Die besten 10 im Februar 2015




(c) Schöffling

1. Ian McEwan (40 Punkte) NEU

"Kindeswohl", Diogenes

Mit seinem neuen Roman „Kindeswohl“ begibt sich der britische Bestsellerautor Ian McEwan in das Spannungsfeld zwischen Religion und weltlichem Recht, familiärer Verpflichtung und individueller Selbstbestimmung, mitten hinein in ein brisantes moralisches Dilemma. Im Mittelpunkt des Geschehen steht eine Londonder Familienrichterin, deren Mann ihr zu Beginn der Geschichte den Wunsch nach einer außerehelichen Affäre offenbart. Gleichzeitig verlangt ihr der juristische Beruf eine dringende Entscheidung ab: ein 17jähriger Leukämiepatient verweigert auf Geheiß seiner Eltern, Zeugen Jehovas, eine überlebensnotwendige Bluttransfusion. Das Spital drängt auf einen richterlichen Bescheid im Eilverfahren.
"Ian McEwan ist ein Meister analytischer Klarheit in der Problementfaltung seiner Romane" (BR). Er wirft nicht nur komplexe Fragen des Mensch-Seins auf, sondern seine spannungsgeladene Geschichte ist auch in eine diffizile Momentaufnahme der britischen Gesellschaft.

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2. ex aquo: Mircea Cărtărescu (27 Punkte)

"Die Flügel", Zsolnay

Mit "Die Flügel" vollendet der wohl bekannteste Autor rumänischer Gegenwartsliteratur, Mircea Cărtărescu, seine 1800 Seiten umfassende Romantrilogie. Den historischen Hintergrund im letzten Band bildet der Umsturz Rumäniens im Dezember 1989. Die Tage des Ceausescu-Regimes sind gezählt, gewalttätige Demonstrationen, Hunger und Kälte prägen den Alltag Bukarests. Aus verschiedenen Erzählerspektiven und Standpunkten zeichnet Cărtărescu ein sprachgewaltiges, vielstimmiges Familien- und Gesellschaftsportrait, in dessen Mittelpunkt der gleichnamige Erzähler Mircea steht.
Rachegefühle und Wut gegenüber jener Diktatur, die einer ganzen Generation die Jugend gestohlen hatte, sind der Motor seines Erzählens, so Cărtărescu. Der Roman wechselt zwischen realitätsnahen Beobachtungen der historischen Ereignisse, symbolhaften Visionen und Träumen des Erzählers und kosmischer Privatmythologie, die der Autor zu einem "überwältigenden psychedelischen Meisterwerk" (NZZ) zusammenfügt.

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(c) DuMont

2. ex aquo: Michel Houellebecq (27 Punkte) NEU

"Unterwerfung", DuMont

Michel Houellebecqs jüngster Roman sorgte durch seinen unfreiwilligen Bezug auf aktuelle Ereignisse für heftige politische Debatten: der Erscheinungstag der französischen Originalausgabe von "Unterwerfung" fiel just auf den Tag der islamistischen Attentate auf die Pariser Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo".
In seiner Dystopie macht Houellebecq das Schreckensszenario von Pegida und diversen populistischen Rechtsparteien wahr: Im Frankreich der nahen Zukunft kommt mit Hilfe der Konservativen und der Sozialdemokraten ein muslimischer Präsident an die Macht. Der Aufstieg des gemeinsamen Feinds, des Front National, soll damit verhindert werden. Das säkulare Frankreich wird unter dem Halbmond Stück für Stück abgeschafft. Viele Kritiker sind sich einig: mit diesem literarischen Denkexperiment hält der Autor weniger dem Islam, als dem dekadenten Westen und seiner in moralischer Hinsicht zerrütteten Verfasstheit einen Spiegel vor.

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(c) Otto Müller

4. Karin Peschka (23 Punkte)

"Watschenmann", Otto Müller

Wien, im Jahr 1954, ist der Schauplatz des Debütromans der Autorin und Sozialarbeiterin Karin Peschka. Die ersten beiden Kapitel ihrer Geschichte über drei entwurzelte Charaktere der österreichischen Nachkriegsgesellschaft wurden in der Entstehungsphase bereits mit dem Wartholz-Literaturpreis ausgezeichnet.
Die Prostituierte Lydia, der serbische Boxer Dragan und der Watschenmann Heinrich bilden das Personal des Romans. Während Lydia auf ihren noch nicht wieder heimgekehrten Verlobten wartet und Dragan nach einer lebenswerten Normalität sucht, will Heinrich seine Mitmenschen durch provozierte Gewalt erlösen. Wie der Watschenmann im Wiener Prater lässt er sich schlagen, damit sich andere von Kriegstraumata und faschistischen Ideologien befreien können. In präziser Sprache erzählt Peschka von Menschen an den Rändern der Gesellschaft und ihren Strategien, mit Trauer und persönlichem Leid umzugehen.

