Die besten 10 im Februar 2016

(c) Haymon

1. Christoph W. Bauer (40 Punkte)

"stromern. gedichte", Haymon

"im unterwegssein da ist zukunft..." heißt es einmal in Christoph W. Bauers neuem Gedichtband "stromern" und das Unterwegssein, Streunen und Strawanzen sind darin auch die zentralen Themen. Motor all dieser Gedichte ist die Angst vor dem Stillstand. Und deshalb durchstreift der gebürtige Kärntner literarisch Kindheitslandschaften, durchwandert Vergangenheit und Gegenwart und vereint dabei Tradition und Moderne. Immer wieder bezieht sich Bauer auf Francois Villon. Der große französische Dichter des Spätmittelalters ist sein stiller Begleiter durch den gesamten Gedichtband.
Mal rau, mal sanft, dann wieder lakonisch erzählt Bauer von Heimat, fern jeder Idylle, von Liebe und Sehnsucht und wechselt dabei mühelos Stimmungen und Tonlagen.

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(c) Zsolnay

2. Hans Platzgumer (27 Punkte) NEU

"Am Rand", Zsolnay

"Am Rand" ist die siebente literarische Arbeit des in Tirol geborenen und in Vorarlberg lebenden Autors und Musikers Hans Platzgumer. Die Idee zum Buch ist ihm beim Wandern auf den Blocksberg bei Hohenems gekommen – jener Berg, der dann auch zum Schauplatz der Geschichte wurde. Gerold, Hauptfigur und Ich-Erzähler, will am Berggipfel seine Lebensbeichte in schriftlicher Form ablegen. Als Optantenkind wächst er in einer Südtirolersiedlung ohne Vater auf, die Mutter verdient ihr Geld als Prostituierte und leistet später Hospizdienst. Der Tod wird zu Gerolds ständigem Lebensbegleiter - er findet den Nachbarn tot auf, gerät zum "Todesengel" für den Großvater und verliert den besten Freund durch einen schweren Arbeitsunfall an das Krankenbett. "In meinem ganzen literarischen Schaffen geht es um den Grenzbereich zwischen Leben und Tod, um die Frage, wie weit der Tod Bestandteil des Lebens ist", so der Autor. Dafür ist auch sein jüngster Roman ein eindringlicher Beleg.

(c) Suhrkamp

3. György Dragomán (24 Punkte)

"Der Scheiterhaufen", Suhrkamp

"Der schnellen Schritts zum Weltformat aufsteigende Visionär der ungarischen Literatur", nennt Paul Jandl in der WELT den in Rumänien geborenen und in Ungarn lebenden Autor György Dragomán. In seinem zweiten auf Deutsch übersetzten Roman "Der Scheiterhaufen" nimmt er seine Herkunftswelt vor dem Hintergrund des Regimewechsels nach dem Sturz des Diktators Ceausescu in den Blick. Wieder ist es die kindliche Perspektive, die Dragomán zur Schilderung der Ereignisse wählt. Die 13jährige Emma, Waisenkind in einer rumänischen Provinzstadt, ist in die historische Erfahrung hineingeboren, dennoch nicht als Zeitzeugin zu bezeichnen. Mangelwirtschaft, nicht überwundene sadistische Autoritäten, gescheiterte kollektive Utopien – soziale, politische und gesellschaftliche Realitäten im postkommunistischen Rumänien werden durch Emmas Innensicht gefiltert in ein düsteres Märchen verwandelt.

(c) Hanser

4. Norbert Gstrein (15 Punkte) NEU

"In der freien Welt", Hanser

Um die tägliche und nicht enden wollende Gewalt im Nahen Osten geht es im neuen Roman des österreichischen Autors Norbert Gstrein. Es ist wiederholt vermintes historisches Terrain, das sich Norbert Gstrein vornimmt. Und es wäre nicht Norbert Gstrein, wenn es darin zugleich nicht wesentlich um die Frage der Erzählbarkeit ginge, darum, was Erzählen leisten kann, wenn es sich aus den vorgegebenen Sichtweisen und Interpretationsmustern zu lösen vermag.
Ein fiktiver Schriftsteller schildert im Roman den Weg eines jungen Juden, der in die israelische Armee eintritt und dabei unter anderem lernt, was es heißt, Gewalt auszuüben als Angehöriger eines Volkes, das so viel Gewalt in der Historie erleben musste. "Gstrein ist ein Meister des multiperspektivischen Erzählens, der mit Mutmaßungen, Ahnungen und in die Irre führenden Spuren wirkungsvoll zu arbeiten versteht", schreibt Rüdiger Görner im "Spectrum".

