Bestenliste: Die besten 10 im April 2014

Vielleicht Esther © Suhrkamp

1. Katja Petrowskaja (31 Punkte) NEU

"Vielleicht Esther", Suhrkamp

"Vielleicht Esther" heißt Katja Petrowskajas Debütroman, der nicht nur den ersten Platz der ORF Bestenliste belegt, sondern auszugsweise schon im Sommer letzten Jahres mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden ist und zuletzt auch für den Leipziger Buchpreis nominiert war.
Petrowskaja erzählt darin ihre Familiengeschichte, die von Kiew über Warschau, Moskau und Odessa führt und schließlich in der Suche nach der eigenen Identität mündet. Dabei webt sie ein dichtes Netz aus Erinnerungen, Dokumenten und Bezügen; entwirrt es, knüpft es anders wieder zusammen und fügt neue Fäden hinzu: entstanden ist ein großartig erzähltes Panorama des 20. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert des Massenmords, der Deportationen und Kriege, in dem nationale Grenzen und Zuschreibungen von Volkszugehörigkeit über Leben und Tod entscheiden. Laut SPIEGEL schafft Katja Petrowskaja mit diesem Roman ein Kunstwerk, wie man es in der deutschsprachigen Literatur selten findet: eine Familiengeschichte, die weder von den literarischen Konventionen, noch von der historischen Last des erzählten Stoffes erdrückt wird.

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Vor dem Fest ©  Luchterhand

2. Saša Stanišić (29 Punkte) NEU

"Vor dem Fest", Luchterhand

Die Sprache sei seine Gespielin, so Saša Stanišić. Sie sei eine Modelliermasse, so wie Lehm oder Plastilin, die er bearbeitet, knetet und formt. Dass der aus Bosnien und Herzegowina stammende deutschsprachige Schriftsteller sein Handwerk beherrscht, hat er bereits 2006 bewiesen, als ihm mit seinem Romandebüt "Wie der Soldat das Grammofon reparierte" ein in dreißig Sprachen übersetzter Weltbestseller gelang. Nun ist sein neuer Roman erschienen, mit dem Stanišić nicht minder erfolgreich ist. "Vor dem Fest" hat nicht nur auf Anhieb das deutsche Feuilleton begeistert, sondern auch den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Schon die erste Auflage war am Tag der offiziellen Präsentation ausverkauft.
Dreh-und Angelpunkt ist ein ostdeutsches Dorf: Fürstenfelde. Stanišić beschreibt die Vorbereitungen zum jährlichen Annenfest, mischt sich dabei unter die letzten Überlebenden und erweckt einen verschlossenen Ort zum Leben. Für "DIE ZEIT" ist dieser Roman "ein Geschichtsbuch, vom Mittelalter bis heute, durchsetzt mit Fabeln und Berichten aus der Chronik. Ein Buch über Krieg, Plünderungen, "Herkunft, Heimat, Hobby, Hitler, Hoffnung, Hartz IV", über Helden, die nicht immer Helden sein können, weil es anderes zu tun gibt. (...) Ein Buch wie wenige andere. Politisch versiert und stilistisch ein Kunststück."

Lob der Sprache, Glück des Schreibens © Otto Müller Verlagsgesellschaft

3. Karl-Markus Gauß (22 Punkte) NEU

"Lob der Sprache, Glück des Schreibens", Otto-Müller

Ob kulturkritische Essays, pointierte Glossen oder selbstironische Erzählungen: Karl-Markus Gauß verfügt über viele Formen und Tonlagen. "Schreibe ich nicht, so werde ich schon über kurz ein dümmerer und über lang auch ein schlechterer Mensch", so Gauß. "Lob der Sprache, Glück des Schreibens" heißt folgerichtig sein neues Buch und versammelt von ihm gehaltene Reden und Nachrufe, Feuilletons und Kurzprosa der letzten zwanzig Jahre. Darin widmet sich Gauß - der demnächst seinen 60. Geburtstag feiert - gewohnt scharfsinnig, gelehrt und gewitzt den Problemen des Alltags, den Verheißungen des Fortschritts und seinen eigenen Vorurteilen.

Wir Erben © Jung und Jung

4. Angelika Reitzer (17 Punkte) NEU

"Wir Erben", Jung und Jung

"Die Herausforderung war, das Geschehen konstant voranzutreiben – und den Figuren so gut wie kein Innenleben zuzuschreiben, das sie denken, handeln und schließlich etwas sagen lässt, wobei das Gesagte sich vom Gedachten unterscheiden müsste" so Angelika Reitzer über ihren neuen Roman "Wir Erben".
Es ist ihr viertes Buch in zehn Jahren und nach "Taghelle Gegend" und "Unter uns" der dritte Roman der in Wien lebenden Grazerin. Lektüre zum schnellen Leseverzehr liegt Reitzer – die sich innerhalb der heimischen Literaturszene dezent im Hintergrund hält – fern. Sie misstraut den konventionellen Erzählmustern. Statt klar auszuformulieren, deutet sie lieber nur an, wechselt Zeit und Perspektiven. Dass sich Biografien sauber auf einen Lebensfaden fädeln lassen, daran glaubt Reitzer nicht. Klar, präzise und dabei voller Intensität erzählt "Wir Erben" anhand von Fakten, Wahrnehmungen und Erinnerungen die Geschichte zweier Frauen und ihrer Familien, ohne dabei ein Familienroman im herkömmlichen Sinn zu sein.

