Die besten 10 im Juni 2016

(c) blanvalet

1. Antoine Leiris (28 Punkte) NEU

Meinen Hass bekommt ihr nicht", Blanvalet Verlag

Der 35jährige französische Journalist Antoine Leiris zählt zu jenen Menschen, deren Leben durch einen Schicksalsschlag von Grund auf verändert wurde: im November 2015 wurde seine Frau, Mutter des gemeinsamen, knapp eineinhalbjährigen Sohnes, von islamistischen Terroristen im Pariser Bataclan erschossen. Mit ihr starben 130 andere Menschen durch das Maschinengewehrfeuer. Auf Facebook veröffentlichte Leiris einen offenen Brief, und wandte sich damit kurze Zeit nach der Tat direkt an die Terroristen. Darin beschreibt er rund 13 Tage seines Leidens, schmerzvolle Erinnerungen an seine Frau, den Alltag als Witwer mit dem Sohn, und seinen ungebrochenen Willen weiterzuleben. "Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen", heißt es in diesem Brief, und Leiris wurde mit dieser Botschaft, die sich gegen Vergeltung und den kriegerischen Tenor der französischen Politik wandte, binnen kurzer Zeit weltweit bekannt. Sein Manifest ist in 20 Sprachen erschienen, in Frankreich ein Bestseller, und wurde zur "Parole einer Generation" (Die Welt). "Es ist ein Buch, das einen immer wieder zum Weinen bringt. Ein leises, intimes Buch, nach dessen Lektüre man lieber schweigen als reden möchte." (Berliner Zeitung)

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(c) Hanser

2. Péter Esterházy (17 Punkte)

"Die Markus-Version", Hanser

In Péter Esterházys jüngstem Roman Die Markus-Version geht es um nichts weniger als Gott, den Glauben und den Tod. Das Markus-Evangelium zieht sich wie ein roter Faden durch eine ungarische Familiengeschichte. Hauptfigur ist der junge Ich-Erzähler, der nicht redet, aber umso mehr betet. Seiner Familie – bestehend aus seinem Halbbruder, seinem verzweifelten Vater, seiner wortkargen Mutter, seiner frommen Großmutter und dem Kindermädchen Mári - gibt er zu verstehen, taubstumm zu sein, zugleich befindet er sich in intensivem Austausch mit Gott. Als "Vaterlandsfeinde" wurde die Familie im kommunistischen Ungarn der Nachkriegszeit aus Budapest ausgesiedelt und muss jetzt in einem kleinen Dorf bei einem Großbauern ihre Arbeitseinsätze leisten. Das Leben hat bei jedem einzelnen tiefe Spuren hinterlassen. Das bemerkt auch der junge Ich-Erzähler, er stellt sich und den Lesern große Gottesfragen und kämpft zusehends mit dem Zweifel. Wie lässt sich Gottes Macht mit dem Leid der Menschen vereinbaren? Wie so oft treibt Esterházy ein gekonntes Spiel mit den Erwartungen der Leser und erzählt auf knapp 100 Seiten eine Geschichte, die einen staunen, lachen und frösteln lässt.

(c) Hanser

3. David Grossman (15 Punkte)

"Kommt ein Pferd in die Bar", Hanser

Der israelische Autor David Grossman gehört zu den weltweit bekanntesten und angesehensten Erzählern der Gegenwart. Hinter dem launigen Titel des neuen Buchs "Kommt ein Pferd in die Bar" verbirgt sich eine Geschichte von besonderer Tragik. Alles dreht sich um den gealterten Komiker Dovele, der in der israelischen Kleinstadt Netanja zum letzten Mal auftreten soll. Er nutzt den Bühnenabend um zwischen vielen Witzen eine längst vergangene, traurige Episode seiner eigenen Biographie zum besten zu geben. "Bei Gross­man ent­puppt sich der Witz als Über­le­bens­mög­lich­keit, als Weg, um mit den Er­in­ne­run­gen zu le­ben, die das Schick­sal ei­nem zu­mu­tet" (Der Spiegel).

