Die besten 10 im Oktober 2016

(c) C.H. Beck

1. Sabine Gruber (38 Punkte)

"Daldossi oder Das Leben des Augenblicks", C.H. Beck

Das Thema Kriegsreportage hat die Südtiroler Autorin Sabine Gruber seit dem Tod ihres Freundes Gabriel Grüner, der als Kriegsreporter 1999 im Kosovo erschossen wurde, nicht mehr losgelassen. In ihrem neuen Roman "Daldossi oder Das Leben des Augenblicks" erzählt sie vom fiktiven Kriegsfotografen Bruno Daldossi, der sich, Anfang sechzig, aus dem Beruf zurückzieht, von seiner langjährigen Freundin verlassen wird und direkt in eine Lebenskrise schlittert. Immer wieder holen ihn die traumtischen Erinnerungen an seine Aufträge in Tschetschenien, dem Sudan, dem Irak und Afghanistan ein. Das Dilemma zwischen Voyeurismus und Menschlichkeit, zwischen Dokumentieren und Helfen macht die mehrfach ausgezeichnete Autorin Sabine Gruber in ihrem Roman auf überzeugende Weise zu unserem.

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(c) Matthes & Seitz

2. Anna Weidenholzer (32 Punkte) NEU

"Weshalb die Herren Seesterne tragen", Matthes & Seitz

Als eine "provokant unspektakuläre Geschichte" (OÖN) wurde der neue Roman der Linzer Schriftstellerin Anna Weidenholzer rezensiert, der es auf die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft hat. Gerade das Zurückhaltende der Geschichte, die subtile Zusammenführung von Tragischem und Komischen und die schlichte, elegante Sprache haben die Kritiker überzeugt. Zum Inhalt: Ein pensionierter Lehrer entschließt sich in einem zufällig gewählten Skiort in den Alpen Glücksforschung zu betreiben. Der Wintertourismus bleibt wegen Schneemangel aus, und Karl Hellmann, so der Name des Protagonisten, genügend Zeit, den Bewohnern des Dorfes näher zu kommen. Zu Hause wartet eine konfliktbeladene Ehe auf ihn, vor der er, ohne es zu merken, geflüchtet ist. Für sein Vorhaben orientiert sich Karl an einem Fragebogen, den das Königreich Bhutan zur Ermittlung des Bruttonationalglücks erstellt hat - doch bald schon ist er derjenige, der sich den Fragen der anderen stellen muss. "Wir dürfen nicht aufhören, Fragen zu stellen, und wir müssen viele sein", heißt es einmal im Buch, das weit mehr als Glücksforschung ist.

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(c) Wallstein

3. Teresa Präauer (25 Punkte) NEU

"Oh Schimmi", Wallstein

Eine Phrase erweist sich als Ausgangspunkt des jüngsten Romans der mehrfach ausgezeichneten Autorin Teresa Präauer, einer fantastischen Verwandlungsgeschichte. Weil ihm seine Angebetete Ninni die Türe vor der Nase mit den Worten „Verschwinde, bevor du dich zum Affen machst“ zuschlägt beschließt Schimmi, der Protagonist des Romans, ihren Worten Taten folgen zu lassen. Mit Affenkostüm, Schokobananen und tierischem Verhalten versucht er daraufhin die Dame seines Herzens zu erobern. Schimmi ist ein sich selbst überschätzender, zuckersüchtiger und liebessehnsüchtiger Antiheld, ein Aufschneider und Angeber, der, durch einen Unfall in der Kindheit behindert, bei seiner Mutter lebt. Lustvoll und ideenreich führt Präauer ihren „Menschenaffen“ vor. Dabei hat sie sich vor allem dem sprachlichen Vergnügen verschrieben, das sich, so der Hinweis des Verlags, erst beim lauten Lesen mit Kaugummi voll entfalten soll. "Rhythmisch, rasant und raffiniert" urteilt das Kulturjournal/Ö1 über "Oh Schimmi" von Teresa Präauer. Und die Autorin selbst meint dazu: "Es ist sicher das schrillste meiner Bücher."

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(c) Zsolnay

4. Fiston Mwanza Mujila (16 Punkte)

"Tram 83", Zsolnay

"Tram 83" heißt der erste Roman des kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila, der hauptsächlich auf Französisch schreibt, und Österreich zu seiner Wahlheimat gemacht hat. Für den Man Booker International Prize nominiert, mehrfach mit Preisen bedacht und von der Zeitung "Le Monde" unter die besten zehn Romane des Jahres gewählt, begeisterte das Buch international die Kritik. Ein heruntergekommener Nachtclub in einer fiktiven afrikanischen Großstadt, mit dem Namen "Tram 83", ist der Treffpunkt für das bizarre Romanpersonal. Minenarbeiter, Prostituierte, Waffenhändler, Schuhputzer, Geschäftsleute und Touristen beherrschen die Szene. Ein junger Schriftsteller, einst politisch verfolgt, verirrt sich die die Spelunke. Fiston Mwanza Mujila, der seine Texte wie Musikstücke komponiert, macht den vielstimmigen Mikrokosmos mit einer eigenen rhythmisierten Sprache in seinem Buch hörbar. "Tram 83 ist ein wilder, poetischer, grausiger, wunderschöner Roman", so der Falter. Gängige Afrikasujets werden demontiert und neu erzählt.