14 © Hanser

5. Jean Echenoz (16 Punkte)

"14", Hanser Berlin

In seinem Roman "14" erzählt der Prix-Goncourt-Preisträge Jean Echenoz den Ersten Weltkrieg im Zeitraffer und aus wechselnden Perspektiven. Fünf Männer ziehen in den Krieg, eine schwangere Frau wartet auf die Rückkehr von zweien von ihnen. Vor allem ist es der junge Soldat Anthime, der seinen Arm verliert, und dadurch der Schlacht von Verdun entkommt, aus dessen Sicht Echenoz den grausamen Kriegsalltag in seiner gesamten Banalität greifbar macht. Schützengräben, Erschießungen, Langeweile und die Sehnsucht nach dem zu Hause – mit scharfem Blick für das Detail geht der Autor den seelischen Empfindungen seiner Hauptfiguren nach, bleibt im Erzählstil sachlich und kühl, und schreibt bisweilen auch humorvoll und melancholisch. Statt als das schiere Entsetzen erscheint der Krieg hier auf unheimliche Weise menschlich. (Süddeutsche Zeitung)

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Transatlantik © Rowohlt

6. Colum McCann (11 Punkte) NEU

"Transatlantik", Rowohlt

Zwei Länder liegen Colum McCann besonders am Herzen: Irland und die USA. In Dublin wurde der 49-jährige Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor geboren, in New York lebt er seit 1986 mit seiner Familie. "Transatlantik" heißt sein neues Buch und es ist nicht weiter verwunderlich, dass er darin zwischen dem alten und dem neuen Kontinenten eine Brücke schlägt. Indem er wichtige Momente der amerikanischen und irischen Geschichte mit dem Schicksal dreier Frauen verwebt, gelingt es ihm einen ganz ungewöhnlichen Blick auf die ältere und jüngere Vergangenheit zu werfen. So geht es etwa um den Kampf gegen die Sklaverei in den USA, den ersten Nonstop-Transatlantikflug im Jahre 1919 und die langwierigen Friedensverhandlungen im Nordirland-Konflikt. Anhand von vier verschiedenen Zeitebenen, die gekonnt miteinander verbunden sind, entwirft McCann einen ebenso kraftvollen wie vielschichten Roman, der laut New York Times Magazine "aus allen übrigen Neuerscheinungen klar hervorsticht."

Das Blutbuchenfest © Hanser

7. Martin Mosebach (10 Punkte) NEU

"Das Blutbuchenfest", Hanser

In seinem neuen Roman "Das Blutbuchenfest" konfrontiert der Büchner-Preisträger Martin Mosebach das Frankfurter Großbürgertum mit einer Gegenwelt: der archaischen Bergwelt Bosniens unmittelbar vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg. Im Zentrum beider Welten steht die kroatische Putzfrau Ivana. Sie putzt bei Bankern, Werbern und Gesellschaftsdamen und kennt ihre Kunden. Im bosnischen Bergland aufgewachsen, hat sie gelernt, genau hinzuschauen und ihr Gegenüber richtig einzuschätzen. Sie ist in ihrer Heimat, wie auch in Deutschland, gleichermaßen zu Hause. Doch im Laufe der Geschichte offenbaren beide Welten ihre Brüchigkeit: der Tod lauert inmitten großer Feste.
Bitterer Ernst und eitle Frivolität, Krieg und Komik– Mosebach ist ein Meister der perfekten Balance. Er zählt ohne Zweifel zu den profiliertesten Autoren seiner Generation, unumstritten ist er dennoch nicht. Für "DIE ZEIT" ist sein neuer Roman ein "wahrer Geniestreich".

