Bestenliste: Die besten 10 im Mai 2014

Pixel © Nischen Verlag

1. Krisztina Tóth (38 Punkte)

"Pixel", Nischenverlag

Mit "Pixel" legt die ungarische Schriftstellerin Krisztina Tóth einen unkonventionellen Novellenzyklus vor, der mit einem ebenso gnadenlosen wie sinnlichen Blick ganz unterschiedliche Lebensentwürfe des 20 Jahrhunderts beleuchtet. Den dreißig Novellen des Bandes sind dreißig Körperteile zugeordnet. Sie gehören unterschiedlichen Personen, deren Wege sich immer wieder kreuzen. Es ist Aufgabe des Lesers die einzelnen Pixel zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. "Würden wir den Dingen mehr Aufmerksamkeit schenken, stünde es auch um uns Menschen besser", lautet einer der vielen Subtexte dieses Buches. "Der Atem stockt dem Leser schon nach den ersten Sätzen", schreibt Insa Wilke in der "ZEIT" und bezeichnet "Pixel" als eine Entdeckung.

Vielleicht Esther © Suhrkamp Verlag

2. Katja Petrowskaja (37 Punkte)

"Vielleicht Esther", Suhrkamp

"Vielleicht Esther" heißt Katja Petrowskajas Debütroman, der auszugsweise schon im Sommer letzten Jahres mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden ist und zuletzt auch für den Leipziger Buchpreis nominiert war.
Petrowskaja erzählt darin ihre Familiengeschichte, die von Kiew über Warschau, Moskau und Odessa führt und schließlich in der Suche nach der eigenen Identität mündet. Dabei webt sie ein dichtes Netz aus Erinnerungen, Dokumenten und Bezügen; entwirrt es, knüpft es anders wieder zusammen und fügt neue Fäden hinzu: entstanden ist ein großartig erzähltes Panorama des 20. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert des Massenmords, der Deportationen und Kriege, in dem nationale Grenzen und Zuschreibungen von Volkszugehörigkeit über Leben und Tod entscheiden.
Laut SPIEGEL schafft Katja Petrowskaja mit diesem Roman ein Kunstwerk, wie man es in der deutschsprachigen Literatur selten findet: eine Familiengeschichte, die weder von den literarischen Konventionen, noch von der historischen Last des erzählten Stoffes erdrückt wird.

Mehr in OE1.orf.at

Vor dem Fest © Luchterhand

3. Saša Stanišić (24 Punkte)

"Vor dem Fest", Luchterhand

Die Sprache sei seine Gespielin, so Saša Stanišić. Sie sei eine Modelliermasse, so wie Lehm oder Plastilin, die er bearbeitet, knetet und formt. Dass der aus Bosnien und Herzegowina stammende deutschsprachige Schriftsteller sein Handwerk beherrscht, hat er bereits 2006 bewiesen, als ihm mit seinem Romandebüt "Wie der Soldat das Grammofon reparierte" ein in dreißig Sprachen übersetzter Weltbestseller gelang. Nun ist sein neuer Roman erschienen, mit dem Stanišić nicht minder erfolgreich ist. "Vor dem Fest" hat nicht nur auf Anhieb das deutsche Feuilleton begeistert, sondern auch den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Schon die erste Auflage war am Tag der offiziellen Präsentation ausverkauft.
Dreh-und Angelpunkt ist ein ostdeutsches Dorf: Fürstenfelde. Stanišić beschreibt die Vorbereitungen zum jährlichen Annenfest, mischt sich dabei unter die letzten Überlebenden und erweckt einen verschlossenen Ort zum Leben. Für "DIE ZEIT ist dieser Roman "ein Geschichtsbuch, vom Mittelalter bis heute, durchsetzt mit Fabeln und Berichten aus der Chronik. Ein Buch über Krieg, Plünderungen, "Herkunft, Heimat, Hobby, Hitler, Hoffnung, Hartz IV", über Helden, die nicht immer Helden sein können, weil es anderes zu tun gibt. (...) Ein Buch wie wenige andere. Politisch versiert und stilistisch ein Kunststück."

