Bestenliste: Die besten 10 im Mai 2013

(c) Carl Hanser Verlag

1. Péter Esterházy (30 Punkte)

"Esti", Carl Hanser Verlag

"Literatur ist kein Haustier, sie ist nicht gezähmt", hat Peter Esterházy einmal gesagt. Und das trifft auch auf seinen jüngsten literarischen Wurf zu. Der Roman "Esti", der sich auf einen Klassiker der ungarischen Moderne – "Esti Kornél" von Dezsö Kostolányi - bezieht, ist vieles in einem. Vor allem aber ein heiter-melancholischer Abgesang auf die hartnäckige Vorstellung, dass Identität etwas Unbewegliches und Fixes ist. Auch dieses Buch Peter Esterházys macht deutlich: hier schreibt jemand, bei dem Erzähllust und Experimentierfreude untrennbar miteinander verwoben sind und der davon überzeugt ist: in der Literatur geht es immer um die großen Fragen des Lebens. Was ist das, was wir Leben nennen? Peter Esterházys literarisches Spiel führt zu radikalen Fragestellungen und Antwortmöglichkeiten.

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(c) Suhrkamp

2. Josef Winkler (22 Punkte) NEU

"Mutter und der Bleistift", Suhrkamp

Einmal mehr sind es die Traumata seiner Kindheit in der bäuerlichen Welt des Kärntner Dorfes Kamering, die sich Josef Winkler in seinem neuen, wortgewaltigen Prosatext vornimmt. Stand jahrzehntelang der übermächtige Vater im Zentrum von Josef Winklers literarischer Auseinandersetzung mit seiner Herkunft, ist es nun die Mutter, die 2011 verstorben ist, die nun im Mittelpunkt steht. Sie, bei der Josef Winkler als Kind emotionalen Halt fand, litt lebenslag an der Unfähigkeit sich sprachlich mitzuteilen – "Der Krieg hat ihr und ihrer Familie die Sprache genommen, für immer", wird Josef Winkler nicht müde hervorzuheben. Der Gewalt der Sprachlosigkeit und Gefühlskälte seiner katholischen und patriarchal geprägten Kindheit und Jugend begegnet der Autor auch in diesem Text mit erbarmungsloser, bildmächtiger Schreibkraft. "Mutter und der Bleistift" ist aber nicht nur eine berührende Beschäftigung mit der geliebten Mutter, sondern auch eine Verbeugung vor Peter Handke und Ilse Aichinger: zwei Schriftsteller, die Josef Winkler seit jeher sehr schätzt.

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(c) Suhrkamp

3. William T. Vollmann (20 Punkte) NEU

"Europe Central", Suhrkamp

"Vielstimmig, manisch und atemraubend interessant" schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung über den nun auch auf Deutsch erschienenen Roman des Amerikaners William T. Vollmann. Einige sprechen in Zusammenhang mit "Europe Central" von einem "Krieg und Frieden des 20. Jahrhunderts". Das opulente, über tausend Seiten schwere Werk, in dem unzählige historisch belegte und frei erfundene Figuren vorkommen, erzählt unter anderem von der lebenslangen Liebe des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch zu Elena Konstantinowskaja, deren Existenz heute nur durch einen Briefwechsel belegt ist. Allen im Roman auftauchenden Figuren ist gemeinsam, dass sie unter schwierigsten Umständen Handlungen setzen und Entscheidungen treffen: Vollmann beobachtet sie dabei und macht deutlich: der Mensch hat in jeder Lebenssituation Handlungs- und Entscheidungsspielraum, so gering er auch sein möge, und stets besteht die Gefahr, dass die besten Absichten katastrophale Konsequenzen zeitigen. Europa im Jahrhundert seiner größten Katastrophen bildet den historischen Rahmen des Romans. Nicht zuletzt die Tatsache, dass William T. Vollmann in diesem monumentalen Prosaprojekt die Grauen des Nationalsozialismus und Sozialismus gleichstellt, hat für intensive Diskussionen gesorgt. All jene, die genau wissen, was gut und was böse ist, werden mit diesem Buch keine Freude haben.

