Die besten 10 im April 2016

(c) Suhrkamp

1. Dževad Karahasan (43 Punkte)

"Der Trost des Nachthimmels", Suhrkamp

Dzevad Karahasan zählt zu den bedeutendsten bosnischen Schriftstellern unserer Zeit. Sein historischer Roman "Der Trost des Nachthimmels", der soeben auf Deutsch erschienen ist, beschäftigt sich nicht nur mit der Blüte und dem Zerfall eines islamischen Reiches, sondern spiegelt in gespenstischer Vorwegnahme aktuellste Fragestellungen zu Gewalt und Terror.
Der Hofastronom Omar Chayyan, eine reale Person, wird mit einem Giftmord konfrontiert und gerät zusehends in Bedrängnis. Als dann die radikale Volksgruppe der Karmaten das Seldschuken-Reich bedrohen, beginnt das Reich zu zerfallen: Der Sultan hört auf falsche Freunde und Intriganten. Die Ereignisse aus dem 11. Jahrhundert holt Dzevad Karahasan in "Der Trost des Nachthimmels" in die Gegenwart zurück und geht der Frage nach, inwieweit Angst als Triebfeder sowohl in politischer Hinsicht, als auch innerhalb von gesellschaftlichen Entwicklungen ausschlaggebend sein kann. "Die wirkliche Gefahr heute in Europa ist die Radikalisierung der Europäer durch Ängste, denn Angst versklavt uns am schrecklichsten", so Karahasan.

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(c) Luchterhand

2. Anna Mitgutsch (30 Punkte) NEU

"Die Annäherung", Luchterhand

Über die wichtigen Dinge wird immer geschwiegen", heißt es einmal in Anna Mitgutschs neuem Roman, der von einem späten Versuch einer "Annäherung" zwischen Vater und Tochter erzählt. Die Geschichte nimmt ihren Ausgang bei Theo, einem weit über 90-jährigen, der nach einem Schlaganfall im Krankenhaus eingeliefert wird und über sein Leben Bilanz zieht. Nach dem Tod seiner jungen Frau heiratet er erneut, doch seine Tochter Frieda hat im neuen Leben keinen Platz mehr. Jahrzehntelang darf Theo nur heimlich mit ihr telefonieren, widerspruchslos fügt er sich dem Willen seiner zweiten Ehefrau. Die ukrainische Pflegerin Ludmilla wird ihm im Alter zum Liebesersatz in einer desolaten Familienkonstellation. Ihr gelingt die titelgebende Annäherung, die der Tochter, verwehrt bleibt. Frieda versucht bis zuletzt etwas über seine Mitschuld am Krieg als Wehrmachtssoldat in Erfahrung zu bringen. In ihrem zehnten Roman reflektiert die österreichische Autorin Anna Mitgutsch einmal mehr ein brisantes Kapitel der Zeitgeschichte, das bis in die Gegenwart reicht. In präziser Sprache und mit Liebe zu ihren Figuren spürt sie dem Verschwinden einer ganzen Generation nach, die viele offene Fragen hinterlässt.

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(c) Residenz Verlag

3. Daniela Strigl (20 Punkte) NEU

"Berühmt sein ist nichts. Marie von Ebner-Eschenbach. Eine Biographie", Residenz

Marie von Ebner-Eschenbach: dieser Name der österreichischen Literatur des 19. Jahrhunderts wird von vielen assoziiert mit Biederkeit, Tugend, Tiergeschichten und Rückwärtsgewandtheit – ein Imageproblem, wie die Wiener Germanistin und Literaturkritikerin Daniela Strigl konstatiert, das sie mit ihrer 440-Seiten schweren Biographie zum 100. Todesjahr der "Fürstin der Literatur" gründlich korrigiert. Anhand einer detaillierten Werksstudie, Briefen und Tagebüchern zeichnet Strigl ein differenziertes Bild der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach nach, die zu den berühmtesten Autorinnen ihrer Zeit zählt. Als Hauptvertreterin des bürgerlichen Realismus hat sie sich vor allem mit sozialkritisch-psychologischen Erzählungen und Romanen, darunter "Das Gemeindekind", einen Namen gemacht hat. Geboren in eine Adelsfamilie im tschechischen Zdislavice, entwickelte sie bereits früh einen kritischen Blick für die Benachteiligung von Frauen und spießbürgerliche Borniertheit. Sie engagierte sich im "Verein zur Abwehr des Antisemitismus", sympathisierte mit der bürgerlichen Revolution 1848, kritisierte den Adel, hielt aber gleichzeitig an der Monarchie fest. "Kenntnisreich und mit sprachlicher Eleganz wie erzählerischem Witz" (NZZ) lässt uns Strigl an ihrer Wiederentdeckung Ebner-Eschenbachs als politische Autorin teilhaben.

