Die besten 10 im März 2016

(c) Zsolnay

1. Hans Platzgumer (43 Punkte)

"Am Rand", Zsolnay

"Am Rand" ist die siebente literarische Arbeit des in Tirol geborenen und in Vorarlberg lebenden Autors und Musikers Hans Platzgumer. Die Idee zum Buch ist ihm beim Wandern auf den Blocksberg bei Hohenems gekommen – jener Berg, der dann auch zum Schauplatz der Geschichte wurde. Gerold, Hauptfigur und Ich-Erzähler, will am Berggipfel seine Lebensbeichte in schriftlicher Form ablegen. Als Optantenkind wächst er in einer Südtirolersiedlung ohne Vater auf, die Mutter verdient ihr Geld als Prostituierte und leistet später Hospizdienst. Der Tod wird zu Gerolds ständigem Lebensbegleiter - er findet den Nachbarn tot auf, gerät zum "Todesengel" für den Großvater und verliert den besten Freund durch einen schweren Arbeitsunfall an das Krankenbett. "In meinem ganzen literarischen Schaffen geht es um den Grenzbereich zwischen Leben und Tod, um die Frage, wie weit der Tod Bestandteil des Lebens ist", so der Autor. Dafür ist auch sein jüngster Roman ein eindringlicher Beleg.

(c) Hanser

2. David Grossman (33 Punkte)

"Kommt ein Pferd in die Bar", Hanser

Der israelische Autor David Grossman gehört zu den weltweit bekanntesten und angesehensten Erzählern der Gegenwart. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt über ihn: "Wenn es aber darum geht, über sein Leben zu reden, ist keiner besser als er". Hinter dem launigen Titel des neuen Buchs "Kommt ein Pferd in die Bar" verbirgt sich eine Geschichte von besonderer Tragik. Alles dreht sich um den gealterten Komiker Dovele, der in der israelischen Kleinstadt Netanja zum letzten Mal auftreten soll. Er nutzt den Bühnenabend um zwischen vielen Witzen eine längst vergangene, traurige Episode seiner eigenen Biographie zum besten zu geben. "Bei Gross­man ent­puppt sich der Witz als Über­le­bens­mög­lich­keit, als Weg, um mit den Er­in­ne­run­gen zu le­ben, die das Schick­sal ei­nem zu­mu­tet" (Der Spiegel). David Grossmann hat eine Geschichte zwischen Lachen und Weinen geschrieben, und stellt darin die Frage, ob Humor Leben retten kann.

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(c) Hanser

3. Norbert Gstrein (25 Punkte)

"In der freien Welt", Hanser

Um die tägliche und nicht enden wollende Gewalt im Nahen Osten geht es im neuen Roman des österreichischen Autors Norbert Gstrein. Es ist wiederholt vermintes historisches Terrain, das sich Norbert Gstrein vornimmt. Und es wäre nicht Norbert Gstrein, wenn es darin zugleich nicht wesentlich um die Frage der Erzählbarkeit ginge, darum, was Erzählen leisten kann, wenn es sich aus den vorgegebenen Sichtweisen und Interpretationsmustern zu lösen vermag.
Ein fiktiver Schriftsteller schildert im Roman den Weg eines jungen Juden, der in die israelische Armee eintritt und dabei unter anderem lernt, was es heißt, Gewalt auszuüben als Angehöriger eines Volkes, das so viel Gewalt in der Historie erleben musste. "Gstrein ist ein Meister des multiperspektivischen Erzählens, der mit Mutmaßungen, Ahnungen und in die Irre führenden Spuren wirkungsvoll zu arbeiten versteht", schreibt Rüdiger Görner im "Spectrum".

(c) Haymon

4. Christoph W. Bauer (21 Punkte)

"stromern. gedichte", Haymon

"im unterwegssein da ist zukunft..." heißt es einmal in Christoph W. Bauers neuem Gedichtband "stromern" und das Unterwegssein, Streunen und Strawanzen sind darin auch die zentralen Themen. Motor all dieser Gedichte ist die Angst vor dem Stillstand. Und deshalb durchstreift der gebürtige Kärntner literarisch Kindheitslandschaften, durchwandert Vergangenheit und Gegenwart und vereint dabei Tradition und Moderne. Immer wieder bezieht sich Bauer auf Francois Villon. Der große französische Dichter des Spätmittelalters ist sein stiller Begleiter durch den gesamten Gedichtband.
Mal rau, mal sanft, dann wieder lakonisch erzählt Bauer von Heimat, fern jeder Idylle, von Liebe und Sehnsucht und wechselt dabei mühelos Stimmungen und Tonlagen.

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(c) Suhrkamp

5. ex aequo: Dževad Karahasan (19 Punkte) NEU

"Der Trost des Nachthimmels", Suhrkamp

Dzevad Karahasan zählt zu den bedeutendsten bosnischen Schriftstellern unserer Zeit. Sein historischer Roman "Der Trost des Nachthimmels", der soeben auf Deutsch erschienen ist, beschäftigt sich nicht nur mit der Blüte und dem Zerfall eines islamischen Reiches, sondern spiegelt in gespenstischer Vorwegnahme aktuellste Fragestellungen zu Gewalt und Terror.
Der Hofastronom Omar Chayyan, eine reale Person, wird mit einem Giftmord konfrontiert und gerät zusehends in Bedrängnis. Als dann die radikale Volksgruppe der Karmaten das Seldschuken-Reich bedrohen, beginnt das Reich zu zerfallen: Der Sultan hört auf falsche Freunde und Intriganten. Die Ereignisse aus dem 11. Jahrhundert holt Dzevad Karahasan in "Der Trost des Nachthimmels" in die Gegenwart zurück und geht der Frage nach, inwieweit Angst als Triebfeder sowohl in politischer Hinsicht, als auch innerhalb von gesellschaftlichen Entwicklungen ausschlaggebend sein kann. "Die wirkliche Gefahr heute in Europa ist die Radikalisierung der Europäer durch Ängste, denn Angst versklavt uns am schrecklichsten", so Karahasan.