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(c) Suhrkamp

4. ex aequo: Joanna Bator (14 Punkte) NEU

"Dunkel, fast Nacht", Suhrkamp

Joanna Bator gilt als eine der wichtigsten neuen Stimmen der europäischen Gegenwartsliteratur. Mit "Dunkel, fast Nacht" hat die polnische Schriftstellerin ihr bisher düsterstes Buch vorgelegt. Der 2011 in Polen erschienene Roman wurde nun auch auf Deutsch übersetzt und hat, so scheint es, aktuelle politische Entwicklungen ihrer Heimat vorweggenommen. Im Zentrum der Handlung steht die Warschauer Journalistin Alicja Tabor, die in ihren niederschlesischen Geburtsort Walbrzych zurückkehrt, um im Fall dreier Kindesentführungen zu recherchieren. Dabei kann sie sich der Konfrontation mit den Traumata ihrer eigenen Vergangenheit nicht erwehren.
Auch die historische Vergangenheit der Region ist in den Möbeln, Bildern oder kleinen Gegenständen der nach dem Krieg vertriebenen Deutschen gegenwärtig. Bator beschreibt die Heiligenverehrung der Dorfbewohner als trancehaften Aberglauben, thematisiert Xenophobie im heutigen Polen und zeichnet so ein groteskes Gesellschaftsportrait. Joanna Bator versteht es meisterhaft "jene Momente festzuhalten, in denen Stimmungen kippen und verdrängte Traumata in unkontrollierbare Ausbrüche von kollektivem Wahnsinn umschlagen". (SWR)

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(c) Braumüller

4. ex aequo: Alfred Goubran (14 Punkte)

"Das letzte Journal", Braumüller

In dunkle Kapitel der Vergangenheit führt der neue Roman von Alfred Goubran: Das letzte Journal befasst sich mit dem Prager Pogrom im Jahr 1389, bei dem über 3000 Juden getötet wurden, mit der Verbrennung des böhmischen Reformators Jan Hus 1415 und mit der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei 1945. Im Zentrum des Romans steht jedoch der Schriftsteller Aumeier, der nach 41 Jahren seiner Jugendliebe Terése begegnet und zu ihr auf ihr Anwesen zieht. Dort beginnt er sein Journal zu schreiben, verwebt darin seine eigene Lebensgeschichte mit historischen Ereignissen und zieht Bilanz über sein Leben: "Habe ich erreicht, was ich wollte – was wollte ich? Was sind das für Spiele, die man mit sich selbst spielt? – Wetten gegen das Schicksal, gegen die Wahrscheinlichkeit, Schwüre, die man sich als Kind gibt, Versprechen und kleine Gegengeschäfte mit Gott." Scharfsinnig und eindringlich zugleich schreibt Alfred Goubran über das Zusammenspiel von Individuum und Geschichte, über Politik und das, wofür es sich zu leben lohnt.

(c) Folio Verlag

4. ex aequo: Goran Vojnović (14 Punkte) NEU

"Vaters Land", Folio
Übersetzung: Klaus Detlef Olof

Auf eine "unsentimentale und dennoch berührende Identitätssuche ins ehemalige Jugoslawien"" (Wiener Zeitung) führt der junge slowenische Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur Goran Vojnović in seinem zweiten Roman "Vaters Land". Darin erfährt der Ich-Erzähler Vladan, Sohn einer Slowenin und eines Serben, dass sein Vater, den er 16 Jahre lang für tot gehalten hat, für ein Massaker im kroatischen Slawonien verantwortlich sein soll und als Kriegsverbrecher gesucht wird. Er bricht auf, zu einer Reise durch das ehemalige Jugoslawien, auf der Suche nach dem Vater und der Frage, wie viel ihn selbst mit einem Mörder verbindet. Was Vladan vorfindet, ist ein von Misstrauen und Nationalismus geprägtes Land.
In seiner Heimat Slowenien gilt Goran Vojnović als einer der renommiertesten und erfolgreichsten Autoren seiner Generation, mit seinem Debütroman "Čefurji raus!" 2008 gelang ihm der Durchbruch: mit dem Buch sorgte er für heftige politische Debatten im Land.

(c) Suhrkamp

7. Katharina Winkler (13 Punkte)

"Blauschmuck", Suhrkamp

"Blauschmuck" heißt Katharina Winklers Debüt-Roman und beruht zur Gänze auf wahren Begebenheiten. Der Titel bezieht sich nicht auf glitzernde Kostbarkeiten – im Gegenteil. "Blauschmuck" werden jene Blutergüsse genannt, die muslimische Frauen durch Schläge ihrer Männer oder Väter auf dem Körper tragen. Eine dieser Frauen ist Filiz. Mit 15 Jahren heiratet sie, gegen den Willen ihres Vaters, Yunus. Doch statt der ersehnten Freiheit und Autonomie erfährt sie die körperliche und seelische Brutalität ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter – auch dann noch, als sie längst mit ihrem Mann im Westen lebt. Eindringlich schildert Katharina Winkler die Abgründe von Abhängigkeit und Unterdrückung und erzählt vom Leben einer Frau, deren Überlebenswille ungeahnte Kräfte freisetzt.