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(c) Luchterhand

4. Juli Zeh (19 Punkte)

"Unterleuten", Luchterhand

Wie schnell aus der scheinbaren Idylle eine Hölle werden kann und wie leicht sich das vermeintliche Glück in einen Alptraum verwandelt, das beschreibt Juli Zeh eindringlich in ihrem neuen Roman "Unterleuten". Das titelgebende Dorf liegt in Brandenburg, umgeben von einer unberührten Natur. Für stadtflüchtige Berliner, die abseits der Hauptstadtethik einen Neuanfang wagen wollen, ist es der Inbegriff von Lebensqualität - jedoch nicht lange. Als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, droht das ohnehin fragile Dorfgefüge auseinanderzubrechen. Aussteiger, Wendegewinner und ihre Verlierer geraten aneinander. Wenn es ans Eingemachte geht, ist sich jeder selbst am nächsten.
Mit "Unterleuten" hat Juli Zeh einen packenden Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass alle immer nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

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(c) Suhrkamp

5. Friederike Mayröcker (18 Punkte)

"fleurs", Suhrkamp

Friederike Mayröcker zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit - und zu den produktivsten. Fast jährlich erscheint ein neues Buch der mittlerweile 91-jährigen Wienerin. "Fleurs" - zu Deutsch Blumen - heißt ihr jüngstes Werk und bildet - nach "Études" und "Cahier" - den Abschluss ihrer 2013 begonnenen Trilogie. "Keinem meiner Werke liegt ein Plan zugrunde. Aber es schwebt mir etwas vor. Eine kristallisierte Sprache und eine Handvoll Träume …" heißt es einmal in "Fleurs". Und so versammelt das neue Buch Traummotive, Erinnerungen und Gedankensplitter, die nichts anderem verpflichtet sind, als einer beispiellosen Poesie. "Mir geht es immer nur um die Sprache", so Friederike Mayröcker. Eindringlich schreibt sie über Krankheit, Schmerz und Tod - und über ihre unbändige Freude am Leben. Eine Freude, deren Ursprung das Schreiben ist.

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(c) Jung und Jung

6. ex aequo: Peter Handke (14 Punkte) NEU

"Vor der Baumschattenwand nachts", Jung und Jung

Notiz- und Tagebücher aus den Jahren 2007 bis 2015 versammelt der neue Band des großen europäischen Dichters Peter Handke, die unter dem Untertitel "Zeichen und Anflüge von der Peripherie" erschienen sind. Die Ränder und die Zwischenräume sind es auch, an und in denen der Autor seit jeher seinen Erzählerposten eingenommen hat, mit Distanz zur Gesellschaft, dem Erlebten, Gesehenen und Gedachten. Gedankensplitter, darunter Überlegungen zum Schreiben und zu Wortbildern, wie "Und", oder "Leises Grün", aber auch zeitkritische Beobachtungen finden sich darin. Peter Handkes Journalband "Vor der Baumschattenwand nachts" ist dabei nicht frei von Selbstironie und Verspieltheit. "In anderen Momenten warnt er sich dann aber selbst vor seiner (wachsenden?) Misanthropie. Es sind Momente, in denen wir, die vom Völkchen der Leser, das Bedürfnis verspüren, unserem Autor beizustehen, auf dass es mit ihm und uns weiter und weiter gehe." (Leopold Federmair/Profil)

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(c) Secession Verlag

6. ex aequo: Deborah Feldman (14 Punkte) NEU

"Unorthodox", Secession Verlag

2012 sind die Lebenserinnerungen der damals 27-jährigen Deborah Feldman im englischen Original erschienen, und wurden zum Bestseller – "Unorthodox", die Geschichte einer Flucht aus der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde der Satmarer in New York, hat sich über eine Million Mal verkauft und ist nun auch auf Deutsch erschienen. Die Autorin, die heute mit ihrem mittlerweile 9-jährigen Sohn in Berlin lebt, wurde allerdings von Gemeindemitgliedern und Familienangehörigen mit Hassbriefen und Verwünschungen verfolgt. Eindringlich schildert Feldman in ihrem autobiographischen Text den reglementierten Alltag in der chassidischen Gemeinschaft, berichtet von den strengen Kleidervorschriften für Frauen, dem Verbot von Fernsehen, Internet und weltlichen Büchern, und ihrer arrangierten, glücklosen Ehe, der sie schließlich, nachdem sie heimlich ein Literaturstudium begonnen hatte, mit ihrem Sohn entkam. Mit "Unorthodox" ist Deborah Feldman eine "von allen Sentimentalitäten gereinigten Entwicklungsgeschichte" gelungen. (Deutschland Radio Kultur)