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(c) Aufbau

5. Han Kang (14 Punkte) NEU

"Die Vegetarierin", Aufbau

"Dies ist die literarische Entdeckung des Jahres", schreibt die FAZ über den nun auch auf Deutsch vorliegenden Erfolgsroman der Südkoreanerin Han Kang, die in ihrer Heimat zu den angesehensten Schriftstellerinnen zählt. In Seoul bereits 2007 erschienen, wurde "Die Vegetarierin" in diesem Jahr mit dem Internationalen Man Booker Prize ausgezeichnet. Han Kang erzählt darin von einer koreanischen Hausfrau, die von einem Tag auf den anderen beschließt kein Fleisch mehr zu essen, und dadurch gleichsam mit sämtlichen Konventionen und Familientraditionen bricht. Als der Vater der Tochter mit Hilfe ihres Bruders und ihres Ehemanns ein Stück Fleisch in den Mund stopfen will, unternimmt Yong-Hye einen Selbstmordversuch und wird in die Psychiatrie eingeliefert. Sie träumt davon eine Pflanze zu sein, und verbringt eine Liebesnacht mit ihrem Schwager, was die Familienordnung endgültig außer Kraft setzt. Die verstörende Kompromisslosigkeit, mit der Han Kang erzählt, hat ihr Vergleiche mit Franz Kafka eingebracht, ihre sachliche Prosa steht für manche auch jener von Haruki Murakami nahe. Für WDR/Kultur ist „Die Vegetarierin“ "ein im besten Sinne verstörendes Buch… über Scham, Begierden und den vergeblichen Versuch, den Anderen ganz zu verstehen."

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(c) S. Fischer

6. Marlene Streeruwitz (12 Punkte) NEU

"Yseut", S. Fischer

Wieder schickt Marlene Streeruwitz eine Frau auf eine Abenteuerreise: diese Reise ist das Leben und das Leben ist schweres Gepäck, wenn man, wie die Hauptfigur namens Yseut, im Nachkriegs-Wien aufwächst und damit in einer großen Sprachlosigkeit, einem alles umfassenden Schweigen. Das gängigster aller Denk-, Verhaltens- und Beziehungsmuster: Unterdrückung. Als pensionierte Sprachwissenschafterin macht sich diese Yseut schließlich auf in die Landschaft des Films "Der Schrei" von Michelangelo Antonioni, in die Po-Ebene. Es ist dieser Film, der die narrative Folie abgibt für diesen dystopischen Roman, der auf schmerzhafte wie spannungsreiche Weise unsere Gegenwart seziert. Angesiedelt ist er in einer nahen Zukunft, der heute vieler Orten befürchtete Rückschritt statt Fortschritt ist darin Zukunft geworden: die EU gibt es nicht mehr, es herrscht totale Kontrolle, das Sagen haben Menschenhändler, die Mafia, rechte politische Kräfte. Flüchtlinge sind zum Schattendasein verurteilt. Und doch: Marlene Streeruwitz setzt in diese gewaltvolle Szenerie eine Protagonistin, die nicht aufhört, um ein unabhängiges, gerechtes Leben zu ringen. Eine, die im Alter erst zu jenen Kräften zu kommen scheint, die ihr in der Jugend der gesellschaftliche Normierungsdruck genommen hat. Eine, die sieht, wahrnimmt, aber nicht verzagt, vielmehr handelt, weitergeht, ausgestattet mit dem Verständnis für all jene, die verzagen und nicht weitergehen können. Ein Roman, der nicht zuletzt auf eindringliche Weise zeigt, dass eine gerechte Gesellschaft nur möglich ist, wenn die historisch gewachsene Dynamik der Täter-Opfer-Umkehr endgültig unterbrochen wird und der Handlungsspielraum zwischen "richtig" und "falsch", "gut" und "böse" als Freiheit entdeckt wird.