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(c) Manesse

8. ex aequo: Irène Némirovsky (12 Punkte) NEU

"Pariser Symphonie", Manesse

In den 1930er Jahren war Irène Némirovsky eine gefeierte Schriftstellerin in Frankreich. Dann geriet die russische Jüdin, die lange im Pariser Exil lebte und 1942 im KZ Auschwitz-Birkenau starb, jahrzehntelang in Vergessenheit. Mit der Auffindung ihres Romanfragment "Suite française" vor einigen Jahren setzte international ihre Wiederentdeckung ein. Nun wurden auch ihre Erzählungen unter dem Titel "Pariser Symphonien" auf Deutsch übersetzt. Alle Geschichten sind im Paris der Zwischenkriegszeit angesiedelt. Im Stil eines poetischen Realismus, inspiriert vom französischen Kino der 1930er und 40er Jahre, entwirft Némirovsky ein stimmungsvolles Bild vom Leben der Bohème, erzählt von Mutter-Tochter-Konflikten, einer im Alltag erstarrten Ehe, von Krieg, Exil und Verlorenheit. "Mut, Scharfsinn und ein überragendes stilistisches Talent zeichnen diese Autorin aus." (Spiegel Online)

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(c) Hanser

8. ex aequo: Emily Brontë (12 Punkte) NEU

"Sturmhöhe", Hanser
Übersetzung: Wolfgang Schlüter

Die windigen Hochmoore von Yorkshire sind der Schauplatz des Romans "Sturmhöhe", mit dem der britischen Schriftstellerin Emily Brontë unter dem männlichen Pseudonym Ellis Bell 1847 ein Welterfolg gelang. 1850 wurde der Klassiker der englischen Literatur erstmals ins Deutsche übersetzt, nun ist die "zwölfte und mit Abstand beste" Übersetzung erschienen. (Wiener Zeitung)
Mit der Erzähltechnik des Romans war Brontë ihrer Zeit voraus: Aus zwei verschiedenen Beobachter-Perspektiven wird die dramatisch symbiotische Liebe zwischen dem Findelkind Heathcliff und seiner Stiefschwester Catherine geschildert. Dass Catherine den Sohn des benachbarten Gutsbesitzers heiratet, kann Heathcliff nicht verschmerzen. Nach seiner Rückkehr als erwachsener Mann auf das Gut nimmt er Rache. Doch auch nach ihrem Tod kommt er von Catherine nicht los, und die Geliebte erscheint ihm als Geist.
In ihrem Schauerroman lässt Brontë tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken.

(c) Luchterhand

10. Saša Stanišić (11 Punkte) NEU

"Fallensteller", Luchterhand Literaturverlag

Selbstbespiegelung ist seine Sache nicht – der junge deutsche Schriftsteller bosnischer Herkunft Saša Stanišić wird als "literarischer Ethnologe" bezeichnet (Deutschlandradio), der "Menschen durchschauen und beschreiben" kann, und "viele Wirklichkeiten in sich trägt" (Die Zeit).
Seine vielstimmige Provinzgeschichte "Vor dem Fest" wurde von der Kritik hochgelobt und mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. In der Titelgeschichte seines neuen Erzählbands "Fallensteller" schließt Stanišić inhaltlich und erzähltechnisch an sein Vorgängerwerk an. Ein Erzähler-Wir schildert die Geschichte, die sich im fiktiven Dorf Fürstenfelde in der Uckermark zuträgt. Dort taucht eines Tages ein geheimnisvoller Fallensteller auf, ein moderner Rattenfänger von Hameln, der mit den Ängsten und Sehnsüchten der Dorfbewohner spielt, und sie in seine Falle lockt. Das gekonnte Changieren zwischen Realität und Illusion, zwischen Wahrheit und Lüge, seine Fabulierkunst und seine Komik – all das zeichnet den Schriftsteller Saša Stanišić und sein Werk aus.