(c) Dörlemann

6. ex aequo: David Garnett (14 Punkte) NEU

"Dame zu Fuchs", Dörlemann

1922 publizierte der britische Autor und Verleger David Garnett seinen zweiten Roman, "Dame zu Fuchs", der erst 1952 auf Deutsch und nun in neuer Ausgabe erschienen ist. Darin konstruiert Garnett, Bohemien und Mitglied der Bloomsbury Group, dem legendären Londoner Zirkel junger Künstler, Intellektueller und Wissenschaftler rund um Virginia Woolf, eine ungewöhnliche und dennoch herzzerreißende Liebesgeschichte, der eine kafkaeske Verwandlung vorausgeht. Schauplatz der Handlung ist die englische Provinz des Jahres 1880. Das frischvermählte Ehepaar Tebrick ist auf einem Spaziergang unterwegs, als die junge Frau Silvia plötzlich die Gestalt einer Füchsin annimmt. Zu Beginn noch um menschliche Verhaltensweisen bemüht, kommen mit der Zeit mehr und mehr ihre animalischen Wünsche zum Vorschein. Sie isst rohes Fleisch, schämt sich ihrer Nacktheit nicht mehr, und verschwindet schließlich im Wald. Der Ehemann folgt ihr dorthin, denn er hat beschlossen, sie aller Widrigkeiten zum Trotz weiter zu lieben.
Einerseits gelingt Garnett mit seinem Roman eine "in fein ironischem Ton verfasste Spottschrift auf soziale und sexuelle Konventionen", andererseits "eine anrührende und pathetische Geschichte einer unmöglichen und dauerhaften Liebe". (Kulturradio)

(c) Zsolnay Verlag

9. Hans Platzgumer (12 Punkte)

"Am Rand", Zsolnay

"Am Rand" ist die siebente literarische Arbeit des in Tirol geborenen und in Vorarlberg lebenden Autors und Musikers Hans Platzgumer. Die Idee zum Buch ist ihm beim Wandern auf den Bocksberg bei Hohenems gekommen – jener Berg, der dann auch zum Schauplatz der Geschichte wurde. Gerold, Hauptfigur und Ich-Erzähler, will am Berggipfel seine Lebensbeichte in schriftlicher Form ablegen. Als Optantenkind wächst er in einer Südtirolersiedlung ohne Vater auf, die Mutter verdient ihr Geld als Prostituierte und leistet später Hospizdienst. Der Tod wird zu Gerolds ständigem Lebensbegleiter - er findet den Nachbarn tot auf, gerät zum "Todesengel" für den Großvater und verliert den besten Freund durch einen schweren Arbeitsunfall an das Krankenbett. "In meinem ganzen literarischen Schaffen geht es um den Grenzbereich zwischen Leben und Tod, um die Frage, wie weit der Tod Bestandteil des Lebens ist", so der Autor. Dafür ist auch sein jüngster Roman ein eindringlicher Beleg.

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(c) S. Fischer Verlag

10. Roland Schimmelpfennig (11 Punkte) NEU

"An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts", S. Fischer

Roland Schimmelpfennig, einer der weltweit meistgespielten deutschen Bühnenautoren der Gegenwart hat seinen ersten Roman geschrieben und ist damit prompt unter die fünf Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse gelandet. Der Roman, der im Titel bereits mit seinem ersten Satz beginnt, verschränkt verschiedene Erzählminiaturen miteinander, deren Verbindungsglied ein umherstreunender Wolf ist.
Berlin im Winter, eine Stadt in vorapokalyptischer Stimmung, ist die Heimat von Schimmelpfennigs Figurenpersonal - darunter ein polnischer Bauarbeiter, der von seiner Freundin betrogen wird, ein Alkoholiker, der seine ausgerissenen Kinder sucht und eine Frau, die die Tagebücher ihrer Mutter vernichtet, weil sie darin nicht erwähnt wird. Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und zwischenmenschliche Kälte kennzeichnen die aufeinandertreffenden Lebensentwürfe. "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts" "ist fraglos ein gutes, ein solides Buch, das einfache Dinge in kraftvolle Sprache fasst." (SWR)