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(c) Hanser

5. ex aequo: Julie Zeh (19 Punkte) NEU

"Unterleuten", Luchterhand

Wie schnell aus der scheinbaren Idylle eine Hölle werden kann und wie leicht sich das vermeintliche Glück in einen Alptraum verwandelt, das beschreibt Juli Zeh eindringlich in ihrem neuen Roman "Unterleuten". Das titelgebende Dorf liegt in Brandenburg, umgeben von einer unberührten Natur. Für stadtflüchtige Berliner, die abseits der Hauptstadtethik einen Neuanfang wagen wollen, ist es der Inbegriff von Lebensqualität - jedoch nicht lange. Als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, droht das ohnehin fragile Dorfgefüge auseinanderzubrechen. Aussteiger, Wendegewinner und ihre Verlierer geraten aneinander. Wenn es ans Eingemachte geht, ist sich jeder selbst am nächsten.
Mit "Unterleuten" hat Juli Zeh einen packenden Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass alle immer nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

(c) Suhrkamp

7. ex aequo: Friederike Mayröcker (16 Punkte) NEU

"fleurs", Suhrkamp

Friederike Mayröcker zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit - und zu den produktivsten. Fast jährlich erscheint ein neues Buch der mittlerweile 91-jährigen Wienerin. "Fleurs" - zu Deutsch Blumen - heißt ihr jüngstes Werk und bildet - nach "Études" und "Cahier" - den Abschluss ihrer 2013 begonnenen Trilogie. "Keinem meiner Werke liegt ein Plan zugrunde. Aber es schwebt mir etwas vor. Eine kristallisierte Sprache und eine Handvoll Träume …" heißt es einmal in "Fleurs". Und so versammelt das neue Buch Traummotive, Erinnerungen und Gedankensplitter, die nichts anderem verpflichtet sind, als einer beispiellosen Poesie. "Mir geht es immer nur um die Sprache", so Friederike Mayröcker. Eindringlich schreibt sie über Krankheit, Schmerz und Tod - und über ihre unbändige Freude am Leben. Eine Freude, deren Ursprung das Schreiben ist.

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(c) Hanser

7. ex aequo: Michael Köhlmeier(16 Punkte) NEU

"Das Mädchen mit dem Fingerhut", Hanser

In seinem neuen Roman Das Mädchen mit dem Fingerhut erzählt Michael Köhlmeier von einem ungefähr sechs Jahre alten Mädchen, irgendwo in Mitteleuropa. Wie es heißt, woher es kommt und wo seine Eltern sich befinden, wird nicht verraten. Ist es ein unbegleitetes Flüchtlingskind? Über das was sie gesehen und erlebt hat, kann der Leser nur Vermutungen anstellen – erfahren wird er es nie. Denn Michael Köhlmeier beschreibt nur das Verhalten und die Reaktionen, nie aber die Beweggründe. Er vermeidet Klischees und vorgefertigte Bilder. Will der Leser der Geschichte folgen, liegt es an ihm, Lücken und Leerstellen zu füllen.
Knapp und lakonisch erzählt Köhlmeier von einem Leben am Rande der Gesellschaft und von der kindlichen Kraft des Überlebens.

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(c) Hanser

9. Orhan Pamuk: (15 Punkte) NEU

"Diese Fremdheit in mir", Hanser

"Diese Fremdheit in mir" heißt der neue Roman des türkischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Orhan Pamuk und nicht zum ersten Mal setzt er damit seiner Heimatstadt Istanbul ein literarisches Denkmal. Erzählt wird die Lebensgeschichte von Mevlut, einem Straßenverkäufer, der sich unsterblich verliebt und dennoch eine andere Frau aus Pflichtbewusstsein heiratet. Es sind die 60-er Jahre und Istanbul verwandelt sich in eine moderne Metropole. Immer wieder durchdringt der Wandel der Stadt auch das Leben von Mevlut. Über vier Jahrzehnte erstreckt sich der Roman, der aus mehreren Perspektiven erzählt wird. Sechs Jahre lang hat Orhan Pamuk daran gearbeitet. Diese Fremdheit in mir ist ein großartiger Schelmenroman und ein vielschichtiges Familienepos – vor allem aber ist es eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt Istanbul.

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(c) Suhrkamp

10. Katharina Winkler (14 Punkte) NEU

"Blauschmuck", Suhrkamp

"Blauschmuck" heißt Katharina Winklers Debüt-Roman und beruht zur Gänze auf wahren Begebenheiten. Der Titel bezieht sich nicht auf glitzernde Kostbarkeiten – im Gegenteil. "Blauschmuck" werden jene Blutergüsse genannt, die muslimische Frauen durch Schläge ihrer Männer oder Väter auf dem Körper tragen. Eine dieser Frauen ist Filiz. Mit 15 Jahren heiratet sie, gegen den Willen ihres Vaters, Yunus. Doch statt der ersehnten Freiheit und Autonomie erfährt sie die körperliche und seelische Brutalität ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter – auch dann noch, als sie längst mit ihrem Mann im Westen lebt. Eindringlich schildert Katharina Winkler die Abgründe von Abhängigkeit und Unterdrückung und erzählt vom Leben einer Frau, deren Überlebenswille ungeahnte Kräfte freisetzt.