Der Distelfink © Goldmann Verlag

4. Donna Tartt (20 Punkte) NEU

"Der Distelfink", Goldmann

Ob in den USA, in Deutschland oder in Österreich - Donna Tartts neuer Roman "Der Distelfink", an dem sie ein Jahrzehnt gearbeitet hat, sorgt für große Aufmerksamkeit. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Welt" sprechen von einem "Meisterwerk" - Donna Tartt wird mit weltliterarischen Größen wie Proust und Dickens verglichen. Vor kurzem ist die zurückgezogen lebende Autorin für ihren jüngsten Wurf mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden.
Der Ich-Erzähler, Theo Decker, ist dreizehn Jahre alt, als er seine Mutter bei einem Bombenanschlag im New Yorker Metropolitan Museum verliert. Im Zuge der darauf folgenden Wirren entwendet er das Bild "der Distelfinken": gemalt wurde es von Carel Fabritius, der Schüler Rembrandts und Lehrer Vermeers war. Es ist ein Lieblingsbild seiner Mutter: fortan dient es ihm als Erinnerung an sie.
Mit diesem Zusammenfall von Verlust und Raub beginnt der Roman, der in Rückblenden erzählt wird. Auf mehr als 1000 Seiten entwirft Tartt ausgefallene Charaktere und Lebensläufe, schreibt von Kindern und ihren Eltern, dem Tod und dem Versuch, Verlust zu überwinden, von Freundschaft, Verrat und Liebe. Ein Buch, das davon zeugt, dass hier jemand jenseits aller Denkmoden, versucht, das Leben schreibend zu durchdringen.

Mehr in OE1.orf.at

Lob der Sprache, Glück des Schreibens  ©  Hermann Resch / Otto Müller Verlag

5. Karl-Markus Gauß (12 Punkte)

"Lob der Sprache, Glück des Schreibens", Otto-Müller

Ob kulturkritische Essays, pointierte Glossen oder selbstironische Erzählungen: Karl-Markus Gauß verfügt über viele Formen und Tonlagen. "Schreibe ich nicht, so werde ich schon über kurz ein dümmerer und über lang auch ein schlechterer Mensch", so Gauß. "Lob der Sprache, Glück des Schreibens" heißt folgerichtig sein neues Buch und versammelt von ihm gehaltene Reden und Nachrufe, Feuilletons und Kurzprosa der letzten zwanzig Jahre. Darin widmet sich Gauß - der demnächst seinen 60. Geburtstag feiert - gewohnt scharfsinnig, gelehrt und gewitzt den Problemen des Alltags, den Verheißungen des Fortschritts und seinen eigenen Vorurteilen.

Wir Erben © Jung und Jung

6. Angelika Reitzer (11 Punkte)

"Wir Erben", Jung und Jung

"Die Herausforderung war, das Geschehen konstant voranzutreiben – und den Figuren so gut wie kein Innenleben zuzuschreiben, das sie denken, handeln und schließlich etwas sagen lässt, wobei das Gesagte sich vom Gedachten unterscheiden müsste" so Angelika Reitzer über ihren neuen Roman "Wir Erben".
Es ist ihr viertes Buch in zehn Jahren und nach "Taghelle Gegend" und "Unter uns" der dritte Roman der in Wien lebenden Grazerin. Lektüre zum schnellen Leseverzehr liegt Reitzer – die sich innerhalb der heimischen Literaturszene dezent im Hintergrund hält – fern. Sie misstraut den konventionellen Erzählmustern. Statt klar auszuformulieren, deutet sie lieber nur an, wechselt Zeit und Perspektiven. Dass sich Biografien sauber auf einen Lebensfaden fädeln lassen, daran glaubt Reitzer nicht. Klar, präzise und dabei mit voller Intensität erzählt "Wir Erben" anhand von Fakten, Wahrnehmungen und Erinnerungen die Geschichte zweier Frauen und ihrer Familien, ohne dabei ein Familienroman im herkömmlichen Sinn zu sein.

Der Thronfolger  © Paul Zsolnay Verlag

ex aequo: Ludwig Winder (11 Punkte) NEU

"Der Thronfolger", Paul Zsolnay

"Wie kann jemand so gute Romane schreiben und doch so gründlich vergessen werden?" fragt Karl-Markus Gauß in der ZEIT. Seiner Meinung nach hat der vergessene Schriftsteller Ludwig Winder einen der besten historischen Romane der deutschen Literatur geschrieben. "Der Thronfolger" heißt Winders Romanbiografie über den ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand, die bereits 1937 im Schweizer Humanitas Verlag erschienen ist, die aber weder in Deutschland noch in Österreich verkauft werden durfte, weil ihr Verfasser ein Jude war. 1984 wurde sie erneut in Ost-Berlin verlegt und jetzt – hundert Jahre nach dem Attentat von Sarajevo - vom Wiener Zsolnay Verlag wiederentdeckt.
Im Zentrum steht der 28. Juni 1914, Schauplatz ist Sarajevo, Ecke Franz-Joseph-Straße/Appelkai. Mit zwei Pistolenschüssen tötet der 19-jährige Gavrilo Princip den Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie. Einen Monat später erklärt Österreich dem Königreich Serbien jenen Krieg, der den Ersten Weltkrieg zur Folge hat. Laut Karl-Markus Gauß gelingt Winder mit diesem Buch "im Charakterbild einer zugleich abstoßenden und in ihrer grimmigen Unrast doch bemitleidenswerten Tyrannennatur das Porträt einer ganzen Gesellschaft zu entwerfen, die ihrem Untergang entgegenzaudert."

Vom Gebrauch der Wünsche ©Haymon Verlag

8. Lydia Mischkulnig (10 Punkte) NEU

"Vom Gebrauch der Wünsche", Haymon

Aufgewachsen in einem Altersheim, in dem seine Mutter arbeitet, sind es vor allem ältere Menschen, mit denen Leon viel Zeit verbringt und die ihn prägen. Er ist noch ein Kind, als er jener Frau begegnet, die er sein Leben lang begehren wird. Als er sie Jahrzehnte später beim Tangotanzen wieder trifft, verändert das sein Leben folgenschwer.
"Vom Gebrauch der Wünsche" heißt Lydia Mischkulnigs neuer Roman, in dem viel gewünscht und wenig erfüllt wird. Meist werden die Sehnsüchte weder ausgesprochen noch artikuliert. Vieles bleibt im Vagen, vieles – so scheint es – regelt der Zufall. 
Mit großer Leidenschaft und sprachlicher Präzision leuchtet Mischkulnig zwischenmenschliche Abgründe aus und erzählt eine Geschichte von Liebe, Verlust und Begehren.

Zwischen zwei Wassern © Haymon Verlag

ex aequo: Andreas Neeser (10 Punkte) NEU

"Zwischen zwei Wassern“, Haymon

"Andreas Neeser hat eine vorsichtige, fragile, doch kraftvolle Sprache, sie ist fein, sie ist bitter, sie ist leise, sie ist verletzlich. Und genau. Also schön", so Péter Esterházy über Andreas Neesers neuen Roman.
"Zwischen zwei Wassern" ist ein eindringliches Kammerspiel, angesiedelt auf der bretonischen Küste, das existentielle Fragen nach dem Schicksal, Zufall und der Schuld aufwirft. Dreh-und Angelpunkt ist das Lokal von Jean: hier treffen sich gestrandete Künstlerexistenzen und nicht minder eigensinnige Fischer. Geredet wird nur das Notwendigste, getrunken umso mehr. Auch der Erzähler, ein Schweizer Geographielehrer, ist hier immer wieder zu Gast. Vor einem Jahr wurde seine Freundin von einer Brandungswelle erfasst und getötet, während er mit Verletzungen davon kam. Diese sind mittlerweile schon längst wieder verheilt, was jedoch bleibt ist der Schmerz des Verlusts. Wie weiterleben, wenn der wichtigste Mensch plötzlich fehlt?
Präzise, behutsam und ohne jegliche Sentimentalität erzählt Andreas Neeser von Liebe, Abschied und dem Versuch, einen Neubeginn zu wagen.