(c) Suhrkamp

5. Szilárd Borbély: "Die Mittellosen", Suhrkamp (20 Punkte)

"Die Mittellosen", Suhrkamp

"Selten sind die Schrecken eines entlegenen Dorfes so eindringlich geschildert worden wie in Szilárd Borbélys autobiographischen Roman"(Deutschlandfunk). "Die Mittellosen", das sind die Eltern des sechsjährigen Erzählers, der als Sohn einer depressiven Mutter und eines alkoholkranken Vaters in einem Dorf im Dreiländereck von Ungarn, Rumänien und der Ukraine in bitterer Armut aufwächst. Archaische Brutalität, Hass und Mordlust stehen an der Tagesordnung, die Familie wird auf Grund ihrer rumänisch-jüdischen Wurzeln von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen. Schon früh wird der Sohn mit dem Tod konfrontiert. In Vertretung seines Vaters muss er Tiere schlachten, der Bruder stirbt früh und die Mutter muss regelmäßig vom Selbstmord abgehalten werden.
Die Motive Angst und Tod durchziehen das Werk des renommierten ungarischen Autors, Lyrikers Übersetzers und Literaturwissenschaftlers Borbély, der sich im vergangenen Februar mit 49 Jahren das Leben nahm.

6. Evelyn Schlag (17 Punkte)

"verlangsamte raserei", Zsolnay

"verlangsamte Raserei", so lautet der Titel des neuen Gedichtbands von Evelyn Schlag und er ist programmatisch zu verstehen: als Aufruf zum Innehalten, zum Sich-Zeit-Nehmen für diese Gedichte. "ruhe / ist ein anderes leben" heißt es darin einmal und um diese Ruhe, die andere Sinneserfahrungen erst möglich macht, geht es in diesen Gedichten. In insgesamt acht Zyklen nimmt die österreichische Schriftstellerin den Leser mit auf eine Reise. Es sind Zeitreisen in die eigene Vergangenheit, in die Geschichte der Landschaft und der Welt. Es geht um die Realität und ihre Auflösung, um die verschiedenen Arten der Liebe und deren Beziehungen zueinander.
Seit fast drei Jahrzehnten zählt Evelyn Schlag zu den unüberhörbaren Stimmen der zeitgenössischen Lyrik. Im Zentrum ihrer Verse stehen stets die Liebe und die Natur, die sie in einer zugleich ruhigen und dennoch eindringlichen Sprache feiert. Mit "verlangsamte raserei" ist ihr sechster Lyrikband erschienen.

(c) Hanser

7. ex aquo: Patrick Modiano (14 Punkte)

"Gräser der Nacht", Hanser

Als idealer Einstieg in das Werk des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano wurde der nun auf Deutsch erschienene Roman "Gräser der Nacht" mehrfach von der Kritik bezeichnet. Der französische Meistererzähler und "Erinnerungskünstler par exellence" (Die Welt) führt sein Können damit zu einem vorläufigen Höhepunkt.
Ein Schriftsteller um die 70 erinnert sich an eine kurze heftige Liebesaffäre im Jahr 1964 zurück. Auf seinen Streifzügen durch Montparnasse rekonstruiert er die Zeit mit der geheimnisvollen Dannie, die er in ein politisches Verbrechen verwickelt vermutet. Nach drei Monaten verschwindet sie spurlos, ihre Identität lässt sich nicht mehr klären. Mit "Gräser der Nacht" bewegt sich Modiano zwischen den Genres Krimi, Liebesgeschichte und Gespensterroman und lässt auf eindrucksvolle Weise ein atmosphärisch verdichtetes Paris der 1960er Jahre wieder auferstehen.

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(c) Schöffling

7. ex aquo: Anna-Elisabeth Mayer (14 Punkte) NEU

"Die Hunde von Montpellier", Schöffling & Co.

Anna-Elisabeth Mayer dringt mit ihrem zweiten Roman tief in die Gesellschaftsstruktur des neuzeitlichen 16. Jahrhunderts vor. Detailgenau fiktionalisiert sie die historisch verbürgte Biographie des französischen Anatomen und Naturforschers Guillaume Rondelet. Mit seinem unermüdlichen Wissensdrang verstößt Rondelet nicht nur gegen religiös geprägte Konventionen der Zeit – als er sein eigenes verstorbenes Kind seziert, um der Todesursache auf die Schliche zu kommen, reagiert auch seine Familie mit Befremden und Misstrauen. Die titelgebenden Hunde von Montpellier begleiten Rondelet leitmotivisch von Seziertisch zu Seziertisch.
In schlichter, präziser Sprache erzählt Mayer von einer Zeit, die noch stark von Aberglaube und Gottesfurcht geprägt war, und der der rationale Erkenntniswille des Protagonisten diametral entgegen gesetzt ist. "Vom ersten Satz an ein hochdramatischer, ein faszinierender Roman". (Der Standard)

(c) Residenz

9. Elisabeth Klar (8 Punkte) NEU

"Wie im Wald", Residenz

An jenem Punkt, wo Krimis aufhören zu erzählen, beginnt bei Elisabeth Klar die eigentliche Geschichte. Ihr Debütroman „Wie im Wald“ ist ein spannungsgeladenes Psychogramm einer Familie mit dunkler Vergangenheit. 10 Jahre nach dem ungeklärten Tod des Vaters holt die Tochter Karin ihre schwer traumatisierte Stiefschwester Lisa, ein Pflegekind, nach Hause zurück. Großeltern und Geschwister sind entsetzt, Schuldzuweisungen und Machtspiele der Vergangenheit beginnen erneut den Alltag zu prägen.
Vielstimmig und sprachmächtig rekonstruiert Klar eine abgründige Familientragödie. Ihre Geschichte über Selbstlügen, Missbrauch und Verletzungen in der Kindheit lässt die Frage danach, wer Opfer und wer Täter ist, offen - "und genau das macht den Roman so interessant". (Wiener Zeitung)