Die besten 10 im Oktober 2015

1. Clemens J. Setz (38 Punkte) NEU

"Die Stunde zwischen Frau und Gitarre", Suhrkamp

"Der provokativste, intelligenteste, sprachmächtigste und verstörendste Roman des Jahres" schreibt Richard Kämmerlings in DIE WELT über das jüngste Buch des Grazers Clemens Setz – und auch wenn sich diesen Superlativen nicht alle Kritiken anschließen, so hat der Feuilleton-Liebling Setz wieder einmal gehalten, was man sich von ihm verspricht. Auf 1021 Seiten entspinnt Setz ein eindringliches Assoziationsgeflecht, die Handlung wird durch thrillerähnlichen Spannungsaufbau vorangetrieben. Aus der Perspektive einer jungen Behindertenbetreuerin wird eine einseitige Liebesbeziehung zwischen einem ehemaligen Stalker im Rollstuhl und seinem früheren Opfer geschildert. Der Rollstuhlfahrer Alexander Dorm erhält wöchentlichen Besuch von jenem Mann, den er jahrelang verfolgt hat und dessen Frau er in den Selbstmord getrieben hat. Was die beiden dennoch verbindet, welche dunklen Geheimnisse sie hüten, dem will die Ich-Erzählerin Natalie auf die Spur kommen. Ihre virtuellen, phantastischen und enzyklopädisch verzweigten Gedankenräume sind das eigentliche Faszinosum des Romans, von dem der Autor in einem Interview sagt: "Der totale Roman, wo man in ein Bewusstsein eintaucht, und alle Verästelungen versprachlicht sieht, sowas will ich hauptsächlich machen."

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(c) Zsolnay

2. Karl-Markus Gauß (25 Punkte)

"Der Alltag der Welt", Zsolnay

Das pointierte Formulieren ist sein Markenzeichen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gehört der scharfzüngige Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik", Karl-Markus Gauß, zu den herausragenden Vertretern des europäischen Geisteslebens. Als wachsamer Chronist seiner Zeit hält er seine Welt- und Selbstbeobachtungen in Journalen fest. Soeben ist "Der Alltag der Welt", der fünfte Band seiner Journal-Reihe, erschienen. Darin blickt Gauß auf die Jahre 2011 bis 2013 zurück und reflektiert in autobiografischen Entwürfen, philosophischen Anmerkungen, politischen Widerreden und erzählerischen Miniaturen über Griechenland, die Heilige Inquisition, Georg Kreisler oder Twitter. "Ich schreibe, um mir etwas von der Welt ins Ich zu bergen und etwas von mir in die Welt zu retten", so Gauß. Entstanden ist ein persönliches Tagebuch zur Zeitgeschichte.

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(c) Wallstein

3. Anna Baar (19 Punkte)

"Die Farbe des Granatapfels", Wallstein

Mit "Die Farbe des Granatapfels" gelingt der in Klagenfurt lebenden, 1974 in Zagreb geborenen österreichisch-kroatischen Autorin Anna Baar ein erster großer literarischer Wurf. Alles dreht sich darin um das Heranwachsen eines Mädchens zwischen einer aus westeuropäischer Sicht archaisch anmutenden Inselwelt Kroatiens und einer behüteten österreichischen Provinzhauptstadt. Es wird darin anhand der Familiengeschichte der Autorin unter anderem der Frage, was Fremd-Sein, was Zugehörigkeit bedeutet, mit großem Willen zur Überwindung narrativer Moden, zu eigener Sprachfindung und ohne Angst vor Pathos nachgegangen. Das Selbst-Durchlittene, das Selbst-Erlebte sei das Fundament ihres Schreibens, hat Anna Baar einmal gesagt. Ihr Roman-Debüt ist das gelungene Beispiel für Literatur, die weiß, dass Autobiographisches nur eine Zwischenstation sein kann auf dem Weg zu einem literarischen Text, der hält.

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(c) Galiani

4. Alain Claude Sulzer (17 Punkte) NEU

"Postskriptum", Galiani

Sein letzter Roman "Aus den Fugen" war ein Bestseller, jetzt legt der Schweizer Autor Alain Claude Sulzer einen weiteren Künstlerroman nach. Im Mittelpunkt steht der fiktive jüdische Schauspieler Lionel Kupfer, der nach der Machtergreifung der Nazis 1933 nicht mehr auf deutschen Bühnen und vor der Kamera spielen darf. Im New Yorker Exil bleibt dem einstigen Star die große Karriere verwehrt, während sein heimlicher Liebhaber, ein Kunsthändler, mit den Machthabern in Berlin kooperiert und zum Nutznießer des Regimes wird. Sulzer erzählt von der zunehmenden Entfremdung der beiden Männer, deren Karrieren so unterschiedlich verlaufen. Im Exil resümiert der alternde Filmstar Kupfer über sein Leben und erinnert sich an einen früheren Geliebten, einen jungen Postbeamten und dessen analphabetische Mutter, denen er in besseren Tagen auf Erholungsurlaub im schweizerischen Sils Maria begegnet ist.
Unaufgeregt und mit viel beschworener Leichtigkeit erzählt Sulzer von Liebe, Illusion und Schwärmerei vor dem Hintergrund großer geschichtlicher Umbrüche.

