Bestenliste: Die besten 10 im April 2013

(c) Carl Hanser Verlag

1. Péter Esterházy (41 Punkte)

"Esti", Carl Hanser Verlag

Wie in früheren Büchern widmet sich der ungarische Schriftsteller auch wieder der eigenen Familiengeschichte: In der sich immer wieder wandelnden skurrilen, literarischen Gestalt der skurrilen, literarischen Figur des Kornél Esti (Esti war auch Esterházys Spitzname) durchlebt er auf amüsante Weise unterschiedlichste Zeitepochen.

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(c) Suhrkamp

2. Robert Schindel (28 Punkte)

"Der Kalte", Suhrkamp

In seinem zweiten, mehr als 600 Seiten umfassenden Roman geht Robert Schindel ins Wien der späten 1980er Jahre zurück. Anhand von politischen und kulturellen Aufregern - von Thomas Bernhards "Heldenplatz"-Uraufführung über das Hrdlickas Mahnmal bis zur Wehrmachtsvergangenheit von Kurt Waldheim - entwirft er ein umfassendes Gesellschafts- und Zeitpanorama.

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(c) Rowohlt

3. Peter Buwalda (19 Punkte) NEU

"Bonita Avenue", Rowohlt

Der niederländische Autor hat einen wahrhaft gewaltigen, fast 40 Jahre umfassenden Roman über die Brüchigkeit des familiären Lebens geschrieben: Die Adoptivtochter eines renommierten Hochschulrektors wird Pornoproduzentin, sein Sohn ist ein Mörder, und mit Mord und Totschlag und einem fast schon trashigen Massaker zerplatzt das Patchwork-Ideal: "Die Portion Irrationalität, die er seiner Geschichte hinzufügt", so "Die Zeit" über den Debutautor, "ist so exakt berechnet wie die waghalsige Romankonstruktion".

(c) Kiepenheuer & Witsch

4. ex aequo: Eva Menasse (14 Punkte)

"Quasikristalle", Kiepenheuer und Witsch

In einer gelungenen Mischung aus Poesie und Ironie zeigt die österreichische, in Berlin lebende Autorin, wie man sich selbst und andere wahrnimmt: Sie beschreibt die Geschichte einer Frau als Mutter, dann als Tochter, als Chefin oder Jugendfreundin, wechselt dabei Zeit und Perspektiven und lässt in jedem der dreizehn Kapitel einen anderen Wegbegleiter zu Wort kommen.

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(c) Suhrkamp

4. ex aequo: Siegfried Kracauer (14 Punkte) NEU

"Ginster", Suhrkamp

Er hatte über die Filmästhetik und Jacques Offenbach, über die Grundlagen von Propaganda und die Weimarer Republik geschrieben – der 1889 in Frankfurt geborene und 1966 in der Emigration in New York gestorbene Publizist und Soziologe Siegfried Kracauer. In seinem nun neu aufgelegten Roman "Ginster" beschreibt er den 1. Weltkrieg aus der distanzierten Position eines Architekten, die zugleich Kracauers Alter Ego ist.

(c) Suhrkamp

6. Ismet Prcic (13 Punkte)

"Scherben", Suhrkamp

Auf ergreifende Weise schildert der 1977 in Bosnien-Herzegowina geborene und inzwischen in den USA lebende Autor die Kriegstraumata, unter denen ein junger Mann zu leiden hat.

(c) Droschl

7. ex aequo: Julien Gracq: (12 Punkte) NEU

"Aufzeichnungen aus dem Krieg", Droschl

Notizen und Erzählungen aus und über den Krieg: Der französische Gymnasiallehrer und Schriftsteller Julien Gracq (1910–2007), der selbst im 2. Weltkrieg an der Westfront kämpfte, gibt hier seine eigenen Kriegserlebnisse wieder, die er zum Teil auch literarisch verarbeitet hatte. Die Hefte mit diesen Aufzeichnung wurden erst nach Gracqs Tod gefunden.

(c) Kiepenheuer & Witsch

7. ex aequo: Joachim Meyerhoff (12 Punkte) NEU

"Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war", Kiepenheuer & Witsch

Zum zweiten Mal widmet sich Burgtheater-Schauspieler Joachim Meyerhoff in seiner Zweit-Rolle als Romanautor einer Familiengeschichte mit deutlich autobiographischer Färbung. Diesmal geht es vor allem darum, wie er am Gelände der Psychiatrie von Schleswig aufwächst, wo sein Vater Anstaltsdirektor ist. Eine fulminante, tragikomische Zeitreise, in der es auch über die Tücken des Erwachsenwerdens geht.

