Die besten 10 im November 2015

(c) Luchterhand Literaturverlag

1. Karl Ove Knausgård (43 Punkte) NEU

"Träumen", Luchterhand Literaturverlag

Mit seinem autobiographischen Romanprojekt "Min Kamp" wurde der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård zum gefeierten Star in Skandinavien und auch in den USA gibt es einen regelrechten Knausgård Hype. Sein 3600 Seiten dickes Werk wird, laut "Spiegel", schon jetzt als das vielleicht bemerkenswerteste Stück Weltliteratur der jüngeren Vergangenheit gehandelt, er selbst als "Proust der Gegenwart" bezeichnet.
"Träumen" heißt der fünfte Band des sechsteiligen Romanprojekts. Darin beschreibt Knausgård seine Zeit in Bergen Anfang der neunziger Jahre. Es sind Jahre, in denen er so unermüdlich wie erfolglos versucht Schriftsteller zu werden, in denen Momente kurzer Glücksgefühle mit jenen tiefster Selbstverachtung einhergehen, in denen sich Demütigungen und Erfolge ebenso schnell abwechseln, wie selbstzerstörerische Alkoholexzesse und erste künstlerische Erfolge. Träumen ist der wohl poetischste Teil des Romanzyklus, denn es dreht sich darin alles um das Schreiben. Diesmal ist der "Kampf", den er führt, ein Ringen mit der literarischen Form.

(c) Zsolnay

2. ex aequo: Karl-Markus Gauß (25 Punkte)

"Der Alltag der Welt", Zsolnay

Das pointierte Formulieren ist sein Markenzeichen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gehört der scharfzüngige Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik", Karl-Markus Gauß, zu den herausragenden Vertretern des europäischen Geisteslebens. Als wachsamer Chronist seiner Zeit hält er seine Welt- und Selbstbeobachtungen in Journalen fest. Soeben ist "Der Alltag der Welt", der fünfte Band seiner Journal-Reihe, erschienen. Darin blickt Gauß auf die Jahre 2011 bis 2013 zurück und reflektiert in autobiografischen Entwürfen, philosophischen Anmerkungen, politischen Widerreden und erzählerischen Miniaturen über Griechenland, die Heilige Inquisition, Georg Kreisler oder Twitter. "Ich schreibe, um mir etwas von der Welt ins Ich zu bergen und etwas von mir in die Welt zu retten", so Gauß. Entstanden ist ein persönliches Tagebuch zur Zeitgeschichte.

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(c) Folio

2. ex aequo: Drago Jančar (25 Punkte)

"Die Nacht, als ich sie sah", Folio

"Es handelt sich zweifellos um Jančars Meisterwerk, um einen grandiosen Text der zeitgenössischen Literatur Europas", heißt es in der Presse. In seinem Heimatland stieß Dragon Jančar, einer der wohl wichtigsten slowenischen Schriftsteller, mit seinem jüngsten Roman, der aus differnzierter Perspektive von den Tito-Partisanen erzählt, an ein Tabu der jugoslawischen Nachkriegsgeschichte. In Frankreich wurde das Buch im Vorjahr zum besten fremdsprachigen Roman gekürt. Nun ist "Die Nacht, als ich sie sah" auch auf Deutsch erschienen. Inspiriert von einer wahren Geschichte ist jene von Veronika Zarnik und ihrem Mann Leo, wohlhabende Schlossbesitzer in Slowenien, die während des Krieges, 1944, plötzlich verschwinden. Tito-Partisanen, so stellt sich heraus, haben Veronika entführt und ermordet. Aus den Erinnerungen von fünf Personen wird ein Portrait der faszinierenden Frau rekonstruiert, die im Verdacht stand, ein Naheverhältnis mit dem Gestapo-Chef Sloweniens gehabt zu haben, und dafür mit dem Leben bezahlen musste.
Von Schuld, Gewissen, Opfern und Tätern erzählt Jančar in seinem Roman, und wirft damit existenzielle Fragen des Menschseins auf.

(c) Suhrkamp

4. Clemens J. Setz (24 Punkte)

"Die Stunde zwischen Frau und Gitarre", Suhrkamp

"Der provokativste, intelligenteste, sprachmächtigste und verstörendste Roman des Jahres" schreibt Richard Kämmerlings in DIE WELT über das jüngste Buch des Grazers Clemens Setz – und auch wenn sich diesen Superlativen nicht alle Kritiken anschließen, so hat der Feuilleton-Liebling Setz wieder einmal gehalten, was man sich von ihm verspricht. Auf 1021 Seiten entspinnt Setz ein eindringliches Assoziationsgeflecht, die Handlung wird durch thrillerähnlichen Spannungsaufbau vorangetrieben. Aus der Perspektive einer jungen Behindertenbetreuerin wird eine einseitige Liebesbeziehung zwischen einem ehemaligen Stalker im Rollstuhl und seinem früheren Opfer geschildert. Der Rollstuhlfahrer Alexander Dorm erhält wöchentlichen Besuch von jenem Mann, den er jahrelang verfolgt hat und dessen Frau er in den Selbstmord getrieben hat. Was die beiden dennoch verbindet, welche dunklen Geheimnisse sie hüten, dem will die Ich-Erzählerin Natalie auf die Spur kommen. Ihre virtuellen, phantastischen und enzyklopädisch verzweigten Gedankenräume sind das eigentliche Faszinosum des Romans, von dem der Autor in einem Interview sagt: "Der totale Roman, wo man in ein Bewusstsein eintaucht, und alle Verästelungen versprachlicht sieht, sowas will ich hauptsächlich machen."

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(c) Rowohlt

5. Jonathan Franzen (21 Punkte)

"Unschuld", Rowohlt

Jonathan Franzen, der in den USA als "Paradeintellektueller" gilt und einer der Lieblingsautoren des US-Präsidenten Barack Obama ist, legt mit "Unschuld" einen Roman vor, der kaum ein relevantes gesellschaftspolitisches Thema der Gegenwart auslässt: Überbevölkerung, Immobilienproblematik, NSA, islamistischer Terror, Massentierhaltung – anders als in seinen Büchern zuvor, die im Mittleren Westen der USA beheimatet sind, erstreckt sich die Handlung diesmal allerdings über drei Kontinente und sechs Jahrzehnte: vom Nachkriegsdeutschland, der DDR, der Wende, der digitalen Revolution, bis hin zum heutigen Amerika.
Die junge Purity Tyler, genannt Pip, von der Westcoast stammend, gerät auf der Suche nach ihrem unbekannten Vater an eine Whistleblower-Organisation, wo sie den charismatischen Andreas Wolf, einen ehemaligen DDR-Dissidenten und nunmehrige Internetberühmtheit kennenlernt. Dieser wiederum benutzt die ahnungslose Pip jedoch für seine eigenen Zwecke.
"Die eigentliche Stärke dieses ausufernden Gesellschaftsepos aber", so schreibt die NZZ, liegt in der psychologischen Tiefenbohrung, die den Figuren in die verwinkelten Schächte ihrer neurotischen Psyche folgt."

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(c) Ullstein

6. ex aequo: Laksmi Pamuntjak (15 Punkte) NEU

"Alle Farben Rot", Ullstein

1965 hatte sich in Indonesien der junge General Suharto an die Macht geputscht, seitdem war das Land geteilt in Freund und Feind der neuen Herrschenden. Verfolgt wurden alle, die im Verdacht standen Kommunisten zu sein. Misstrauen und Angst spalteten Dorfgemeinschaften und Familien. Viele verloren in gewaltsamen Unruhen ihr Leben, Tausende wurden ohne Prozess in Strafkolonien auf entlegene Inseln verschleppt. Dieser düsteren Ära der indonesischen Geschichte hat die Schriftstellerin Laksmi Pamuntjak ihren Debütroman gewidmet. Eindringlich erzählt ihr Roman "Alle Farben Rot" von einer Frau, die sich vier Jahrzehnte nach den blutigen Unruhen von 1965 noch einmal auf die Suche nach dem Mann begibt, den sie damals geliebt und in den Wirren einer Straßenschlacht aus den Augen verloren hat. Laksmi Pamuntjak entfaltet in ihrem Roman das großangelegte Panorama einer jungen Nation und ihres bewegten 20. Jahrhunderts zwischen Kolonialzeit und Unabhängigkeit, Diktatur und Demokratie.

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(c) S. Fischer

6. ex aequo: Javier Marías (15 Punkte)

"So fängt das Schlimme an", S. Fischer

"Die Wirklichkeit", hat Javier Marías kürzlich gesagt, "ist eine erbärmliche Schriftstellerin, weil sie weder auswählt noch ordnet oder dosiert; weil sie ohne Widerrede alle Zufälle schluckt."
Marías selbst verlässt sich beim Schreiben auf's "Improvisieren", wie er sagt, und damit hat er als einer der weltweit meistgeachteten spanischen Schriftsteller und permanenter Literaturnobelpreiskandidat denkbar großen Erfolg.
Sein Roman "So fängt das Schlimme an" handelt von der unglücklichen Ehe eines bekannten Filmregisseurs. Seine Frau lässt sich auf eine Affäre mit dessen Assistenten Juan ein, aus dessen Perspektive die Ereignisse geschildert werden. Juan gelingt es nicht, das dunkle Geheimnis der beiden Eheleute zu lüften, und muss erkennen: wenn wir uns nicht der Vergangenheit stellen, wird alles Leben zur Lüge. Die historische Kulisse des Romans bildet das Madrid der 1970er Jahre, kurz nach Ende des Franco-Regimes.
"Wie ein Stück Kammermusik, spannend und hell und dunkel zugleich", schreibt die spanische Tageszeitung El Mundo über diesen Roman, der von Liebe, Eifersucht und einem rätselhaften Todesfall erzählt.

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(c) Droschl

8. Monique Schwitter (14 Punkte)

"Eins im Andern", Droschl

Was ist das, die Liebe? Wie verändert sie uns? Wieso kann sie kommen und gehen? In Monique Schwitters neuem Roman "Eins im Andern" geht es um große Gefühle und deren Verflüchtigung, um den Traum von ewiger Verbundenheit und die nüchterne Realität. Die Protagonistin des Romans, eine namenlose Ich-Erzählerin, handelt ihre Liebesbiographie an zwölf Männern ab, die weitaus mehr als nur die Namen mit den zwölf Aposteln gemein haben. Es sind beinahe mythische Umrisse von Männern, die sie schreibend mit Leben und Geschichten füllt. Der Roman spielt zeitweise in der erinnerten Vergangenheit, dann wieder in der Gegenwart der Erzählerin, vieles wird bloß angedeutet, um dann später ausführlich analysiert zu werden. Spielerisch und virtuos zugleich verbindet Schwitters Vergangenheit und Gegenwart, lässt damit die Gefühle an längst Verflossene wieder auferstehen und hinterfragt Entscheidungen und Verhaltensweisen von einst mit dem Erkenntnisstand von heute.
Mit "Eins im Andern" steht Monique Schwitters auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.

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(c) Knaus

9. Jenny Erpenbeck (13 Punkte)

"Gehen, ging, gegangen", Knaus

Von einer hochaktuellen Problematik handelt der neue Roman von Jenny Erpenbeck, die zu den meistübersetzten deutschen Schriftstellerinnen zählt, und als "literarische Vermesserin" (DIE WELT) ihres Landes gilt.
Ein pensionierter Professor der Philologie, verwitwet, kinderlos und von seiner Geliebten verlassen, stößt am Berliner Oranienplatz auf eine für ihn völlig fremde Welt. Afrikanische Flüchtlinge im dortigen Protestcamp sind in den Hungerstreik getreten. Richard, so der Name des Protagonisten, beginnt sich für sie zu interessieren, und taucht, ausgerüstet mit den Instrumenten eines Wissenschaftlers - einem Fragebogen und einem Diktiergerät – in die persönlichen Schicksale dieser Menschen ein. Wenn man ein Fremder geworden ist, hat man keine Wahl, sagt der in Ghana geborene Awad. "Gehen, ging, gegangen" erzählt von denen, die weggegangen sind, aber nirgendwo ankommen dürfen. Erpenbeck legt damit einen detailliert recherchierten Tatsachenroman vor, der in seiner Fiktion eine Möglichkeit entwirft, wie das Fremde zum Vertrauten werden kann.

(c) Zsonlay Verlag

10. Henning Mankell (12 Punkte) NEU

"Treibsand", Zsolnay

Mit seiner Krimireihe über Kommissar Wallander etablierte sich Henning Mankell als erfolgreichster Schriftsteller Schwedens seit August Strindberg. Doch sein Lebenswerk darauf zu reduzieren, greift zu kurz: Mankell schrieb mehr als 40 Bücher – darunter Romane und Theaterstücke, Essays, Kinderbücher und Drehbücher – von denen weltweit mehr als 30 Millionen Exemplare verkauft wurden. Kurz vor seinem Tod, Anfang Oktober, hat Mankell sein wohl persönlichstes Buch veröffentlicht: "Treibsand – Was es heißt, ein Mensch zu sein".
Die Diagnose Krebs, die er 2014 erhalten hatte, erinnerte Henning Mankell an einen alten Albtraum: im Treibsand zu versinken, der einen unerbittlich verschlingt. Angesichts des Todes und der eigenen Endlichkeit reflektiert er in seinem Buch über Zukunftsfragen und beschreibt, was Literatur, Kunst und Musik in Momenten großer Verzweiflung bedeuten können. "Ich schlage einen Bogen von meiner Kindheit bis heute und spreche über Ereignisse, die von entscheidender Bedeutung für mich waren, und über Menschen, die uns neue Perspektiven eröffnet haben," so Mankell.

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