Die besten 10 im März 2017

(c) Suhrkamp

1. Anna Kim (41 Punkte)

"Die große Heimkehr", Suhrkamp

"Der Roman "Die große Heimkehr" ist hochspannende Chronik und täuschend echte Fiktion"", urteilt "Der Standard", "ein faszinierendes Panorama der koreanischen Zeitgeschichte" meint die "Tiroler Tageszeitung" und im Deutschlandradio heißt es, das Buch sei "eine fordernde, aber auch ergreifende Lektüre". Nach "Anatomie einer Nacht" ist "Die große Heimkehr" abermals ein Roman der österreichisch-südkoreanischen Autorin Anna Kim, der sich den Fragen menschlicher Existenz unter extremen Bedingungen stellt. Eine junge Frau begibt sich in Südkorea auf die Suche nach ihrer Vergangenheit. Sie trifft auf einen 78-jährigen Mann namens Yunho, der als eigentlicher Erzähler des Romans fungiert. Er erinnert sich an die 1960er Jahre, in denen die politischen Ereignisse in Südkorea zu kulminieren scheinen. Vor dem Hintergrund des Stellvertreterkriegs zwischen Nord- und Südkorea entwirft Anna Kim eine komplexe Dreiecksgeschichte, zwischen Yunho, seinem besten Freund und dessen Freundin. Die jungen Leute geraten zwischen die politischen Fronten und müssen sich ins japanische Osaka absetzen. Auf über 500 Seiten entspinnt sich ein spannender Politkrimi, der vor allem mit seiner unaufdringlichen, poetischen Sprache überzeugt.

(c) Rowohlt

2. Paul Auster: 4 3 2 1, Rowohlt (27 Punkte)

"4321", Rowohlt

Nach sieben Jahren erscheint nun wieder ein Roman von Paul Auster, der mit über 1200 Seiten an Umfang sämtliche Erwartungen zu übertreffen scheint. "4321" sei "Gipfel und Summe seines bisherigen Werks", schreibt die Berner Zeitung, und der Guardian meint, der Roman sei jenes Buch, das Auster immer schreiben wollte. Als Zeitroman, Familienepos, und getarnte Autobiographie wurde Austers neuer Wurf bereits bezeichnet. Der US-amerikanische Autor erzählt darin die Geschichte des Archie Ferguson, wie der Autor 1947 geboren, in vier verschiedenen Versionen. In vier Handlungssträngen zeichnet er unterschiedliche mögliche Lebensverläufe ein und derselben Figur. Kleine Zufälle sorgen für schicksalshafte Abweichungen, doch Ferguson selbst bleibt stets der gleiche. In allen Versionen schreibt er, als Autor oder Journalist, und in allen liebt er dieselbe Frau. Die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der 1960er Jahre in den USA bilden den historischen Kontext des Romans, darunter der Kalte Krieg, die Attentate auf John F. Kennedy und Martin Luther King und der Rassenkonflikt. "…die Welt so genau beobachten wie der hingebungsvollste Realist und sie trotzdem durch eine andere, leicht verzerrende Linse sehen", das sei das Motiv seiner Hauptfigur, so Auster, und so lässt sich auch seine Intention für diesen Roman verstehen.

(c) Kiepenheuer & Witsch

3. ex aequo: Julian Barnes (19 Punkte) NEU

"Der Lärm der Zeit", Kiepenheuer & Witsch

Die Faszination von Julian Barnes für große Künstler ist bekannt. Ob Gustave Flaubert, Théodore Géricault oder Arthur Conan Doyle – sie alle waren schon Inhalt seiner Romanstoffe. "Der Lärm der Zeit" heißt Barnes neuer Roman und handelt vom sowjetischen Komponisten und Pianisten Dmitri Schostakowitsch. Zudem erzählt Barnes eine russische Kulturgeschichte der Sowjetzeit, wobei der Schwerpunkt auf den Jahren der Stalin-Herrschaft liegt. Dabei geht es Barnes weniger um die Genialität des Musikers, als vielmehr um den Menschen, der sowohl dank als auch trotz seines Könnens den Stalinismus überlebte. In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können? Julian Barnes ist mit "Der Lärm der Zeit" ein vielschichtiger Künstlerroman gelungen, der knapp und lakonisch die Frage der Integrität stellt.

(c) Suhrkamp

3. ex aequo: Andrej Platonow (19 Punkte)

"Die Baugrube", Suhrkamp

"Die Baugrube", Andrej Platonows wohl wichtigstes Buch, gilt als wenig bekannter Klassiker der sowjetischen Literatur. 1930 entstanden, durfte der Kurzroman, der in der Stalinzeit verankert ist, erst Ende der 1980er Jahre erscheinen. Es herrscht Aufbruchsstimmung in der jungen Sowjetunion, zur Zeit des ersten Fünfjahresplans. Ein "gemeinproletarisches" Hochhaus für die Arbeiterklasse soll gebaut werden, ein weithin sichtbares Symbol für Stalins unerschütterlichen Modernisierungsprozess und seine Zwangskollektivierung. Woschtschew, ein junger entlassener Fabrikarbeiter und der traurige Held der Geschichte, schließt sich den Bauarbeitern des Projekts an. An seiner Seite schuftet Tschiklin, ein vitaler Schläger, bis zur Erschöpfung, und das Waisenmädchen Nastja, derer sich die Arbeiter annehmen. Alle sind von der Idee der Revolution und vom Aufbauoptimismus erfasst, doch die Idee scheitert, und aus der titelgebenden Baugrube wird kein Hochhaus, sondern ein großes Grab für die Hoffnungen und Träume einer ganzen Generation.
Platonow nähert sich jener Zeit mittels ihrer Sprache, bedient sich der Phraseologie der Sowjetbürokratie, zitiert Slogans der Propaganda und entlehnt Wendungen aus Stalin-Reden.
"Die Baugrube von Andrej Platonow ist ein prophetisches Schlüsselwerk der russischen Literatur in der Neu-Übersetzung von Gabriele Leupold." (MDR-Kultur)

(c) Zsolnay

5. Franzobel (16 Punkte) NEU

"Das Floß der Medusa", Zsolnay

18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman "Das Floß der Medusa", der in den Kern des Menschlichen zielt. Erzählt wird eine eindringliche Parabel über das Menschsein, über Glaube, Liebe und Tod und nicht zuletzt auch darüber, was Moral und Zivilisation bedeuten, wenn es um nichts anderes geht, als um das bloße Überleben.

(c) Haymon

6. Klaus Merz (15 Punkte)

"Helios Transport", Haymon

Klaus Merz zählt zu den wichtigsten lebenden Autoren der Schweiz. Er wurde für sein Werk bereits vielfach ausgezeichnet. Mit "Helios Transport" erscheint nun ein neuer Gedichtband, in dem Merz Alltägliches und Beiläufiges, Beobachtetes und Welthaltiges in 56 kurze und kürzeste Gedichte verwandelt. Formale Knappheit und eine präzise Sprache kennzeichnen seine Lyrik, die tief zu den Kernfragen menschlicher Existenz vordringt. Vergänglichkeit und Alter, Illusionslosigkeit und Zuversicht, Individuum und Universum, und das immer wiederkehrende Motiv der Liebe – darum kreist sein Schreiben. "Mein Versuch ist es, auf den Punkt zu bringen, und diesen Punkt auch glühen zu machen, das ist meine Passion.", so Klaus Merz über seine Arbeit. Und die Jury des Rainer-Malkowski-Preises, den der Autor für sein Gesamtwerk erhalten hat, sieht in seinen Texten "in einem Augenaufschlag die ganze Welt."

(c) Zsolnay

7. Karl-Markus Gauß (14 Punkte) NEU

"Zwanzig Lewa oder tot", Zsolnay

Das deutliche, pointierte Formulieren ist sein Markenzeichen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gehört der scharfzüngige Kritiker Karl-Markus Gauß zu den herausragenden Figuren des europäischen Geisteslebens. Und: er ist ein Reisender. Er hat die Ränder Europas und deren vergessene und verdrängte Kulturen erkundet - als Leser, Forscher und vor allem als Autor. "Zwanzig Lewa oder tot" heißt sein neues Buch und erzählt von Erlebnissen in Osteuropa und auf dem Balkan. Das Fremde aus der Nähe sehen und das Vertraute aus der Distanz betrachten – dieser Einstellung ist Gauß abermals treu geblieben. Gekonnt vereint er Reportage, Geschichte und Autobiographie zu einer Reiseliteratur, die ebenso exotisch, wie vertraut ist und die Leser auf selten betretene Pfade führt.

(c) Kiepenheuer & Witsch

8. ex aequo: Eva Menasse (12 Punkte) NEU

"Tiere für Fortgeschrittene", Kiepenheuer & Witsch

Es sind kuriose Tiermeldungen, die im Zentrum von Eva Menasses neuem Buch "Tiere für Fortgeschrittene" stehen. Jahrelang hat sie diese gesammelt, die ihr, wie umgekehrte Fabeln, etwas über menschliche Verhaltensweisen zu verraten schienen. So haben all diese Erzählungen bei näherer Betrachtung mehr mit der Gattung Mensch zu tun, als dies auf den ersten Blick vermuten ließe und lassen mal absurde, mal melancholische Zusammenhänge zwischen Mensch und Tier sichtbar werden. Wie schon in ihrem ersten Erzählband "Lässliche Todsünden", so studiert Menasse abermals ihre Untersuchungsobjekte mit ebenso scharfsinnigem wie liebevollem Blick und erzählt dabei mehr, als nur von Raupen, die sich ihr eigenes Grab schaufeln, Haie, die künstlich beatmet werden und Schafen, die ihre Wolle von selbst abwerfen.

(c) Rowohlt

8. ex aequo: Martin Walser (12 Punkte)

"Statt etwas oder Der letzte Rank", Rowohlt

Mit "Statt etwas oder Der letzte Rank" legt Martin Walser kurz vor seinem 90. Geburtstag einen Roman vor, der ohne jede Handlung auszukommen scheint, und das Erzählende auf ein Mindestmaß zurückdrängt. Der Erzähler selbst monologisiert aus dem Abseits, munter, raunend und manchmal auch ironisch. Mit Träumen, Gedankenpassagen und kleinen Geschichten staffiert Walser seine Welt- und Selbstergründung aus. Thematisch kreist er um Gewissensfragen, Sehnsucht, Glück und Unglück, unerfüllte Erwartungen und das Verhältnis des Schriftstellers zur Öffentlichkeit. Längst verstorbene Feinde begegnen dem erzählenden Ich als anklagende Reisende in einem Großraumwagen. "Ich wollte nichts mehr wissen, nur noch sein.", heißt es einmal. Mit "Statt etwas oder Der letzte Rank" hat Martin Walser ein "unvollkommenes, aber höchstpersönliches Lebensresümee" gezogen. (Tagesanzeiger)

(c) Rowohlt

8. ex aequo: Natascha Wodin (12 Punkte) NEU

"Sie kam aus Mariupol", Rowohlt

In ihrem neuen Roman spürt Natascha Wodin dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als Ostarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde. Als junge Frau hat sie den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebt, bevor sie mit ungewissem Ziel ein deutsches Schiff besteigen musste. 1956, mit 36 Jahren, beging sie Selbstmord, die Tochter war gerade einmal zehn Jahre alt. Ebenso beklemmend wie bewegend erzählt Wodin von der Zwangsarbeit im Dritten Reich und schreibt, indem sie über ihre Mutter schreibt, ebenso über das unbekannte Schicksal Millionen Betroffener. "Sie kam aus Mariupol" ist ein wichtiges Stück Zeitgeschichte und ein eindringlicher Roman über scheinbar in Vergessenheit geratene Lebensläufe.