buchausschnitt (c) Jung & Jung

7. ex aequo: Adonis (12 Punkte) NEU

"Der Wald der Liebe in uns", Jung & Jung

Seit Jahren gilt der aus Nordsyrien stammende, seit 1980 in Paris lebende Adonis als Kandidat für den Literaturnobelpreis. Auch mit politischen Essays und der Kritik an religiös untermauerten Herrschaftsansprüchen hat er immer wieder für Aufsehen gesorgt. In seinem neuen Band widmet sich der 83jährige, der mit bürgerlichem Namen Ali Ahmad Esber heißt, auf eindrucksvolle Weise einem einzigen Thema: der Liebe.

buchausschnitt (c) DuMont

7. ex aequo: Hilary Mantel (12 Punkte) NEU

"Falken", Dumont

Die Britin gilt als Grande Dame des historischen Romans: Zwei Mal – unter anderen für "Falken" - erhielt sie den renommierten Booker-Preis. Im Zentrum ihres neuen Buches stehen einmal mehr die Turdors, sowie die Intrigen, Macht- und Liebesspiele rund um Thomas Cromwell, Heinrich VIII. und Anne Boleyn. "Hilary Mantel hat den historischen Roman, den man ans Kostümfernsehen und die Dampfplauderer aus den Schmökermanufakturen verloren glaubte, nicht nur renoviert. Sie hat ihm ein zweites Leben gegeben, eine Heimat in der großen Literatur"<"i>, so die "Frankfurt Allgemeine Zeitung".

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Buchausschnitt (c) Steidl Verlag Göttingen

Der persönliche Tipp von Thomas Rothschild

Renate von Mangoldt: "Autoren. Fotografien 1963-2012", Steidl, Göttingen 2013

Zu einer Zeit, da von E-Books und von Verlagspleiten noch keine Rede war, erschien im Literarischen Colloquium Berlin, vergleichbar Max Benses Reihe rot und der Edition Hansjörg Mayer, eine bibliophile Folge von kleinen, schmalen Büchern, denen ein Titelfoto verlieh, was man heute "Corporate Identity" nennt. Es zeigte die Autorin oder den Autor vor einem weißen Hintergrund, in der Regel in bezeichnender Weise auf einem Stuhl sitzend. Die Fotos stammten von Renate von Mangoldt, der Frau des Gründers des LCB Walter Höllerer. Seit damals hat sich die Fotografin auf Schriftstellerporträts spezialisiert, und sie gehört in Deutschland neben Isolde Ohlbaum und Barbara Klemm ohne Zweifel zu den eigenwilligsten Künstlerinnen auf diesem Gebiet. Schriftsteller sind ja, für sich genommen und anders als etwa Jazzmusiker mit ihren Instrumenten, noch nicht ein besonderes Motiv. Sie werden es erst durch ihre (relative) Prominenz und durch die Vorstellungen, die sich auf Grund ihrer Werke mit ihnen verbindet.

Nun bietet ein prachtvoller Band aus dem Steidl Verlag einen umfassenden Überblick über Renate von Mangoldts Arbeit aus fünf Jahrzehnten und zugleich über einen Aspekt der Literatur, der ansonsten jenseits des Tratsches zu Recht hinter dem Werk verschwindet: dessen Schöpfer. Ein Bilderbuch also für Leser. Da sieht man eine damenhaft posierende Elfriede Gerstl mit hochgestecktem Haar im künstlich ausgeleuchteten Profil, einen still in sich gekehrten F.C. Delius, einen schwimmenden Max Frisch, einen heiteren Paul Celan und eine lachende Ingeborg Bachmann, einen gentlemanliken H.C. Artmann, Ilse Aichinger im Schnee, eine verträumte Friederike Mayröcker, einen gockelhaften Elias Canetti, einen Ernst Jandl beim Öffnen und Schließen des Mundes, einen still für sich lesenden Peter Weiß, einen melancholischen Jurek Becker, einen stocksteifen Siegfried Unseld mit einer offenbar zufriedenen Ulla Berkéwicz, einen Zigarre rauchenden Heiner Müller, einen gelassen wirkenden Thomas Bernhard, einen belehrenden Marcel Reich-Ranicki, einen freundlich lächelnden Heimrad Bäcker, einen Wolf Biermann mit Gitarre (womit sonst?), einen feixenden Michael Krüger und, ganz zuletzt, gleich mehrfach, Peter Handke im Jahr 2010 in seinem Garten in Chaville. Sie alle sind durch Renate von Mangoldts teils spontane, teils gestellte Fotos trefflich, aber nur ausnahmsweise klischeehaft charakterisiert. Manche Autorinnen und Autoren sieht man altern: die Fotografin ist ihnen auf den Fersen geblieben. So wird die Kategorie der Zeit aufgehoben in einem imaginären Museum der Literatur.