(c) Hanser

5. ex aequo: David Grossman (14 Punkte) NEU

"Kommt ein Pferd in die Bar", Hanser

Der israelische Autor David Grossmann gehört zu den weltweit bekanntesten und angesehensten Erzählern der Gegenwart. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt über ihn: "Wenn es aber darum geht, über sein Leben zu reden, ist keiner besser als er". Hinter dem launigen Titel des neuen Buchs "Kommt ein Pferd in die Bar" verbirgt sich eine Geschichte von besonderer Tragik. Alles dreht sich um den gealterten Komiker Dovele, der in der israelischen Kleinstadt Netanja zum letzten Mal auftreten soll. Er nutzt den Bühnenabend um zwischen vielen Witzen eine längst vergangene, traurige Episode seiner eigenen Biographie zum besten zu geben. "Bei Gross­man ent­puppt sich der Witz als Über­le­bens­mög­lich­keit, als Weg, um mit den Er­in­ne­run­gen zu le­ben, die das Schick­sal ei­nem zu­mu­tet" (Der Spiegel). David Grossmann hat eine Geschichte zwischen Lachen und Weinen geschrieben, und stellt darin die Frage, ob Humor Leben retten kann.

(c) Rowohlt

5. ex aequo: Martin Walser (14 Punkte) NEU

"Ein sterbender Mann", Rowohlt

"Je näher du dem Tod bist, desto schöner ist es zu leben. Oder genauer gesagt: desto schöner wäre es zu leben", heißt es in Martin Walsers jüngstem Roman. Erzählt wird die Geschichte eines 72jährigen Unternehmers, der durch den Verrat seines besten Freundes finanziellen und emotionalen Schiffbruch erleidet. Über ein Suizidforum im Netz findet die Hauptfigur schließlich auch zu ihrer neuen Liebe, womit unter anderem bewiesen wäre, dass Lebensüberdruss und Lebenssehnsucht sehr nahe beieinander liegen können. Was noch lange nicht heißt, dass ein währendes Glück die Folge ist. Martin Walser, der Grand Seigneur der deutschsprachigen Literatur, zeigt sich in diesem Roman auf der Höhe seiner Kunst: als großer Stilist, dem es stets um das Ergründen grundlegender existenzieller Fragen gegangen ist.

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(c) Suhrkamp

7. ex aequo: Alexander Kluge (12 Punkte)

"Kongs große Stunde: Chronik des Zusammenhangs", Suhrkamp

Nach seinem Opus Magnum „Chronik der Gefühle“ legt Alexander Kluge, Jurist, Filmemacher, Drehbuchautor und Schriftsteller nun eine weitere Chronik vor. Fast 700 Seiten umfasst sein neues Buch, darin versammelt er unterschiedlichste Aufsätze, allesamt präzise Detailbeobachtungen unserer gegenwärtigen und vergangenen Lebenswirklichkeit. Dreh- und Angelpunkt des Buchs ist die legendäre Filmfigur King Kong, anhand derer er den Affen im Menschen aufspüren will. Die Affenkreatur King Kong beschützt, was sie liebt, und darum berührt sie den Autor. Im Buch begegnen wir einem russischen Paläontologen, der sich vorstellt, wie unsere Vorfahren, die ersten Homo sapiens in den Höhlen des Ostens und Südens Afrikas, die Sprache erfunden haben, oder einem ostpreußischen Philosophen, der im Wiener Tiergarten Schönbrunn eine bezeichnende Erfahrung mit einem Berggorilla macht. Alexander Kluge ist der Architekt der Assoziation, der inneren Seelenzustände, mit denen er als Zeitdiagnostiker durch die Biografie der Weltgeschichte mäandert (NDR).

(c) Elfenbein

7. ex aequo: Anthony Powell (12 Punkte) NEU

"Eine Frage der Erziehung", Elfenbein

Erstmals sind vier der insgesamt zwölf Bände des britischen Klassikers "Ein Tanz zur Musik der Zeit" von Anthony Powell auf Deutsch erschienen - "für manche der bedeutendste englische Roman der Nachkriegszeit" (Die Zeit), dem deutschsprachigen Publikum aber bisher kaum ein Begriff. In Band eins, "Eine Frage der Erziehung", beginnt die Erzählung im Jahr 1914, mit dem Internatsleben des Protagonisten und Ich-Erzählers Nick Jenkins. Verhandelt wird der Niedergang der englischen Upper-Class vor dem Hintergrund der vorbeiziehenden Jahrzehnte britischer Politik und Geschichte. Nicht die Handlung steht im Roman im Vordergrund, sondern Beobachtung, Figurenführung und Atmosphäre, erzählt in einem knappen und ironischen Ton. Strukturiert wird die Langstreckenerzählung von meist zufälligen Begegnungen dutzender Hauptfiguren und hunderten Nebenfiguren und ihren Konversationen, darunter Maler, Musiker, Poeten, Offiziere, Trotzkisten und Spanienkämpfer. Über das Werk des im Jahr 2000 verstorbenen Anthony Powell schrieb Evelyn Waugh "Es ist realistischer als das Werk Prousts, mit der es so oft verglichen wird – und viel vergnüglicher".

(c) Suhrkamp

9. ex aequo: Alexander Ilitschewski (10 Punkte) NEU

"Der Perser", Suhrkamp

"Der Perser" "ist ein wildes Buch voller Verzweigungen, Abschweifungen und Sackgassen, das ohne Vorwarnung zwischen den Sinn- und Handlungsebenen hin- und herpendelt." (Süddeutsche Zeitung). Der russische Autor und Physiker Alexander Ilitschewski macht darin den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, Paradiesvorstellungen und die "Geopoetik des kaspischen Raums" zum Thema. Der Protagonist Ilija, Geologe aus Baku, kehrt nach einer gescheiterten Beziehung nach Jahren im Ausland wieder zurück in seine Heimatstadt am Kaspischen Meer. Dort trifft er auf seinen Jugendfreund Haşem, Kind iranischer Einwanderer, der nicht nur als Ornithologe eine Falkenkolonie züchtet, sondern auch Künstler, Heiler und tanzender Derwisch geworden ist. Seine Spiritualität zieht Ilja in seinen Bann und er beginnt sich mit seiner eigenen Existenz auseinanderzusetzen. Wie sein Ich-Erzähler will auch Ilitschewski die Grenzen zwischen Wissenschaft und Poesie, zwischen historisch Verbürgtem und persönlich Erlebtem ausloten und generiert damit einen enzyklopädisch weit verzweigten, ungewöhnlichen Roman.

(c) Kiepenheuer & Witsch

9. ex aequo: Joachim Meyerhoff (Kiepenheuer & Witsch) (10 Punkte)

"Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke", Kiepenheuer & Witsch

Joachim Meyerhoff wird nicht nur auf der Bühne gefeiert, sondern hat sich auch als Bestseller-Autor einen Namen gemacht. Nun ist Teil drei seiner autobiographischen Romanreihe erschienen. "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" erzählt pointenreich von seiner Zeit an der Schauspielschule in München, und den sympathisch exaltierten Großeltern, deren großbürgerliches Haus am Stadtrand zur vorübergehenden Wohnstätte wird. Ihre skurrilen täglichen Rituale, beginnend mit einem Glas Champagner vor dem Frühstück, werden für den verunsicherten Schauspielstudenten zur psychischen Verankerung in der nervlich überspannten Ausbildungszeit.
"Erinnern heißt erfinden" - dieses Dogma der letzten beiden Romane stellt Meyerhoff auch dem dritten Buch voran. "Erfinden" bezeichnet er als ein archäologisches Instrument, um dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Und so werden auch die titelgebenden "Lücken" geschlossen. Mit seinen kurzweiligen, anekdotischen Lebenserinnerungen beweist Joachim Meyerhoff aufs Neue, wie nah Komik und Tragik beieinander liegen können.

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