(c) Zsolnay

4. Andrea Winkler (19 Punkte) NEU

"König, Hofnarr und Volk", Zsolnay

Ein fiktives "Institut für Gedankenkunde und Verstehen" ist der Ort des Geschehens in Andrea Winklers jüngstem Buch, einem Einbildungsroman, wie sie ihn ironisch untertitelt. Und ein fast leeres Zimmer, in dem sich das erzählende, sich erinnernde, träumende, Briefe schreibende Ich zumeist aufhält. Das Thema, um das dieser sprachintensive, gewitzt-umstürzlerische Text kreist: Missbrauch, seelischer wie körperlicher. Eine der zentralen Frage, die der "Einbildungsroman" seziert: wer wird man in einer Welt, in der der Mensch, sein Sehnen und Wollen, nichts sind und die Macht, das Streben nach ihr und das Unglück alles. Auch dieser Text Andrea Winklers denkt sich selbst beständig mit, weiß, dass er auch als Text eine Herkunft hat: Robert Walser, Georg Büchner: sie schreiben den Roman Andrea Winklers subkutan mit. Dass sie eine der herausragendsten österreichischen Autorinnen der Gegenwart ist: das beweist Andrea Winkler auch mit diesem Text, dessen eigentlich Provokation vermutlich darin liegt, dass darin an Hoffnung, an der Möglichkeit von Freude und Glück trotz aller Widrigkeiten festgehalten wird.

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(c) Droschl

5. Olga Martynova (18 Punkte) NEU

"Mörikes Schlüsselbein", Droschl

Für ein zum damaligen Zeitpunkt noch unveröffentlichtes Kapitel aus dem Roman erhielt Olga Martynowa 2012 den Bachmann-Preis. Als "souverän und luftig erzählter Text" von der Jury gelobt, erfüllt auch der Roman die hohen Ansprüche an Martynowas humorvolle und feinsinnige Erzählkunst. Martynova, die in der Sowjetunion geboren wurde und heute in Frankfurt lebt, geht es im Buch vordergründig um Selbstfindung des Künstlers in der Gegenwart. Im Umfeld eines deutsch-russischen Ehepaars führt sie ein Figurenpanorama vor, das von russischen Bohemians, über Schamanen, Katzen bis hin zu Agenten reicht. Ein ins absurd-Komische verlaufender Roman mit Hang zum Fantastischen.

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(c) Matto Verlag

6. Jonas Mekas (14 Punkte) NEU

"Alt ist dieses, unser Sprechen. Gedichte", Matto

Der Welt ist er als Pate des US-amerikanischen Avantgarde-Kinos bekannt. Von den Nazis in ein Arbeitslager deportiert und von der sowjetischen Besetzung vertrieben emigrierte Jonas Mekas 1949 aus Litauen nach New York und begann Filme zu drehen. Seine Dichtkunst lag bisher nur in seiner Landessprache vor. Nun sind seine Gedichte aus vergangenen Jahrzehnten auf Deutsch erschienen. Die vom Standard als "geradezu dokumentarische Poesie" beschrieben, belebt den Alltag des litauischen Dorfs wieder, aus dem Jonas Mekas geflohen ist. In einem später entstandenen Zyklus lässt er die Nachkriegszeit Deutschlands Revue passieren. Jonas Mekas darf mit seiner unprätentiösen und suggestiven Lyrik als "ein großer Dichter des 20. Jahrhunderts" entdeckt werden, so Erich Klein vom Falter.

