Bestenliste: Die besten 10 im März 2014

Das Polykrates-Syndrom © Literaturverlag Droschl

1. Antonio Fian (34 Punkte) NEU

"Das Polykrates-Syndrom", Droschl

Wer zu viel Glück hat, den ereilt früher oder später böses Unheil - zumindest dem Tyrannen Polykrates aus der griechischen Antike ist es so ergangen.
Antonio Fian, Wiener Satiriker, Dramatiker und Autor mit Kärntner Wurzeln, bedient sich dieses Motivs für seinen neuen Roman. Der Protagonist Artur, ein Nachhilfelehrer und Copyshop-Mitarbeiter, leidet am Polykrates-Syndrom, der Angst für zu viel Glück vom Schicksal gerächt zu werden. Sein mittelmäßiges Dasein als Ehemann findet ein jähes Ende, als Alice in sein Leben tritt. Die heimliche Affäre mit der jungen Frau wird für Artur in mehrfacher Hinsicht zum Verhängnis.
Fian, den man vor allem als Meister der Kurzform kennt, hat nun seinen zweiten Roman vorgelegt. „Das Polykrates-Syndrom“ ist ein bitterböser Thriller, dem es an Komik jedoch nicht fehlt.
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Pixel © Nischenverlag

2. Krisztina Tóth (27 Punkte)

"Pixel", Nischenverlag

Mit „Pixel“ legt die ungarische Schriftstellerin Krisztina Tóth einen unkonventionellen Novellenzyklus vor, der mit einem ebenso gnadenlosen wie sinnlichen Blick ganz unterschiedliche Lebensentwürfe des 20 Jahrhunderts beleuchtet. Den dreißig Novellen des Bandes sind dreißig Körperteile zugeordnet. Sie gehören unterschiedlichen Personen, deren Wege sich immer wieder kreuzen. Es ist Aufgabe des Lesers die einzelnen Pixel zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. „Würden wir den Dingen mehr Aufmerksamkeit schenken, stünde es auch um uns Menschen besser“, lautet einer der vielen Subtexte dieses Buches. Der Atem stockt dem Leser schon nach den ersten Sätzen“, schreibt Insa Wilke in der „Zeit“ und bezeichnet „Pixel“ als eine Entdeckung.

Kontaminierte Landschaften © Residenzverlag

3. Martin Pollack (18 Punkte) NEU

"Kontaminierte Landschaften", Residenzverlag

Der Begriff der „kontaminierten Landschaft“ ist eine Erfindung Martin Pollacks. Damit bezeichnet er Landschaften, die nach Außen hin nichts Auffälliges aufweisen, jedoch ein dunkles Geheimnis verbergen. Pollack spürt in seinem Buch unzählige vertuschte Massengräber Mitteleuropas auf, vom burgenländischen Rechnitz, über den slowenischen Kočevski Rog, bis nach Kurapaty bei Minsk. Juden, Roma, Antikommunisten und Partisanen – tausende Opfer der Massaker des 20. Jahrhunderts sind bis heute namenlos, verscharrt an zum Teil unbekannten Orten, ohne Mahnmale oder Kriegerdenkmäler. Pollack zeichnet mit seinem Buch eine Landkarte gegen das Vergessen, ein Unterfangen, zu dem ihn auch seine eigene Familiengeschichte geführt hat.

Schwarzer Flieder © Hoffmann und Campe

4. Reinhard Kaiser-Mühlecker (11 Punkte) NEU

"Schwarzer Flieder", Hoffmann und Campe

Im zweiten Teil des autobiographisch gefärbten Generationenepos erzählt der oberösterreichische Autor über den Fortgang des Schicksals der bäuerlichen Familie Goldberger. In „Roter Flieder“ lässt Kaiser-Mühlecker die Geschichte mit einem brutalen NS-Gruppenführer beginnen. Sein Urenkel Ferdinand ist die Hauptfigur des Fortsetzungsromans „Schwarzer Flieder“. Ferdinand übernimmt den Hof, mit dem Plan ihn zu zerstören, nachdem sein Onkel Thomas den Neffen Leonard erschlagen hat. Damit möchte er dem Fluch, der seit vier Generationen über der Familie lastet, ein Ende setzen. Klaus Kastberger schreibt in der Presse: "…selten zuvor hat ein Autor die lange Geschichte einer Familie so glaubhaft ins Jetzt gezogen. Fast hofft man, dass die oberösterreichische Saga nicht zu Ende geht."

Ein Abend bei Claire © Hanser

5. Gaito Gasdanow (10 Punkte) NEU

"Ein Abend bei Claire", Hanser

Das Werk des russischen Exil-Autors Gaito Gasdanow ist im deutschen Sprachraum eine Spätentdeckung. Nach der Übersetzung „Das Phantom des Alexander Wolf“ vor zwei Jahren ist nun erstmals sein Debütroman „Ein Abend bei Claire“ aus dem Jahre 1930 auf Deutsch erschienen. Vor dem Hintergrund des russischen Bürgerkriegs stellt sich der junge Ich-Erzähler Kolja Sossedow die Frage nach dem Sinn des Lebens. Sein Entschluss als 16jähriger für die weiße Armee zu kämpfen, ist auch ein Versuch seine Gefühlsarmut zu überwinden, eine Flucht aus der Enttäuschung mit Claire, die einen anderen geheiratet hat. 10 Jahre danach treffen die beiden im Pariser Exil aufeinander. Gasdanow, auch als „russischer Camus“ bezeichnet, erzählt vom Gefühl der Entfremdung, von der Verlustangst und der inneren Leere. Der Roman kommt nahezu ohne Handlung aus und führt erzählerisch entlang des Assoziationsstroms seines Protagonisten, des Träumers Kolja. Eine furiose Wiederentdeckung (NDR).

Schwimmen in der Nacht © C.H. Beck

ex aequo: Jessica Keener (10 Punkte) NEU

"Schwimmen in der Nacht", C.H. Beck

18 Jahre lang hat Jessica Keener an ihrem Debütroman geschrieben. Schauplatz der Geschichte ist ein Vorort von Boston in den 1970er Jahren. Die Hauptfigur Sarah Kunitz erinnert sich an ihr Aufwachsen in einer jüdischen Familie, mit bildungsbewussten Eltern, drei Brüdern, einem großen Haus und Dinner-Partys. Doch die Idylle ist trügerisch – der Vater, ein College-Professor für Englische Literatur, ist Choleriker und die Mutter, eine ehemalige Geigerin, leidet an Depressionen. Ein Unglück reißt das Familiengefüge auseinander. Wie Sarah ihren Weg aus der Katastrophe und damit in ihr eigenes Leben findet, beschreibt die US-amerikanische Autorin in starken Bildern, die als interessante Ergänzung zu den großen Berserkern der amerikanischen Literatur, namentlich James Salter, John Cheever und Richard Yates, gelesen werden kann. (Deutschlandradio)

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki © DuMont

ex aequo: Haruki Murakami (10 Punkte)

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki", DuMont

Seine Bücher werden in über vierzig Sprachen übersetzt, er wird jährlich zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis gezählt und die Süddeutsche Zeitung fragte neulich: „Gibt es einen anderen lebenden Autor, der so ruhig und knapp und gleichzeitig mit so viel emotionaler Kraft zu erzählen vermag wie er?“ Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami zählt zu den meistverkauften Autoren der Gegenwart und pünktlich zu seinem 65. Geburtstag erscheint jetzt sein neuer Roman auf Deutsch: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“. Im Gegensatz zu seinem 1600 Seiten schweren Monumentalwerk „1Q84“ ist dies ein vergleichsweise schmaler und beinahe kammerspielartiger Roman. Darin erzählt Murakami die Geschichten des dreißigjährigen Tazakis, der in seiner Jugend ganz plötzlich von seinen engsten Freunden verlassen wird. Den Grund dafür will ihm niemand nennen - erst Jahre später kommt Tazaki seiner Vergangenheit auf die Spur.

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14 © Hanser

ex aequo: Jean Echenoz (10 Punkte) NEU

"14", Hanser

In seinem Roman „14“ erzählt der Prix-Goncourt-Preisträge Jean Echenoz den Ersten Weltkrieg im Zeitraffer und aus wechselnden Perspektiven. Fünf Männer ziehen in den Krieg, eine schwangere Frau wartet auf die Rückkehr von zweien von ihnen. Vor allem ist es der junge Soldat Anthime, der seinen Arm verliert, und dadurch der Schlacht von Verdun entkommt, aus dessen Sicht Echenoz den grausamen Kriegsalltag in seiner gesamten Banalität greifbar macht. Schützengräben, Erschießungen, Langeweile und die Sehnsucht nach dem zu Hause – mit scharfem Blick für das Detail geht der Autor den seelischen Empfindungen seiner Hauptfiguren nach, bleibt im Erzählstil sachlich und kühl, und schreibt bisweilen auch humorvoll und melancholisch. Statt als das schiere Entsetzen erscheint der Krieg hier auf unheimliche Weise menschlich. (Süddeutsche)

Physik der Schwermut © Droschl

9. Georgi Gospodinov (8 Punkte) NEU

"Physik der Schwermut", Droschl

Georgi Gospodinov gilt als bulgarischer Autor von Weltrang, sein jüngstes Buch „Physik der Schwermut“ als ein hinreißendes Stück Literatur. (FAZ) Der Roman setzt sich aus vielen kurzen, poetischen Kapiteln zusammen, allesamt aus der Sicht eines Erzählers geschildert, der an übergroßer Empathie leidet. Sogar das unwiederbringliche Vergehen der Zeit bereitet ihm Sorgen, daher will er mit Zeitkapseln die Vergangenheit konservieren, und trennt anhand von Listen das Unwichtige vom Wichtigen für die Gegenwart. Von der griechischen Mythologie, dem Zweiten Weltkrieg und von vierzig Jahren Kommunismus in Bulgarien wird im Roman erzählt, vom Minotaurus im Labyrinth, wie vom Großvater, der als kleines Kind beim Müllner vergessen wurde. „Eine Liebeserklärung an die Fantasie“ (Cicero) eines Autors, der bereits weit über die europäischen Grenzen hinaus Kritikererfolge verzeichnen kann.

Das Fell der Tante Meri © Picus

ex aequo: Theodora Bauer (8 Punkte) NEU

"Das Fell der Tante Meri", Picus

In mehreren Handlungssträngen erzählt die 23jährige Burgenländerin von drei Menschenleben vor dem Hintergrund der NS-Zeit, die auf eigentümliche Weise miteinander verbunden sind. Der Zeithorizont ihres Romans „Das Fell der Tante Meri“ erstreckt sich vom Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er Jahre. In eigenwilligem Erzählton, fast durchwegs im Perfekt, folgt Bauer dem Schicksal von Ferdl, Anni und Karl Müller, der eigentlich gar nicht so heißt. Bei der titelgebenden Tante Meri verbringt Ferdl als Kind immer wieder Zeit. Als sie stirbt, erfährt er von einer Erbschaft in Südamerika – und die Leserschaft vom skurrilen Drama einer Familiengeschichte. Theodora Bauer hat bisher mit Kurzgeschichten und Theaterstücken reüssiert, und legt mit „Das Fell der Tante Meri“ ihren ersten Roman vor.

Der persönliche Tipp von Brigitte Schwens-Harrant, Die Furche

Pat Barker: "Niemandsland", Hanser

„Schluß mit dem Krieg!“ schreibt ein Soldat im Juli 1917, „Diese Erklärung gebe ich ab in einem Akt bewußter Mißachtung der militärischen Autorität, da ich glaube, daß der Krieg von denjenigen, die ihn beenden könnten, absichtlich verlängert wird.“ Pat Barker greift in ihrem Roman "Niemandsland" (1997 auf Deutsch erschienen) die tatsächlich stattgefundene Kriegsverweigerung des britischen Schriftstellers Siegfried Sassoon auf und erzählt, dass der Dichter – unter Mithilfe seines Freundes, des Schriftstellers Robert Graves – unfreiwillig in eine Anstalt für traumatisierte Soldaten eingewiesen wird. Das erspart ihm das Kriegsgericht. In diesem Hospital am Rand von Edinburgh bemüht sich der Arzt William Halse Rivers mit fortschrittlichen Methoden, vom Krieg seelisch verstümmelte Männer zu heilen. „Regeneration“ heißt der 1991 erschienene Roman im Original, der erste Teil einer Trilogie, die mit „Das Auge in der Tür“ und „Die Straße der Geister“ ihre Fortsetzung fand. Bewusste Erinnerung soll den verwundeten Soldaten helfen, die Kriegstraumata zu überwinden; doch Genesung bedeutet Wiederherstellung für den Kriegseinsatz. Pat Barker erzählt den Ersten Weltkrieg als Massaker in den Seelen.