg und die Flüchtlingswelle der 1990er-Jahre stehen im Fokus des Buchs, das in mehrjähriger Recherchearbeit entstanden ist. "Phantome ist das Ergebnis meiner Versuche, mir ein Land und dessen jüngere Vergangenheit und Gegenwart zu erschreiben", so Prosser, der zu den vielversprechendsten literarischen Stimmen in Österreich zählt. Auf zwei Zeitebenen, wechselnd zwischen der Gegenwart und dem Jahr 1992, erzählt der Autor von Fluchtschicksalen, thematisiert die generationenübergreifende Suche nach einer eigenen Identität und schildert die unfassbaren Gräuel der Kriegsschauplätze und ihre weitreichenden Folgen. "Es ist ein zorniger, politischer Roman geworden, den Robert Prosser geschrieben hat, über die großen Verwundungen, über das Halt- und Bodenlose, eben über die Folgen eines kaum aufgearbeiteten Krieges, dessen Verletzungen noch lange nachwirken." (Deutschlandfunk)

(c) Hanser

10. ex aquo: Thomas Lehr (8 Punkte) NEU

"Schlafende Sonne", Hanser)

"Schlafende Sonne" bildet den Auftakt eines literarischen Großprojekts des Berliner Autors Thomas Lehr, dem noch einige tausend Seiten folgen sollen. Das Buch zählt zu den Favoriten für den Deutschen Buchpreis in diesem Jahr. Das Prosawerk des studierten Naturwissenschaftlers, der zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren zählt, vereint Künstlerroman, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, von der Studentenbewegung der 1960er-Jahre zurück bis zum Kriegsausbruch 1914, Kultur- und Philosophiegeschichte. Seine Erzählweise folgt keiner stringenten Chronologie, sondern ist weit verzweigt und episodenhaft und einer beweglichen, witzigen und klugen Sprache verschrieben. "Wer sich (…) einlässt auf dieses Experiment, (….) der wird reich belohnt werden durch eine unglaubliche Vielfalt an Ausdrücken und Assoziationen und einen literarischen Wagemut, wie er in der deutschen Gegenwartsliteratur derzeit fast einmalig ist." (NDR)