(c) Folio Verlag

5. Drago Jančar (15 Punkte) NEU

"Die Nacht, als ich sie sah", Folio

"Es handelt sich zweifellos um Jančars Meisterwerk, um einen grandiosen Text der zeitgenössischen Literatur Europas", heißt es in der Presse. In seinem Heimatland stieß Dragon Jančar, einer der wohl wichtigsten slowenischen Schriftsteller, mit seinem jüngsten Roman, der aus differnzierter Perspektive von den Tito-Partisanen erzählt, an ein Tabu der jugoslawischen Nachkriegsgeschichte. In Frankreich wurde das Buch im Vorjahr zum besten fremdsprachigen Roman gekürt. Nun ist "Die Nacht, als ich sie sah" auch auf Deutsch erschienen. Inspiriert von einer wahren Geschichte ist jene von Veronika Zarnik und ihrem Mann Leo, wohlhabende Schlossbesitzer in Slowenien, die während des Krieges, 1944, plötzlich verschwinden. Tito-Partisanen, so stellt sich heraus, haben Veronika entführt und ermordet. Aus den Erinnerungen von fünf Personen wird ein Portrait der faszinierenden Frau rekonstruiert, die im Verdacht stand, ein Naheverhältnis mit dem Gestapo-Chef Sloweniens gehabt zu haben, und dafür mit dem Leben bezahlen musste.
Von Schuld, Gewissen, Opfern und Tätern erzählt Jančar in seinem Roman, und wirft damit existenzielle Fragen des Menschseins auf.

(c) Hanser

6. Patrick Modiano (14 Punkte) NEU

"Damit du dich im Viertel nicht verirrst", Hanser

Die Suche nach einer verlorenen Zeit ist es, die das Schreiben des Literaturnobelpreisträgers 2014, Patrick Modiano, bestimmt - so auch im jüngsten Roman. Und wieder einmal ist Paris, die Heimatstadt des Autors, vor dem historischen Panorama der fünfziger und sechziger Jahre, Schauplatz und Epizentrum seines Erzählens. Der Schriftsteller Jean Daragane erhält einen Anruf von einem Unbekannten, der behauptet, im Besitz seines Adressbuchs zu sein. Daragane lässt sich auf ein Treffen ein, und begibt sich damit auf eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit. Ein ungeklärter Mord, eine vergessene Geliebte und ein verschüttetes Kindheitstrauma des vor langer Zeit in Paris mutterlos gestrandeten Daragane kommen zum Vorschein.
Kunstvoll versteht Modiano es, viele Fragen unbeantwortet zu lassen, wie die FAZ urteilt. Kein chronologisches Erzählen ist dem französischen Romancier eigen, sondern das Beschwören von Vergangenem, das Verschwimmen von Gegenwärtigem und Erinnertem.
"Dieses Kind", heißt es im Roman, "von vielen Jahrzehnten in so graue Ferne gerückt, dass ein Fremder aus ihm wurde, nun musste er sich's eingestehen, das war er."

(c) Rowohlt

7. ex aequo: Jonathan Franzen (11 Punkte) NEU

"Unschuld", Rowohlt

Jonathan Franzen, der in den USA als "Paradeintellektueller" gilt und einer der Lieblingsautoren des US-Präsidenten Barack Obama ist, legt mit "Unschuld" einen Roman vor, der kaum ein relevantes gesellschaftspolitisches Thema der Gegenwart auslässt: Überbevölkerung, Immobilienproblematik, NSA, islamistischer Terror, Massentierhaltung – anders als in seinen Büchern zuvor, die im Mittleren Westen der USA beheimatet sind, erstreckt sich die Handlung diesmal allerdings über drei Kontinente und sechs Jahrzehnte: vom Nachkriegsdeutschland, der DDR, der Wende, der digitalen Revolution, bis hin zum heutigen Amerika.
Die junge Purity Tyler, genannt Pip, von der Westcoast stammend, gerät auf der Suche nach ihrem unbekannten Vater an eine Whistleblower-Organisation, wo sie den charismatischen Andreas Wolf, einen ehemaligen DDR-Dissidenten und nunmehrige Internetberühmtheit kennenlernt. Dieser wiederum benutzt die ahnungslose Pip jedoch für seine eigenen Zwecke.
"Die eigentliche Stärke dieses ausufernden Gesellschaftsepos aber", so schreibt die NZZ, liegt in der psychologischen Tiefenbohrung, die den Figuren in die verwinkelten Schächte ihrer neurotischen Psyche folgt."