(c) Suhrkamp

7. Ulrike Edschmid (12 Punkte) NEU

"Das Verschwinden des Philip S.", Suhrkamp

Im Jahr 1975 kommt Werner Sauber, der im bewaffneten Untergrund aktiv ist, bei einem Schusswechsel mit der Polizei in Köln ums Leben. Fast 40 Jahre später begibt sich die Berliner Autorin Ulrike Edschmid auf literarische Spurensuche nach ihrem früheren Geliebten und ihrem gemeinsamen Leben im studentenbewegten Milieu der 1960er und 70er Jahre. Im Roman heißt er Philip, denn Edschmid hat keinen Tatsachenbericht verfasst, sondern ihre sehr persönlichen Erinnerungen zusammengetragen. Was einen jungen Menschen dazu bringt, für politische Ideale zur Waffe zu greifen, und warum die Verheißung von Freiheit für Philip S. den Tod bedeutete, weiß die Autorin auf präzise und unsentimentale Weise zu verdeutlichen.

(c) Kiepenheuer & Witsch

8. Eva Menasse (11 Punkte)

"Quasikristalle", Kiepenheuer und Witsch

In einer gelungenen Mischung aus Poesie und Ironie zeigt die österreichische, in Berlin lebende Autorin, wie man sich selbst und andere wahrnimmt: Sie beschreibt die Geschichte einer Frau als Mutter, dann als Tochter, als Chefin oder Jugendfreundin, wechselt dabei Zeit und Perspektiven und lässt in jedem der dreizehn Kapitel einen anderen Wegbegleiter zu Wort kommen.

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(c) Suhrkamp

9. ex aequo: Amos Oz (8 Punkte) NEU

"Unter Freunden", Suhrkamp

Die einstigen Träume der Gründergeneration des Staates Israel erhalten in Amos Oz' acht Erzählungen ein reales Gesicht. In tragikomischen Szenen schildert er das Leben in einem Kibbuz, in dem die Gemeinschaft mehr zählte, als der Einzelne. Wo eine neue Gesellschaftsordnung entstehen soll, scheitern die Figuren an ihren eigenen Prinzipien. Das Ideal von Selbstlosigkeit, Disziplin und Charakterstärke wird von der Sehnsucht nach menschlicher Nähe eingeholt. Mit bestechender Schlichtheit zeichnet Amos Oz das Portrait eines fiktiven Kibbuz, der für alle stehen könnte. Seit Jahren wird der große israelische Erzähler als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt, dem er mit seinem neuen Buch wieder näher gerückt sein könnte.

(c) S. Fischer Verlag

9. ex aequo: Kevin Powers (8 Punkte) NEU

"Die Sonne war der ganze Himmel", S. Fischer

Sein Romandebüt gilt als eines der aufsehenerregendsten in der amerikanischen Literatur der letzten Jahre. Kevin Powers gelang mit seiner bewegenden Geschichte über eine Freundschaft im Irakkrieg nicht nur ein Bestseller, auch die Kritik zeigte sich hellauf begeistert: "das Werk stehe in der Tradition großer Antikriegsromane", urteilte beispielsweise die Zeit, ein "Im Westen nichts Neues" der Gegenwart, so Tom Wolfe. Kevin Powers war selbst 2004 und 2005 als US-Soldat im Irak stationiert. Die Sinnlosigkeit des Krieges und die Unmöglichkeit in den Alltag danach zurückzufinden, lässt er in seinem erschütternden Roman spürbar werden: erfahrener Schmerz wird hier überzeugend in Literatur verwandelt.

Ausschnitt Buchcover: Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren (c) 5plus Edition

9. ex aequo: Henry James (8 Punkte) NEU

"Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren", 5plus edition

Der 1916 verstorbene amerikanische Kultautor Henry James dürfte nun auch vermehrt im deutschsprachigen Raum gelesen werden. Erstmals ist seine Erzählung von einem Mann, der nach 25 Jahren Militärdienst nach Florenz zurückkehrt, auf Deutsch erschienen. In Tagebuchaufzeichnungen, beginnend im Jahr 1874, erinnert sich der Protagonist an seine frühen Begegnungen mit der Kunst, dem Leben und der Liebe. Henry James, ein Pionier des psychologischen Realismus, versteht wie kaum ein anderer seiner Zeit, menschliche Beziehungen zu skizzieren.