Das Polykrates-Syndrom © Droschl Verlag

ex aequo: Antonio Fian (10 Punkte)

"Das Polykrates-Syndrom", Droschl

Wer zu viel Glück hat, den ereilt früher oder später böses Unheil - zumindest dem Tyrannen Polykrates aus der griechischen Antike ist es so ergangen.
Antonio Fian, Wiener Satiriker, Dramatiker und Autor mit Kärntner Wurzeln, bedient sich dieses Motivs für seinen neuen Roman. Der Protagonist Artur, ein Nachhilfelehrer und Copyshop-Mitarbeiter, leidet am Polykrates-Syndrom, der Angst für zu viel Glück vom Schicksal gerächt zu werden. Sein mittelmäßiges Dasein als Ehemann findet ein jähes Ende, als Alice in sein Leben tritt. Die heimliche Affäre mit der jungen Frau wird für Artur in mehrfacher Hinsicht zum Verhängnis.
Fian, den man vor allem als Meister der Kurzform kennt, hat nun seinen zweiten Roman vorgelegt. "Das Polykrates-Syndrom" ist ein bitterböser Thriller, dem es an Komik jedoch nicht fehlt.

Mehr in OE1.orf.at

Das Buch gegen den Tod © Carl Hanser Verlag

ex aequo: Elias Canetti (10 Punkte) NEU

"Das Buch gegen den Tod", Carl Hanser

"Solange ich schreibe, fühle ich mich sicher", so einst Elias Canetti. Er hat das katastrophenreiche 20. Jahrhundert durchlitten, durchlebt und literarisch verarbeitet. Weltweit berühmt gemacht haben ihn seine autobiographischen Erzählungen: "Die gerettete Zunge", "Die Fackel im Ohr" und "Das Augenspiel".
Jetzt ist posthum im Hanser Verlag bisher Unbekanntes von ihm erschienen. Ein Buch, dessen Thema ihn Zeit seines Lebens beschäftigt hat, an dem er sich ein Leben lang abgearbeitet und es dennoch nie zu Ende gebracht hat: "Das Buch gegen den Tod". Über 300 Seiten dick ist es, ausgestattet mit einer Vielzahl von Canettis Notizen aus fünf Jahrzehnten. Aber auch fremde Textquellen, darunter Zeitungsmeldungen und Zitate von Dichtern, Philosophen und Wissenschaftlern fließen in das Buch mit ein. Der Großteil stammt aus dem Nachlass Canettis und war bislang unveröffentlicht.

Der persönliche Tipp von Edith-Ulla Gasser, Ö1

Jürg Beeler: "Der Mann, der Balzacs Romane schrieb", Dörlemann

Es kommt selten vor, dass ich einen Autor bereits nach zwei gelesenen Büchern zu einem Lieblingsautor erkläre. Im Fall von Jürg Beeler mache ich jedoch eine begeisterte Ausnahme von dieser Gewohnheitsregel. Wie in Jürg Beelers letztem Buch "Solo für eine Kellnerin" geht es auch hier um einen melancholischen Verlierertyp, dem das Leben auf eine durchaus lyrisch zu nennende Weise entgleitet. Nicht gerade eine Buchzusammenfassung, so sollte man meinen, die zum Lesen dieses Romans animiert. Aber WIE dieser Protagonist sein trauriges Leben erzählt, das ist die Lektüre wert! Jan Panowski, "Der Mann, der Balzacs Romane schrieb", ist Bibliothekar und verhinderter Bestsellerautor, unbeholfener Liebhaber und wenig erfolgreicher Bruder seines glamourösen eineiigen Zwillings David Panowski. Er ist Brandopfer, Mörder aus Versehen und tragisch exilierter Raucher in einer Welt, die nur noch aus Nichtrauchern zu bestehen scheint.

Der Autor Jürg Beeler, der in Bremen und Zürich lebt, brachte nach etlichen bei Haymon erschienenen Büchern seinen neuen Roman in dem in Österreich relativ wenig bekannten Schweizer Dörlemann Verlag heraus. Das subtile Beziehungsgeflecht zwischen den Zwillingsbrüdern David und Jan sowie deren Gefährtinnen Raymonde und Adrienne wird im klassischen Wechsel zwischen Gegenwart und Rückblenden erzählt. Ausgehend von Davids Begräbnis entwickelt sich ein sanfter Biographie-Krimi, in dem die Stadt Paris eine wesentliche Rolle spielt. In dem Buch schimmern immer wieder Tolstois und Dostojewskis verwirrte Helden durch, wenn Jan Panowski in einer Mischung aus Erkenntnisstärke und Orientierungslosigkeit versucht, seine verlorenen Lebensspuren zurückzuverfolgen, und sich "seine" Stadt Paris von seinem Doppelgänger, dem toten Zwillingsbruder zurückzuerobern.