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(c) Droschl

6. ex aequo: Tomer Gardi (12 Punkte)

"Broken German", Droschl

Mit einem Ausschnitt aus seinem soeben erschienenen Buch "Broken German" hat der Israeli Tomer Gardi beim diesjährigen Bachmann Preis für Aufsehen gesorgt, denn der Titel ist Programm. Gardis in kunstvoll gebrochenem Deutsch verfasster Text entfachte nicht nur eine literaturästhetische, sondern auch politische Diskussion: Wie viel Migrantendeutsch ist in der deutschen Literatur tatsächlich zulässig? Tomer Gardi, der in seinem Text selbst als Erzähler auftaucht, setzt sein broken German bewusst, konsequent und weitgehend logisch als Stilmittel ein. Erzählt wird die Migrationsgeschichte von einer Mutter aus Israel und ihrem erwachsenen Sohn, die auf dem Flughafen in Berlin landen. Als ihre Koffer nicht ankommen, greifen sie kurzerhand nach fremden Gepäckstücken, die ebenfalls Migranten gehören. Was folgt ist ein unerschrockenes Verwechslungsspiel, dessen Hauptakteur stets die Sprache bleibt.

(c) Rowohlt

6. Eugen Ruge (12 Punkte) NEU

"Follower", Rowohlt

Der Debütroman des studierten Mathematikers und Geophysikers Eugen Ruge "In Zeiten des abnehmenden Lichts" wurde zum unerwarteten Erfolg. 2011 erhielt Ruge auf Anhieb den Deutschen Buchpreis. "Follower" ist eine bizarre, dystopische Fortsetzung des DDR-Familienepos. Das Buch nimmt seinen Anfang in der Zukunft. Erzählt wird die Geschichte von Nio Schulz, dem Enkel Alexander Umnitzers, der in Ruges Erfolgsroman als Hauptfigur und Alter Ego des Autors fungiert. Nio ist im Jahr 2055 als Handelsreisender in einer fiktiven chinesischen Stadt gelandet. Längst bestimmen Gedankenscanner, Genderkameras und Datenbrillen den Alltag, der Mensch ist totalüberwacht und ständig kontrollierbar geworden, seine Identität nicht mehr eindeutig bestimmbar. In vierzehn langen, kapitelfüllenden Sätzen entwirft Ruge seine Reise in die posthumane Zukunft, unterbrochen von Tabellen, Grafiken und Protokollen, die die Erfassbarkeit durch Sicherheitsbehörden der Zukunft illustrieren. "Ruge", so die FAZ, "schreibt mit geballter Faust, beißend, viril, stellenweise überdeutlich, doch präzise und kenntnisreich, fast immer auf der Höhe des Gegenstands."

(c) C.H. Beck

9. ex aequo: Klaus Nüchtern (11 Punkte) NEU

"Kontinent Doderer. Eine Durchquerung", C.H. Beck

Mit seinen großen Romanen "Die Strudlhofstiege" und "Die Dämonen" avancierte Heimito von Doderer im Österreich der Nachkriegszeit vom unbekannten Schriftsteller zum Staatsdichter. Kaum ein Autor des 20. Jahrhunderts hat die heimische Literatur so geprägt wie er. Sein Geburtstag hat sich am 5. September zum 120. Mal gejährt, seines 50. Todestages wird am 23. Dezember diesen Jahres gedacht werden. Anlässe genug für den Literaturkritiker Klaus Nüchtern dem Autor, der bereits zu Lebzeiten als Klassiker galt, ein Buch zu widmen. "Kontinent Doderer – eine Durchquerung" ist eine eigenwillige Annäherung an Werk und Leben des Schriftstellers ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Nüchtern beleuchtet darin neue und bisher wenig beachtete Aspekte seines Schreibens, darunter Doderer als literarisches Hitchcock-Pendant, Doderer als Schönwetterromancier(,) und Doderer als Feinmechaniker der Komik.

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(c) Haymon

9. ex aequo: Michael Krüger (11 Punkte) NEU

"Das Irrenhaus", Haymon

Nicht eine psychiatrische Einrichtung im wörtlichen Sinn steht im Zentrum von Michael Krügers Roman "Das Irrenhaus", sondern ein Mietshaus in München voll von verrückten Bewohnern, von "gemeinen, banalen, widerlichen Missgeburten" ist titelgebender Schauplatz. Der Ich-Erzähler, ein Archivar mittleren Lebensalters, geht mit seinen Nachbarn hart ins Gericht. Nachdem er unverhofft geerbt hat, ist er Eigentümer des Hauses, hängt seinen Job an den Nagel und will von nun an dem Nichtstun frönen. Doch dieser Plan wird von der illustren Nachbarschaft durchkreuzt. Er flüchtet sich in die Scheinidentität seines Vormieters, eines genialen Dichters, und verstrickt sich dadurch noch mehr ins Chaos. Krüger stellt in seinem neuen Buch die Frage, welche Relevanz dem Nichtstun in unserer angeblich so hektischen Zeit zukommen kann. Doppelbödiges Erzählen, ironische Schilderungen und ein süffisanter Tonfall kennzeichnen Krügers Roman, der von einem Kritiker als "ein literarisches Kleinod für Genießer und sicher kein Fastfood für Schnellleser" bezeichnet wurde. (Wiener Zeitung)