London NW © Verlag Kiepenheuer & Witsch

ex aequo: Zadie Smith (10 Punkte)

"London NW", Kiepenheuer&Witsch

Mit ihrem Romandebüt "Zähne zeigen" wurde die damals 25jährige Zadie Smith im Jahr 2000 weltberühmt. Einige Romane, Erzählungen und Essays später, erscheint nun ihr neues Buch auf Deutsch: "London NW". Darin erzählt die englische Schriftstellerin in fünf Teilen von vier jungen Menschen aus zerrütteten Familien, allesamt Londoner, zwischen dreißig und vierzig, die im selben ärmlichen Viertel zur Schule gegangen sind und deren Leben nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Smith schildert wirtschaftlichen Aufstieg, Rassismus und Gewalt und beschreibt in einprägsamen Szenen– ohne jemals Partei zu ergreifen - den ständigen Kampf ihrer Protagonisten um Veränderung, Verbesserung und Liebe.
Im englischen Original kam "NW" bereits im Herbst 2012 auf den Markt und wurde von der New York Times zu einem der besten Romane des Jahres gekürt.

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Schwarzer Flieder © Hoffmann und Campe

9. Reinhard Kaiser-Mühlecker (8 Punkte)

"Schwarzer Flieder", Hoffmann und Campe

Im zweiten Teil des autobiographisch gefärbten Generationenepos erzählt der oberösterreichische Autor über den Fortgang des Schicksals der bäuerlichen Familie Goldberger. In "Roter Flieder" lässt Kaiser-Mühlecker die Geschichte mit einem brutalen NS-Gruppenführer beginnen. Sein Urenkel Ferdinand ist die Hauptfigur des Fortsetzungsromans "Schwarzer Flieder". Ferdinand übernimmt den Hof, mit dem Plan ihn zu zerstören, nachdem sein Onkel Thomas den Neffen Leonard erschlagen hat. Damit möchte er dem Fluch, der seit vier Generationen über der Familie lastet, ein Ende setzen. Klaus Kastberger schreibt in der Presse: "…selten zuvor hat ein Autor die lange Geschichte einer Familie so glaubhaft ins Jetzt gezogen. Fast hofft man, dass die oberösterreichische Saga nicht zu Ende geht."

Kindheitswald © Müry Salzmann

ex aequo: Elke Laznia (8 Punkte) NEU

"Kindheitswald", Müry Salzmann

"Kindheitswald" heißt das Debüt von Elke Laznia und das Thema, das sie darin umkreist, ist keineswegs neu. Die Auseinandersetzung mit der familiären, gesellschaftlichen und geografischen Herkunft zählt zu den Grundmotiven in der österreichischen Literatur nach 1945. Und dennoch hebt sich ihr Roman von vielen anderen ab. Weniger der Erzählinhalt, als die Sprache vermag es, den Leser von Beginn an zu fesseln.
Schreiben spielt für die 40jährige, in Salzburg lebende Kärntnerin, beruflich wie privat eine wichtige Rolle. "Es hält mich die Schrift der Hand, die Handschrift [...] verfasst mir Kontur, und ich zerfalle nicht", so Laznia.
In ihrem neuen Roman geht es um Befreiung und Bewältigung verschiedener Ängste und Traumata, um Männer, heulende Wölfe und unheimliche Ratten. Mit "Kindheitswald" gelingt Laznia ein ebenso schonungsloses, wie kompromissloses, vor allem aber sprachlich bewegendes Debüt.

Der Garten der Dissidenten © Klett-Cotta

ex aequo: Jonathan Lethem (8 Punkte) NEU

"Der Garten der Dissidenten", Tropen bei Klett-Cotta

In seinem neuen Roman "Der Garten der Dissidenten" erzählt der amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem eine Familiengeschichte der amerikanischen Linken. Die Zimmerers, so erfährt der Leser, waren Kommunisten, Hippies, Anhänger der Occupy-Bewegung und immer irgendwie dagegen. Was wird aus Ideen und was aus Liebe, wenn Menschen sich aus Enttäuschung verhärten und es ihre Mitmenschen spüren lassen? Am Ende sind sie Waisenkinder der Revolution, so Lethem.
Auf knapp 500 Seiten reißt er verschiedene Lebensentwürfe an, wechselt Zeit und Perspektiven und verrät damit sein großes erzählerisches Talent.
Einigen gilt er als legitimer Nachfolger von Philip Roth und wahrlich ist Lethem mit seinem neuen Roman ein großer Wurf gelungen. Scharfsinnig und gewitzt zugleich erzählt "Der Garten der Dissidenten" von Utopien und Idealismus, von Aufbrüchen und Niederlagen, von Generationenkonflikten und Trennlinien zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft.

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Der persönliche Tipp von Klaus Seufer-Wasserthal, Buchhändler

Franz Kafka: " Kritische Ausgabe, Schriften und Tagebücher. 15 Bände"

So wohlfeil gibt es den ganzen Kafka! In Österreich für knapp über Euro 100,-.
Und da drin kann man immer wieder lesen und immer wieder neue Seiten entdecken. Eine kurze Erzählung, einen Abschnitt aus den Tagebüchern oder einen der großen Romane, die Texte von Franz Kafka veralten nicht und sie sind einfach eine wichtige Grundlage der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts.