Bestenliste: Die besten 10 im Februar 2014

Arbeit und Struktur © Rowohlt Verlag

1. Wolfgang Herrndorf (31 Punkte)

"Arbeit und Struktur", Rowohlt

Wolfgang Herrndorf, der sich im vergangenen August 48jährig das Leben nahm, hat mit „Arbeit und Struktur“ ein Internet-Tagebuch hinterlassen, das seine letzten Lebensjahre protokolliert. Nun ist es in Buchform erschienen. Beginnend im September 2010, als die Diagnose Gehirntumor den Autor in seinen Grundfesten erschütterte, bis zu seinem Selbstmord hat Herrndorf seinen Alltag zwischen Krankheit, Schreiben und Sterben in seinem Blog mit einer wachsenden Lesergemeinschaft geteilt.

Herrndorfs Erfolgsromane „Tschick“, ein Millionenbestseller, und „Sand“, für den er den Preis der Leipziger Buchmesser erhalten hat, wurden in diesen Jahren publiziert. „Nicht etwa weinerlich oder anklagend, sondern sehr sarkastisch“ beschreibt der Autor jene Verschränkung von Erfolg und Krankheit, die wie eine bitter ironische Fügung des Schicksals erscheint –und: „genau dieser Ton und seine punktgenauen Beschreibungen und Beobachtungen machen das Buch so lesenswert“. (NDR)

Mehr in fm4.orf.at

Dieses Buch gehört meiner Mutter © Diogenes Verlag

2. Erich Hackl (29 Punkte)

"Dieses Buch gehört meiner Mutter", Diogenes

"Soweit ich zurückdenken kann, hat meine Mutter von der Welt ihrer Kindheit und Jugend erzählt", schreibt Erich Hackl im Nachwort seines neuen Buches. "Ich bin nun, nach ihrem Tod, darangegangen, mich dieser Welt zu versichern, sie mit ihrem Blick und in ihren Worten wahrzunehmen, und deshalb gehört dieses Buch meiner Mutter." Mit seinem neuen Roman setzt Erich Hackl seiner verstorbenen Mutter ein literarisches Denkmal. Er erzählt Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend, aus der Zeit des Austrofaschismus und des Zweiten Weltkriegs. Schauplatz ist das nördliche Mühlviertel unweit der tschechischen Grenze. In einer kunstvoll einfachen Sprache erfährt man von einer vergangenen Welt, vom ersten Fahrrad und vom letzten Zeppelin, vom Warten auf den Richtigen und von untypischen Helden.
Hackl schreibt in der Ich-Form, vor allem aber schreibt er in der Sprache seiner Mutter, als spräche sie selbst. Er lässt sie wenig erklären, fast nichts kommentieren und beweist damit, dass er die Kunst beherrscht zwischen den Zeilen zu schreiben.

Mehr in OE1.orf.at

Pixel © Nischenverlag

3. Krisztina Tóth (28 Punkte) NEU

"Pixel", Nischenverlag

Mit „Pixel“ legt die ungarische Schriftstellerin Krisztina Tóth ihr neues Werk vor: einen unkonventionellen Novellenzyklus, der mit einem ebenso gnadenlosen wie sinnlichen Blick ganz unterschiedliche Lebensentwürfe des 20 Jahrhunderts beleuchtet.

Den dreißig Novellen des Bandes sind dreißig Körperteile zugeordnet. Sie gehören unterschiedlichen Personen, deren Wege sich immer wieder kreuzen. Es ist Aufgabe des Lesers die einzelnen Pixel zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. „Würden wir den Dingen mehr Aufmerksamkeit schenken, stünde es auch um uns Menschen besser, lautet einer der vielen Subtexte dieses Buches. Der Atem stockt dem Leser schon nach den ersten Sätzen“, schreibt Insa Wilke in der „Zeit“ und bezeichnet „Pixel“ als eine Entdeckung.

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki © DuMont Buchverlag

ex aequo: Haruki Murakami (28 Punkte) NEU

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki", DuMont

Seine Bücher werden in über vierzig Sprachen übersetzt, er wird jährlich zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis gezählt und die Süddeutsche Zeitung fragte neulich: „Gibt es einen anderen lebenden Autor, der so ruhig und knapp und gleichzeitig mit so viel emotionaler Kraft zu erzählen vermag wie er?“ Gemeint ist damit kein anderer als Haruki Murakami. Der japanische Schriftsteller zählt zu den meistverkauften Autoren der Gegenwart und pünktlich zu seinem 65. Geburtstag erscheint jetzt sein neuer Roman auf Deutsch: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“. Im Gegensatz zu seinem 1600 Seiten schweren Monumentalwerk „1Q84“ ist dies ein vergleichsweise schmaler und beinahe kammerspielartiger Roman. Darin erzählt Murakami die Geschichten des dreißigjährigen Tazakis, der in seiner Jugend ganz plötzlich von seinen engsten Freunden verlassen wird. Den Grund dafür will ihm niemand nennen - erst Jahre später kommt Tazaki seiner Vergangenheit auf die Spur.

Mehr in OE1.orf.at

In einer Bar unter dem Meer © Haymon Verlag

5. Christoph W. Bauer (22 Punkte)

"In einer Bar unter dem Meer", Haymon

"In einer Bar unter dem Meer" heißt Christoph W. Bauers neues Buch - eine Sammlung von Erzählungen, die allesamt über jene Momente berichten, die für einen entscheidenden Richtungswechsel ausschlaggebend sind. Ob Dichter, Schauspielerin, Professor oder Künstler – so unterschiedlich die Figuren auch sind, sie alle trauern verpassten Chancen nach, träumen vom großen Glück, geben sich kühl und sind verletzlich – und manch einer wagt tatsächlich den Sprung über den eigenen Schatten.

Bauer deutet in seinen Erzählungen manches an, vieles bleibt jedoch unausgesprochen. Knapp und präzise schreibt er über Einsamkeit, Sehnsucht, Liebe und Verlust. Dabei wird wenig erklärt und nichts interpretiert, viel lieber lässt Bauer seine Figuren sprechen. Ein paar Sätze nur und wir Leser stehen mittendrin in diesen fremden Leben - und sind gefangen.

Mehr in fm4.orf.at

London NW © Verlag Kiepenheuer & Witsch

6. Zadie Smith (21 Punkte) NEU

"London NW", Kiepenheuer & Witsch

Mit ihrem Romandebüt „Zähne zeigen“ wurde die damals 25jährige Zadie Smith im Jahr 2000 weltberühmt. Einige Romane, Erzählungen und Essays später, erscheint nun ihr neues Buch auf Deutsch: „London NW“. Darin erzählt die englische Schriftstellerin in fünf Teilen von vier jungen Menschen aus zerrütteten Familien, allesamt Londoner, zwischen dreißig und vierzig, die im selben ärmlichen Viertel zur Schule gegangen sind und deren Leben nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Smith schildert wirtschaftlichen Aufstieg, Rassismus und Gewalt und beschreibt in einprägsamen Szenen– ohne jemals Partei zu ergreifen - den ständigen Kampf ihrer Protagonisten um Veränderung, Verbesserung und Liebe.

Im englischen Original kam „NW“ bereits im Herbst 2012 auf den Markt und wurde von der New York Times zu einem der besten Romane des Jahres gekürt.


Mehr in OE1.orf.at

Gewäsch und Gewimmel © Klett-Cotta-Verlag

7. Brigitte Kronauer (15 Punkte)

"Gewäsch und Gewimmel", Klett-Cotta

"Gewäsch und Gewimmel" heißt Brigitte Kronauers neuer Roman und er ist tatsächlich vielstimmig: anhand Anekdoten, Zeitungsmeldungen, Aphorismen, Kurzprosa und Rätseln erzählt die Büchner Preisträgerin die Lebensgeschichten ganz unterschiedlicher Personen, deren Wege sich immer wieder kreuzen und deren Schicksale fein miteinander verbunden sind. Dreh- und Angelpunkt ist die Praxis der Krankentherapeutin Elsa. Sie versteht es, ihre Patienten dazu zu bringen, mehr von sich zu erzählen, als diese für richtig halten. "Gewäsch und Gewimmel" erzählt Geschichten vom Glück und vom Scheitern, von großen Hoffnungen und ebenso schweren Enttäuschungen, vom Altwerden und Jungbleiben und nicht zuletzt von den vermeintlichen Rätseln, die das Leben immer wieder für einen bereithält.

Brigitte Kronauer ist eine Meisterin der Miniaturen und spielt mit ihren Figuren genauso gekonnt, wie mit den Erwartungen ihrer Leser.

Liebes Leben © S. Fischer Verlag

8. Alice Munro (11 Punkte)

"Liebes Leben", S. Fischer

Pünktlich zur Nobelpreisverleihung am 10. Dezember ist der vorläufig letzte Erzählband der diesjährigen Preisträgerin und Großmeisterin der kleinen Form Alice Munro auf Deutsch erschienen. „Liebes Leben“ versammelt Lebensdramen in Kurzform, die in ihrer Intensität und Komplexität großen Romanen in nichts nachstehen. Ehebruch, Familientragödien, Neuanfänge und Lebenslügen –Munros Kurzgeschichten nehmen das Wesentliche des Daseins in den Blick und erzählen vom Außergewöhnlichen innerhalb scheinbar gewöhnlicher Biographien. Da ist eine junge Lehrerin, die am Hochzeitstag von ihrem künftigen Mann verlassen wird, oder eine große Schwester, die in einer Kiesgrube nahe der eigenen Hütte ertrinkt. Auch persönliche Erinnerungen der Autorin an ihre eigene Kindheit auf einer Farm im Süden der kanadischen Provinz Ontario finden als erschütternd unsentimentale Erzählungen Eingang in „Liebes Leben“. „Ihr Ton ist nie pathetisch, ihre Sprache nimmt ihre Kraft aus der Schlichtheit“ heißt es in der TAZ. Dass Alice Munros Kurzgeschichten als unübertroffen gelten, darin ist sich die Kritik spätestens seit der Literaturnobelpreisverleihung einig.

Mehr in OE1.orf.at

Argo. Anderswelt © Elfenbein Verlag

9. Alban Nikolai Herbst (10 Punkte) NEU

"Argo. Anderswelt", Elfenbein

Nichts weniger als ein „stroboskopisch halluzinierendes Panoptikum aus postapokalyptischem Cyberpunkterror mit Rückkopplung an ein Amalgam aus griechisch-keltisch-aztekischem Mythenschatz und moderner Popkultur“ sei, laut Elfenbein Verlag, Alban Nikolai Herbsts neuer Roman. „Argo“ bildet den Abschluss seiner „Anderswelt“-Trilogie, die vor fünfzehn Jahren mit „Thetis“ begann und 2001 mit „Buenos Aires“ ihre Fortsetzung fand. Der Protagonist Hans Erich Deters beginnt allmählich daran zu zweifeln, in welcher „Realität“ er eine Rolle spielt und wer von wem letztendlich „erdacht“ wurde. „Eine zersplitterte Wirklichkeitserfahrung, die sich über drei parallele Zeiten und Welten erstreckt, die alle für sich beanspruchen, die „echte“ zu sein, lässt einen fixen Realitätsbegriff bald obsolet erscheinen“ (Elfenbein Verlag).

Aus dem Berliner Journal © Suhrkamp Verlag

ex aequo: Max Frisch (10 Punkte) NEU

"Aus dem Berliner Journal", Suhrkamp

Als Max Frisch 1973 zusammen mit seiner Frau Marianne in der Berliner Sarrazinstraße eine neue Wohnung bezog, begann er wieder ein Tagebuch zu führen und nannte es Berliner Journal. Mehr als 20 Jahre waren diese Aufzeichnungen unter Verschluss, so wollte es der Schriftsteller. Nun ist eine Auswahl aus diesem Tagebuch im Suhrkamp Verlag erschienen und abermals erweist sich Max Frisch als ein Meister der Beobachtung. Neben Erzählungen und Betrachtungen aus dem Alltag des Schriftstellers finden sich essayistische Texte sowie sorgfältig gezeichnete Porträts von Günter Grass, Uwe Johnson, Wolf Biermann oder aber Christa Wolf. (Suhrkamp)