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(c) Knaus

7. ex aequo: Jenny Erpenbeck (11 Punkte) NEU

"Gehen, ging, gegangen", Knaus

Von einer hochaktuellen Problematik handelt der neue Roman von Jenny Erpenbeck, die zu den meistübersetzten deutschen Schriftstellerinnen zählt, und als "literarische Vermesserin" (DIE WELT) ihres Landes gilt.
Ein pensionierter Professor der Philologie, verwitwet, kinderlos und von seiner Geliebten verlassen, stößt am Berliner Oranienplatz auf eine für ihn völlig fremde Welt. Afrikanische Flüchtlinge im dortigen Protestcamp sind in den Hungerstreik getreten. Richard, so der Name des Protagonisten, beginnt sich für sie zu interessieren, und taucht, ausgerüstet mit den Instrumenten eines Wissenschaftlers - einem Fragebogen und einem Diktiergerät – in die persönlichen Schicksale dieser Menschen ein. Wenn man ein Fremder geworden ist, hat man keine Wahl, sagt der in Ghana geborene Awad. "Gehen, ging, gegangen" erzählt von denen, die weggegangen sind, aber nirgendwo ankommen dürfen. Erpenbeck legt damit einen detailliert recherchierten Tatsachenroman vor, der in seiner Fiktion eine Möglichkeit entwirft, wie das Fremde zum Vertrauten werden kann.

(c) S. Fischer Verlag

9. ex aequo: Javier Marías (8 Punkte) NEU

"So fängt das Schlimme an", Fischer

"Die Wirklichkeit", hat Javier Marías kürzlich gesagt, "ist eine erbärmliche Schriftstellerin, weil sie weder auswählt noch ordnet oder dosiert; weil sie ohne Widerrede alle Zufälle schluckt."
Marías selbst verlässt sich beim Schreiben auf's "Improvisieren", wie er sagt, und damit hat er als einer der weltweit meistgeachteten spanischen Schriftsteller und permanenter Literaturnobelpreiskandidat denkbar großen Erfolg.
Sein Roman "So fängt das Schlimme an" handelt von der unglücklichen Ehe eines bekannten Filmregisseurs. Seine Frau lässt sich auf eine Affäre mit dessen Assistenten Juan ein, aus dessen Perspektive die Ereignisse geschildert werden. Juan gelingt es nicht, das dunkle Geheimnis der beiden Eheleute zu lüften, und muss erkennen: wenn wir uns nicht der Vergangenheit stellen, wird alles Leben zur Lüge. Die historische Kulisse des Romans bildet das Madrid der 1970er Jahre, kurz nach Ende des Franco-Regimes.
"Wie ein Stück Kammermusik, spannend und hell und dunkel zugleich", schreibt die spanische Tageszeitung El Mundo über diesen Roman, der von Liebe, Eifersucht und einem rätselhaften Todesfall erzählt.

(c) Suhrkamp

9. ex aequo: Ralf Rothmann (8 Punkte)

"Im Frühling sterben", Suhrkamp

Der Autor Ralf Rothmann, der seine Romane meist im Ruhrgebiet und in Berlin spielen lässt, im Arbeitermilieu, sucht sich diesmal ein historisch prominentes, von der Literatur bereits von vielen Seiten durchleuchtetes Sujet. In "Im Frühling sterben" erzählt der vielen als weit unterschätzter Autor geltende die Geschichte zweier siebzehnjähriger Melker aus Norddeutschland – Walter und Friedrich – die im Februar 1945 zwangsrekrutiert werden. Während man den einen als Fahrer in der Versorgungseinheit der Waffen-SS einsetzt, muss der andere an die Front. Er desertiert, wird gefasst und zum Tod verurteilt, und Walter, dessen zynischer Vorgesetzter nicht mit sich reden lässt, steht plötzlich mit dem Karabiner im Anschlag vor seinem besten Freund. In eindringlichen Bildern taucht man lesend ein ins letzte Kriegsfrühjahr in Ungarn und die ersten Wochen des Friedens, der für jene, die im Krieg waren, kein Friede sein kann. "Im Frühling sterben" ist ein präziser und schonungsloser Antikriegsroman, der durch Krieg beschädigten Menschen ein Denkmal setzt. Die Grundlage des Textes bildet die Biographie von Ralf Rothmanns Vater.

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TV-Tipp

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse begrüßt Christian Ankowitsch die Schauspielerin und Schriftstellerin Monique Schwitter sowie den Schriftsteller Clemens J. Setz zu einer neuen Ausgabe der les.art am 5.10. ab 23.25 Uhr in ORF 2.

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